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Veröffentlicht am 2021-01-10 In Kentenich

Keine Angst vor den Fehlern des Vaters

Gonzalo Génova, Charo González, Madrid, Spanien •

Der Bischof von Trier hat in seinem Bistum, in dem der Selig- und Heiligsprechungsprozess für Pater Kentenich eingeleitet wurde, kürzlich eine Untersuchungskommission eingesetzt, um die von der Theologin Alexandra von Teuffenbach zu Beginn des Sommers 2020 angeprangerten Vorgänge, die im Monat Oktober durch neue und schwerwiegende Vorwürfe ergänzt wurden, mit historischer Strenge zu untersuchen. 

Neben dieser diözesanen historischen Untersuchungskommission hat sich in Schönstatt auch eine internationale Forschungsgruppe mit Mitgliedern aus den verschiedenen Gemeinschaften der Bewegung gebildet, mit einem anderen Ziel: das Denken und die pädagogische und religiöse Praxis Pater Kentenichs zu vertiefen und kritisch zu bewerten. Es sind zwei unterschiedliche Ziele, aber es ist offensichtlich, dass sie eng miteinander verbunden sind.

Hoffen wir, dass in beiden Kommissionen nicht nur Experten für Geschichte und Theologie sitzen, sondern auch Fachleute für die Bewertung der Missbrauchsthemen, insbesondere im kirchlichen Bereich. Das Ergebnis dieser Studien wird möglicherweise eine ganz andere Darstellung der Ereignisse sein, die zu Pater Kentenichs Exil führten, als wir es gewohnt sind.

Der Meilenstein schlechthin

Von den vier Meilensteinen, die üblicherweise in der Schönstattgeschichte genannt werden, ist der dritte der Meilenstein schlechthin, weil in ihm der Kern des Beitrags Pater Kentenichs zur Kirche ausgespielt wurde: die Anprangerung des mechanistischen Denkens in der westlichen Kultur (und damit auch in weiten Teilen der katholischen Kirche), verbunden mit dem Aufruf zum „organischen Denken, Lieben und Leben“. Vielleicht sollten wir auch bedenken, dass das „väterliche Prinzip“ (sein spezielles Verständnis von geistiger Vaterschaft) ein wesentlicher Teil dessen ist, was beurteilt wurde.

Unter den verschiedenen Ursachen für das Exil, die üblicherweise genannt werden, war die „Hauptfigur“ der Erzählung immer folgende: „Die Kirche hat Schönstatt nicht verstanden; Pater Kentenich konnte nicht nachgeben, sondern hat mutig geantwortet, indem er die Epistola Perlonga schrieb; das hat ihn das Exil gekostet.“ Daneben erwähnen die Biographien weitere, weniger bekannte Ursachen: konkrete Handlungen Pater Kentenichs und seiner Anhänger – wobei es um die Marienschwestern, die Diözesanpriester und die Pallottiner geht.

Wenn die historischen Untersuchungen zu dem Schluss kommen, dass an diesen Handlungen, die im Lichte der jetzt bekannten Zeugnisse eine größere Bedeutung erlangt haben, etwas nicht in Ordnung war, wird es notwendig sein, dies zu akzeptieren und auf jene „Heldengeschichte“ des Exils zu verzichten, die, wie es scheint, nicht mehr zutrifft. Wie Pater Angel Strada vor einigen Jahren sagte, „müssen wir uns von einem Bild unseres Gründers verabschieden, bei dem alles perfekt ist.

Das Heilige Offizium hat nichts zurückgenommen

Erinnern wir uns daran, was Kardinal Ratzinger 1983 in einem Antwortbrief an Pater Errázuriz, der damals Vorsitzender des Generalpräsidiums war, zur Rehabilitierung Pater Kentenichs schrieb: Von Seiten des Heiligen Offiziums gab es keine Rücknahme der 1951 getroffenen „administrativen“ Maßnahme, sondern die Bestätigung, dass sie eine angemessene und fruchtbare Maßnahme gewesen sei.

Allerdings wurde bei der Darstellung dieses fehlenden Verständnisses des Schönstatt-Charismas durch die Kirche immer davon ausgegangen, dass Pater Kentenich mit seinen „prophetischen“ Anprangerungen völlig Recht hatte und dass das Urteil der Kirche falsch (und auch missbräuchlich in seinen Formen) war. Aber was, wenn es nicht so war? Was, wenn Pater Kentenich sich geirrt hat, sagen wir nicht in allem, aber in irgendeinem Aspekt dessen, was er für so wesentlich hielt, dass er es verteidigte, selbst unter größten persönlichen Opfern? Zum Beispiel alles, was sich auf die Beziehung zwischen Regierung und geistlicher Leitung und deren mögliche Verwechslung bezieht.

Arbeit der Reflexion und Unterscheidung

Es scheint uns, dass ein wesentliches Element des Prozesses, dem wir Schönstätter uns stellen müssen, diese Arbeit der Reflexion und Unterscheidung ist. Nicht nur über bestimmte konkrete Aktionen, sondern vor allem über das Charisma des Gründers, denn dieses Charisma ist das, was Schönstatt auch in Zukunft beflügeln wird.

Wir haben keinen Zweifel, dass die Verbundenheit mit Pater Kentenich eine immense Strömung der Heiligkeit erzeugt hat. Das ändert aber nichts daran, dass, wenn es in seinem Denken, Handeln und seiner Pädagogik Elemente gäbe, die in die falsche Richtung führen, diese richtig erkannt und abgestellt werden müssten. Und das ist für uns der springende Punkt, einschließlich jenseits hypothetischer Fehler in der moralischen Integrität Pater Kentenichs und jenseits einer möglichen Störung seines Urteilsvermögens nach seiner Zeit im Konzentrationslager, verbunden mit einer früheren Verletztung im Bereich von Bindungen, verschlimmert durch Zeiten, die für jeden extrem hart gewesen wären.

Wiederherstellung der Ehre und Überprüfung der Einstellungen

Es ist klar, dass das Leben von Pater Kentenich und die Vorwürfe, die gegen ihn erhoben werden, überprüft und untersucht werden müssen. Diese historische Untersuchung ist notwendig, um seine Ehre wiederherzustellen, oder die der Menschen, die durch ihn Missbrauch erlitten haben und die auch Mitglieder der Schönstattfamilie waren, falls sich die Anschuldigungen als begründet erweisen sollten.

Es ist notwendig, die institutionelle Haltung, die während all dieser Jahre gegenüber diesen Ereignissen bestanden hat, zu beleuchten. Es ist auch notwendig, die Haltung gegenüber kritischen Stimmen zu hinterfragen und die Haltung des Verschweigens und Verheimlichens von Fakten und Personen, die eine grundlegende Rolle in der Entwicklung Schönstatts hatten, zu revidieren.

Aber noch wichtiger ist es, ein Charisma und eine Pädagogik zu überprüfen, die von der Bewegung nicht angemessen überprüft wurden, da das Exil immer als ungerechte Folge einer Visitation interpretiert wurde, die nicht in der Lage war, sie zu verstehen, anstatt es als einen Eingriff zu betrachten, der aus der fürsorglichen Sorge der Kirche geboren wurde.

Dies ist die grundlegende Aufgabe. Man kann einen Gründer mit Mängeln akzeptieren, sogar mit deutlichen und schwerwiegenden Fehlern im Umgang mit anderen. Wenn sich solche Fehler zeigen würden, dann kann man einen Gründer akzeptieren, der – vielleicht als Folge seiner Erfahrungen im Waisenhaus, in den beiden Weltkriegen und im Konzentrationslager – Schwierigkeiten hatte, eine missbräuchliche Behandlung zu erkennen, die er selbst vielleicht nicht als störend empfunden hat, einige seiner Leute aber schon. Was nicht akzeptiert werden kann, ist, dass wir weiterhin auf einem glitschigen Grund bauen,  auf einer Erzählung, die nicht auf der Wahrheit beruht. Das ist unsere erste Aufgabe: den Felsen, die Wahrheit, zu finden, um den Weg zu festigen und zum Leben zurückzukehren. Es hat keinen Sinn, sich der Wahrheit zu widersetzen, der einzigen Wahrheit, die uns frei macht.

Unser einziger Fels

Unser einziger Fels ist Christus. Wir sollten uns nicht scheuen, das Charisma und die Lehre des Gründers Schönstatts neu zu bewerten, der zweifellos die Kraft und den Geist hatte, einzigartige und fruchtbare Beiträge für die Kirche zu leisten. Im Gegenteil, es ist ein Weg, den wir für besonders fruchtbar halten: Wenn uns Schönstatt schon einen Weg bietet, der uns begeistert, dann kann die Unterwerfung unter das erneuernde Licht des Evangeliums und die gesündeste Tradition der Kirche eine Chance für das Neue sein; es kann der wahre Grund für ein Schönstatt sein, das herausgeht.

Nuestra única roca es Cristo. No debemos tener miedo a reevaluar el carisma y enseñanza del fundador de Schoenstatt, quien sin duda tuvo la fuerza y el espíritu para poner en marcha aportaciones singulares y fructíferas para la Iglesia. Al contrario, es un camino que consideramos especialmente fecundo: si ya Schoenstatt nos aporta un camino que nos cautivó, someterlo a la luz renovadora del Evangelio y la tradición más sana de la Iglesia puede ser oportunidad de novedad, puede ser la verdadera ocasión de un Schoenstatt en salida.

Kentenich war ein Prophet seiner Zeit, aber er war auch ein Kind seiner Zeit: Er konnte nicht alles wissen, er konnte nicht alles vorhersehen, er konnte Fehler machen, und er konnte falsche Vorstellungen haben. Wir sollten keine Angst haben, diese Arbeit der Unterscheidung zu unternehmen. Wir sollten keine Angst vor „den Fehlern des Vaters“ haben.

 

Cruz de la Unidad

Kreuz der Einheit | Foto: Dillinger

Original: Spanisch, 09.01.2021. Übersetzung: Maria Fischer @schoenstatt.org

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