Veröffentlicht am 9. September 2016 In Schönstätter

Den anderen ins rechte Licht bringen: Theresia Zehnder

DEUTSCHLAND, Maria Fischer •

Es ist ein sonniger, warmer Nachmittag im Juli 2012, in der Stuttgarter Innenstadt, in der hellen, geschmackvoll eingerichteten Wohnung von Theresia Zehnder. Die Achtzigjährige, die noch bis vor wenigen Jahren in ihrem eigenen Fotoatelier Hostrup als Fotografin arbeitete, hat Kaffee und Kuchen auf dem Tisch stehen, während Kamera und Mikrofon aufgebaut werden. Ganz professionell: Ob das Porträtfoto von ihr wohl gut wird, fragt sie, nicht so ein billiger Schnappschuss? O je.

Sie ist Porträtfotografin, hat Bischöfe, Künstler und Politiker fotografiert. Und Mutter Teresa und den Gründer der Schönstatt-Bewegung, Pater Josef Kentenich. Und ist stolz darauf, dass ihre Fotos die einzigen wirklich professionell gemachten sind. Schnappschuss oder Porträtfotografie. Wir sind mitten im Thema, noch bevor die Kamera läuft.

Die Idee zu diesem Interview ist bei einem Treffen der Internationalen Kentenich-Akademie für Führungskräfte (IKAF) entstanden. Was hat Pater Kentenich einer berufstätigen Frau mit auf den Weg gegeben, die sich selbstständig gemacht hatte und höchste Ansprüche an ihre berufliche Qualität legt? Und wie hat diese Frau ihren Weg in Schönstatt gefunden und gestaltet? Bei der IKAF ist das Interview nie verwendet worden. Jetzt ist es Gold wert. Theresia Zehnder ist am Freitag, 2. September, im Alter von 87 Jahren verstorben.

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Der Weg zu Schönstatt: „Das ging über die Pfarrei hinaus in viele Diözesen und Länder“

Sie ist religiös aufgewachsen. „Meine Mutter war sehr religiös. Wir mussten jeden Tag in die Kirche gehen. Schwäbisch Gmünd ist katholisch, und wie katholisch! Aber das hat uns auch nicht geschadet“, erzählt sie. Sie sind sechs Geschwister, drei Jungen, drei Mädchen, 20 Jahre auseinander insgesamt. In der Pfarrei wird sie aktiv bei der Mitgestaltung der Gottesdienste. „Wir hatten eine Führerin, die war bei den Frauen von Schönstatt. Die hat uns dann von der Pfarrjugend aus in die Schönstattjugend gebracht. Das war noch am Anfang, gleich nach dem Krieg.“ Was hat sie an Schönstatt interessiert? „Es ging über die Pfarrei hinaus, war in vielen Diözesen und Ländern.“ International, weit, vielfältig. Das ist etwas für Theresia.

Ein tiefes Erlebnis ist die Begegnung mit Pater Kentenich im Jahr 1950. In der Kriegszeit ist mit dem ‚Mariengarten‘ ein Bild entstanden für den Vorgang gegenseitiger solidarischer Verantwortung im Liebesbündnis, für Treue und Einsatz füreinander auch über die Schmerzgrenze hinaus – ein Bündnis zwischen dem Vater und Gründer und seiner Familie, das die Mitglieder dieser Familie auch füreinander radikal verantwortlich und zu Bündnispartnern macht. In diesen Vorgang nimmt Pater Kentenich die jungen Frauen der Schönstattjugend hinein, und sie gehen mit. Theresia Zehnder ist 1950 bei diesem Geschehen in Schönstatt dabei: „Wir gingen in die Sakristei, und ich weiß noch, unsere Führerin war dabei. Die hat dann gesagt:  ‚Herr Pater, dürfen wir Ihnen die Hand geben?‘ Darauf hat er gesagt: ‚Ich will beide Hände haben.‘ Aber für uns war das damals komischerweise so:  Der Herr Pater war eben Herr Pater! Dass er so ein großer Mann, eine so bedeutende Persönlichkeit war, das haben wir gar nicht so registriert. Die Schwestern haben viel Drumherum gemacht, aber für uns war das ein ganz normaler Priester, der dieses Schönstatt gegründet hat.“

Es war mein Ein und Alles

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Sie wird Diözesanträgerin der Schönstattjugend, erlebt die intensiven Tagungen mit Pater Bezler auf dem Schwarzhorn, gerät ins Schwärmen: „Wir haben auch auf dem Schwarzhorn droben Sachen eingegraben, Tagungen gemacht. In einer Osterwoche sind wir dreimal zum Schwarzhorn zu Fuß gelaufen, dreieinhalb Stunden. Man hat im großen Schlafsaal geschlafen, im großen Waschraum sich gewaschen. Das war alles selbstverständlich. Pater Bezler hat uns beigebracht, beim Essen immer so langsam zu essen, dass der letzte auch mitkommt. Solche kleinen Dinge, das war für uns Familie. Zuhause hieß es bald: Ich geb‘ dir jetzt das Bett, dann kannst du ganz auf dem Schwarzhorn wohnen. Es war mein ein und alles…“

Sie entscheidet sich für den Frauenbund. Auf eine gar nicht gestellte Frage antwortet sie: „Marienschwester, das wollte ich nicht. Das war mir zu eng. Und da hätte ich ja nicht mehr in meinem Beruf arbeiten können.“ Schönstatt kennt die ganze Breite apostolischer Berufung: Apostolat neben dem Beruf, Apostolat im Beruf –  und im Dienst all derer, die einen dieser beiden Wege gehen oder eine Mischung davon, auch Apostolat als Beruf. Theresia Zehnder ist mit Leib und Seele Fotografin. Und ihr Beruf wird ihr Apostolat. Was fasziniert sie am Frauenbund? Ein Wort ist Antwort: „Freiheit.“

Was kann man als Fotografin apostolisch tun?

„Ich habe immer ein Credo gehabt, das war: Es gibt jeden Menschen einmal. Wenn ich diese Einmaligkeit rauskriege bei meinen Aufnahmen, dann ist die Aufnahme gut. Ich muss mich mit dem Menschen befassen, mit seiner Persönlichkeit. Ich hatte ja ein Porträt-Atelier. Wir haben keine technischen Aufnahmen gemacht. Ich hab für jeden Kunden die kleine Weihe gebetet, 30 Jahre lang. Weil ich gesagt hab: ich muss das herauskriegen, was er darstellt. Die meisten haben sich auch gefallen nachher, aber viele gab es natürlich auch, die sich anders gesehen haben.“

Und ganz schlicht:  „Ich kann beim Fotografieren niemanden auf Schönstatt hinweisen oder so. Aber wenn ich jemandem vermittle, dass er einmalig ist, dann ist das Schönstatt pur.“

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Wie macht man das professionell?

„Ich habe nie gesagt: ‚Lachen Sie mal!‘ Ich habe nur gesagt: ‚Denken Sie an was Schönes!‘ Das ist ein Unterschied. Man kann mit den Augen lachen oder mit dem Mund lachen, das ist ein Unterschied. Dann ist mir auch passiert, dass jemand sagte: ‚O, für mich gibt es nichts Schönes.‘ Am schwierigsten waren aber die Kunden, die sich selbst abgelehnt haben. Die waren schwierig.“ –

„Wenn ich z.B. einen Förster da hatte, wenn der in seiner grünen Jacke kam, der hat sich wohlgefühlt. Oder ein Arzt, der fühlt sich im weißen Kittel wohler. Es geht darum, den Menschen in dem Zusammenhang, in den er gehört, zu sehen und abzubilden. Ich habe ja sehr viele Bischöfe porträtiert. Am einfachsten waren alle die Bischöfe, die sie selbst waren, die nicht das Amt herausgehoben haben, sondern einfach sie selbst waren. Und viele habe ich ein paarmal fotografiert. Bischof Bolte habe ich sehr oft fotografiert… Einmal hat Bischof Moser angerufen und gefragt: ‚Wollen Sie Mutter Teresa fotografieren?‘  Dann hat er mich ins Marienhospital gebeten und gesagt: ‚Kommen Sie morgen zum Frühstück heraus, da können Sie‘s machen.‘ Denn er wollte Bilder mit ihr zusammen haben. Die wurden dann im Freien auf dem Balkon gemacht. Mutter Teresa hat gar nichts aus sich gemacht. “

Unternehmerin mit Kapellchenbild im Studio

„Ich hatte im Studio immer ein Kapellchenbild hängen. Ziemlich groß! Und dann ist mir nicht nur einmal passiert, dass jemand gesagt hat: ‚Ach, da gehören Sie hin.'“

Wie kommt man als junge Frau in den fünfziger Jahren auf die Idee, Unternehmerin zu werden?

„Ich war eine Zeitlang in Leverkusen, eine Zeitlang in Mainz. Das hat mir alles nicht gepasst. Ich ging zurück nach Stuttgart, habe dort meine Meisterprüfung gemacht. Als Meister sind Sie meistens selbständig, das gehört dazu. Es hat sich so ergeben, die Vorgängerin im Fotostudio Hostrup, wo ich angestellt war, wollte aufhören, da wurde die Frage akut: ‚Wer führt das weiter?‘ Ich hatte Glück:  Wir hatten gerade zu Hause ein Haus verkauft. Ich habe mein Erbteil bar auf den Tisch gelegt. Es war genau die Summe, die ich gebraucht habe für den Kauf.“

Hat Pater Kentenich etwas zu Ihnen gesagt als Unternehmerin?

Foto & Copyright: Theresia Zehnder

Foto & Copyright: Theresia Zehnder

Hat er, und Theresia Zehnder weiß es noch genau. Es war nach einer Serie von Porträtaufnahmen des Gründers, als sie mit ihm sprechen konnte:

„Um Gottes Willen, was soll ich mit Herrn Pater reden! So gut kenne ich den gar nicht“, so ihre erste Reaktion. „Ich dachte: Der fragt mich sicher nach meinem Kursideal und so Sachen vom Bund.

Stattdessen fragte er aber:

‚Was kostet Ihr Geschäft, und wie bezahlen Sie das?‘ Und dann:  ‚Gehen Sie ja nicht zu Verwandten, Freunden oder zur Familie, wenn Sie Geld brauchen, sondern gehen Sie zur Bank. Da zahlen Sie zwar Zinsen, aber da sind Sie frei‘.“

Noch aus dem Exil in Milwaukee hatte er ihr zur Übernahme des Geschäftes einen kurzen Brief geschrieben: „Herzlichen Gruß und Segen zur Übernahme der neuen Verantwortung mit dem Geschäft. Ein echtes Schönstattkind muss etwas wagen.“

Als sie ein paar Jahre später mit ihm sprach, dass es eine Herausforderung sei, plötzlich Chefin der bisherigen Kollegen zu sein, gab er den Rat: „Sie müssen nur irgendwo ganz Kind sein dürfen, dann geht es. Dann ist man stark genug, um für alle anderen Chef zu sein. Es gibt schon einen gewissen Abstand, wenn Sie plötzlich Chef sind. Irgendwo müssen Sie daheim sein können, aber woanders.“

Das „Prophetenbild“

Wir nähern uns dem Thema, durch das Theresia Zehnder in ganz Schönstatt bekannt ist. Wie ist es dazu gekommen, dass sie diese so bekannten und schönen Porträts von Pater Kentenich gemacht haben?

„Da war Schwester Zita schuld“, erklärt Theresia Zehnder. „Sie hat viele Fotos gemacht, aber ich habe ihr gesagt: Es ist wunderbar, was Sie gemacht haben, aber das sind lauter Schnappschüsse. Ich möchte keinen Schnappschuss haben. Aber das haben die anderen Schwestern nicht eingesehen. Sonst hätten die, als Pater Kentenich in Stuttgart war, die Viertelstunde vom Bahnhof aus zu mir ins Studio kommen können. Ich hab im Bahnhof viele Fotos gemacht und einen Film gedreht. Da habe ich auch das Bild gemacht, das 1985 für die Briefmarke verwendet wurde. Das ist eigentlich mein liebstes Bild von Pater Kentenich, weil er da so der Prophet ist.“

Bei den Aufnahmen in Stuttgart „haben wir ausgemacht, dass ich ihn doch mal porträtieren durfte. Mal wirklich was Richtiges!“ Pater Kentenich sagt zu.

Und ohne eine Frage abzuwarten, sagt sie: „Es gibt so viele Fotos von ihm, da sieht man irgendwo einen weißen Bart, und jeder findet das wunderschön, aber mehr sieht man nicht. Das geht wirklich nicht. Pater Kentenich ist doch nicht bloß der weiße Bart.“

Die Porträts in Würzburg

Foto & Copyright: Theresia Zehnder

Foto & Copyright: Theresia Zehnder

Auf der Marienhöhe in Würzburg ist es dann soweit. Die Porträtaufnahmen können gemacht werden. Theresia Zehnder erinnert sich an jede Kleinigkeit:

„Als ich erfahren hab, dass Herr Pater am Tag vorher den Friseur hat kommen lassen, da war es mir leichter. Ich habe gedacht:  Der nimmt das ernst.

Ich bin mit Sack und Pack dahin, bin ich mit dem Zug gekommen, und das mit dem Stativ und mit der großen Kamera! Und ich habe gedacht: meine Meisterprüfung war leichter.

Dann habe ich gesagt:  Herr Pater, ich möchte ein überzeitliches Bild haben. Deswegen habe ich ihn auch kaum lachend fotografiert. Ich mag es nicht, wenn man ein Lachen auf einem Bild hat, das ist nicht überzeitlich.“ Für die Aufnahmen brauchte eine weiße Wand, einen Tisch und einen Stuhl, sonst nichts. Pater Kentenich, so erzählt sie, setzte sich auf den Stuhl und fragte: “ ‚Bin ich jetzt schön? ` und fuhr mit der Hand links und rechts den Bart entlang. ‚Herr Pater, Sie sind immer schön!‘ – ‚Nein,  da oben steht manchmal was ab.‘

Die Schwestern standen alle hinten an der Türe und haben zugeguckt. Da konnte ich nicht arbeiten, das ging beim besten Willen nicht. Dann habe ich alle Schwestern herausgeschickt. Herr Pater hat sich köstlich amüsiert, wie ich mit den Schwestern umgegangen bin. Aber ich habe gesagt: ‚Ich kann so nicht arbeiten, wenn hinter mir eine Reihe Leute steht und zuguckt.‘

In einer halben Stunde war alles fertig. Ich habe mit der großen Kamera mit 12 Filmen gearbeitet, habe immer einen neuen eingelegt für jede Aufnahme. Es sind höchstens acht oder zehn Bilder entstanden. Ich hab fürchterliche Ängste ausgestanden. Wenn da was nicht klappt, dachte ich, dann kann ich ihn nicht einfach nochmal bestellen!

Ich habe ihm danach gleich die Bilder entwickelt und mitgegeben.“

Danach hat Theresia Zehnder nur noch eine einzige persönliche Begegnung gehabt. Und auch diese ist typisch: „Er hat mich einmal bei einem Vortrag herbeigerufen und nur gefragt: ‚Hat Ihnen jemand die Bilder bezahlt?‘ Das hatte natürlich niemand getan, doch ich sagte ihm: ‚Herr Pater, das soll aber nicht Ihre Sorge sein.  Ich bin froh, dass ich die Aufnahmen habe.'“

Und besinnlich fügt sie an: „Die halbe Stunde mit den Porträts war schon der Höhepunkt.“

img_0124Das Interview wurde ermöglicht und begleitet von Bettina Betzner

 

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