Santa Cruz do Sul peregrinos

Veröffentlicht am 2021-07-19 In Leben im Bündnis

Pilger beim “ Heiligtum ohne Altar“ in Santa Cruz do Sul

BRASILIEN, Maria Fischer •

Am 29. Juni, dem Fest der Apostel Petrus und Paulus, ging eine kleine, aber doch starke Gruppe von Männern und Frauen mit Bildern der Pilgernden Gottesmutter in den Händen auf die Straße und marschierte zu dem Ort, der viele Jahre lang die Heimat der Dreimal Wunderbaren Mutter von Schönstatt war, dem Heiligtum in Santa Cruz do Sul, und von dem die Pilger und die Gottesmutter selbst auf Beschluss der Eigentümer vertrieben („umgesiedelt“ sagt man politisch korrekt) wurden. Aber weder Maria noch ihre Pilger gaben auf. Diese Pilger auf dem Weg zu ihrem „Heiligtum ohne Altar“ lassen mich an meine deutschen Landsleute denken, sehr wenige, die im September 1989 in Ostdeutschland auf die Straße gingen, Kerzen in den Händen, in einem ebenso verzweifelten wie zuversichtlichen Protest, wohl wissend, dass die „Eigentümer“ (oder nennen wir sie Diktatoren) ihres Staates alle Macht, alle Waffen und allen Willen hatten, jeden Widerstand zu vernichten und jeden Widerständler auszuschalten. Trotz einer logisch-rationalen Wahrscheinlichkeit gegen Null, etwas zu ändern, gingen sie hinaus… – mit ihren Kerzen in der Hand.

 

Mit der Pilgernden Gottesmutter in der Hand, zwischen Gebeten und Liedern, kamen sie zum Tor des Heiligtums, das jetzt per Dekret der Gemeinde und der Staatsanwaltschaft zu bestimmten Zeiten an bestimmten Tagen geöffnet ist, damit die Pilger eintreten und zu dem gehen können, was von ihrem geliebten Heiligtum übrig geblieben ist: die Mauern und das Gnadenkapital, das im Laufe der Jahre geschenkt wurde. Übrig geblieben sind auch die Steine aus dem Konzentrationslager Dachau, aus dem ersten brasilianischen Heiligtum Santa Maria, vom  Grab von Fritz Kühr, vom Grab von Pater Kentenich und aus Cambrai, „als heiliges Erbe, damit der Geist des Gründers, Pater Josef Kentenich, hier gelebt und verewigt werden kann“. So steht es auf der Tafel darüber. Worte, die für diese Pilger gelten, die am 29. Juni zum Heiligtum gingen, wie auch für alle Pilger, die kommen, um dort zu beten, und Beiträge zum Gnadenkapital zu bringen, um den riesigen Krug, der jetzt im Heiligtum steht, mit ihren Gaben zu füllen.

 

Santa Cruz do Sul

Kein Ergebnis bei der Fahrt nach Santa Maria

Einige Tage nach dieser Wallfahrt „fuhr eine Gruppe von Bürgern aus Santa Cruz aus der Bewegung zur Erhaltung des Schönstatt-Heiligtums an seinem ursprünglichen Standort nach Santa Maria zu einem Treffen mit den Oberinnen des Instituts der Schönstätter Marienschwestern. Bei dem Treffen ging es um die Rückgabe des Altars und der Statue von Pater Josef Kentenich, die Ende letzten Jahres vom Gelände entfernt und ins Wohnhaus der Schwestern im Stadtzentrum gebracht wurden. Die Gespräche haben sich aber nicht weiterentwickelt, und die Frage soll erst nach dem Treffen der Vertreter des Instituts mit der Staatsanwaltschaft eine gewisse Klärung erfahren“, heißt es in der GAZ, der Tageszeitung von Santa Cruz do Sul, die seit Oktober 2020 über das Geschehen in Santa Cruz do Sul über das lokale Schönstatt hinaus berichtet.

Leoni Cristina Vila, eine der Personen, die nach Santa Maria reisten, um noch einmal den Dialog zu suchen, wird zitiert: „Sie beharren auf der Idee, an einen anderen Ort im Stadtzentrum zu ziehen. Wir nannten alle Punkte, die gegen das Zentrum sprechen, wie Zugang und Parken. Es gibt keinen Bereich, in dem das Heiligtum untergebracht werden kann“. Sie wirft auch andere Fragen auf, wie z.B. die Umweltbelastung und die Anzahl der Besucher eines Neubaus. „Es gibt keinen Platz, an dem die Busse halten können, und es gibt keine Möglichkeit, eine Großwallfahrt zu unternehmen. Es gibt keinen Platz im Zentrum“, fügt sie hinzu. Wir erinnern uns an die Wallfahrten mit Zehntausenden von Pilgern zum Heiligtum…

Wichtig zu wissen: Die Pläne der Marienschwestern, ein neues Heiligtum an einem zentraleren Ort zu bauen, beruhten auf der Idee, mit dem Geld aus dem Verkauf des jetzigen Grundstücks neues Land kaufen zu können … wobei sie „vergessen“ hatten, dass dieses Land ihnen für einen bestimmten Zweck geschenkt wurde – nämlich den eines Heiligtums und der Seelsorge. Werde dieser nicht mehr erfüllt, müsse das Gelände an die Stadt zurückgegeben werden. In der Zwischenzeit wurde ihnen der Verkauf des Landes staatsanwaltschaftlich untersagt.

„Selbst wenn sie es eines Tages schaffen, ohne das Geld aus dem Verkauf neues Land zu kaufen, warum haben sie dann schon letztes Jahr den Altar entfernt und in einem Raum in ihrem Wohnhaus gestellt? Wir fragten uns, was mit dem Altar und den anderen Sachen des Heiligtums geschehen würde, und ob sie (die Schwestern) sie in der Zwischenzeit ans Volk zurückgeben könnten“, sagt Leoni, der darauf hinweist, dass das Heiligtum seit seiner Wiedereröffnung Ende Mai eine gute Anzahl von Pilgern gesehen hat. Im Juni waren es nach Angaben der Bewegung mehr als 300 Besucher. Das Heiligtum ist dienstags, donnerstags und sonntags nachmittags geöffnet, wird von der städtischen Polizei bewacht, um die Sicherheit zu gewährleisten. Etwa 30 Freiwillige wechseln sich bei der Reinigung und Instandhaltung der Einrichtungen ab. Ein Krug ist aufgestellt, um Bitten entgegenzunehmen, und Weihwasser wird ebenfalls verteilt.

Wem gehört ein Heiligtum?

„Das Haus gehört uns … Es gehört uns, nur uns“, heißt es in der Gründungsurkunde vom 18. Oktober 1914. Es bleibt die Frage: Wer ist dieses „uns“, dem es gehört? In Santa Cruz do Sul scheint die Antwort klar: Den Marienschwestern.

Und Schönstatt? Und Pater Kentenich?

Juan Enrique Coeymans aus dem Familienbund von Chile reflektiert in einem Kommentar zu einem früheren Artikel: „Was in Santa Cruz do Sul geschehen ist, ist ein Ruf des Herrn an uns, bestimmte Dinge zu klären, die nicht gut definiert sind: die Schönstatt-Heiligtümer gehören der Schönstattfamilie. Jedes Heiligtum steht unter der Verantwortung und ist physisches und rechtliches Eigentum eines Instituts, eines Bundes oder einer Gemeinschaft, aber die Besitzer des Grundstücks können es nicht monopolisieren, wie sie wollen, denn moralisch gehört das Heiligtum der ganzen Familie, die es trägt, denn wie es im Artikel sehr gut heißt, wird ein Schönstatt-Heiligtum durch das Gnadenkapital gemacht, nicht durch den physischen Besitz.

Ich glaube, von jetzt an sollte jeder, wenn er etwas tun will , ein Bild entfernen usw., die ganze Familie des Ortes konsultieren und nicht das Gefühl haben, das Heiligtum sei wie eine Schule, eine Klinik, die ich nach meinem Willen öffne oder schließe.“

„Und ja, jedes Heiligtum ist (in gewisser Weise) ‚im Besitz‘ von Gottes heiligem Volk. Es gibt es für das Volk Gottes, für die Pilger; es existiert und ist da als Zeichen der väterlichen und mütterlichen Gegenwart Gottes auf unserer Reise“, sagt Alejandro Mendoza, in Buenos Aires, Argentinien, lebender chilenischer Schönstätter. „Die Institute oder Bünde (die zu einem großen Teil auch aus Laien bestehen!) sind nur „Verwalter“. Ich denke, dies ist ein einzigartiger und sehr trauriger Fall. Vielleicht ist es ein Aufruf zu einer tiefgreifenden Reform bestimmter Strukturen einiger Institute, so dass Transparenz, Dialog und Nächstenliebe Vorrang haben“.

Wir füllen den Krug im Heiligtum von Santa Cruz do Sul mit unseren Gaben

Der Krug im „Heiligtum ohne Altar“, diesem Heiligtum so voller Gnadenkapital, ist sehr groß. Wir füllen den Krug dieses Heiligtums… aus allen Ecken der Welt. Bis zum Überfließen

Ja, diese Pilger auf dem Weg zu ihrem „Heiligtum ohne Altar“ lassen mich an meine deutschen Landsleute denken, sehr wenige, die im September 1989 in Ostdeutschland auf die Straße gingen, Kerzen in den Händen, in einem ebenso verzweifelten wie zuversichtlichen Protest, wohl wissend, dass die „Eigentümer“ (oder nennen wir sie Diktatoren) ihres Staates alle Macht, alle Waffen und allen Willen hatten, jeden Widerstand zu vernichten und jeden Widerständler auszuschalten. Trotz einer logisch-rationalen Wahrscheinlichkeit gegen Null, etwas zu ändern, gingen sie hinaus… – mit ihren Kerzen in der Hand.

Die freien Medien in Deutschland verstanden damals ihren Auftrag und übermittelten die Bilder… Und dann waren immer mehr Menschen auf den Straßen, mit Kerzen.

Wir kennen das Ende der Geschichte und haben es in Deutschland vor über 30 Jahren gefeiert und feiern es immer noch.  Kopf hoch, Pilger des Heiligtums.

 

Santa Cruz do Sul peregrinos

Original: Spanisch, 18. 07. 2021. Übersetzung: Maria Fischer @schoenstatt.org

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