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Veröffentlicht am 2022-01-09 In MTA

Der Vernetzungsvorgang am Anfang von Schönstatt – eine Zeitschrift verändert Krieg und Nachkriegszeit

Maria Fischer •

Wenn wir heute „Vernetzung“ sagen, denken wir an Social Media, WhatsApp und andere Messengerdienste mit all ihren Vorteilen und dem, womit sie nerven, weil wir sie zwar haben und nutzen, aber vielfach nicht beherrschen. Da sendet eine engagierte Schönstätterin den Link zu einem Zoom-Vortrag offen und kennwortfrei an Gott und die Welt … und wundert sich dann, dass mitten in den Vortrag ein paar Pornoszenen geraten. Nicht blödes Zoom, das Problem sitzt zwischen Stuhl und Tastatur. Da ärgert sich jemand, dass eine wichtige Nachricht im Chat der Mitarbeiter zwischen TikTok-Videos, Emojis und klatschenden Händen untergegangen ist. Siehe oben. Wir sind vernetzt bis zum Abwinken, aber was machen wir damit und wie machen wir das besser? —

Und jetzt wurde ich gebeten, etwas zum Thema Vernetzung lange vor der Digitalisierung zu sagen. Gibt es überhaupt intelligentes Leben außerhalb von Google, Facebook und WhatsApp? Und bevor es das gab, wie hat man da überlebt?

Und wie überlebt man heute einen nervigen WhatsApp-Chat, in dem alle immer nur weiterleiten und reden und keiner liest oder gar antwortet?

„Ordentlich hin­eindenken und -leben in den Geist, der daraus uns entge­genweht, alles, was vorgeschlagen und besprochen wird, wieder durchdenken, mit unseren Erfahrungen vergleichen, die Konsequenzen ziehen und dann ein vollständig offenes Aus­sprechen …. Dadurch wird die Verbindung am besten möglich und sie bleibt sach­lich, lebenswahr.“

Klingt wie eine Anleitung für genervte Chatnutzer im Jahr 2021, ist aber über 100 Jahre alt und stammt von Josef Fischer, dem ersten Präfekten der jungen Schönstattgemeinschaft und steht in der Zeitschrift MTA, dem WhatsApp-Chat der ersten Schönstätter. Also gewissermaßen, denn es gab ja weder WhatsApp noch Smartphones. Aber es gab Briefe und es gab eine Zeitschrift, die alle 2 – 4 Wochen herausging. Und die hatte es in sich. Denn die war Vernetzung pur.

Eine Erzählgemeinschaft

In der Zeitschrift MTA macht Josef Kente­nich den echten privaten Brief bzw. Briefausschnitt zum journalistischen Stil. Der echte Brief als Medium, das kommunikationstheroetisch einerseits zu beschreiben ist durch die Vorgänge des Schreibens, Versendens, eines Über­mitt­lungs­vor­gangs, des Empfangens und Lesens, durch welche Kommu­ni­ka­tion zwi­schen zwei oder mehr Personen an zwei oder mehr getrennten Orten ermöglicht wird, oder aber durch das Schriftstück selbst, gehört „seit der Antike zu den wichtigsten Bestand­teilen der Schrift- und vor allem der Schreibkultur“ (Walter Uka 1994). Rhetorische Brie­fe – wie etwa „offene Briefe“ – oder Leserbriefe sowie echte oder fin­gier­te Briefe als Bestandteil von Romanen, Reportagen oder anderen jour­nalistischen Stilformen oder in Briefform gesetzte Lehr­schreiben sind auch nicht ungewöhnlich. Doch um solche Brieftypen han­delt es sich bei den von Josef Kentenich in der Zeitschrift MTA ver­wen­de­ten Briefen nicht, sondern um private, ursprünglich nicht für die Ver­öffent­lichung verfasste Briefe, die ganz oder in Auszügen und im wesentlich unverän­dert ver­öffent­licht wurden, mit Erlaubnis der Verfasser selbstverständlich.

Briefe also, die sich die jugendlichen Schönstätter in den Schützengräben, Kasernen und Lazaretten des Ersten Weltkriegs schrieben oder die sie an Kentenich schickten, der sie – Einverständnis eingeholt natürlich – in der Zeitschrift MTA veröffentlichte. Natürlich gab es neben der recht einfach gemachten MTA die offiziellen Zeitschriften der Kongregationen … aber attraktiver war die MTA, teils sehr zum Unmut der Herausgeber jener offiziellen Publikationen.

Was machte die Zeitschrift MTA mit dem über halben Europa verstreuten 180 Schönstättern?

Durch die Zeitschrift MTA entsteht eine virtuelle religiöse Erzählge­meinschaft. Denn es werden überwiegend eigene Er­lebnisse bzw. Erfahrungen wiedergegeben. Dies geschieht da­durch, dass die Mitglieder einander oder Josef Kentenich die Geschichten erzählen, die sie im Alltag erleben:

„Und immer wieder sind die profansten und alltäglichsten Nachrichten mit sodalizischen (lies: schönstättischen) Ideen durchtränkt.“

„Ein Artikel ist überschrieben mit ‚Lebensweisheit’. Da ist Frage und Antwort. Ein Junge schreibt und ein anderer ant­wor­tet. Und in der Antwort finden Sie eigentlich alles glän­zend zusammengetragen, was sich theoretisch und praktisch über den Punkt sagen lässt. (…) Jetzt müssen Sie hören. Ein Jun­ge sagt das dem anderen. Können Sie sich das vorstellen, wie ursprünglich, frisch und gesund das ist?“

Zwei Aussagen von P. Josef Kentenich, dem Geschichtensammler hinter der MTA.

Ist das denn seriös oder doch eher Regenbogenpresse?

Im Jahr 1922, also in der Nachkriegszeit, kommt jemand auf die Idee, die MTA professionell aufzuhübschen.

„Nur ein Stab von hervorragenden, religionspsychologisch geschulten Mitarbeitern unter einheitlicher Redaktion wäre imstande, bei einer solchen Vielseitigkeit der Anforderungen die Einheitlichkeit der Idee zu wahren. Wenn jeder zu Wort kommt, dann gibt es große Konfusion, wie sie jetzt schon be­ginnt. Es darf nur das gedruckt werden, was lesenswert ist. Hierin muss die Redaktion rücksichtslos sein.“

Die folgende heftige Diskussion wird in den weiteren Ausgaben der MTA dokumentiert. Aufschlussreich ist ein Brief von Felix Krajewski, in dem die bisherige Redak­tions­pra­xis dargelegt und der Versuch, um einer besseren formalen Aufma­chung willen „Profis“ in die Redaktion zu holen und nicht mehr jeden zu Wort kommen zu lassen, heftig abgewiesen wird:

„… dann möchte ich die Zeitschrift nimmer lesen. Warum? Denn dann wird uns das Heft aus der Hand genommen, und wir müssen das schlucken, was andere uns vorsetzen. Denn die ‚hervorragenden Mitarbeiter’ kann der Bund aus seinen Reihen heute noch nicht stellen. Also müssten ‚fremde Leute’ dieses Amt des Artikelschreibens übernehmen (…) Die Un­mittelbarkeit des Lebens (…) – gerade das ist es, was unserer MTA Klang und Farbe verleiht. ‚Bestellte Artikel’ liefert jede Zeitschrift.“

„Man muss solche frischen Briefe gelesen haben“, bemerkt Prof. Dr. Arnold Rade­macher in seiner wissenschaftlichen Auswertung des ersten Jahrgangs der MTA und bezeichnet den ihm darin vorliegenden

„Extrakt aus mehreren tausend Briefen geweckter und le­bens­froher Jünglinge verschiedenen Alters, die unter den ver­­schiedensten Lebensumständen ihren Gedanken und Ge­füh­len in steter Anwendung auf ihre Eigenschaft als Soda­len Mariens untereinander und nach dem heimatlichen In­sti­tut hin brieflich Ausdruck geben“

als Demonstration des Wirkens eines „hinter ihnen“, den Schreibern, ste­henden Seelsorgers,

„der die psychologischen Fäden in bewusstem Ver­ständ­nis für ihre Verknüpfung mit der Religion anzuspan­nen wusste.“

Die Geschichten, die in der Zeitschrift MTA erzählt werden, drücken apo­sto­lische, religiöse, selbsterzieherische, psychologische, gemein­schafts- und berufsbezogene Alltagserfahrungen in personalisierter Wei­se aus. Im­mer spielt die Überzeugung von einer in allen Geschichten wirkenden transzendenten Hauptperson – sei es nun der Dreifaltige Gott, Jesus oder die Gottesmutter Maria – mit und prägt die Geschichten, die dadurch zum unaufdringlichen Bekenntnis werden. Da sie in nachvollziehbaren All­tags­situationen angesiedelt sind und meist deutungsoffen und ohne Verbindlichkeits- oder Allgemeingültigkeitsanspruch erzählt werden, la­den sie den Leser geradezu ein, eigene Erfahrungen damit zu vergleichen und ähnliche Erlebnisse mitzuteilen.

Und das schafft eine Vernetzung, die Entfernungen und Meinungsverschiedenheiten aushält.

MTA Vernetzung

Ursprünglich erschienen in Basis 1/2022. Die Autorin verfasste ihre wissenschaftliche Abschlussarbeit in Kommunikationswissenschaften an der Westfälischen Wilhelms-Universität in Münster über die Zeitschrift MTA unter dem Titel: „Episode oder Avantgarde? Josef Kentenich und die Zeitschrift MTA“.

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