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Veröffentlicht am 2021-02-22 In Dilexit ecclesiam, Franziskus - Botschaft, Kirche - Franziskus - Bewegungen

Wie fruchtbar unser Zeugnis sein wird, hängt auch von unserer Fähigkeit zum Dialog ab

DILEXIT ECCLESIAM und Geschwisterlichkeits-Kampagne 2021, Maria Fischer

Wie fruchtbar unser Zeugnis sein wird, hängt auch von unserer Fähigkeit zum Dialog ab”, sagt Papst Franziskus in seiner Botschaft zum Beginn der Geschwisterlichkeits-Kampagne 2021 in Brasilien, in dieser zweiten Fastenzeit, die von der Pandemie geprägt ist, „einer Zeit der intensiven Reflexion und der Revision unseres Lebens.“ In den vergangenen Wochen haben wir  mit großer Freude zwei Texte von Ana Beatriz Dias Pinto, einer bekannten Journalistin und Theologin aus dem nicht-organsierten Schönstatt veröffentlicht. Wir teilten die Freude über ökumenische Schritte, Schritte zum Dialog, zur Umkehr, zum Engagement für die Armen und für soziale Gerechtigkeit. Wir wussten um die heftige und hasserfüllte Ablehnung der Kampagne durch ultrakonservative Katholiken in Brasilien und wollten die Bischöfe Brasiliens im Geist des Dilexit Ecclesiam unterstützen. Nicht gefasst waren wir allerdings auf die Welle  von Hasskommentaren verbunden mit völliger Unkenntnis des Kirchenbildes Pater Kentenichs, die uns in der portugiesischen Version von schoenstatt.org innerhalb weniger Minuten nach Erscheinen des Artikels regelrecht überrollt hat.—

Es stimmt, die Geschwisterlichkeits-Kampagne hat einen starken Touch einer erneuerten Kirche im tiefen Geist des Konzils – auch wenn dieser Geist des Konzils manchmal ignoriert oder verdeckt wird – und das offensichtlich nicht nur außerhalb Schönstatts.

Eine brüderliche Kirche

Diese Kirche will geeint sein in einer überaus zarten, tiefen, innigen Brüderlichkeit. Eine Brüderlichkeit, und zwar in einer Form geeint, die auch gleichzeitig eine hierarchische Regierung, eine hierarchische Führung kennt.

Wenn wir das wiederum vergleichen, diese zweite Eigenschaft vergleichen mit dem Bilde der Kirche von gestern und ehegestern, dann wissen wir, wie die Kirche früher ausgesehen, wissen, wie wir sie zum großen Teile selber erlebt haben. Da war es nicht Brüderlichkeit, die das Volk untereinander geeint, geeint auch mit den Führern der Kirche, da war es auf der einen Seite ein starres Herrentum, auf der einen Seite eine Hierarchie, die eine Verantwortungsfülle, eine Herrschaftsfülle in den Händen trug, und auf der andern Seite ein Volk, das – ja fast möchten wir sagen – schwindsüchtig war, lebte vom Mangel an Verantwortung, vom Mangel an Mitverantwortung. So diese starke Gegensätzlichkeit.

Diese Art, diese Art Antlitz ist der Kirche aufgeprägt worden im Frühchristentum durch den damals im römischen Volke herrschenden Patriarchalismus und später seit Konstantin dem Großen durch – ja, wie soll ich das sagen? – durch die staatsrechtliche Formung und Formulierung. Seit der Zeit in der Kirche diese starke Gegensätzlichkeit zwischen oben und unten. Und demgegenüber weiß nun die Kirche sich selber zu sehen unter einem einheitlichen Standpunkte, sie sieht sich schlechthin als das Volk Gottes. Ein Volk Gottes, das eine einzige Linie kennt. Und alle ohne Ausnahme treffen sich auf dieser einen, einzigen Linie: ob es sich um die Hierarchie handelt, ob es sich um den Papst handelt. Was alle miteinander eint, was ist das? Eine gemeinsame Brüderlichkeit, die die Seelen ineinanderwachsen läßt.

Deswegen noch einmal: Das neue Bild der Kirche, so wie sie sich selber sieht, die Züge, die sie selber an sich wahrnimmt, das ist die ausgesprochene Brüderlichkeit unter dem Gesichtspunkte des Gemeinsamen des Volkes Gottes. Aber dieses Volk Gottes ist miteinander verbunden, verbunden auch mit der Hierarchie, durch eine umfassende, tiefgreifende Verantwortung. Nicht Verantwortungslosigkeit. Verantwortung jeder an seinem Platz, jeder an seinem Platze aber auch für das Gesamtbild der Kirche. So sieht das neue Bild der Kirche aus.

Und die Hierarchie? Ja, was hat das Führertum in der Kirche heute für eine Bedeutung? Zunächst hinab, hinein in die eine Gemeinschaft. Was uns gemeinsam bindet: auch die Hierarchie ist Volk Gottes. Deswegen, die Verantwortung, die die Hierarchie hat, das ist die Verantwortung nicht für nichtswürdige Untertanen, sondern für das Volk Gottes. Was das bedeutet? Wieder eine viel stärkere Nähe zwischen oben und unten. Was das bedeutet? Hierarchische Orientierung, hierarchische Regierung, das ist die Regierung, die ausgeht – wie wir das in den Tagen so häufig besprochen haben – von einer ausgesprochenen, übernatürlich verankerten Väterlichkeit. Alles in allem also: die zweite Eigenschaft des neuen Kirchenbildes.

 

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Ein Zitat aus dem Grundlagentext der Geschwisterlichkeits-Kampagne 2021? NEIN.

Ein Text von Leonardo Boff oder Heinz Küng? NEIN.

Von Papst Franziskus! Wir wussten doch schon immer, dass er Kommunist ist! NEIN.

Vom Team von schoenstatt.org, dieser sich so stolz frei und nicht-offiziell bekennenden Seite? AUCH NICHT.

Ein Text von unserem Pater Josef Kentenich? JA!

Vom 8. Dezember 1965, dem Abschluss des Zweiten Vatikanischen Konzils. Es ist ein Text, der uns als Schönstätter und als Bewegung, die das Dilexit Ecclesiam ihres Gründers im Banner trägt, verpflichtet – oder nicht?

In Brasilien läuft die Geschwisterlichkeits-Kampagne. In vielen deutschen Diözesen wird angeregt, in dieser Fastenzeit nicht auf irgendetwas zu  verzichten (wir verzichten schon so lange), sondern 40 Momente der Dankbarkeit, oder 40 Momente der Nächstenliebe zu gestalten. Wie wäre es mit 40 Momenten des brüderlichen, geschwisterlichen Dialogs?

 

iglesia fraterna dialogizar

Pater Kentenichs Dialogregel

Dialogfähig sein setzt voraus,

  • Dass ich mitdenke mit dem, was mein Gegenüber sagt.
  • Ein Mitschwingen meiner Seele. Das ist sehr wesentlich. Wenn ich bloß höre, gedanklich verarbeite, was mein Gegenüber meint, dann können wir nicht von Verstehen sprechen. Es muss etwas in mir mitschwingen, was in meinem Gegenüber mitschwingt.
  • Ein Jasagen, wenigstens zu dem Standpunkt meines Gegenübers.
  • Wohl auch ein Glaube, und zwar ein aufrichtiger Glaube an den Wert dessen, was mein Gegenüber erstrebt und will.
  • Ein fester Glaube an die persönliche Sendung des Gegenüber.

 

Quelle: Pädagogische Tagung 1932

Papa Francisco

BOTSCHAFT DES HEILIGEN VATERS FRANZISKUS
FÜR DIE GESCHWISTERLICHKEITSKAMPAGNE 2021 DER KIRCHE IN BRASILIEN

 

Liebe Brüder und Schwestern in Brasilien:

Mit dem Beginn der Fastenzeit sind wir zu einer Zeit der intensiven Reflexion und Revision unseres Lebens eingeladen. Der Herr Jesus, der uns einlädt, mit ihm in der Wüste zum österlichen Sieg über Sünde und Tod zu wandern, wird auch in diesen Zeiten der Pandemie mit und ein Pilger. Er ruft uns auf und lädt uns ein, für die Verstorbenen zu beten, für den selbstlosen Dienst so vieler medizinischer Fachkräfte zu danken und die Solidarität unter Menschen guten Willens zu fördern.Er ruft uns auf, für uns selbst zu sorgen, für unsere Gesundheit, und für einander zu sorgen, wie uns das Gleichnis vom barmherzigen Samariter lehrt (vgl. Lk 10,25-37). Wir müssen die Pandemie überwinden, und wir werden dies in dem Maße tun, in dem wir in der Lage sind, Spaltungen zu überwinden und uns um das Leben zu vereinen. Wie ich in der jüngsten Enzyklika Fratelli tutti betont habe, „wäre es die schlimmste Reaktion, noch mehr in einen fieberhaften Konsumismus und in neue Formen der egoistischen Selbsterhaltung zu verfallen“ (Nr. 35). Um dies zu verhindern, ist die Fastenzeit eine große Hilfe für uns, denn sie ruft uns zur Umkehr durch Gebet, Fasten und Almosen auf.

Wie es schon seit mehreren Jahrzehnten Tradition ist, fördert die Kirche in Brasilien die Geschwisterlichkeits-Kampagne als konkrete Hilfe, um diese Zeit der Vorbereitung auf Ostern zu leben. In diesem Jahr 2021, mit dem Thema „Geschwisterlichkeit und Dialog: Engagement der Liebe“, sind die Gläubigen eingeladen,  „sich hinsetzen, um einem anderen zuzuhören“ und so die Hindernisse einer Welt zu überwinden, die oft „eine taube Welt“ ist. In der Tat, wenn wir uns zum Dialog aufmachen, etablieren wir ein “ Paradigma einer aufnahmebereiten Haltung dar. Damit überwindet ein Mensch den Narzissmus; er heißt den anderen willkommen, schenkt ihm Aufmerksamkeit und nimmt ihn in der eigenen Gruppe auf“ (ebd., Nr. 48). Und die Grundlage dieser erneuerten Kultur des Dialogs ist Jesus, der, wie das Motto der diesjährigen Kampagne lehrt, unser Friede ist, „der aus zwei Völkern eins gemacht hat“ (vgl. Eph 2,14).

Die Grundlage dieser erneuerten Kultur des Dialogs ist Jesus, der, wie das Motto der diesjährigen Kampagne lehrt, unser Friede ist, „der aus zwei Völkern eins gemacht hat“ (vgl. Eph 2,14).

Darüber hinaus erinnert uns die Geschweisterlichkeits-Kampagne bei der Förderung des Dialogs als Verpflichtung zur Liebe daran, dass die Christen die ersten sind, die ein Beispiel geben, angefangen bei der Praxis des ökumenischen Dialogs. Wir müssen uns immer daran erinnern, dass wir Pilger sind und dass wir gemeinsam pilgern.“ Darum können und sollen wir im ökumenischen Dialog „das Herz ohne Ängstlichkeit dem Weggefährten anvertrauen, ohne Misstrauen, und vor allem auf das schauen, was wir suchen: den Frieden im Angesicht des einen Gottes“ (Apostolisches Schreiben Evangelii Gaudium, Nr. 244). Es ist daher ein Grund zur Hoffnung, dass die Geschwisterlichkeits-Kampagne in diesem Jahr zum fünften Mal mit den Kirchen durchgeführt wird, die dem Nationalen Rat der christlichen Kirchen in Brasilien (CONIC) angehören.

Auf diese Weise leisten die brasilianischen Christen in Treue zu dem einen Herrn Jesus, der uns das Gebot hinterlassen hat, einander zu lieben, wie er uns geliebt hat (vgl. Joh 13,34), und ausgehend von der Wertschätzung jeder menschlichen Person als Geschöpf, das dazu berufen ist, ein Sohn oder eine Tochter Gottes zu sein, einen wertvollen Beitrag zum Aufbau der Geschwisterlichkeit und zur Verteidigung der Gerechtigkeit in der Gesellschaft (Enzyklika Fratelli tutti, Nr. 271). Die Fruchtbarkeit unseres Zeugnisses wird auch von unserer Fähigkeit zum Dialog abhängen, um Punkte der Einheit zu finden und sie in Aktionen zugunsten des Lebens umzusetzen, besonders des Lebens der Schwächsten.

Indem ich Ihnen die Gnade einer fruchtbaren Kampagne der Ökumenischen Brüderlichkeit wünsche, sende ich jedem einzelnen von Ihnen meinen Apostolischen Segen und bitte Sie, nicht aufzuhören, für mich zu beten.

 

Rom, Lateran, 17. Februar 2021

 

Franziskus

(Arbeitsübersetzung)

Hier das Video mit der Botschaft von Papst Franziskus:


Kontroverse um die Geschwisterlichkeitskampagne 2021 der Kirche Brasiliens (1)

La polémica Campaña de Fraternidad 2021 (2)

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