Veröffentlicht am 10. Februar 2019 In Gefängnispastoral, Haus Madre de Tuparenda, Werke der Barmherzigkeit

Grenzen verschieben

PARAGUAY, P. Hans Martin Samietz •

Auf seiner Weiterreise vom Weltjugendtag in Panama über Paraguay, Argentinien, Chile und Ecuador war P. Hans-Martin Samietz, Standesleiter der Schönstatt-Mannesjugend in Deutschland, zweimal  mit Pater Pedro Kühlcke im Jugendgefängnis in Itauguá, Paraguay.  Seine Eindrücke hat er im folgenden Artikel zusammengefasst, den er schoenstatt.org und der deutschen Zeitschrift Basis zur Verfügung gestellt hat.—

 Die Tränen hat er sich tätowieren lassen. Dunkelblau fristen sie ihr Dasein über dem rechten Wangenknochen. Ich lasse mich übersetzen: „Was bedeuten deine Tränen?“ Nachdem mein Begleiter ihm meine Frage übersetzt hat, finden seine Augen von unergründlicher Ferne her die meinen. Seine Finger rutschen von Tattoo zu Tattoo: „libertad – amor – paz“, Freiheit, Liebe, Frieden, so seine Erklärung für diesen Moment. Juan versuchte von diesem Ort zu fliehen. Dafür kletterte er auf das Dach seines Zellenblockes. Er rutschte ab und stürzte in die Tiefe. Mit dem Rücken kam er auf den Asphalt des Gefängnishofes zum liegen – drei Wochen Rollstuhl. Warum er dort nicht liegenblieb, die Wirbelsäule gebrochen, gelähmt, unfähig auch nur einen Finger zu bewegen, wird für ihn vielleicht einmal das Rätsel seines Lebens werden – hoffentlich! Vielleicht gelten seine Tränen aber auch einem seiner Opfer, welches er im Kampf um ein Häuflein Crack niedergestochen hat. Vielleicht gelten sie aber auch seiner Mutter, die sich seit seinen frühen Kindertagen nicht mehr auffinden lässt. Wer weiß das schon! Für heute soll gelten: „libertad – amor – paz“.

 

Der Samstagnachmittag der Gefängnispastoral

Ich befinde mich hier im Jugendgefängnis von Itauguá (Paraguay). Heute ist das Team der Gefängnispastoral auf dem Gelände. Jeden Samstag verteilen sie sich auf dem Gelände, holen die Jungen zusammen machen eine kleine Fiesta im Vorraum des Zellenblocks. Es gibt Kuchen. Die Schlange beginnt bei Pater Pedro. Er hält das Mikro in die Luft und versucht sich gegen die anstürmenden Jungen zu stemmen. Immer noch versuchen einige ihren Körper zwischen Pater Pedro und den ersten Jungen in der Reihe zu zwängen. Pater Pedro muss einen Ausfallschritt nach hinten machen. Er lacht. Jetzt kann es losgehen.

Sakramente

Seit Pater Pedro das Gefängnis besucht, hat es 149 Taufen, 160 Erstkommunionen, 117 Firmungen dort gegeben. Einer der Jungen wollte damals beichten. Dann stellte Pater Pedro fest, dass dieser Junge nicht wusste, was eine Taufe war. „Ich will aber unbedingt bei dir beichten, mein Herz ist so schwer!“ – So kam es zur ersten Taufe auf dem Gelände des Gefängnisses. Jetzt gibt es jeden Samstag kleine Katechesen für diejenigen, die eines der Sakramente empfangen wollen, 10 – 15 Minuten. Länger können sich die Jungen nicht konzentrieren. Aber das Team von der Gefängnispastoral kreuzt ja jede Woche neu hier wieder auf.

Jetzt kommen zwei der Jungen, die mich von dem Besuch vier Tage vorher wiedererkennen, auf mich zu. Ich soll mit ihnen nach draußen gehen. „Okay!“ Sie führen mich zu einer kleinen Terrasse eines Nebengebäudes. Dort setzen wir uns. „¿De donde es? – „de Alemania.“ –  Gelächter – Worte, die ich nicht verstehe, fünf Minuten lang – Gelächter. Schließlich erkenne ich das Muster. Sie zeigen auf einen alten Fußball, der irgendwo in einer Ecke liegt. Ich verstehe: „Fußball!“, sage ich. Gelächter. Ich will wissen, was bei ihnen „Uhr“ heißt und tippe mit meinem Zeigefinger auf meinen rechten Handrücken, während ich denselben leicht zu mir eindrehe. Gelächter.

Lasset die Kinder zu mir kommen

45 Prozent der Kinder in Paraguay können nach Ende ihrer Schulzeit weder lesen noch schreiben. Eltern und Lehrer sehen keinen Sinn darin. Und das ist der Durschnitt für das ganze Land. Hier sind wir in einem Gefängnis, Mörder neben Streuner. Was den Jungen möglich wäre, wenn sie das Glück hätten, dass sich jemand nur für sie interessierte, eine paare Minuten nur pro Tag.

Ich beginne zu verstehen: „Denn Menschen wie ihnen gehört das Himmelreich“. Wer weiß die Liebe des Vaters so zu schätzen, wie einer dieser Jungen an diesem trostlosen Ort, wenn er wittert: Da interessiert sich einer für mich.

„Was soll deinem Leben Sinn geben?“

„Pater, ich komme zu dir nach Tuparenda!“ – „Okay, wie viele Monate hast du noch?“ – „Drei.“ – „Ich warte auf dich“.

In Tuparenda, dem Schönstattzentrum bei Itauguá, gibt es die Casa Madre. Die Jungen bekommen ein kleines Gehalt dafür, dass sie dort täglich pünktlich zum Programm erscheinen: Neun Monate bis zum Abschluss, vier Wochen – „Reinschnuppern“, vier Wochen – „ernsthaftes Bemühen“, acht Wochen – „sinnvolle Tätigkeit“, acht Wochen – „verlässlicher Partner sein“, acht Wochen – „Geduld lernen“, acht Wochen – „Was könnte die richtige Ausbildung für mich sein?“. Es wird dokumentiert, wer zu spät kommt. Wenn ein Junge drei Anläufe und zwei Gefängnisstrafen dazwischen braucht, dann ist das so. „Wir arbeiten mit denen, die wollen“, sagt Pater Pedro. Geduldig reihen sich die Rückfälligen dann wieder von vorne ein. Es gibt leider nur 20 Plätze. Pater Pedro hat die Liste der Interessenten in seinem Notizbuch stehen. Das hat er im Gefängnis in jedem Fall dabei. Die Jungen denken, es sei sein Smartphone. Von außen sieht man nur, dass Pater Pedro etwas in der Hosentasche hat. Sie wollen, dass er sie fotografiert. Das geht natürlich nicht. Sein Smartphone hat Pater Pedro gar nicht erst mitgebracht. Niemand außer den Wärtern darf hier ein Smartphone bei sich tragen. „Pater, mach ein Foto mit uns.“ – „Womit?“, fragt Pater Pedro erstaunt und hält seine leeren Hände in die Luft. Die Jungs zeigen auf seine Hosentasche. Pater Pedro lacht, nimmt sein Notizbuch heraus hält es ihnen vor das Gesicht und macht das Click-Geräusch. Ja, dieses Notizbuch ist Symbol für eine andere Welt, eine Welt, die dank Pater Pedro, dem Team der Gefängnispastoral und der Casa Madre für die Jungen hier jedoch nicht Illusion bleiben muss. Eine Frage ist dann der Schlüssel zu dieser neuen Welt: „Was soll deinem Leben Sinn geben?“ Die Antwort liegt bei den Jungen. Gott sei Dank gibt es jemand, der diesen Jungen hier auf dem Boden dieser Haftanstalt diese Frage stellt.

Freiheit ist kein Luxusgut

Hier in Paraguay hat Schönstatt eine Aufgabe gefunden: Herzensbildung für jede und jeden. Aus der Mitte einer Spiritualität zum Anwalt für die Freiheitsbegabung eines jeden Menschen werden. Paraguay lebt in der Situation, dass die Menschen spontan an Gott glauben. Über dieses Ticket wird in diesem Land Menschenwürde verwirklicht werden, hier und da, immer mehr. Gruppen, wie das Team der Gefängnispastoral um Pater Pedro nehmen ihr Christsein ernst.

Wir in Deutschland hingegen dürfen dankbar sein, dass unsere Gesellschaft auch ohne eigene Positionierung von Christinnen und Christen die Würde jedes Menschen als höchstes Gut sieht und entsprechende Routinen z.B. gegen willkürliche Verfügungen von Staatsdienern hat. Kein Junge kommt bei uns in Untersuchungshaft, wenn der Polizist am Straßenrand wegen der fehlenden Zahlung eines kleinen Geldbetrages die Festnahme vollzieht und das dafür notwendige Delikt konstatiert.

Wir können Grenzen verschieben. Die höchste Grenze, der dichteste Stacheldraht ist wohl die Abwesenheit von Zuneigung. Welche weiten Wege muss ein junger Mensch gehen, um hoffen zu dürfen, dass sein Leben einen Sinn hat, wenn er in einem Umfeld brutalen Desinteresses aufgewachsen ist. Jeder von uns kann mit seinen Fragen und vor allem dem Gefühl seiner Dankbarkeit zu einem entscheidenden Meilenstein eines solchen Weges werden.

 

Fotos: Maria Fischer, September 2018, @schoenstatt.org

 


Siehe auch:

Freiheit im Gefängnis?

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