Veröffentlicht am 26. Dezember 2016 In Themen - Meinungen

Dieses Weihnachten vergrößere unser Herz, öffne es, mache es universaler, damit wir Schönstatt und Kirche im Herausgehen werden

WEIHNACHTSGRUSS VON P. JUAN PABLO CATOGGIO AN FREUNDE AUS DER SCHÖNSTATTBEWEGUNG •

Mit großer Freude veröffentlichen wir hier den Brief von P. Juan Pablo Catoggio in deutscher Übersetzung. Er zeigt im Kontext von Weihnachten als Ereignis des „Herausgehens“ Gottes Gabe und Aufgabe von Internationalität und Interkulturität Schönstatts

Liebe Freunde,

161105-koeln-vaterbuendnis-63Zwei Erfahrungen haben dieses Jahr geprägt und beide sind sehr verbunden mit dem Weihnachtsgeheimnis: das Jubiläum der Barmherzigkeit und die internationale Realität, die ich durch viele Reisen erlebt habe.

1„Dies ist die Zeit der Barmherzigkeit“, wird Papst Franziskus nicht müde zu wiederholen. Pater Kentenich betonte in seinen letzten Lebensjahren die Botschaft des „Vaters einer unendlich barmherzigen Liebe“. Das Jubiläumsjahr war wirklich eine Zeit der Gnade für die ganze Kirche und war es für Schönstatt. Viele Heiligtümer waren formell als „Heilige Pforten der Barmherzigkeit“ gewählt worden, das Urheiligtum und viele andere auch. Wenn sie auch immer Gnadenorte sind, so waren sie es dieses Jahr besonders. Der heilige Paulus schreibt an seinen Schüler Titus: „Denn die Gnade Gottes ist erschienen, um alle Menschen zu retten“ (Titus 2,11). Weihnachten ist das Geheimnis der fleischgewordenen Barmherzigkeit Gottes, der menschgewordenen Liebe Gottes.

2 Ich hatte dieses Jahr viele Reisen, war in 15 verschiedenen Ländern in vier Kontinenten. Die Gemeinschaft der Schönstatt-Patres wächst in neuen Kulturräumen (neu für Schönstatt!) wie in Indien oder in Burundi, Kongo oder Nigeria in Afrika. Und sie wächst dort mehr als in den „traditionell schönstättischen“ Ländern, wenn man das so sagen kann. Das lässt mich über viele Dinge nachdenken. Wie viel Vielfalt und Reichtum gibt es in den verschiedenen Kulturen, wie viele verschiedene Traditionen und Bräuche! Erste Lektion: Gott ist nicht langweilig, ihm gefallen Farben und Vielfalt. Zweite Lektion: Man sollte keine Angst haben vor den Unterschieden (und erst recht nicht vor den Unterschiedlichen!), sie sind ein Reichtum für die einen wie die anderen, für alle. Dritte Lektion: Wir müssen voneinander lernen, uns gegenseitig bereichern und ergänzen, und dafür müssen wir einander begegnen, in Dialog treten, uns um den selben Tisch setzen, sei es mit Mate oder was an jedem Ort dafür passt. Vierte Lektion: Schönstatt ist universell wie die Kirche, keine Kultur kann es monopolisieren, Schönstatt muss die Seele aller Kulturen sein und in allen Kulturen muss es inkarniert und inkulturiert werden. Fünfte Lektion: das ist die Kultur der Begegnung und die Bündniskultur, die Schönstatt leben und verkünden will, und dafür muss es aus sich selbst herausgehen und herausgehen zur Begegnung.

Bis hierher beziehe ich mich auf die Internationalität und Interkulturität, die meine eigene Gemeinschaft in dieser Etappe charakterisiert, was eine große Gabe und zugleich eine Herausforderung ist. Doch die Besuche in so vielen Ländern haben mich erkennen lassen, dass es eine Mission ist, eine unvermeidliche Pflicht, die wir haben. Die Welt ringt widersprüchlich zwischen einer wachsenden und nicht mehr aufzuhaltenden Globalisierung einerseits und einer nationalistischen, extrem protektionistischen bis separatistischen Tendenz, die nicht selten zum offenen Konflikt führt, zu Diskriminierung und Intoleranz, zu Krieg, Gewalt und Terror. Wie finden oder schaffen wir Wege der Begegnung, der Einheit in der Vielfältigkeit, des ehrfürchtigen Dialogs und der gegenseitigen Ergänzung?

Beim Betrachten des Weihnachtsgeheimnisses kann ich nicht anders als diese universale Dimension zu betonen. Bei der Auflistung des Stammbaums Jesu betonen Lukas und Matthäus die historische Bedeutung der scheinbar unbedeutenden Tatsache von Bethlehem. Matthäus erwähnt vor allem die Weisen aus dem Morgenland. Die fernen Völker kommen, um den König in der Krippe anzubeten. Lukas erzählt noch mehr Einzelheiten. Maria und Josef müssen nach Bethlehem gehen, weil der Kaiser Augustus eine weltweite Volkszählung verordnet hat. Darum muss Josef aus Nazareth „herausgehen“. Und  während sie in Bethlehem waren, „kam für Maria die Zeit ihrer Niederkunft, und sie gebar ihren Sohn, den Erstgeborenen. Sie wickelte ihn in Windeln und legte ihn in eine Krippe, weil in der Herberge kein Platz für sie war (Lk 2, 6-7). Und kurz darauf „gehen sie wieder heraus“, diesmal nach Ägypten, einem fremden Land. Die Familie Jesu ist eine Migrantenfamilie, es sind, so würden wir heute sagen, Flüchtlinge. Sie sind „im Herausgehen“, sie gehen heraus aus Nazareth, gehen heraus aus Bethlehem, gehen heraus aus ihrem Land.

Wir können noch weiter gehen. Die Inkarnation ist das Geheimnis des „Gottes im Herausgehen“. Jesus, der Sohn, klammert sich nicht an seinen Status als Gott, sondern „geht heraus“ aus dem Vater, entäußert sich und erniedrigt sich und wird Mensch wie einer von uns (vgl. Phil 2, 5 – 8), indem er unsere Natur annimmt und sich so jedem Menschen und allen Menschen, jeder Kultur und allen Kulturen verbindet.

Weihnachten kennt keine Grenzen. Weihnachten bringt uns einander näher und macht uns zu Brüdern und Schwestern. „Jetzt aber seid ihr, die ihr einst in der Ferne wart, durch Christus Jesus, nämlich durch sein Blut, in die Nähe gekommen. Denn er ist unser Friede. Er vereinigte die beiden Teile (Juden und Heiden) und riss durch sein Sterben die trennende Wand der Feindschaft nieder.  Er kam und verkündete den Frieden: euch, den Fernen, und uns, den Nahen.  Durch ihn haben wir beide in dem einen Geist Zugang zum Vater. Ihr seid also jetzt nicht mehr Fremde ohne Bürgerrecht, sondern Mitbürger der Heiligen und Hausgenossen Gottes (Eph 2, 13-14,18-19).

Brüder und Schwestern, wir alle haben unsere Probleme mit „einigen Unterschieden“ und „einigen Unterschiedlichen“, wir alle setzen gewisse Grenzen, machen Unterschiede. Ich wünsche mir und wünsche Ihnen allen, dass diese Weihnacht unser Herz größer mache, es öffne, es universaler mache, damit wir eine Kirche und ein Schönstatt im Herausgehen werden, im Herausgehen aus uns selbst hin zum Nachbarn, heraus zu denen, die fern sind und die nah sind, heraus an die Peripherien, heraus zu den vielen neuen Bethlehems unserer Zeit, damit wir alle „nahe Nächste“ sind, damit wir Brüder und Schwestern sind.
Ich füge ein Gedicht von Borges an, das mich dieses Jahr begleitet hat. Sie werden verstehen, warum. Ich denke in dieser Weihnacht im Bethlehem des Urheiligtums an Sie, Ihr

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P. Juan Pablo

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Jorge Luis Borges (1899 in Buenos Aires – † 1986 in Genf)

Die Verschworenen (1985)

Im Herzen Europas verschwören sie sich.

Es geschieht im Jahr 1291.

Es sind Männer verschiedener Stämme, die verschiedenen Religionen anhängen und verschiedene Sprachen sprechen.

Sie haben den seltsamen Entschluss gefasst, vernünftig zu sein.

Sie haben beschlossen, ihre Unterschiede zu vergessen und ihre Gemeinsamkeiten zu betonen.

Sie waren Soldaten der Konföderation und dann Söldner, weil sie arm waren und hatten die Angewohnheit des Krieges, und sie ignorierten nicht, dass alle Unternehmungen des Menschen gleich eitel sind.

Sie waren Winkelried, der sich die Lanzen der Feinde ins Herz spießte, damit die Kameraden vorankämen.

Sie sind ein Chirurg, ein Pfarrer oder ein Anwalt, aber auch Paracelsus und Amiel und Jung und Paul Klee.

Mitten in Europa, in Europas Bergen, wächst ein Turm aus Vernunft und festem Glauben.

Heute sind es zweiundzwanzig Kantone. Der Kanton Genf, der letzte, ist eines meiner Vaterländer.

Morgen werden sie der ganze Planet sein.

Vielleicht ist nicht wahr, was ich sage; möge es prophetisch sein.

 

Original: Spanisch. Übersetzung: schoenstatt.org

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