Veröffentlicht am 5. August 2016 In Projekte, Werke der Barmherzigkeit

Die Flüchtlinge haben den Pfarreien Betätigungsfelder gebracht, die es lange nicht gab – Schönstatt auch?

DEUTSCHLAND, Projekt GOTTvertrauen, von Maria Fischer •

Wunderbare, tiefe Pilgererfahrungen liegen hinter der bunten Gruppe, die sich am Sonntag, dem 31. Juli in Köln auf den Weg gemacht hat unter dem Thema und Anliegen: GOTTvertrauen: Regen – „meistens nicht so stark, aber auch schon mal mehr“ – , müde Füße, gute Gespräche, viele Fotos, ganz neue Erfahrungen wie die offene Dankrunde am Abend, in der die Teilnehmer das Herz sprechen lassen und persönliche Erfahrungen erzählen, zahlenmäßig immer kleine aber intensive Begegnungen mit Gastgebern an den Wegstationen. Einmal kamen Familien, bei denen Pilger übernachten durften, zur Abendrunde, einmal sind zwei Leute aus einer Pfarrei am Tag darauf spontan mitgepilgert, wie Petra Rasch berichtet. Das Bündnis mit Gott dem Vater, das Pater Kentenich vor 50 Jahren in Köln geschlossen hat, auf die Straße tragen und miteinander und mit vielen Menschen so das Jahr der Barmherzigkeit feiern, das hat den Kern dieser Pilgergruppe motiviert und dem haben sich so manche angeschlossen.

Fotos: Johannes Domberger

Andernach

Am Abend des 4. August gibt es noch einmal eine qualitative Steigerung von Begegnung: „Diesmal erzählen nicht wir, sondern Leute aus der Pfarreiengemeinschaft und Pfarrer Stefan Dumont erzählen uns von ihrem Engagement im Sinne der Barmherzigkeit“, so Lukas Schreiber, dem man die Vorfreude auf diese Begegnung anmerkt.

Und so finden sich die Pilger und eine ganze Reihe Andernacher um 18.30 Uhr zur gemeinsamen Feier der heiligen Messe in der mächtigen Kirche St. Maria Himmelfahrt,  im Volksmund liebevoll „Mariendom“ genannt und direkt an der alten Stadtmauer gelegen, ein. Pfarrer Hans Schnock aus dem Institut der Schönstatt-Diözesanpriester und Pfarrer Stefan Dumont konzelebrieren. In einer Bank sitzen moslemische Andernacher aus dem Libanon und folgen aufmerksam dem Geschehen.

Nach der Messe sind alle ins Pfarrheim eingeladen, wo die GOTTvertrauen-Pilger für alle ein köstliches Abendessen vorbereitet haben. Man ist schnell im Gespräch, das dann nahtlos ins Berichten von den Aktivitäten der Pfarrei übergeht.

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Für die Menschen im sozialen Brennpunkt

Die Andernacher Pfarrgemeinde St. Stefan ist in einem sozialen Brennpunkt gegründet worden. Über 45 Jahre hin hat der erste Pfarrer dieser Gemeinde dort, wie Pfr. Dumont ebenso scherzhaft wie anerkennend sagt, ein „Sozialimperium“ aufgebaut mit Altenheim, Kindergarten und Kinderkrippe, Spiel- und Lernstube, Kranken-und Familienbesuchsdienst und einer großen Zahl von Pfarrangehörigen, die sich ehrenamtlich sozial engagieren. Papst Franziskus hat den Jugendlichen beim Weltjugendtag gesagt, die Antwort auf die Frage „Wo ist Gott in all dem Leid?“ sei  Mt 25,35-36.  Ich war krank, ich war hungrig, ich war fremd… Jesus Christus berühren in den Wunden der Menschen in Krankheit, Hunger, Obdachlosigkeit. Und ihr… Und etwas von der Freude dieser Berührung Jesu strahlt in den Augen der Andernacherin, die von der Kinderkrippe erzählt. Da ist nichts von der hochpolemisierten Abwehr jener, die in den Kinderkrippen den Untergang des christlichen Familien- und Erziehungsmodells sehen und vermutlich noch nie einer jungen alleinerziehenden Mutter auf Tuchfühlung begegnet sind, die nicht von Hartz 4 leben kann und will…

IMG_9856Und dann kamen 300 Flüchtlinge hierher

Das Lieblingsprojekt der anwesenden sechs Andernacher ist der Basar – das hört man sie sagen und das sieht man am Strahlen ihrer Augen. „Ich bin 64, seit einem halben Jahr in Rente und ich kann doch nicht den ganzen Tag nichts tun“, sagt eine von ihnen. Und so arbeitet sie mit im Basar. Gegen Gutscheine, die vom Diakon nach Familiengröße und Bedarf ausgestellt werden, können Flüchtlinge dort Haushaltswaren kaufen. Eine Libanesin, die seit vielen Jahren in Deutschland lebt, hilft als Dolmetscherin, da die meisten Flüchtlinge nur Arabisch sprechen. „Aber die lernen schnell“, ergänzt ein junger Mann, ebenfalls aus dem Libanon. Es gibt großes Gelächter, als die Basarmitarbeiter von den Geschirrspenden erzählen. Bayrisch-blau und Elfenbein mit Goldrand. „Das hatte meine Oma auch!“

Die Begeisterung springt über, und fast alle der nach dem Tagesmarsch doch etwas müden Pilger stehen auf und gehen mit ins gegenüberliegende alte Pfarrheim, wo der Basar untergebracht ist. Sorgfältig werden hier die Spenden geordnet, geprüft, in den Verkaufsraum gestellt. Schwarze Schafe gibt es natürlich auf beiden Seiten – Flüchtlinge, die nur das Beste rauspicken und das auf dem nächsten Flohmarkt verscherbeln und Spender, die kaputte Tassen und eine Fritteuse bringen, in der noch das ranzige Fett stinkt… Aber das sind Ausnahmen, versichern die Mitarbeiter. Die Kinder bekommen immer eine Süßigkeit, dürfen Spielzeug einfach so mitnehmen. Die Familien holen sich Geschirr, Besteck, Töpfe, Pfannen… Beim Verkauf kommt man ins Gespräch, lernt einander kennen, steht dem anderen auf Augenhöhe gegenüber, sieht den Menschen …

IMG_9863Für uns ein Segen

„Barmherzigkeit“, sagt Pfr. Stefan Dumont.  „Das ist ein großes Wort. Und dann meint man vielleicht, man müsse ein Programm machen.“ Aber, so erklärt er, Barmherzigkeit sei kein Programm, sondern eine Haltung des Sehens von Not und des beherzten, spontanen und persönlichen Helfens. Ich war hungrig… und ihr habt mir zu essen gegeben.

Aus vielen kleinen persönlichen Antworten auf eine persönliche Not ist vieles hier entstanden. Da ist einem klar geworden, dass der Weg vom Wohnheim am Rhein, wo mehrere der 300 Flüchtlinge untergebracht sind, bis in die Stadt sehr weit ist, wenn man ihn zu Fuß gehen muss. Fahrräder müssen her! Fahrräder werden gespendet, aber manche sind lädiert. Da wird repariert… und daraus ist „Die Pumpe“ geworden, wo begeisterte Dreher und Schraube Fahrräder instand setzen und den Flüchtlingen für ein winziges Entgelt abgeben. Eigentum. „Das ist wichtig. Dann pflegen sie ihr Fahrrad besser.“ Und es gibt so viel mehr: Kleiderstube, Begleitung zu den Gängen aufs Amt, Dolmetschen…

„Die Flüchtlingswelle war für unsere Pfarrei ein Segen“, sagt Pfarrer Stefan Dumont den erstaunten Pilgern. Krise? Nein, Segen. „Durch sie haben wir in der Gemeinde Felder sozialer Betätigung gefunden, die es vorher nicht gegeben hat. Und das tut unserer Gemeinde so unbeschreiblich gut.“

„Jesus selbst hat die Wahl getroffen, sich mit diesen unseren von Schmerz und Ängsten geprüften Brüdern und Schwestern zu identifizieren, als er es auf sich nahm, die Via dolorosa nach Golgota zu gehen. Am Kreuz sterbend überantwortet er sich in die Hände des Vaters und trägt mit hingebungsvoller Liebe auf und in sich die physischen, moralischen und spirituellen Wunden der gesamten Menschheit. Indem er das Kreuzesholz ergreift, umfasst Jesus die Nacktheit und den Hunger, den Durst und die Einsamkeit, den Schmerz und den Tod der Menschen aller Zeiten. Heute Abend umfasst Jesus – und wir mit ihm – mit besonderer Liebe unsere syrischen Brüder und Schwestern, die vor dem Krieg geflohen sind. Wir grüßen sie und nehmen sie mit geschwisterlicher Liebe und mit Sympathie auf…“ So Papst Franziskus beim Weltjugendtag, genau vor einer Woche. Hier in Andernach begegnen sie dem Herrn tiefer, seit sie barmherzig wie der Vater sind, da drüben im Basar…

Noch einmal Franziskus. „Wir sind aufgefordert, dem gekreuzigten Jesus in jedem ausgegrenzten Menschen zu dienen, seinen heiligen Leib zu berühren im Ausgeschlossenen, im Hungrigen, im Durstigen, im Nackten, im Gefangenen, im Kranken, im Arbeitslosen, im Verfolgten, im Heimatvertriebenen und im Migranten. Dort finden wir unseren Gott, dort berühren wir den Herrn.“

IMG_9859Dort berühren wir den Herrn

In den Augen der Andernacher steht ein Leuchten, wie ich es zuletzt bei den Mitarbeitern der Schönstatt-Gefängnispastoral in Paraguay gesehen habe und bei denen, die dort Häuser errichten für Familien, die unter Plastikplanen hausen… Die Schönstätter dort fragen sich, wo ist der Staat angesichts solchen Elends, und weil er nicht da ist, sind sie da. „Hier fragt man sich, wo ist der Staat nicht? Es ist alles institutionalisiert, und wo der Staat nicht ist, ist es die Caritas…“ Mitten im Satz hört der Schönstätter auf. „Und dann erzählen die uns hier, dass sie Felder entdeckt haben, wo sie wirken können…“

Es kann doch nicht sein, dass Jesus den Menschen und den Schönstättern in Deutschland keine Chance geben würde, ihn zu berühren, ihn zu berühren in den Hungrigen, Durstigen, Fremden, Kranken…

Die Aussage von Pfarrer Stefan Dumont, dass die Flüchtlinge für die Pfarrei ein Segen waren, weil sie durch sie Felder sozialen Tun, Felder der Barmherzigkeit entdeckt haben, ist manchem in die Seele gefallen.

Und führt mitten hinein ins GOTTvertrauen – in das Vertrauen, dass Gott auch den Christen in Deutschland und auch den Schönstättern hier Felder barmherzigen Tuns im Sinne von Matthäus 25 schenkt. Bei den Flüchtlingen. Und wenn man erst einmal Sehen gelernt hat, längst nicht nur bei ihnen.

Die Kerze mit dem Symbol des Projektes GOTTvertrauen, die die Gruppe der Pfarrgemeinde zum Dank schenkt, steht jetzt im Basar.

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Mehr zum Projekt GOTTvertrauen: www.gott-vertrauen.net

Original: German. Translation: Mary Cole, Manchester, UK

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