Veröffentlicht am 19. November 2016 In Themen - Meinungen

Der neue Präsident der USA – und was geht das uns an?

Von  Sarah-Leah Pimentel, Kapstadt, Südafrika, Mitglied der Redaktion von  schoenstatt.org •

Letzte Woche hat die Welt eine der umstrittensten Wahlen der letzten Zeit erlebt.

Amerikas Wahl ging eine Schlammschlacht zwischen Hillary Clinton und Donald Trump voraus.  Aber durch all den Schlamm hindurch ging es im Wahlkampf letztlich weder um Volkswirtschaft noch um Außenpolitik.  Es war ein Wahlkampf über Werte. Clinton appellierte an die Ausweitung der Bürgerrechte, während Trumps Motto „Lasst uns Amerika wieder groß machen“ an die traditionellen Werte von Familie und Nation appellierte.

Und es war ein enges Rennen, wie die Wahlergebnisse bewiesen.  Jeder Kandidat hatte gleich viele Anhänger und Gegner.  Clintons Unterstützer begrüßten ihren Fokus auf die Rechte der Frauen, doch viele Christen waren entsetzt über ihre Vorschläge zur Spätabtreibung.  Ähnlich zogen Trumps Anhänger Hoffnung aus seinem Versprechen, Arbeitsmöglichkeiten zu schaffen und fremde kulturelle Werte fernzuhalten.  Seine Gegner waren besorgt über einen Präsidenten, dessen Worte Homophobie und Islamophobie fördern können. Keiner der Kandidaten war perfekt.

Aber Amerika hat gewählt.  Und die Ergebnisse zeigen, dass es ein sehr geteiltes Votum war.  Clinton hat geringfügig mehr Stimmen erhalten.  Trump gewann die meisten Wahlmänner.  Und im Januar wird Donald Trump der nächste Präsident der Vereinigten Staaten von Amerika, ob es uns passt oder nicht.

Was hat dies mit uns als Schönstättern zu tun?

Wir sind gerufen, die Zeichen der Zeit zu lesen.  Die Welt wird immer wütender.  Der gute Wille und die Hoffnung, nach den Zerstörungen des II. Weltkrieges gemeinsam eine bessere Welt zu bauen, war vergessen. Die Welt ist wieder mehr polarisiert.  Der Kampf zwischen Arm und Reich vertieft sich.  Zu viele wollen Zugang zu grundlegenden menschlichen Bedürfnissen, während andere um den Erhalt eines Lebensstils kämpfen, an den sie sich gewöhnt haben.

Trump hat eine auf Angst und Wut gebaute Wahl gewonnen.  Seine gesamte Kampagne sprach die Ängste der Menschen über eine Welt im Wandel an.  Und er reagierte auf die Wut der Menschen, die das Gefühl haben, das politische System habe sie verraten, indem er ihnen einen Ausweg zeigte.

Die Entstehung eines weltweiten Zorns

Das alles ist nicht auf die USA begrenzt. Wir sehen es im Nahen Osten – im andauernden Krieg zwischen Israel und Palästina.  Wir sehen es im Krieg in Syrien, wo Assad um jeden Preis um seinen Machterhalt kämpft und der IS eine Schneise der Verwüstung hinterlässt.  Wir sehen es in Europa, dem die Wellen von Migranten aus kriegszerrütteten Ländern lästig werden.

Wir sehen diese Wut in Äthiopien, wo der Ausnahmezustand erklärt wurde, um zu verhindern, dass die Oromo- und Amhara-Mehrheiten gegen die von der Minderheit der Tygrinya gebildete Regierung protestieren, deren Entwicklungspolitik die Oromo und Amhara von ihrem Land vertreibt, um dort Städte und Fabriken zu bauen.  In meinem eigenen geliebten Südafrika protestieren Studenten heftig für den freien Zugang zur Hochschulausbildung, um die immer wiederkehrenden Kreisläufe der Armut in ihren Gemeinden zu bekämpfen.

Die Zeiten sind voller Wut.  Darum kann es uns nicht überraschen, dass die Welt beginnt, politische Führer zu wählen, die den Menschen ein Ventil für ihre Wut und Frustration geben. Und dort, wo es keine legitimen Führer zu wählen gibt, folgen die Menschen extremistischen Gruppen, die ihnen die Wiederherstellung einer gerechteren Weltordnung versprechen.

Auf der Suche nach der Alternative

Das Problem ist, dass die Alternative nicht besser ist.  Wir möchten nicht wirklich eine Welt haben, die von fundamentalistischen religiösen Gruppen regiert wird. Ich bezweifle, dass viele von uns wünschen, in einer Welt zu leben, in der wir unsere Religion nicht frei ausüben könnten oder wo die grundlegenden Rechte der Menschen auf freie Wahl geopfert würden.  Ebenso haben heftige politische Revolutionen eine Tendenz, viel mehr zu zerstören, als sie in der Lage sind, neu zu gestalten, und am Ende verlieren alle.

Was können wir also überhaupt tun?

Mit Liebe und Barmherzigkeit handeln

Erstens müssen wir mit Liebe und Barmherzigkeit handeln.  Das tun wir, indem wir die politischen Entscheidungen unserer Angehörigen und Freunde nicht be- und verurteilen.  Wenn wir nach unserem Gewissen gewählt haben, dann müssen wir akzeptieren, dass andere das auch getan haben. Im Zuge der Wahl von Trump habe ich so viele Hasskommentare auf Facebook gesehen.  Die sind unnötig.

Genauso gibt es in unseren eigenen Ländern Fragen von öffentlichem Interesse, die uns stören.  Wir sind gerufen, jeder von uns, zum Pool gemeinsamer Bedeutung durch Engagement in gesundem Dialog beizutragen, in dem wir unsere katholische Weltsicht mit Liebe und Mitgefühl einbringen.  Das gibt uns aber nicht das Recht, die Weltsicht anderer zu verurteilen.  Es ist keine Schlacht wir gegen sie.  Wir müssen mit Demut anerkennen, dass die andere Seite auch Recht haben kann und ausgehandelte Lösungen finden.  Das bedeutet nicht, dass wir uns immer durchsetzen können, aber wir können die Lösung mitgestalten.  Das ist entscheidend besser als Verweigerung des Engagements, weil wir mit dem System nicht einverstanden sind.

Uns mit unseren politischen Führern im solidarischen Bündnis verbinden

Zweitens müssen wir für gute politische Führer beten.  Wir haben keine Ahnung, was für eine Art Präsident Donald Trump sein wird.  Die Zeit wird es zeigen. Aber wir können beten, dass er ein guter Präsident wird, dass er auf Rat hört und die Ergebnisse amerikanischer Entscheidungsgremien anerkennt.  Alle unsere Führer brauchen Gebet.  Es ist keine leichte Aufgabe, eine Nation zu führen.  Es ist noch schwieriger, eine Nation mit Integrität führen.

Aber wir müssen auch um gute Männer und Frauen beten, die aufstehen und der Macht mit Wahrheit gegenübertreten.  In Südafrika haben wir einen korrupten und ineffizienten Präsidenten, dessen Hauptsorge darin besteht, seine eigenen Taschen und die seiner Freunde zu füllen. Zum Glück haben wir mindesten zwei Menschen in Südafrika, die durch und durch integer sind und sich nicht beirren lassen – den früheren Ombudsmann Thuli Madonsela und unseren Finanzminister Pravin Gordhan.  Trotz des immensen politischen Drucks haben sie es geschafft, offen gegen Korruption anzugehen, und sie haben eine ganze Nation bewegt, sich hinter sie zu stellen.

Jede Gesellschaft hat Madonselas und  Gordhans.  Und wir müssen sie unterstützen.  Wir unterstützen sie mit unseren Gebeten, aber besonders müssten wir uns mit ihnen in einem solidarischen Bündnis verbinden und unsere Beiträge zum Gnadenkapital anbieten, damit sie in ihrer Aufgabe gestärkt werden. Das ist Bündniskultur.

Gute Führung beispielhaft vorleben

Und schließlich sind wir zu verantwortlicher Führerschaft gerufen.  Es ist eines, schlechte Führer zu kritisieren und auf ihre Fehler hinzuweisen.  Aber wenn wir fähig sind, ihre Fehler zu sehen, dann gehört es auch zu unserer Berufung, selbst gute Führerschaft vorzuleben.  In Schönstatt haben wir eine Fülle von Material zu den Grundsätzen von servant leadership, und wir brauchen es nur häufiger weiterzugeben.  Die meisten von uns werden wohl nicht Präsidenten ihres Landes werden, aber wir sind gerufen, Führungspersönlichkeiten zu sein in unseren Pfarreien, in unseren lokalen Gemeinden, in unseren Unternehmen und in allen öffentlichen Räumen, in denen wir Einfluss haben können.

Wenn wir fähig sind, die Merkmale guter Führung darzustellen, mit Liebe und Mitgefühl, dann werden andere das erkennen und sich davon anregen lassen.  Wenn sie gute Führer sehen, dann lernen sie, wonach man schauen muss, wenn es um die Wahl der politischen Führung eines Landes geht.

Bei jeder Wahl geht es nicht um Politik, sondern um gemeinsame Werte.  Wir haben die Macht, die Werte der Welt um uns herum zu gestalten.  Und unsere Arbeit fängt erst an.

 

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Original: Englisch. Übersetzung: Maria Fischer, schoenstatt.org

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