Libro Alexandra von Teuffenbach

Veröffentlicht am 2021-04-13 In Kentenich

Über das Buch „Vater darf das“ von Alexandra von Teuffenbach

Von Patricio Ventura-Juncá, Chile •

Die Lektüre der jüngsten Kolumne von Pedro Rosso: „Eine Reflexion über den Kontext der moralischen Integrität und des Konzepts der geistlichen Autorität des Gründers von Schönstatt“, hat mich dazu gebracht, das Buch zu lesen und einen Beitrag zu seinem Verständnis zu leisten. —

IVorüberlegungen

Ich mache diese Überlegungen aus meiner Erfahrung als Professor für Bioethik und in den letzten Jahren als Mitglied einer universitären ethisch-wissenschaftlichen Kommission.

  1. Anliegen des Buches

Buch: Vater darf das

Titelseite des Buches „Vater darf das“ in Spanisch. Die spanische Fassung ist seit Mitte März 2021 auf dem Markt, die deutsche seit Ende Oktober 2020. Der vorliegende Artikel bezieht sich auf die spanische Ausgabe, wir zitieren hier allerdings die deutsche.

Um eine Studie zu verstehen, muss man sich zunächst nach ihrem Anliegen fragen, das manchmal als Frage formuliert wird. Von Teuffenbach erleichtert die Aufgabe, weil sie sie auf Seite 3 (S. 8 deutsch) wie folgt formuliert: “Wie kann man einen Seligsprechungsprozess für jemanden vorantreiben, von dem man weiß,  dass er Frauen abhängig machte, erniedrigte und missbrauchte und sich nie von dieser Haltung distanzierte, im Gegenteil, der sie bis zuletzt verteidigt hat? Wie kann man den Christen in der Welt diesen Mann, diesen Priester zum Vorbild, zum Modell anbieten nach dem, was er getan und gesagt hat? Dies ist der Schlüssel zum Verständnis des Anliegens ihres Buches. [1] Es geht darum, den Seligsprechungsprozess zu stoppen durch die Veröffentlichung ausgewählter Zeugnisse über Pater Josef Kentenich, die zeigen sollen, dass er ein Priester war, der einige Marienschwestern psychisch, spirituell und in einigen Fällen auch sexuell missbraucht hat. Er habe dies getan, indem er seine Autorität und das Vertrauen und die Zuneigung, die ihm entgegengebracht wurden, missbraucht hätte. Aus diesem Grund ist die Veröffentlichung nicht nur, wie sie in der Einleitung auf S. 9 (S. 17 deutsch) sagt, eine Dokumentation: „Diese Veröffentlichung ist eine Dokumentation. Es finden sich nur Bausteine für eine Biografie von Sr. Georgina Wagner, aber kein ausführliches Lebensbild.“

Zur Bestätigung sagte von Teuffenbach sinngemäß: „Wenn der Seligsprechungsprozess in Trier fortgesetzt werden sollte, kann ich nur darauf vertrauen, dass die Kongregation für die Selig- und Heiligsprechungsprozesse der historischen Wahrheit Rechnung trägt“ (hier bezieht sie sich auf das Schreiben von Kardinal Ratzinger von 1982, das er 1983 ergänzte).[2]

Es ist anzumerken, dass Alexandra von Teuffenbach durch das Zeugnis der ehemaligen Marienschchwester Schw. Georgia und anderer Schwestern sehr bewegt und betroffen war, was zweifellos am Anfang ihrer Beschäftigung mit diesem Thema stand.

  1. Verwendung von vertraulichen Informationen

Auszug aus dem Buch, spanische Fassung

Auszug aus dem Buch, spanische Fassung

Dabei handelt es sich um Informationen, auf die aufgrund der sensiblen oder privaten Natur der darin enthaltenen Daten nur eine kleine Anzahl von Personen zugreifen kann. In diesem Fall wurden Quellen (Zeugenaussagen) verwendet, die für die Mehrheit der Menschen nicht zugänglich sind. Die im Buch zur Verfügung gestellten Dokumente (Zeugnisse) stammen hauptsächlich von zwei Stellen.

Dabei handelt es sich um Informationen, auf die aufgrund der sensiblen oder privaten Natur der darin enthaltenen Daten nur eine kleine Anzahl von Personen zugreifen kann. In diesem Fall wurden Quellen (Zeugenaussagen) verwendet, die für die Mehrheit der Menschen nicht zugänglich sind. Die im Buch zur Verfügung gestellten Dokumente (Zeugnisse) stammen hauptsächlich von zwei Stellen. Da sind zuerst Akten des Vatikanischen Apostolischen Archivs, die seit Anfang 2020 zur Verfügung stehen, als die Dokumente über das Pontifikat von Pius XII. freigegeben wurden und allen Forschern und Historikern zugänglich sind, die um Zutritt zu den Studienräumen des Vatikanischen Archivs bitten.

Die zweite Quelle sind Kopien von beeideten Zeugnissen im Seligsprechungsprozess von Pater Josef Kentenich, die den Großteil der Zeugnisse im Buch ausmachen. Diese wurden von der Autorin aus dem Archiv der Pallottinerprovinz in Limburg bezogen, zu dem Pater Manfred Probst SAC ihr – wie zuvor schon etwa Sr. Doria Schlickmann – freien Zugang verschaffte.Sie schreibt: „P. Probst eröffnete mir nicht nur die Tür zum Provinzarchiv der Pallottiner in Limburg, sondern unterstützte mich mit vielen Informationen und seinem bekundetem Interesse an meiner Arbeit“ (S. 25 deutsche Ausgabe). Aus diesen Archiven erhielt sie Kopien der eidlichen Aussagen einiger ehemaliger Marienschwestern und Pallottinerpatres gegen Pater Josef Kentenich, die im Seligsprechungsprozess bis zum Jahr 1986 gemacht wurden. Darunter sind vor allem die von Schwester Georgia. Es gibt auch die von anderen Schwestern und von den Patres Ferdinand Schmidt und Heinrich Köster und Heinrich Schulte, alle mit ähnlichem Tenor.

Es ist eine alte Praxis, dass Zeugnisse, die in Seligsprechungsprozessen gegeben werden, geheim gehalten werden, vertraulich bleiben, damit die Zeugen frei sprechen können und in der Lage sind, sensible Aspekte, die peinlich sein könnten, zu enthüllen. Ein zweiter Grund ist, die Veröffentlichung der Zeugnisse in den Medien zu vermeiden, damit der Seligsprechungsprozess nicht beeinflusst wird. Die Veröffentlichung der von Teuffenbach ausgewählten Zeugnisse mag nicht gegen den Buchstaben irgendeines kanonischen Textes verstoßen, aber meiner Meinung nach verstoßen sie gegen den Geist.

Zum Thema Vertraulichkeit fällt mir das Treffen ein, das wir 1994 in Trier mit Dr. Nacken hatten, der den Seligsprechungsprozess von Pater Josef Kentenich für das Bistum Trier leitete. Dr. Nacken kannte alle hier vorgelegten Zeugenaussagen, die sicherlich schon im Prozess ausgewertet wurden. Wir waren sechs Ehepaare aus vier lateinamerikanischen Ländern, alle Gründer des Familienbundes in ihren jeweiligen Ländern. Unser Ziel war es, über die Entwicklung des Seligsprechungsprozesses zu beraten und was wir tun können, um ihn zu beschleunigen. Dr. Nacken begrüßte uns herzlich und wir konnten ein langes Gespräch über verschiedene Themen führen. Bezüglich der Seligsprechung erklärte er uns viel über den Ablauf des Prozesses, dass es nach Trier nach Rom gehen soll und die Rolle des sogenannten „Teufels-Advokaten“, der alle Einwände gegen den Kandidaten vortragen soll. Zu den Details der Entwicklung des Prozesses sagte er, dass er darüber nicht sprechen könne, weil es unter Geheimhaltung stehe. Mit großem Interesse sagte er uns, dass wir als Laien ihm natürlich Zeugnisse (Wunder) der Bekehrung schicken könnten, aber dass jetzt das Wichtigste, um den Prozess zu beschleunigen, sei, dass Pater Josef Kentenich ein physisches Wunder wirke.

Die Aussagen in den Punkten 1 und 2 sind wichtig zu beachten, da sie eine wissenschaftliche und ethische Dimension haben.

Ist es meine Absicht, mich auf den Seligsprechungsprozess zu konzentrieren? Nein, dafür gibt es kompetente Leute, die Kirche wird sprechen, wenn es angebracht ist. Deshalb das folgende Zitat von Pater Josef Kentenich: “Nachdem man mich in die Wüste der Verbannung geschickt, äußerte der Weihbischof einem Freunde gegenüber, der irgendwo einen Lehrstuhl besetzt hält: jetzt könne ich ein Heiliger werden. Was darf ich darauf antworten? Ob Heiligkeit oder nicht, darauf kommt es zunächst nicht an. Es geht darum, ob Wahrheit eine verkäufliche Dirne ist oder ob alle ohne Ausnahme ihren Herrschaftswagen zu ziehen berufen sind. In gleicher Weise machte P. Tromp mich schon vorher darauf aufmerksam: wenn ich jetzt auch meiner Ämter enthoben würde, so dürfte ich doch damit rechnen, später einmal heiliggesprochen zu werden. Vielen anderen sei es in ähnlicher Lage auch so ergangen. Meine Antwort ist dieselbe: Mir kommt es auf die Heiligsprechung der Wahrheit an. Alles andere ist zunächst für mich Nebensache. (Das geschah April/Mai 1951).“ (Apología pro vita mea, S 81)

Archivo Apostólico Vaticano

VatikanischesApostolisches Archiv

IIInhalt

Unabhängig von dem, was gesagt wurde, muss man sagen, dass die Zeugnisse vorhanden sind. Und sie müssen mit dem nötigen Respekt behandelt werden.

Die Wahrnehmung und Interpretation der Haltungen und Aussagen Pater Kentenichs durch diese Schwestern sind schockierend und erschreckend. Diese beziehen sich auf bestimmte Bräuche, vor allem auf das sogenannte „Kindesexamen“, und auf Körperhaltungen, speziell die sogenannte „Ölberghaltung“. Darauf habe ich bereits in meiner im Juli 2020 in diesem Portal veröffentlichten Stellungnahme hingewiesen. Neu ist die schriftliche Ausführlichkeit der Aussagen in Bezug auf die Interpretation der beiden genannten Aspekte. Es ist wichtig, dass diejenigen, die die authentische Bedeutung dieser Bräuche wissen wollen, sich auf die Schriften des Gründers und auf die vielen Zeugnisse anderer Marienschwestern darüber beziehen. Pater Josef Kentenich hat sein ganzes Leben lang seine Persönlichkeit geformt, er war ein Mensch wie wir alle, der sicher Fehler gemacht hat und Fehler gehabt hat. In meiner Erfahrung begegnete ich einem sehr menschlichen und religiösen Mann, einfach, von großer Demut, zutiefst respektvoll, der Frieden und Lebensfreude vermittelte.

Eine Klärung aus ethischer Sicht, die in Bezug auf diese beiden Bräuche hilfreich sein kann, ist die Unterscheidung zwischen einer körperlichen Handlung, wie z.B. sich auf dem Boden niederzuwerfen. Was ihr moralischen Wert verleiht, ist die Absicht, mit der sie getan oder erbeten wird. In der Tradition der Kirche soll es die völlige Hingabe an Gott ausdrücken. Aber in anderen Situationen kann es eine Strafe für einen Täter bedeuten. Es ist die Absicht, die der physischen Handlung die Bewertung von Gut oder Böse gibt. Dies gilt für die Bewertung der drei oben genannten Bräuche der Marienschwestern, die möglicherweise jenseits ihres ursprünglichen Sinnes interpretiert wurden.

Das Buch enthält auch negative Zeugnisse von Priestern, die Pater Kentenich einst nahe standen, wie die Patres H. Schulte, H. Köster und F. Schmidt, die sich hauptsächlich auf die gleichen Dinge wie die Schwestern beziehen und weitere negative Aspekte seiner Persönlichkeit hinzufügen, wie Ungehorsam, Sturheit, Abwendung von Menschen, die ihm nahe standen. Eine gute Zusammenfassung ist das Zeugnis von Pater Köster am Ende des Buches. Es fasst vieles von dem zusammen, was auf den vorangegangenen Seiten gesagt wurde. Wir wissen, dass diese drei Priester zur Zeit der Visitation, in der pallottinischen Gemeinschaft und im Prozess der Seligsprechung große Gegner waren. Nach dem Bericht des Gründers verbreiteten sie falsche Tatsachen und Gerüchte über die moralische Integrität Pater Kentenichs, besonders unter den Pallottinern.

III Wie gehen wir mit dieser schwierigen Situation um?

Zweifellos werden diese Zeugnisse bei Menschen aus der Schönstatt-Bewegung Fragen und Zweifel hervorrufen, denn sie stehen in eindrucksvollem Kontrast zum Leben Pater Josef Kentenichs, seinem Denken, seiner Art zu handeln und zu lieben in der ganzen Geschichte Schönstatts und auch zum Zeugnis unzähliger Menschen, denen er auf ihrem Weg zu Gott geholfen hat. Es sind Männer und Frauen, Gesunde und Kranke, Jugendliche, Erwachsene und Alte, Zeugnisse, die es sicher auch in den Dokumenten des Seligsprechungsprozesses gibt. Deshalb ist meiner Meinung nach das Erste, sich in das Leben und die Schriften von Pater Josef Kentenich zu vertiefen und in das Zeugnis derer, die ihn persönlich kannten. Es gibt auch zahlreiche Biographien über Pater Josef Kentenich, darunter eine, die von jemandem geschrieben wurde, der kein Schönstätter ist (Christian Feldmann, Gottes sanfter Rebell, Patris-Verlag).

Ich bin der Meinung, dass es nicht möglich ist, so zu tun, als ob wir den Inhalt der Zeugenaussagen bewerten oder widerlegen könnten, da wir weder diejenigen sind, die dies tun können, noch die erforderlichen Informationen zur Verfügung stehen. Meines Erachtens würde eine solche Auswertung zu einem öffentlichen Meinungsaustausch über nur wenige Zeugnisse des Seligsprechungsprozesses führen, der die sich daraus ergebenden Fragen nicht klären würde. Die Vertraulichkeit des Seligsprechungsprozesses hat, wie ich bereits erwähnt habe, unter anderem den Zweck zu vermeiden, dass in der „Öffentlichkeit eine Diskussion über die Gültigkeit des Prozesses“ entsteht.
Heute eröffnet sich ein neuer Weg, dieses Thema ernsthaft und umfassend anzugehen. Während diese Zeugnisse bereits von der Historischen Kommission des diözesanen Seligsprechungsprozesses aufgearbeitet wurden, hat der Trierer Bischof Ackermann eine unabhängige Expertenkommission einberufen, zu der Historiker, Psychologen und Pädagogen gehören: „Wissenschaftler würden daher nicht nur das bereits vorhandene Dokumentenmaterial noch einmal sichten, sondern auch weiteres, bis vor kurzem nicht zugängliches Material heranziehen. „Wir wollen eine umfassende und seriöse Sicht dessen erhalten, was an Anfragen sowohl bezüglich der sittlichen Integrität als auch bezüglich der Wahrnehmung der geistlichen Autorität des Gründers von Schönstatt vorgetragen worden ist. Auf der Grundlage dieser Erkenntnisse werde ich dann entscheiden, ob das Seligsprechungsverfahren fortgeführt werden soll“, heißt es in der Pressemeldung des Bistums Trier vom 10.03.2021.

Das entspricht meiner Meinung nach dem, was aus wissenschaftlicher, ethischer und religiöser Sicht der Thematik entspricht. Damit beende ich meinen Kommentar zum Buch.
Unabhängig von dem, was gesagt wurde, ist es zweifellos die Aufgabe jeder Gemeinschaft unserer Schönstattfamilie, darüber nachzudenken, wie man diese neuen Informationen verarbeiten kann, zu hören und zu erkennen, was die Vorsehung in dieser Hinsicht inspiriert.

IVEin Kommentar zu den Überlegungen von Pedro Rosso

Pedro Rosso erwähnte in seinen Überlegungen einige Aspekte, die meine Aufmerksamkeit erregen. Darüber haben wir einen brüderlichen und respektvollen Austausch per Mail geführt, in dem wir uns nicht einig waren. Ich muss sagen, dass in Bezug auf das, worauf ich mich weiter unten beziehe, Pedro mir sagte, dass es sich nur um persönliche Erkenntnisse handelte, die er nicht für wichtig hielt. Da diese veröffentlicht wurden, halte ich es für notwendig, etwas von dem zu schreiben, was ich ihm privat gesagt habe.

Diese Überlegungen beziehen sich auf Gegebenheiten, die auf eine narzisstische Persönlichkeit bei Pater Josef Kentenich schließen lassen:

a) Eine Tendenz, sich auf sich selbst in der dritten Person zu beziehen: In der Psychologie wird angemerkt, dass dies bei narzisstischen Personen häufig vorkommt, aber sie warnen, dass dies Hypothesen sind, da jeder einzelne Fall eine eigene Analyse erfordert. Dass dies einem narzisstischen Zug bei Pater Josef Kentenich entspricht, scheint mir sehr weit von der Erfahrung derer entfernt zu sein, die mit ihm gesprochen haben. Ich glaube im Gegenteil, dass Pater Kentenich es getan hat, um das Auftauchen des Egos von vornherein zu vermeiden und seine väterliche Haltung zu betonen. Ich glaube das, weil ich es in meinen zahlreichen Gesprächen mit ihm erlebt habe.

b) die Unfähigkeit, den Schmerz zu erkennen, den er durch seine Worte und Taten in anderen verursacht hat: Hier ist ein Teil des Zeugnisses von Pater Köster im Seligsprechungsprozess wiedergegeben. Diese Aussage kann leicht durch zahlreiche Beispiele und Zeugnisse widerlegt werden, die zu zitieren nicht notwendig ist.

c) „Kult um seine Person zulassen und sogar fördern„: Dies ist eine mögliche Interpretation, die für mich aus dem Kontext herausgerissen ist. Der Platz Pater Josef Kentenichs in der Schönstattfamilie, nicht nur als Gründer, sondern auch als Vater, hat sich besonders in Dachau und später entwickelt. Davor ließ Pater Josef Kentenich nicht zu, dass Fotosvon ihm gemacht wurden oder anderes, doch erkannte er, dass es hier eine Stimme Gottes für die Zeit gab. Zweifellos kann es zu Fehlinterpretationen kommen, ich habe das mit ihm selbst besprochen. Das zugrundeliegende Thema ist die Bedeutung der Zweitursache und der Vaterschaft in der heutigen Kultur. Deshalb denke ich, dass es eine prophetische Vision von Pater Josef Kentenich ist, wenn wir das gegenwärtige Panorama der Kirche und der Welt betrachten. Es ist ein sehr aktuelles Thema, das die Päpste Benedikt und Franziskus betont haben, indem sie darauf hinwiesen, dass die Krise der Vaterschaft eines der großen Übel in der Kirche und in der Welt von heute ist. Das hat nichts mit einer patriarchalischen Auffassung von Vaterschaft zu tun, wie Pater Josef Kentenich und beide Päpste betonten. Es genügt, das Evangelium und die Gebete der Liturgie zu lesen, um die Zentralität der Vaterschaft zu erkennen. Pater Josef Kentenich hat immer wieder betont, wie wichtig die Urerfahrungen der Vaterschaft in der Familie und später in den Gemeinschaften sind, um die wahre Gottesebenbildlichkeit, die uns Jesus Christus bringt, lebendig zu erkennen.

d) „Übertreibung seiner eigenen Leistungen („Im Schatten dieses Heiligtums werden die Geschicke der Kirche und der Welt für Jahrhunderte mitentschieden werden“): Dies ist eine verständliche Interpretation, wenn man sie isoliert betrachtet, aber falsch, wenn man den Kontext der Geschichte berücksichtigt. Zunächst muss gesagt werden, dass Pater Josef Kentenich das Heiligtum oder das Schönstattwerk nie als eine persönliche Leistung betrachtet hat, denn das hieße, nichts von der Geschichte Schönstatts zu verstehen. Er suchte immer nach Zeichen, um überzeugt zu sein, dass Schönstatt ein ganz besonderes Werk Gottes ist, um auf die Nöte der Zeit zu antworten. Was den Einfluss betrifft, den Schönstatt über Jahrhunderte auf die Kirche haben wird, wird die Geschichte sprechen müssen. Zweifelsohne  gibt es bis heute keinerlei Einfluss Schönstatts auf Welt und Kirche, der der Intensität dieses Satzes enspricht. Was mir klar ist, ist, dass das Charisma Schönstatts, besonders nach dem Zweiten Vatikanischen Konzil, in verschiedenen Formen im Leben der Kirche und verschiedener Gemeinschaften erscheint, durch das Wirken des Heiligen Geistes. Beispiele dafür sind: die Wertschätzung alles Menschlichen und seine Beziehung zum Übernatürlichen, die Bedeutung der Freiheit in der Erziehung und die Notwendigkeit, die Gesamtheit der Person zu erziehen, nicht nur den Intellekt und den Willen, die Rolle der Laien und ihre Autonomie, neben anderen Themen. Der Heilige Geist weht, wo er will.

e) „Die Übertreibung seiner Talente, wie z.B. dass er sich für einen Propheten hält und mit völliger Überzeugung von seiner ‚prophetischen Sendung‘ spricht und andere Situationen, die an eine ständige Erwartung von Lob und Bewunderung denken lassen. Eine Persönlichkeitsstörung dieser oder anderer Art kann zweifelsohne abnormales Verhalten hervorrufen.“ Zweifellos war Pater Josef Kentenich überzeugt, dass er eine prophetische Sendung hatte. Darüber lässt sich streiten, wie bei allen großen Gründern, die auf ihre Zeit reagierten. Ich und die Mehrheit der Schönstätter glauben, dass sein Charisma prophetisch für unsere Zeit war. Mit mehr Abstand werden wir dies zu schätzen wissen, die Geschichte muss sprechen. Wenn dies nun von dem Wunsch beeinflusst wäre, Lob zu suchen, könnte nichts weiter von seiner Haltung, seinen Schriften und meiner eigenen persönlichen Erfahrung mit Pater Josef Kentenich entfernt sein.

VEine weitere Frage, die durch dieses Buch in der Schönstattfamilie kursiert: Was war der Grund für seine Verbannung und warum wurde das geheim gehalten?

In Bezug auf die Ursache für seine Trennung vom Werk und die Verbannung ins Exil bleiben Fragen offen. Wir wissen, dass der Brief vom 31. Mai (Epistula Perlonga) an den Diözesanvisitator, Bischof Stein, als Antwort auf seinen „Bericht“ bei ihm und den deutschen Bischöfen sehr schlecht aufgenommen wurde. Auch beim Visitator des Heiligen Offiziums, Pater Sebastian Tromp, kam es nicht gut an und er ordnete an, diesen zu vernichten. Welches Gewicht hatte dies bei der Entscheidung, ihn ins Exil zu schicken? Das wissen wir nicht. Aber zweifelsohne spielten auch andere Dinge eine Rolle. Nach allem, was wir bisher wissen, fand der Visitator die Beziehungen von Pater Josef Kentenich zu den Marienschwestern sehr schlecht. Speziell das Thema des „Brauchtums“, der körperlichen Haltungen und das „Kindesexamen“. Er verbot dies alles und ließ die Quartener Vorträge von 1950, die die wahre Bedeutung dieser Bräuche erklären, verbieten. In den Schriften des Gründers und von ihm nahestehenden Personen wird erwähnt, dass der Haupteinwand des Visitators eine Interpretation dieser Bräuche im Lichte der Psychoanalyse Freuds in ihrer pansexualistischen Vision gewesen wäre. Dies ist ein Thema, das detaillierter untersucht und dokumentiert werden sollte. Pater Josef Kentenich war überzeugt, dass dies die Hauptursache für seine Distanzierung vom Werk war. Von dieser Anschuldigung erfuhr er erst am Ende seines Exils. Es gibt keine Dokumente über Vorwürfe, die seine moralische Integrität in Zweifel ziehen. So sehr, dass weder der Visitator noch die Schwestern, die ihn beschuldigten, diese in Frage stellten. Ein Brief von Pater Turowski an den Heiligen Vater, der auch von von Teuffenbach zitiert wird, bezeugt das: „Umso wichtiger scheint mir die diesbezügliche Feststellung zu sein, die der Visitator nach dem Verhör dieser Schwester (das Zustandekommen dieses Verhörs habe ich selbst veranlasst) mir gegenüber in Anwesenheit von Pater Wilhelm Möhler, S.A.C., machte: „Aber das  muss ich sagen: Alle Schwestern, die je etwas gegen Pater Kentenich ausgesagt haben, verteidigen unisono die Integrität Pater Kentenichs.“ [3]

Solange es keine Informationen gibt, bleibt die Frage, inwieweit die Vorwürfe der Schwestern die Entscheidung des Visitators beeinflusst haben.

Damit zusammenhängend stellt sich die Frage, warum einige dieser Fakten geheim gehalten wurden. Hier ist es wichtig, den Leuten zuzuhören, die diese Meinung haben, und genauer zu sagen, was konkret geheim gehalten wurde. Um dies zu verdeutlichen, hilft es, sich auf das zu beziehen, was wir gerade über die Ursachen des Exils gesagt haben. Ich kann sagen, dass ich in meinen Zeugnissen über Pater Josef Kentenich oft auf diese Anschuldigungen und Interpretationen von Pater Tromp bezüglich der Psychoanalyse und des Pansexualismus vor Laien aus verschiedenen Gliederungen der Bewegung hingewiesen habe. Aber Tatsache ist, dass im Allgemeinen kein großes Interesse bestand, tiefer in das Thema einzusteigen. Ich denke, es lag daran, dass das Heilige Offizium und der Papst Pater Josef Kentenich im Dezember 1965 von allem entbunden hatten und es keinen Sinn hatte, die Angelegenheit weiter zu verfolgen. Da Pater Josef Kentenich nicht, wie von ihm gewünscht, einen Prozess bekam, bleibt es leider ein schwebendes Thema, das noch dokumentiert werden muss.

Was geschah bei der Sitzung des Heiligen Offiziums im Dezember 1965? Bekannt ist, dass das Heilige Offizium die Sache Pater Josef Kentenichs an die Religiosenkongregation übertrug, wodurch die Dekrete wirkungslos wurden. Man könnte meinen, dass sich das Heilige Offizium wegen der Art und Weise, wie es gehandelt hat, ausdrücklich zurückziehen und sich dafür entschuldigen musste, nicht gut gehandelt zu haben. Mehr Informationen werden verfügbar sein, wenn die Dokumente von damals freigegeben werden. Sicher ist, dass Pater Kentenich nach Rom, nach Schönstatt zurückkehren und alle seine Funktionen in der Bewegung, bei den Marienschwestern übernehmen konnte und von Papst Paul VI. in Audienz empfangen wurde. All dies ist wohlbekannt.

Zum Abschluss dieser Überlegungen lohnt es sich, festzuhalten, was Pater Josef Kentenich über das Vorgehen des Heiligen Offiziums in Bezug auf die Vorwürfe geschrieben hat: „Es ist zu befürchten, dass der ganze Fall – wenn er in seiner nackten Realität im kirchlichen Umfeld bekannt wird – dem Heiligen Stuhl vielfachen Schaden zufügen wird. Vor allem könnte es dazu dienen, die Unzufriedenheit mit dem Heiligen Offizium zu erhöhen, die ohnehin nicht gering ist, weil der Angeklagte nie über die Anschuldigung informiert, geschweige denn angehört, sondern einfach und ohne weiteres verurteilt wurde“.

Es ist möglich, dass dies einen Einfluss auf die mutige und berühmte Rede hatte, die Kardinal Frings, der den Fall Pater Josef Kentenich kannte, bei der Sitzung des Zweiten Vatikanischen Konzils im November 1963 hielt. In Bezug auf das Heilige Offizium sagte er: Die oberste Vatikanbehörde, Nachfolgerin der mittelalterlichen Inquisition, habe der Kirche schweren Schaden zugefügt und sei für Nichtkatholiken ein „Ärgernis“. Rechtgläubige Gelehrte würden verurteilt, ohne angehört zu werden; ohne Angabe von Gründen würden theologische Bücher verboten. Applaus in der Konzilsaula – und der brüskierte Behördenchef Ottaviani rang sichtlich um Fassung.[4]  Hoffen wir, dass sich dies in der Kirche nicht wiederholt.

VISchlussfolgerung

Heute denke ich, dass die Herausforderung darin besteht, den Dienst an der Kirche zu übernehmen, so wie es Pater Josef Kentenich Paul VI. versprochen hat, dort an den Orten, wo die Vorsehung uns hingestellt hat, unseren Einsatz zu verdoppeln mit viel mehr Großzügigkeit und Aktion als bisher. „Er liebte die Kirche“, lautet die Grabinschrift auf dem Grab Pater Kentenichs. Dafür hat Gott die Gründung Schönstatts inspiriert.

Unsere Überzeugung ist, dass ganz Schönstatt aus dem Liebesbündnis entstanden ist, alles ist das Werk Mariens, der Mutter des Herrn, um auf die Bedürfnisse der Zeit zu antworten. Wir wiederholen ihr, die die Gründerin ist: „Nichts ohne Dich, nichts ohne uns“, das ist Deine Mission, verherrliche dich!

 

[1] Anstelle eines Vorwortes in „Vater darf das“, S. 8
[2] Brief an Sandro Magister, August 2020
[3] Vater darf das, S. 123
[4] Hier wiedergegeben aus: https://www.domradio.de/themen/zweites-vatikanisches-konzil/2013-11-08/vor-50-jahren-kardinal-frings-greift-die-roemische

Patricio Ventura Juncá

Patricio Ventura Juncá

Patricio Ventura Juncá, Arzt, spezialisiert auf Pädiatrie und Neonatologie, Diplom-Philosoph. Professor und Ehrenmitglied der medizinischen Fakultät der Katholischen Universität von Chile. Ehemaliger Leiter der Abteilung für Pädiatrie und ehemaliger Direktor der Abteilung für Bioethik der Katholischen Universität. Ordentliches Mitglied der Akademie für das Leben, ernannt von Papst Johannes Paul II. und Mitglied des Verwaltungsrates für fünf Jahre.

Mitglied der Apostolischen Schönstatt-Bewegung seit 1954. Er traf P. Kentenich 1963 in Milwaukee. Mitglied des Apostolischen Familienbundes von 1972 bis heute mit seiner Frau Maria Dominguez Covarrubias.

 

 

 

 

Original: Spanisch, 10.04.2021. Übersetzung: Maria Fischer @schoenstatt.org

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