Veröffentlicht am 2020-07-17 In Kentenich

Mein Zeugnis zu den Vorwürfen der Theologin Alexandra von Teuffenbach

Von Patricio Ventura Juncá, Chile •

Die im Artikel der Theologin Alexandra von Teuffenbach enthaltenen Vorwürfe des Macht- und sogar des sexuellen Missbrauchs gegen unseren Gründer, Pater Josef Kentenich, haben zu Recht die Aufmerksamkeit und Besorgnis aller Mitglieder der Schönstattfamilie geweckt. Ich habe mit besonderem Interesse gelesen, was bisher vom Generalpräsidium, dem Obern der Schönstatt-Patres in Spanien, den Marienschwestern und in verschiedenen Artikeln und Kommentaren von Laien geschrieben worden ist.—

Für diejenigen, die diese Anschuldigungen im Hinterkopf hatten, war es keine große Überraschung; andererseits haben sie bei denen, die sie überhaupt nicht kannten, und das ist die überwältigende Mehrheit der Schönstätter, Zweifel und Interesse daran geweckt, die Wahrheit zu erfahren. Ermutigt durch Personen aus unserer Jugend und Ehepaare, die von meiner Begegnung mit Pater Kentenich in Milwaukee in den Monaten Januar und Februar 1964 wissen, einer Zeit, in der die Beziehung zwischen dem Gründer und dem Heiligen Offizium in größter Spannung war, gebe ich dieses Zeugnis, um an der Aufklärung der Sachlage mitzuwirken.

Die Vorsehung wollte es so, dass ich als Schönstatt-Seminarist in der pallottinischen Gemeinschaft Ende 1963 mit Pater Aquiles Rubin, einem Brasilianer, nach Milwaukee reiste und bis Anfang März 1964 in der Pfarrei Holy Cross, wo Pater Kentenich war, lebte. Ich erhielt von meinen Vorgesetzten die Erlaubnis, diese Reise zu unternehmen mit der Idee, mein Studium der modernen Philosophie an der Marquette University (Milwaukee) zu vertiefen. Mein eigentliches Ziel war es jedoch, den Gründer kennen zu lernen und mit ihm über meine Berufung und über die verschiedenen Interpretationen der Sendung des 31. Mai zu sprechen, die damals in der Schönstattfamilie gehandelt wurden. Meine persönliche Erfahrung mit dem Vater und Gründer, das Wichtigste meines Aufenthaltes, habe ich bei mehreren Gelegenheiten in der Schönstattfamilie erzählt.

Auf jeden Fall möchte ich auf einige Aspekte der Atmosphäre hinweisen, die ich mit dem Gründer erlebt habe. Das Beeindruckendste war für mich die Begegnung mit einem Menschen, der mir, wie nie zuvor, die Nähe Gottes vermittelt hat, und zwar als nahen, weisen und barmherzigen Vatergott. Pater Kentenich strahlte viel Leben, Freude und eine ansteckende Freiheit aus, die ich zutiefst erlebte. Was mir passiert ist, ist das, was ein Anwalt aus Lyon erzählt, als er den Pfarrer von Ars traf: „Ich habe Gott in einem Menschen gesehen“. In Pater Kentenich begegnete mir eine einfache und weise Person, mit der ich täglich in seiner Messe, beim Frühstück und auch in einigen Gesprächen zusammen war. Ich fragte ihn, was immer mir einfiel. Pater Kentenich hörte sich alles an und half mir in meiner Berufung und spirituellen Entwicklung und, mit viel Respekt und Weisheit, in meinem Prozess, mein persönliches Ideal zu finden. Das hat mich für immer geprägt und war der Schlüssel, um mit Zuversicht die Aufgaben zu übernehmen, die mir die Vorsehung in allen Bereichen meines Lebens, in meiner Familie, bei der Arbeit, in der Bewegung und in der Kirche gezeigt hat.

Aus meinem Interesse, die Geschichte und die zentrale Bedeutung der Sendung des 31. Mai zu verstehen, kam mir ein Text des Vaters und Gründers in die Hände (zur Verfügung gestellt vom Pfarrer von Holy Cross, Pater Joseph Haas) mit dem Titel: „Über die Apostolische Visitation“. Darüber konnte Pater Kentenich wegen des Verbots des Heiligen Offiziums nicht sprechen. Das Dokument war auf Deutsch, Pater Aquiles übersetzte es für mich und ich machte mir Notizen. In diesem Dokument, das der Gründer verfasst hat, erfuhr ich über das Thema der Anschuldigungen des Visitators, Pater Sebastian Tromp, gegen Pater Kentenich und seine Lehre. Um zu verstehen, wie es zu solchen Anschuldigungen kam und worauf Pater Kentenich in diesem Dokument reagierte, ist es unerlässlich, zunächst den historischen Kontext zu kennen, warum es zur Apostolischen Visitation kam, was die Schlussfolgerungen des Visitators waren, ihre Konsequenzen und welche Antwort Pater Kentenichs darauf gegeben hat. Ich werde dies tun, indem ich aus diesem Dokument nur die relevantesten Texte zitiere, die das Verständnis des Themas erleichtern, das auf dem Tisch lag, d.h. die Anschuldigungen des Visitators. Die aus dem Dokument des Gründers zitierten Texte sind kursiv und mit Einrückung versehen.

Wie es zur Diözesanen und anschließend zur Apostolischen Visitation kam

Den Ursprung der diözesanen Visitation erklärt Pater Kentenich aus der Geschichte:

„Bis 1945 ging Schönstatt – abgesehen von normalen Spannungen mit der kirchlichen Öffentlichkeit – ruhig seinen Weg. Seit 1945 ist das anders geworden. Der Grund dafür ist folgender: Die Art, wie die Gottesmutter das Werk durch die nationalsozialistischen Wirren und Verfolgungen siegreich hindurchgeführt hat, wurde von der Familie als endgültiger Beweis dafür gedeutet, dass es in den Plänen Gottes per eminentiam als sein Werk lebte, das er offensichtlich benutzen wollte, um die Sendung der Gottesmutter bei Gestaltwandlung von Welt und Kirche im Sinne des neuen Zeitenufers möglichst vollkommen zu erfüllen.

Daraus ergab sich ein doppelter Schluss: Gott will, dass die Familie aus dem Hintergrunde hervortritt. 

Das besagt im einzelnen:

Erstens – dass sie sich mit ihrer dreigliedrigen Zielgestalt, mit ihrer originellen Geistigkeit und ihrer äußeren universellen Struktur dem deutschen Episkopat zeigt und um offizielle Anerkennung bittet. (…) So kam es, daß das Werk die Aufmerksamkeit des Episkopates schnell so stark auf sich zog, daß eine bischöfliche Kommission zum Studium Schönstatts eingesetzt wurde. Letztlich erbat der Gründer sich vom Trierer Ordinariat eine weitere Studienkommission, die in Schönstatt an Ort und Stelle in alles Einblick nehmen sollte. Es sei selbstverständlich, daß alle Karten offen auf den Tisch gelegt würden.

Der Vorschlag wurde in dieser Form angenommen, aber im allerletzten Augenblick in eine offizielle Visitation umgewandelt.

 Zweitens – dass sie Recht und Pflicht hat, sich um internationale Geltung zu bemühen und sich zu einer Internationale auszuweiten. (…) Das zweite Ziel (Gründung der Schönstätter Internationale) führte den Gründer seit 1947 fast dauernd in überseeische Länder: nach Nord- und Südamerika und nach Südafrika. 

Das ist, so Pater Kentenich, der Auslöser der Bischöflichen Visitation.

Nach der Entwicklung des zitierten Textes stellt sich die wichtige Frage, die es zu beantworten gilt:

Was war das Ergebnis der Diözesanen Visitation?

“Die Erwartungen, die an die bischöfliche Visitation geknüpft waren, waren recht unterschiedlich. Dem Visitator kam es als Exponent und Beauftragter des Gesamtepiskopats darauf an, festzustellen, ob bei den Schwestern in Lehre und Leben alles in Ordnung sei.

Das wurde im wesentlichen zugestanden und erreicht.

Das genügte jedoch dem Gründer nicht (Hier spricht Pater Kentenich von sich in der dritten Person). Er war glücklich, eine offizielle Gelegenheit zu haben, sein letztes und tiefstes Anliegen vorzubringen und den Visitator und durch ihn seine Auftraggeber dafür zu gewinnen.“

Es ging ihm um das Anliegen des organischen Menschen:

„So wird die nova creatura im Sinne des neuesten Zeitenufers als Antwort auf die modernen Zeitströmungen der organisch strukturierte Mensch, der alle gottgewollten Bindungen in Natur- und Gnadenordnung zu Gott und Kreatur hin von innen aus bejaht, in möglichst harmonische Verbindung zueinander bringt und möglichst vollkommen zu verwirklichen trachtet. Je weniger sich in heutiger Kulturlage äußere Bindungen als tragfähig und gesichert erweisen, desto stärker wird der umschriebene innere Bindungsorganismus zu pflegen sein, der fähig ist, die Seele tief in Gott wurzeln und verwurzeln zu lassen und mit einer unverrückbaren Standfestigkeit und einzigartigen religiösen Dynamik auszustatten. Das beweist das Bild der Schönstattbewegung. Damit ist in allgemeinen Umrissen das große Anliegen genannt – es ist dasselbe, das das Konzil gegenwärtig in Bewegung hält -, das der Gründer durch die bischöfliche Visitation nach oben verständlich weitergeben und so publici iuris machen wollte. (…)

Redlich bemühte sich der Gründer schon während der bischöflichen Visitation, sein Herzensanliegen, das in gleicher Weise als Anliegen der Braut Christi anzusehen ist, dem Visitaror geistignäher zu bringen. Es geschah ohne Erfolg. Ein zweites Mal machte er in tiefgründiger und weit ausholender Weise denselben Versuch in einer offiziellen Antwort an den Bischof von Trier auf den offiziellen Visitationsbericht. Das geschah nicht nur ohne Erfolg, sondern vielmehr mit entgegengesetzter Wirkung.“

In dem Dokument geht Pater Kentenich dann in großer Ausführlichkeit auf dieses Thema ein, das einem Schönstätter meiner Meinung nach bekannt sein sollte. Hätte Pater Kentenich die kleinen Beobachtungen des Visitatos einfach stillschweigend akzeptiert, wäre wahrscheinlich nichts weiter geschehen und die Apostolische Visitation und das Exil wären vermieden worden.

„Redlich bemühte sich der Gründer schon während der bischöflichen Visitation, sein Herzensanliegen, das in gleicher Weise als Anliegen der Braut Christi anzusehen ist, dem Visitaror geistignäher zu bringen. Es geschah ohne Erfolg. Ein zweites Mal machte er in tiefgründiger und weit ausholender Weise denselben Versuch in einer offiziellen Antwort an den Bischof von Trier auf den offiziellen Visitationsbericht. Das geschah nicht nur ohne Erfolg, sondern vielmehr mit entgegengesetzter Wirkung.  (…)Zur Frage nach den erzielten Erfolgen der bischöflichen Visitation ist nicht viel zu sagen. Anstatt daß die Verhältnisse sich entwirrten und klärten, verknoteten sie sich scheinbar in völlig unlösbarer Weise. Man war verletzt über Anklage und Beweis, daß weiteste kirchliche Kreise in Deutschland von mechanistischer Geistigkeit angekränkelt seien und wähnte sich berechtigt und verpflichtet, eine offizielle Anklageschrift beim Heiligen Offizium einzureichen. So folgte auf die bischöfliche die apostolische Visitation.

In diesem Zusammenhang wird die Ansprache vom 31. Mai 1949 eingefügt, die eine Vorahnung dessen ist, was geschehen würde. Ich zitiere aus dem Vortrag: „Wir müssen aber damit rechnen, daß die Arbeit in der Heimat edle Herzen tief verwundet, daß sie helle Empörung weckt und machtvoll ausholende Gegenschläge veranlaßt. Wir dürfen uns nicht verwundern, wenn sie eine stark geschlossene gemeinsame Gegenfront einflußreicher Männer gegen mich und die Familie auf den Plan ruft. Menschlich gesprochen müssen wir endlich damit rechnen, daß der Versuch gänzlich mißglückt. Und trotzdem dürfen wir von dem Wagnis uns nicht dispensiert halten. Wer eine Sendung hat, muß sie erfüllen, auch wenn es in den dunkelsten und tiefsten Abgrund geht, auch wenn Todessprung auf Todessprung verlangt wird. Prophetensendung schließt immer Prophetenlos in sich.“

Die Apostolische Visitation und ihre Ergebnisse

“Zunächst muß wiederum festgestellt werden, daß das eigentliche Anliegen des Angeklagten an der obersten Bewachungsstelle über Glauben und Sitten (die vorzüglich dafür verantwortlich ist, daß die Kirche in den jeweiligen Zeitabschnitten „Säule und Grundfeste der Wahrheit und Gerechtigkeit“ ist und als solche hell aufleuchtet bei allen, die guten Willens sind, und anerkannt wird) ebensowenig verstanden und aufgenommen worden ist. Das mag mit großem Bedauern konstatiert werden. Offensichtlich hat jedoch das Heilige Offizium in diesem Fall das vorgelegte Problem nicht in Angriff nehmen wollen. Worin die Gründe dafür zu suchen sind, entzieht sich unserer Kenntnis.

Vielleicht jedoch wird das jetzt anders, nachdem das Konzil praktisch und letztlich dieselben verwickelten Probleme beschäftigen.

Recht aufschlußreich ist in diesem Zusammenhang die Tatsache, daß der apostolische Visitator alle greifbaren Schriften hat beseitigen lassen, die Schönstatts originelles Sein und seine Sendung ausführlich darstellen. So ist es geschehen mit den Quartener Vorträgen, die das Brauchtum der Schwestern erklären. So auch mit der „Antwort“ auf den offiziellen Bericht des bischöflichen Visitators über die von ihm vollzogene Visitation. Die „Antwort“ beschäftigt sich tiefgründig und weitausholend mit dem modernen Krankheitsbazillus des mechanistischen Denkens und mit den Nestern, in die es sich im germanischen Kulturraum festgesetzt hat.

Offenbar ging es dem Visitator darum, Schönstatt einzuebnen, das heißt: auf die Ebene der religiösen Bewegungen herabzuziehen, die sich in der Hauptsache am alten Ufer orientieren und für das neueste Zeitenufer und den dadurch mitbestimmten Gestaltwandel von Welt und Kirche wenig Sinn haben und sich dafür nicht berufen wähnen.“

 Das Kindesexamen und seine richtige Interpretation

Es war das zentrale Thema der Ausführungen des Visitators und wird von Alexandra von Teuffenbach aufgegriffen, die auch ihre eigene Interpretation liefert.

Pater Kentenich verweist zunächst auf die wahre und dann auf die falsche Interpretation.

“Das wahre Gesicht entschleiern die Quartener Vorträge sehr deutlich in einer umfangreichen Darstellung von 210 Seiten. Der ganze Zyklus umschreibt langsam durch Vortrag um Vortrag die verlangte Grundeinstellung. Er gipfelt letzten Endes zunächst in der Erklärung, daß das Examen eine sinngemäße Wiederholung des Liebes- und Demutsexamens ist, das der Apostelfürst vor Übertragung des Primats ablegen mußte.

Sodann wird festgestellt, daß das Examen als Blüte und Frucht einer langjährigen Liebeserziehung aufzufassen ist. Im einzelnen umfaßt es vier Fragen und vier Antworten:

Wem gehört das Kind? – Dem Vater.

Was darf Vater mit dem Kinde tun? – Alles.

Was ist Vater für sein Kind? – Alles.

Was ist das Kind für Vater? – Sein kleines Nichts und deshalb sein Alles.“

Pater Kentenich nimmt dazu ausführlich Stellung, weist aber gleichzeitig darauf hin, dass dies alles in den Quartener Vorträgen (Schweiz) vertieft wird.

Aus diesem Grund kopiere ich nur einige Absätze des Dokuments, das ich zitiere:

“Wer den Organismusgedanken tief in sich aufgenommen hat und echt katholisch denkt, wer zumal das 4. Gebot richtig zu deuten weiß, ist sich von vornherein klar darüber, daß hier allezeit primär und essentialiter der ewige Vatergott gemeint ist, dem die Kreatur im Vollsinn des Wortes gehört; daß jedoch gleichzeitig sekundär, reduplicative und secundum quid die irdische Vatergestalt mitgemeint ist, sofern sie teilnimmt an göttlicher Autorität.
Die ganze langjährige Erziehung der Schwestern hat zielstrebig darauf hingearbeitet, daß auf der ganzen Linie Erst- und Zweitursache immer in organischem Zusammenhang mitgesehen und mitgemeint wird. Das gilt per eminentiam in diesem Fall, weil die ganze Erziehung in einer Weise patrozentrisch ausgerichtet ist, wie das gegenwärtig schwerlich irgendwo anders zu finden ist. Darum schwingt bei den so erzogenen Schwestern beim Wort Vater stets eine ganze Welt mit und – weil der Organismusgedanke so tief gelebt wird – assoziiert das Wort Vater immer beides: Beides aber in der rechten Weise und im rechten Verhältnis miteinander.

Göttliches Urbild und menschliches Abbild werden allezeit als eine organische Ganzheit empfunden, beachtet und gelebt. Was an sich bei einer Erziehung, die so organisch ausgerichtet ist, als Selbstverständlichkeit vorauszusetzen und zu werten ist, wird zum Überfluß bei Erklärung des Brauchtums in stetig wechselnder Wiederholung bald in dieser, bald in jener Form solange unausgesetzt neu vertieft, bis eine fest verwurzelte Dauerhaltung erzielt ist, die schlechthin das ganze Lebensgefühl beherrscht.

Es wird als bekannt vorausgesetzt, daß das Examen – um es vor Mißbrauch zu schützen – in der Familienplanung für alle Zeit nur dem letzten Elternprinzip vorbehalten sein sollte: also nur dem Paterfamilias und der Materfamilias oder dem Generalobern oder der Generaloberin. Nur vor diesen beiden durfte es abgelegt werden, und nur sie durften es entgegennehmen. (Es geht darum, dass dieser Brauch von denen durchgeführt wird, die seinen wirklichen Sinn als kindlichen Hingabe an Gott den Vater verstehen.)

Das alles kann offensichtlich nicht häufig genug betont werden – schon deshalb nicht, weil es die spezifische Originalität unserer Geistigkeit darstellt. Hingabe an den Vatergott ist und bleibt letzter Ruhepunkt und Zielpunkt unserer Spiritualität: Mag es sich dabei um Bündnis-, um Werktags- oder Werkzeugsfrömmigkeit handeln. Der Vatergott ist und bleibt für die Familie schlechthin der archimedische Punkt, um den sich die ganze Familie in ihren Lebensäußerungen dreht. Erst von da aus ist unser Brauchtum, und alles, was damit zusammenhängt, ist alles, was vorausgeht und nachfolgt, verständlich.

Wer das gebührend vor Augen hält und die organische Verbindung zwischen Erst- und Zweitursache allezeit richtig miteinkalkuliert, versteht auch ohne weiteres die Lösung der Fälle, in denen es sich um Organbefangenheit und um ihre Einbeziehung in das Kindesexamen handelt. Es geht also um die Dinge, die ohne Grund so ungemein viel Staub aufgewirbelt und viel Leid verursacht haben. Sie sind in einer Weise falsch gedeutet worden, wie es nur möglich ist, wenn sie gänzlich und widerrechtlich aus der Atmosphäre herausgelöst werden, in der sie geworden und aus der heraus sie legitimiert sind.

Der Klarheit halber beachte man: Es handelt sich gar nicht um sexuelle Dinge, also nicht um Versuchungen auf diesem Gebiete, noch viel weniger um Entgleisungen irgendwelcher Art. Es geht vielmehr lediglich um Befangenheit den eigenen, den persönlichen Organen gegenüber.
Um die Lösung zu verstehen, vergegenwärtige man sich, wie gute katholische Eltern in solcher Lage bei derselben Begrenztheit und Ungeschicklichkeit vorzugehen pflegen. Ohne viel Umschweife machen sie das Kind darauf aufmerksam: Gott hat die Organe geschaffen, darum sind sie gut. Aus demselben Grunde gehören sie ihm auch. Befangenheit oder seelische Bedrängnis ist deshalb nicht am Platze. Die Gottesmutter hat die Organe, weil sie ganz Mensch und ganz Frau gewesen, auch ihr eigen genannt. Dasselbe gilt vom Heiland in seiner Weise. Wir Eltern sind Stellvertreter Gottes für dich. Er sagt dir deshalb durch uns, wie du über die Organe zu urteilen, wie du sie zu bewerten, zu behandeln hast. Wo das richtige Grundverhältnis zwischen Eltern und Kindern – wie oben dargestellt – vorhanden ist und wo es in das übernatürliche Glaubenslicht hineingerückt lebt und webt, ist mit diesem aufklärenden und verklärenden Wort gemeiniglich der Fall ein für alle Mal erledigt. Das ist dorten besonders zu erwarten, wo man ganz allgemein in der Erziehung sich erfolgreich bemüht hat um die rechte Anwendung des Gesetzes der glaubensmäßigen Durchsichtigmachung alles Geschöpflichen und Geschlechtlichen.“

Das Kindesexamen umfasst die vier oben genannten grundlegenden Fragen. In Pater Kentenichs Vortrag spricht er aber auch über die Zugehörigkeit des Körpers und seiner Organe. Im Brief von A. von Teuffenbach werden weitere Fragen genannt, über die ich keine Informationen finde. Im Gegenteil, ich habe eine stichhaltige Referenz von Schwester Doria Schlickmann, die kürzlich in einem Interview zu der Frage veröffentlicht wurde, in der es heisst: wem gehört die Brust, was in den Medien reichlich wiederholt wird. Darauf antwortet die Schwester, ich zitiere:[1]

„Auch das wird in den Medien verzerrt und falsch veröffentlicht. Jeder, der dies liest, wird sicherlich denken: Das ist absurd!

Diese Frage bezieht sich nur auf einen Fall. Die Schwester hatte eine sehr ausgeprägte Angststörung bezüglich ihrer körperlichen Erscheinung und versuchte daher verzweifelt, ihre weiblichen Formen so weit wie möglich zu verbergen. Es ist anzumerken, dass die Erziehung der Mädchen damals oft zu sexueller Erregung und Prüderie führte. Pater Kentenich machte ihr klar, dass sie von diesem Zwang besessen war und sie von ihm befreien wollte. Damit wollte er ihr deutlich machen, dass Gott sie ganz so angenommen hatte, wie sie war.

Die Interpretation des Visitators

“Nachdem das wahre Gesicht des Kindesexamens rassenrein und farbenprächtig im Glanz hochgradiger Liebe und Demut und unberührter Reinheit objektiv gezeichnet und verständlich gemacht worden ist, fällt es nicht sonderlich schwer, seine Verzeichnungen und Fälschungen ohne viel Umschweife und langes Gerede festzustellen und zu kennzeichnen.

Von autoritativer Seite verkündet man es ja klar und deutlich, man sorgt dafür, daß es die Spatzen vielerorts vom Dache pfeifen. Danach soll das gesamte Brauchtum Tochter und Frucht der Psychoanalyse in ihrer schmutzigsten pansexualistischen Form und Gestalt sein. Es handelt sich füglich um Fehlhandlungen, noch mehr, um eindeutige Abirrungen von katholischer Denk-, Lehr- und Lebensweise großen und größten Stils. Schlimmer kann man das Brauchtum wahrhaftig nicht mißverstehen, tödlicher eine Gemeinschaft nicht treffen und verwunden und auf solche Weise unmöglich machen, in der solche Giftblüten wachsen und massenhaft gedeihen.

Wie es möglich ist, zu einer solchen Diagnose zu kommen, ist mit dem besten Willen nicht zu ermitteln. Noch weniger ist es zu verstehen, und am allerwenigsten zu rechtfertigen.

Die objektive Darstellung des Kindesexamens anhand der Quartener Vorträge gibt doch wahrhaftig dazu nicht den geringsten Anlaß. Sie sind im Gegenteil ein Dokument von seltener Reinheit des Herzens und beseelter Unberührtheit der ganzen Persönlichkeit. Wo kann man da, sofern man objektiv denkt und urteilt, auch nur den geringsten Ansatzpunkt für den Verdacht auf Psychoanalyse finden! Dazu kommt, daß der Angeklagte vor breitester Öffentlichkeit in Kursen und Vorträgen allezeit eindeutig Stellung gegen Freud und alle seine Nachbeter gehalten hat. Ungezählte Nachschriften kursieren seit Jahr und Tag im In- und Ausland in weitesteten Kreisen. Wohl hat der Angeklagte sich um das Anliegen bemüht, das hinter all diesen modernen Strömungen sichtbar ist. (…)

Schließlich darf man auch fragen, wie es zu erklären ist, daß Schönstatt anerkanntermaßen Führergestalten in allen Ständen und Klassen der Kirche zur Verfügung gestellt hat, wenn seine ganze Erziehungsweise auf solch brüchigem Fundament aufruht.“

Ursachen für diese Interpretation

„Es fragt sich, wer die Ursache für solch bedenkliche Verzeichnung objektiv eindeutiger Sachverhalte ist? Was die gedrängten Hinweise bereits deutlich nahelegen, will nunmehr klar und unmißverständlich formuliert werden.

Die Antwort lautet: Der apostolische Visitator ist es selbst; er ist es allein und ausschließlich, der das Bild des Kindesexamens uneingeschränkt mit der Psychoanalyse in ursächlichen Zusammenhang gebracht hat.

Auf den ersten Blick macht es bereits stutzig, wie er die Anwendung des Examens auf einen speziellen, überaus selten vorkommenden Ausnahmefall so verallgemeinert, daß der Eindruck entsteht und entstehen muß, die entsprechenden Fragen gehörten zum Wesen des Examens. Das ist eine erste Verzeichnung, die ob ihres üblen Beigeschmacks und der Verzeichnung der Wahrheit einem Visitator, der im Namen des Heiligen Offiziums auftritt, nicht unterlaufen dürfte.

Für den Zweck der kurzen Studie dürfte es im Interesse der Wahrheit genügen, auf zwei Punkte aufmerksam zu machen.

Erstens: Wie der Visitator P. General Turowski auf Befragen erklärt hat, ist von Verletzung der moralischen Integrität im praktischen Leben alle Jahre hindurch nicht das geringste vorgekommen. Füglich – so muß man mit Recht schlußfolgern – bleibt nichts anderes übrig, als anzunehmen, daß der Vorwurf der Psychoanalyse sich lediglich auf die Lehre bezieht. Dabei darf man nicht übersehen, daß nach kirchlicher Praxis Irrtum in der Lehre – zumal, wenn es sich um bedeutsame Belange handelt – als verwerflicher empfunden wird, als wenn es sich nur um Entgleisungen im Leben handelt.

Zweitens: Bei seiner Fehldeutung von Schönstatts Lehre über Psychoanalyse und deren Anwendung kann der apostolische Visitator sich nachweisbar auf keinen Zeugen stützen. Er steht mit seiner Auffassung ganz allein auf weiter Flur. Vor Gott und Geschichte trägt er darum allein die Verantwortung für alle Folgen. Nicht einmal die Patientin selber gibt ihm – wie sich aus ihren Briefen an den Gründer vom 1. September und 14. Dezember 1958 ergibt – eine Handhabe. Noch viel weniger tut es Schwester Anna, die erste Generaloberin der Schwestern, auf die er sich sonst gerne zu berufen pflegt. Beweis dafür sind folgende Notizen. Sie beziehen sich auf den so häufig gebrauchten und mißbrauchten heilpädagogischen Fall.“

Die Folgen

„Die Folgen der tragischen Fehldeutung des apostolischen Visitators sind – wie zu erwarten war – unübersehbar.

Wenn man an seine Stellung denkt, will heißen: wenn man sich daran erinnert, daß er als Vertreter des Heiligen Offiziums und nicht als Privatperson hier auftritt, weiß man, was das bedeutet.

Auf die eine oder andere Folge sei hier kurz hingewiesen.

Erstens: Zunächst ist die Amtsenthebung und Verbannung des Gründers sowie das Heer von schmerzlichen Belastungen und Belästigungen zu nennen, die seine getreue Gefolgschaft alle Jahre hindurch bis heute sich gefallen lassen muß.

Zweitens: Wie der Visitator selber des öfteren erklärt hat, hat das Heilige Offizium sich vorbehaltlos auf das Urteil des Visitators verlassen.

Da das Urteil aber irrig war, sind auch alle Feststellungen in den offiziellen Verlautbarungen des Heiligen Offiziums irrig und vor Gott und dem Forum der Geschichte nicht zu verantworten. Der Klarheit halber unterscheide man Feststellungen und Bestimmungen. Die Bestimmungen sind allezeit willig angenommen und sorgfältig durchgeführt worden. Das zu beweisen ist nicht schwer. Anders war das Verhältnis den irrigen Feststellungen und Begründungen gegenüber.

Drittens: Nicht an letzter Stelle ist zu erinnern an den überaus häßlichen Verleumdungsfeldzug in Kirche und Gesellschaft der Pallottiner, der im Gefolge und als notwendige Wirkung der Fehldeutung eingesetzt hat und heute noch nicht beendet ist.

Im ersten Fall ist es der Bischof von Trier, der in Abhängigkeit vom bischöflichen Visitator die öffentliche Meinung in höheren kirchlichen Kreisen überaus negativ beeinflußt hat. Wieweit die Verleumdungen daraufhin gegangen sind, beweist die Apologia pro vita mea im zweiten Teil an einigen drastischen Fällen.

Was in der Gesellschaft der Pallottiner gefällig gewesen und heute noch ist, kann beim General Möhler eingesehen werden. Er ist vom Angeklagten selbst sehr deutlich auf alle diese Dinge aufmerksam gemacht worden.“

Bischöfe und Konzilsväter erfahren, wie das Heilige Offizium den Fall Pater Kentenichs und Schönstatts behandelt hat.

Während meiner Zeit in Milwaukee besuchte ich Bischof Manuel Larrain und Kardinal Raul Silva Henriquez in Chicago, die an einem der ersten Treffen des CELAM teilnahmen. Dort brachten sie mir gegenüber zum Ausdruck, dass diese Situation bereits mehreren Konzilsvätern (Bischöfen und Kardinälen) bekannt sei und dass sie glauben, dass Pater Kentenich bald freigelassen wird. So versteht man den Kontext dieses letzten Teils des Dokuments, in dem er schreibt:

“Es ist zu fürchten, daß der ganze Fall – wenn er in seiner nackten Wirklichkeit in kirchlicher Öffentlichkeit bekannt wird – dem Hl. Stuhl vielfältigen Schaden zufügt. Vor allem dürfte er geeignet sein, der Mißstimmung gegen das Heilige Offizium, die ohnehin nicht gering ist, deshalb neue Nahrung zu geben, weil der Angeklagte über die Anklage nie unterrichtet, noch viel weniger gehört, sondern einfach ohne weiteres verurteilt worden ist. (Hier bezieht er sich nicht auf die Tatsache, dass es eine Verurteilung des sexuellen oder Machtmissbrauchs gegeben hat, sondern auf die Erlasse und Verbote des Heiligen Offiziums, die offensichtlich die Vision des Visitators zum Hintergrund haben).

Als wir dieses Dokument mit Pater Aquiles zu Ende gelesen hatten, waren wir sehr beeindruckt von der Energie und dem Mut Pater Kentenichs, die Dinge zu klären und auf die Fehler der Visitation hinzuweisen, die die administrativen Dekrete des Heiligen Offiziums begründeten, und das zu einer Zeit, als alle vor ihm zitterten. Wir sagten uns mit P. Aquiles: „Nach all dem wird die Heiligsprechung des Gründers aber schwierig sein“. Doch die Dinge geschahen anders. Am 20. Oktober 1965 beschloss das Plenum des Heiligen Offiziums überraschenderweise, alle Dekrete gegen den Gründer aufzuheben und die Sache der Religiosenkongregation zu übertragen: „Res remittatur ad sacram Congregationem de Religiosis“. Am 22. Oktober 1965 traf Kardinal Ottaviani mit dem Heiligen Vater zusammen. Papst Paul VI. bestätigte die Resolution und unterzeichnete das Dekret. Am 22. Dezember 1965 empfing Papst Paul VI. Pater Kentenich in einer Privataudienz.

Kardinal Ottaviani, Unterpräfekt des Heiligen Offiziums zu der Zeit, als der Bericht Pater Tromps einging, bezog sich nach den soeben berichteten Ereignissen positiv auf Pater Kentenich und drückte sein tiefes Bedauern darüber aus, dass er ungerecht, aber ohne böse Absicht gehandelt und der Schönstattfamilie und ihrem Gründer großen Schmerz und Leid zugefügt hat. Er brachte ein Bild der Dreimal Wunderbaren Mutter von Schönstatt in die Kapelle des Heiligen Offiziums, das ich in den Jahren, in denen ich im Vorstand der Päpstlichen Akademie für das Leben war, sehen und fotografieren durfte. Sie fragten Kardinal Ottaviani, wie es möglich sei, dass er, nachdem er so gegen Schönstatt und Pater Kentenich eingestellt war, jetzt diese veränderte Haltung einnimmt. Seine Antwort ist auch bekannt: „Irren ist menschlich, aber im Irrtum verharren ist teuflisch.“

Ein abschließender Kommentar

Es gibt zahlreiche Dokumente Pater Kentenichs über die Zeit der Visitation, des Exils und der Rehabilitation. Einige von ihnen sind ins Spanische übersetzt worden. Andere nicht, wie z.B. die Apologia pro Vita Mea. Heute werden auch Dokumente und Archive bekannt gemacht, die es ermöglichen, den Prozess der Apostolischen Visitation näher kennen zu lernen und auf besondere Fragen zu antworten, die noch unbeantwortet geblieben sind. Es ist die Aufgabe aller Beteiligten, mit der entsprechenden Sorgfalt daran mitzuarbeiten und Vermutungen und Hypothesen zu klären, die mitunter von Dritten kommen, die die ursprünglichen Fakten und Dokumente nicht kennen.

Im Geiste des Gründers fragen wir uns, wie er es immer getan hat: „Was will Gott damit?“ Dies ist eine Reflexion für jeden einzelnen von uns und für unsere Gemeinschaften. Deshalb kehre ich zu dem zurück, was Pater Kentenich am Anfang des Dokuments sagt, nämlich unsere Überzeugung,  dass Schönstatt ein Werk und Werkzeug Gottes für die Nöte unserer Zeit ist.   Ich glaube, dass dies heute viel mehr Gültigkeit hat, und hier bittet Gott uns, all unsere Fähigkeiten und Anstrengungen einzusetzen. Obwohl es notwendig ist, zu untersuchen und zu klären, sollten wir darauf achten, dass sich unsere Energie nicht in der Debatte, die heute auf dem Tisch liegt, erschöpft und vom zentralen Teil unserer Aufgabe als Schönstätter und Christen ablenkt.

Die Sendung Mariens für unsere Zeit, deren großer Apostel Pater Kentenich ist, fordert uns heraus, dem Herrn nachzufolgen, sie ruft uns auf, mit Klarheit und Einfachheit zu suchen, wo die Nöte sind, wo Jesus nackt ist, wo er hungrig ist, wo er krank ist… in den Kleinen, die an uns vorbeigehen, in denen, die allein sind, die keine Familie haben. Das ist es, was Papst Franziskus von uns verlangt, um unser Zeugnis und unser Handeln an die existentiellen Peripherien zu bringen.

Ich denke, wir alle hoffen und vertrauen darauf, dass die schmerzliche Situation, in der sich unsere Schönstattfamilie befindet, am Ende das stärkt und anregt, was uns Johannes Paul II. anlässlich der Feier des 100. Geburtstages Pater Kentenichs in Rom sagte: „Ich ermutige euch also, eure Anstrengungen zu verdoppeln, um dort, wo die Vorsehung euch hingestellt hat, Werkzeuge Gottes in der Evangelisierung der gegenwärtigen und zukünftigen Kultur zu sein.“

Patricio Ventura Juncá T[2]

[1] „Vielleicht ist es nicht immer ratsam zu schweigen! Interview: Heinrich Brehm, PressOffice Schönstatt, 4. Juli 2020, Deutschland und parallele Veröffentlichungen
[2] Ich möchte meiner Frau Marita für ihre Hilfe beim Schreiben und Korrigieren des Manuskripts danken. Ohne sie wäre es nicht möglich gewesen. Ich bin auch Carolina Domínguez B., der Leiterin der Mädchenjugend in Santiago, und Ignacio Rodríguez L. dankbar, dass sie die Entwürfe durchgesehen und wertvolle Vorschläge zum besseren Verständnis gemacht haben.

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