Veröffentlicht am 30. August 2015 In Projekte, Schönstatt im Herausgehen

Er möchte vorwärts kommen …

PARAGUAY, von Maria Fischer •

Wir kommen nach einer abenteuerlichen Fahrt im Auto von Pater Pedro Kühlcke über schmale Wege aus roter Erde, die immer wieder einmal im Urwald verloren zu gehen scheinen, mit riesigen Wasserlöchern und enormen Bodenwellen an. Rally Dakar gratis, oder so ähnlich. Doch das größte Abenteuer dieses Tages steht noch bevor und heißt Ángel (Name geändert), ist 17 Jahre alt und einer der Freunde von Pater Pedro Kühlcke aus der Gefängnispastoral „Visitación de Maria“ [Maria Heimsuchung] im Jugendgefängnis in der Nähe von Tupãrenda. Er ist ein Abenteuer Mariens und ihrer Werkzeuge.

Ángel empfängt uns mit einem etwas schüchternen, aber ehrlichen Lächeln an diesem Ort, den er seit geraumer Zeit nicht verlassen darf: eine einfache, eine sehr einfache Hütte umgeben von roter Erde, ein paar Büschen und buntem Spielzeug in der Nähe von Luque. Er hat Hausarrest, nachdem er eine geraume Zeit im Jugendgefängnis verbracht hat. Auf dem Grundstück nebenan arbeiten seine Nachbarn am Rohbau eines einfachen Hauses. „Wir alle helfen ihnen, wir alle drei“, sagt er, während sein Onkel wie auch der kleine Junge – Ángels Bruder oder Neffe oder Vetter, so genau bekommen wir es nicht heraus -, mit großen Augen den „Pai Pedro“ und die Frau aus Deutschland anschauen, die zu Besuch gekommen sind. In ihren Augen steht das „Wer bin ich, dass …“ des Besuches von Maria bei Elisabeth. „Wir helfen ihnen, ein Haus zu bauen, und danach helfen sie uns, wenn wir dann einmal eines bauen können“, sagt Ángel.

Während wir auf Holz- und Plastikstühlen unter der sengenden Sonne Paraguays um einen Tisch sitzen, beginnt Ángel, von Pater Pedro immer neu ermutigt, von seinem Leben zu erzählen, während der Tereré, den er uns zuvor zubereitet hat, von einem zum anderen geht. Manchmal gibt es einfach eine stille Umarmung, wenn das Erzählte zu bewegend wird …

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Was er am meisten vermisst, ist Tuparenda

Im Gefängnis ist Ángel zur Schule gegangen. Er hat mit Begeisterung gelernt und er hat gut gelernt. „Er war der Schüler mit den besten Noten“, sagt Pater Pedro mit väterlichem Stolz. Doch seit er in den Hausarrest entlassen wurde, kann er nicht mehr zu Schule gehen, denn er darf das Haus nicht verlassen. „Ich würde sehr gerne weiter zur Schule gehen“, sagt er. „Ich möchte doch vorwärts kommen, möchte arbeiten und Geld verdienen, um einmal eine Familie ernähren zu können. Ich will nicht zurück auf die Straße. Kein Kind sollte auf der Straße leben …“ Es ist eines der Anliegen von Pater Pedro für ihn wie für manche andere: vom Justizministerium die Erlaubnis zu erhalten, dass er und andere Jugendliche weiter zur Schule gehen dürfen, um den Abschluss zu machen, nachdem sie im Gefängnis den Unterricht besucht hatten. „Mir fehlt die Schule“, sagt Ángel. „Und was vermisst du noch?“, fragt ihn Pater Pedro. „Der Imbiss am Samstag?“ – „Nein“, antwortet Ángel. „Tupãrenda. Ich vermisse Tupãrenda. Die Messen in Tupãrenda”.

Dieser Junge, der seitdem er acht Jahre alt ist auf der Straße lebte, überlebte und manchmal sogar richtig viel Geld hatte durch Drogenhandel und Motorradstehlen (Beeindruckend die Zahl der Motorräder, die er an einem Tag gestohlen und vertickt hat. Der Junge hat das Zeug zum Unternehmer, dachte ich.)

Er erzählt uns, mit wieviel Freude er – als Häftling im halboffenen Vollzug, Esperanza – Hoffnung – genannt, immer nach Tupãrenda, zu den Jugendmessen, gegangen ist und dort als Messdiener mitgewirkt habe. Und er erzählt von den langen Gesprächen im Gefängnis mit Pater Pedro, von seiner Lebensbeichte („Ich hatte seit ich ein kleiner Junge war nie mehr geweint, und das habe ich da alles nachgeholt“), von der Freude, sich von aller Schuld befreit zu wissen und die Gnade erhalten zu haben, um voran zu gehen …

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Die Mutter und Königin Schönstatts wohnt hier

„Aber ich habe Tupãrenda hier, da drinnen“, sagt er mit einem sehr scheuen Lächeln. Und er lädt uns ein, in die armselige Hütte zu kommen. Da setzen wir uns auf das Bett (stehend haben wir zu viert keinen Platz), schauen uns im stickigen Halbdunkel um … Da ist sie. An einem der Pfähle, der das Dach aus Plastikfolien stützt. Die Mutter und Königin von Schönstatt, die in ihrem wunderschönen Heiligtum in Tuparenda Tausende und Abertausende von Pilgern empfängt, ist hier, bei diesem Jungen, der sie so sehr vermisst. „Ich habe den Jungen den Aufkleber vom Jubiläum geschenkt“, erklärt Pater Pedro. „Und den hast du aufgehoben?“ Natürlich, sagt Ángel. Was für eine Frage. „Ich bete jeden Tag zu ihr, dass sie mir hilft, vorwärts zu kommen, mit ihr. Ich will nicht zurück zu dem, wie es vorher war.“

Da sind wir jetzt: drei Paraguayer, ein argentinischer Priester und eine Deutsche, und schauen auf das einfachste Hausheiligtum, das ich je gesehen habe. Umarmt, „im Bündnis“, beten wir, mit Worten, die einfach aus dem Herzen kommen, und dann gemeinsam: „O meine Gebieterin, o meine Mutter…“, und ich bete leise die Fassung des solidarischen Bündnisses: „weihe ich dir heute … seine Wünsche, seine Zukunft, sein Zurückkehren nach Tuparenda und in die Schule, seine Familie …“. Pater Pedro gibt uns den priesterlichen Segen. Wir gehen heraus, weil die Hitze in der Hütte unerträglich ist. Und ob die Tropfen, die unsere Gesichter herunterkullern, Schweiß oder Tränen sind, weiß keiner so genau …

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Und er darf wieder nach Tupãrenda

Das war im März. Monate später, einige Wochen nach dem Besuch von Papst Franziskus in Paraguay, bekam Pater Kuehlcke die so lange erwartete Nachricht: nach endlosem Hin und Her, viel Zeit, viel Warten – kam die Erlaubnis, dass Ángel einmal im Monat aus dem Hausarrest heraus darf, um zur Jugendmesse nach Tuparenda zu fahren. Ein Moment riesengroßer Freude!

„Und die Schule?“, frage ich Pater Pedro über Whatsapp. „Noch nichts“, kommt als Antwort. „Und dabei habe ich schon jemanden, der die Kosten für den Bus übernehmen würde …“

Es ist also noch Warten angesagt.

Ich bitte die Mutter von Tuparenda, die Gottesmutter, die in diesem schlichten, einfachen Hausheiligtum von Ángel Gaben und Gnaden austeilt und Wunder der Gnade wirkt, dass sie für ihr Kind, für ihren Verbündeten Fürsprache einlegt. Für Ángel, für die ganze Gefängnispastoral und alle ihre Werkzeuge, und für die vielen Jugendlichen wie Ángel, die in die Kriminalität rutschen, weil sie nichts anderes kennen gelernt haben, um auf der Straße zu überleben.

Und ich bitte sie für all diejenigen, die durch ihre hochherzigen Spenden an Zeit, Liebe und Geld möglich machen, was die Pastoral der Heimsuchung Mariens macht.

IMG_20150330_121442 Fotos: P. Pedro Kühlcke, „Ángel“

Spenden sind sehr – sehr – willkommen

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Verwendungszweck: P. Pedro Kuehlcke, Casa Madre de Tuparenda

Original: Spanisch. Übersetzung: Maria Fischer, Schoenstatt.org

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