Veröffentlicht am 1. Januar 2017 In Dilexit ecclesiam, Werke der Barmherzigkeit

Weihnachten in Maisí, der kubanischen Pfarrei, in der der Hurrikan die Kirche zerstört hat, aber nicht den Glauben

KUBA, Pfr. Alberto, Pfarrer von Maisí •

Katastrophen haben ein knappes mediales Verfallsdatum. Und nicht nur in den Medien, auch in den solidarischen Spenden, in den Gebeten, in der Erinnerung. Es sind einfach so viele, und selbst die, die wegen irgendeiner persönlichen Beziehung tiefere Schichten der Seele berühren, verlieren sich schnell wieder aus der aktiven Erinnerung. Wir leben im Takt der medialen Berieselung und es kostet etwas, vom passiven Empfänger zum aktiven Sucher, Auswähler und Bewahrer zu werden…  Hurrikan Matthew?  War da nicht etwas? Die Pfarrei Maisí in der Diözese Guantánamo, die Pfarrei, in der bis Mitte letzten Jahres einer der Schönstattpriester Pfarrer war? Genau. Im Oktober war es, und weil es in Kuba keine Toten, sondern „nur“ Sachschäden gab, haben die weltweiten Medien den Menschen im Osten der Insel, die fast alles verloren haben, von Anfang an wenig Aufmerksamkeit geschenkt. Fast alles haben sie verloren. Ihre Häuser, ihre Straßen, ihre schöne Pfarrkirche. Aber nicht ihren Glauben, ihre Freude und ihre Kreativität. Wir veröffentlichen hier eine Weihnachtsgeschichte. Die Geschichte von Weihnachten in Maisí, erzählt vom derzeitigen Pfarrer,  Pfr. Alberto.

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Frohe Weihnachten!

Frohe Weihnachten! Ja, frohe Weihnachten! Denn Weihnachten ist nicht gleichbedeutend mit einer perfekten Welt ohne Ängste, Weihnachten bedeutet nicht Abwesenheit von Schmerz und Leid. Weihnachten ist die Erfüllung eines Versprechens: „Ich werde zu dir kommen, in deine Stunden, in deine Freuden, in deine Nächte; ich komme und bleibe bei dir, vor der aufgehenden Sonne und in Warten auf die späte Dämmerung.“ Und Weihnachten ist die Aufnahme einer Gewissheit: „Ich bin mit dir.“

Manchmal tauchen wir ein in romantische Weihnachtswölkchen, in den naiven Wunsch nach einer Welt voller Engel mit menschlichen Gesichtern. Und doch hat uns niemand ein irdisches Paradies versprochen. Was uns versprochen ist, ist eine Präsenz, ein Da-Sein, und tatsächlich ist das genug, um die Hoffnung zu nähren und jeden Tag aufzustehen, um der Welt das zu geben, was sie braucht. Wir sind auf dieser Erde, um zu leben, und Leben ist eine Anstrengung, ist Kampf, ist die Option, das Beste aus mir herauszuholen. Für sie.

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Schau hin

Mein Weihnachten war in diesem Jahr von einem Wort gekennzeichnet: „Schau hin“, und ich habe mich bemüht, dass meine Augen den Schlüssel von Weihnachten sehen. Und ich habe gesehen.

Ich habe meine Kinder der Pfarrei glücklich gesehen, wie sie von oben bis unten voller Matsch mit einem alten LKW-Reifen spielen; ich habe meine Gemeinden singen gesehen, wie sie es immer tun, treu dem geschriebenen Text, zu dem sie irgendeine Melodie singen, die ihnen gerade einfällt; ich habe Leute gesehen, die kilometerweit durch den Schlamm gehen, um die Messe nicht zu verpassen, und mit trotz strömendem Regen mit einer vollen Notkirche die Weihnachtsgottesdienste zu beginnen.

Ich habe gesehen, wie die Menschen inmitten ihrer noch immer eingestürzten Dächer und der feuchten Matratzen das Leben wählen und sich Zeit nehmen, in den Blechdosen, in denen es keine Lebensmittel mehr gibt, Blumen zu pflanzen. Ich habe gesehen, wie die Leute auf den elektrischen Strom hoffen, aber nicht fluchen, wenn er aus irgendeinem Grund nicht da ist; ich habe gesehen, wie die Leute ein Stück Taro genießen oder ein Stückchen Fleisch, aber nicht depressiv werden oder übermäßig sehnsüchtig, wenn sie keines haben, und das ist eher die Regel als die Ausnahme, und dann gibt es eben einen Teller Reis mit irgendeiner Sauce, die ihm Farbe gibt, so als sei das das Normalste auf der Welt. Ich habe gesehen, wie die Leute in einer Welt ohne Obst und Salate leben, ohne Nachtisch und ohne Milch zum Frühstück, ohne dass sie dadurch verbittert würden. Ich habe Frauen gesehen, die im Fluss Wäsche waschen und ihre Wäsche dort liegen lassen, wenn der Priester kommt, um eine Pause im Gebet zu nehmen.

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Maria, Josef und das Kind in der Krippe aus Karton

Ich habe Gemeinden gesehen, die ganz schlichte Weihnachtssachen machen, und weil es keine Krippen und keine Krippenfiguren gibt (auch die hat der Hurrikan mitgenommen), machen sie die Krippe mit einer  notdürftig maskulinisierten Babypuppe, Maria und Josef werden mit Buntstiften gemalt, Ochs und Esel und Schafe kommen aus Pappkarton dazu, an den Bäumchen hängen Steine, die mit Bonbonpapier umwickelt sind, und in den Händen der Könige sind die Metall-Armbänder von kaputten Armbanduhren.

Ich habe einen Gott gesehen, der sich Schritt für Schritt seinem Volk zur Verfügung stellt, und ein Volk, das sich nicht schämt, in der Öffentlichkeit von Gott zu reden, das als Begrüßung nicht „Hallo“ sagt, sondern „Segen“, und das sich nicht scheut, inmitten der Leute zu sagen: Ich vertraue auf Gott.

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Gott vertrauen

Und ich habe einen Gott gesehen, der mein Vertrauen eingefordert hat, wenn ich nachts und im Regen auf dem Motorrad auf die Dörfer fahren musste oder in einem alten Jeep ohne Türen, weil mein Auto nicht zur Verfügung stand und ich wusste, dass die Leute dort sein würden, wenn ich ankäme, nass, voller Matsch, manche barfuß, für eine Feier von 40 Minuten; oder wenn wir ohne Ersatzreifen in die Berge fuhren, weil gerade, als wir ihn reparieren lassen wollten, der Strom ausfiel. Vertrauen, dass Gott Wege zu den Menschen finden kann, wenn einer zu mir kommt und mich bittet, „Wasser auf sein Kind zu schütten“ (=taufen); oder wenn das menschliche Elend, so untrennbar mit dem Menschen verbunden wie seine Hochherzigkeit, sich in Egoismus und verbalem Hass zeigt.

Ja, frohe Weihnachten, weil inmitten dieser unheilen, nassen und schlammigen Welt Gott da ist, still und gelassen seinen Weg geht in vielen Herzen und in mehr und mehr Menschen das Gute und die Freude aufblühen lässt.

Und Ihnen und Euch allen frohe Weihnachten und Dank, Dank für diese Zeit des Gebetes und der Hochherzigkeit, danke dafür, dass ihr immer wieder einmal euren Blick und eure Herzen auf dieses Stückchen Erde werft, von dem die Leute sagen: „Kolumbus hat Kuba entdeckt und Matthew hat Maisí entdeckt.“

Danke für alle Nähe, für alle Geduld mit mir, der so lange braucht, um zu schreiben, danke, dass ihr die Gewissheit vermittelt, dass ihr hier seid, viel näher als die Geographie meinen lässt.

Euch und Ihnen allen: Frohe Weihnachten, und ein Jahr, in dem der Blick all das sieht, was Gott in Einfachheit wachsen lässt, jeden Tag, direkt neben uns.

Frohe Weihnachten und meinen Dank und meinen Segen.

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Nicht nur Matthew hat Maisí entdeckt. Auch die Solidarität vernetzter Schönstätter. Und man kann auch jetzt noch etwas geben:

 

oder

Schoenstatt-Priesterwerk e.V.

IBAN DE49 4006 0265 0003 3849 00

BIC GENODEM1DKM

Verwendungszweck: Kuba Maisi/P. Rolando Montes

In Deutschland steuerabzugsfähig

 

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1 Responses

  1. Danke fuers Erinnern! Maisí wird mit ins taegliche Bittgebet aufgenommen.

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