Veröffentlicht am 29. September 2015 In Themen - Meinungen

Ich sende Sie, nicht allein, sondern an der Hand unserer Mutter, Maria

Redaktion schoenstatt.org •

Anlässlich der Diözesanwallfahrt des Erzbistums Freiburg nach Schönstatt hielt Erzbischof em. Dr. Robert Zollitsch am 20. September 2015 in der Pilgerkirche in Schönstatt eine Predigt, in der er die Botschaft von Papst Franziskus an die Schönstatt-Bewegung bei der Jubiläumswallfahrt nach Rom am 25. Oktober 2014 aufgriff.

Wir veröffentlichen hier den Text der Predigt in der von Erzbischof em. Dr. Robert Zollitsch autorisierten Fassung.

Gerne erinnern sich die Rompilger zur Hundertjahrfeier der Gründung Schönstatts an die Begegnung mit Papst Franziskus am 25. Oktober vergangenen Jahres. Nach der gemeinsamen Erneuerung des Liebesbündnis sagte der Heilige Vater: „Indem ich Ihnen den Segen gebe, sende ich Sie als Missionare in die kommenden Jahre… Ich sende Sie, nicht allein, sondern an der Hand unserer Mutter, Maria.“[1] Und gestern und heute, ein Jahr später, sind wir zur Diözesanwallfahrt nach Schönstatt aufgebrochen, um dem Heiligen Vater und der Gottesmutter unsere Antwort darauf zu geben: Ja, „Mutter Maria, mit dir will ich gehn!“

I.

Es ist die hundert Jahre segensreiche Fruchtbarkeitsgeschichte Schönstatts wie auch die eigene stets ermutigende Glaubenserfahrung, die uns Mut macht, die ausgestreckte Hand der Gottesmutter zu ergreifen und uns von ihr führen zu lassen. Es ist zugleich die Ermutigung durch unseren Heiligen Vater, der nicht nachlässt, darauf hinzuweisen, dass Maria Mutter, in erster Linie und vor allem Mutter ist[2]. Nicht nur, weil sie Jesus geboren hat, sondern weil sie auch uns hilft, „dass Jesus in uns geboren wird und wächst. Sie ist es, die uns andauernd Leben gibt.“ [3] Das gehört zur tragenden Grundüberzeugung und lebendigen Spiritualität von Papst Franziskus: Jesus hat seine Mutter uns allen zur Mutter gegeben. „Am Kreuz“, so erklärt unser Heiliger Vater in seinem großartigen Schreiben ‚Die Freude des Evangeliums‘: „Am Kreuz, in diesem entscheidenden Augenblick, ehe er das Werk vollbrachte, das der Vater ihm aufgetragen hatte, sagte er zu Maria: ‚Frau, siehe, dein Sohn!‘. Dann sagte er zu dem geliebten Freund: ‚Siehe, deine Mutter!‘.“ (Joh 19, 26,27)… Jesus hinterließ uns seine Mutter als unsere Mutter. Erst nachdem er das getan hatte, konnte Jesus spüren, dass ‚alles vollbracht war‘ (Joh 19,28). Zu Füßen des Kreuzes, in der höchsten Stunde der neuen Schöpfung, führt uns Christus zu Maria. Er führt uns zu ihr, weil er nicht will, dass wir ohne Mutter gehen… Maria, die ihn (Jesus) auf die Welt brachte, begleitet auch ‚ihre übrigen Nachkommen, die dem Gebot Gottes gehorchen und an dem Zeugnis festhalten‘ (Offbg 12,17).“[4] Jesus hat uns seine Mutter als unsere Mutter gegeben, „weil er nicht will, dass wir ohne Mutter gehen“, weil er weiß, wie sehr wir eine Mutter brauchen und welch großes Geschenk es ist, eine Mutter zu haben und als Kind an ihrer Hand den Weg zu gehen. So Papst Franziskus.

Manche wehren sich dagegen, Kind zu sein und als Erwachsene an der Hand der Mutter zu gehen, obwohl in jedem von uns immer ein Stück Sehnsucht nach dem Kind steckt und nach dem Evangelium Kind-sein Voraussetzung für den Eintritt in das Himmelreich ist. Das heutige Sonntagsevangelium sagt uns dies klipp und klar.

II.

Es mag auf den ersten Blick verwunderlich, auf den zweiten Blick sogar ein wenig beruhigend sein, dass es auch unter den Jüngern Jesu menschelte. Zur Enttäuschung Jesu beschäftigen sie sich nicht mit der Frage, die Jesus ihnen angekündigt hatte: mit seinem Tod und seiner Auferstehung. Nein, sie streiten darüber, wer unter ihnen der Größte sei.

Jesus gibt ihnen und uns eine klare und zugleich menschliche Antwort; eine Antwort, mit einem Bild, das uns anspricht und das alle verstehen. Er stellt ein Kind in ihre Mitte. Sie sollen es aufnehmen und in ihm Jesus aufnehmen. Sie sollen es annehmen – auch als Bild und Vorbild – und sollen sich an ihm orientieren und von ihm lernen. Denn, so sagt ihnen und uns Jesus geradezu provozierend: „Wenn ihr nicht… werdet wie die Kinder, kommt ihr nicht in das Himmelreich.“ (Mt 18,3).

Bei der Frage nach dem Kind und dem Kind-sein im Sinn Jesu geht es nicht um eine romantische Verklärung eines naiven unbedarften Daseins. Nein, es geht um die Offenheit und Fähigkeit, sich überraschen und beschenken zu lassen; es geht um das uneingeschränkte Vertrauen und die Bereitschaft, sich führen zu lassen; um die Bereitschaft, die liebende und stützende Hand , die führende, bergende und beschützende Hand, die sich entgegenstreckt, zu ergreifen und uns helfen und auf dem Weg leiten zu lassen. Und Menschen, die sich in dieser Haltung dem Evangelium öffnen, in dieser Haltung nach Gott ausschauen, „gehört das Himmelreich“ (Lk 13.14). So die Verheißung Jesu.

III.

So war denn die Frage des „Kind-seins vor Gott“, die Frage der ‚Gotteskindschaft‘ der ‚kindlichen Haltung‘ Gott und der Gottesmutter gegenüber eines der großen, ja eines der Lieblingsthemen des Gründers Schönstatts, P. Josef Kentenich. Für ihn besteht die christliche Vollendung, die Heiligkeit, geradezu in der vollkommenen Kindeshaltung Gott gegenüber.[5] „Und damit wir das lernen, hat Gott uns seine Mutter gegeben.“ [6]

P. Kentenich ist damit ganz eins mit Papst Franziskus, der uns sagt: Wir brauchen die Mutter, die uns erzieht, die uns wachsen lässt, die uns begleitet und zu Jesus führt.[7] Und er fordert uns auf: „Geben wir Maria Raum, der Mutter.“[8]

Es ist das große Geschenk der Gottesmutter hier in Schönstatt, ein Weg, der sich seit hundert Jahren vielfältig bewährt hat: Maria streckt uns ihre Hand entgegen, lädt uns ein, in sie einzuschlagen, um ein Bündnis, das Liebesbündnis, mit ihr zu schließen. Sie bietet uns an, uns auf unserem Weg zu begleiten; sie lädt uns ein, an ihrer Liebe zu Jesus teilzuhaben und uns von ihr zu ihrem Sohn führen zu lassen. Sie steht als großes Vorbild und engagierte Begleiterin vor uns: als die Glaubende, die ihrem Sohn nachfolgt; als die liebende und sorgende Mutter, die für ihn und für uns da ist; als die solidarische Mutter, die mit ihrem Sohn und mit uns leidet und alle Schmerzen teilt. Sie ist die Mutter, die es versteht, wie Papst Franziskus sagt, „mit einer ärmlichen Windel und einer Fülle zärtlicher Liebe einen Tierstall in das Haus Jesu zu verwandeln“. [9] Sie, die „uns als Kinder erhielt, als ein Schwert ihre Seele durchdrang“[10], ist uns nah in allen Nöten, versteht unsere Sorgen und teilt unsere Schmerzen.

Sie ist uns nah und ist für uns da – das ist die Erfahrung vieler Heiliger und all derer, die im Liebesbündnis an ihrer Hand ihren Pilgerweg des Glaubens gehen. Sie ist da, auch wenn wir manchmal eigensinnig unseren eigenen Weg gehen wollen. Das Lied von Johannes Ganz, dem das Leitwort unserer diesjährigen Diözesanwallfahrt entnommen ist, kennt diese Erfahrung. Maria ist die Aktive; sie ist es, die auf uns zukommt, die uns anspricht, uns beim Namen nennt. Nicht laut; sie überrollt uns nicht; sie drängt sich nicht auf. Sie spricht uns leise an in der Sprache des Herzens, in der Sprache der Liebe und der Einladung. Und sie nimmt uns an der Hand, weil sie unsere Mutter ist und es auch sein will. Sie weiß, dass wir oft eigensinnig und eigenwillig sind. Doch sie zieht sich nicht zurück. Im Gegenteil: Sie hebt uns auf, wenn wir gefallen sind. Sie ist Mutter.

IV.

Das Leitwort unserer diesjährigen Diözesanwallfahrt lädt uns ein, uns von Maria an der Hand nehmen und führen zu lassen – nicht nur hierher zu ihrem Heiligtum in Schönstatt. Nicht nur gestern und heute zum Gebet am Gnadenort und zur Begegnung mit ihrem Sohn Jesus Christus; nein, sie lädt uns werbend ein, uns ihr anvertrauen, uns von ihr führen und uns von ihr nach ihrer Gestalt immer mehr zu glaubenden, hoffenden und liebenden Menschen formen und erziehen zu lassen; uns von ihrer Liebe zu ihrem Sohn anstecken zu lassen: ja, Jesus Christus mit ihrer Hilfe in uns immer mehr Gestalt werden zu lassen.

Dies war der Weg und ist das anziehende Vorbild des Gründers Schönstatts, Pater Josef Kentenich. Als er an seinem Silbernen Priesterjubiläum auf sein Leben zurückschaut, bekennt er: „Sie(sc. die Gottesmutter) hat mich persönlich geformt und gestaltet von meinem neunten Lebensjahr an“[11], von jener Stunde an, als ihn seine Mutter Maria anvertraute.[12] Seine Erziehung, so hat er es dankbar erfahren, war „ein Werk der Gottesmutter“[13].

Wir sind als Wallfahrer aufgebrochen zum Heiligtum der Gottesmutter hier in Schönstatt. Die meisten von Ihnen, liebe Pilger aus der Erzdiözese Freiburg, tun dies Jahr für Jahr. Ob dahinter nicht auch die dankbare Erfahrung steckt, dass wir spüren, dass Maria uns nicht nur anzieht, sondern uns in unserem Leben auch trägt, schützt und stützt? Diese Erfahrung bestätigt Papst Franziskus, wenn er festhält: „Dort in den (Marien-) Heiligtümern kann man beobachten, wie Maria ihre Kinder um sich versammelt, die unter großen Anstrengungen als Pilger kommen, um sie zu sehen und von ihr gesehen zu werden. Hier finden sie die Kraft Gottes, um die Leiden und Mühen des Lebens zu ertragen.“ (EG 286)

Wir dürfen unserem Heiligen Vater Papst Franziskus dankbar sein, dass er uns Mut macht und teilnehmen lässt an seiner Liebe zur Gottesmutter. Offensichtlich teilt er seine Erfahrung und Überzeugung mit seinem Vorgänger, dem heiligen Papst Pius X., für den klar war, „dass es keinen sichereren und leichteren Weg gibt, alle mit Christus zu vereinigen und durch ihn die volle Kindschaft zu erlangen, damit wir selig und makellos vor Gott seien, denn Maria.“[14] Er, der als sein Geheimnis bekennt, dass er jeden Morgen, wenn er aufsteht, das Bild der Gottesmutter, die Pilgermadonna, auf seinem Nachttisch, berührt und betet“ [15], sendet uns „an der Hand unserer Mutter, Maria“[16], und er macht uns Mut und lässt jedem von uns durch die Gottesmutter sagen, was sie bei ihrer Erscheinung in Guadalupe dem heiligen Juan Diego zuflüsterte: „Dein Herz beunruhige sich nicht… Bin denn ich, die ich doch deine Mutter bin, etwa nicht hier?“[17] Ja, sie ist hier. So bekennen wir zu Recht mit der letzten Strophe des Liedes von Johannes Ganz: Maria, „du zeigst uns Christus, führst mich zu ihm hin, zeigst meinem Leben den Sinn. Mit ihm im Herzen, mit dir an der Hand, geht hin zum Vater mein Weg.“

Predigt als PDF: Erzbischof-Zollitsch-09-20-15-1

[1] P. José Maria Garcia Sepúlveda, Kultur der Begegnung, Nueva Patris, Chile 2015,47
[2] ebd. 21 f
[3] ebd. 23
[4] Papst Franziskus, Apostolisches Schreiben „Evangelii Gaudium“, vom 24. November 2013, Nr. 285, zit: EG
[5] Vgl. P. Joseh Kentenich, Marianische Erziehung, Vallendar 1971, 172 ff
[6] ebd. 173
José Maria Garcia Sepúlveda, Kultur der Begegnung, Nueva Patris, Chile 2015, S. 22; 30 ;45
[8] Papst Franziskus, Ansprache am 6.7.2015, in: Guayaquil
[9] EG, 286, vgl José Maria Garcia Sepúlveda, Kultur der Begegnung, Nueva Patris, Chile 2015, S. 21
[10] Papst Franziskus, Ansprache in Guayaquil
[11] P. J. Kentenich, Ansprache zur Feier des Silbernen Priesterjubiläums am 11.08.1935, in: Peter Locher u.a., (Hrsg), Kentenich-Reader, I, Vallendar 2008, S. 55
[12] Vgl. Ferdinand Kastner, Unter dem Schutze Mariens, Vallendar-Schönstatt 4, 1952, 184
[13] Kentenich-Reader, I, S. 55
[14] Papst Pius X., Enzyklika „‘Ad diemillum laetissimum“, vom 2.2.1904, in Rudolf Graber, Die marianischen Weltrundschreiben der Päpste in den letzten hundert Jahren, Würzburg, 1954, Nr. 139
[15] José Maria Garcia Sepúlveda, Kultur der Begegnung, Nueva Patris, Chile 2015, S. 47
[16] ebd.
[17] Nach EG 286
Das von Erzbischof Zollitsch zitierte Buch „Kultur der Begegnung“, Text der Botschaft von Papst Franziskus an die Schönstatt-Bewegung am 25.10.2015,  mit einem Vorwort von P. José María García Sepúlveda, Madrid, herausgegeben von Nueva Patris, Chile in Kooperation mit schoenstatt.org,  ist HIER erhältlich sowie in einigen Buchhandlungen Schönstatts.
Bestellbar über jede Buchhandlung mit ISBN 978-956-246-780-3.
Auch als E-Book (Amazon Kindle, Android, iBook…).
Andere Sprachen: www.patris.cl
tapa libro zollitschDemnächst erscheint im selben Verlag: „Kirche im Bündnis“, mit zwei Vorträgen von Erzbischof em. Dr. Robert Zollitsch zum Charisma Pater Kentenichs und der Kirche im Aufbruch, im Licht des Pontifikates von Papst Franziskus (in Deutsch, Spanisch, Englisch, Italienisch, Portugiesisch).

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