Veröffentlicht am 23. September 2018 In Kentenich

Die Kirche ohne Macht, aber voller Leben

15. September 2018, Tupãrenda, Abschuss des Kentenich-Jahres, Bischof Francisco Javier Pistilli, Bischof von Encarnación •

1 Für wen halten mich die Menschen?

Identität, Macht und Nachfolge

Die Frage Jesu an seine Jünger findet im Kontext dessen statt, was viele Menschen sagen, nachdem sie die Macht des Herrn gesehen haben. Dieser neue Meister ist bekannt geworden durch seine vielen Wundertaten. Für wen halten mich die Menschen? Es geht nicht nur darum, seine Natur zu definieren, sondern seine Kraft, seine Macht, sein Geheimnis zu begreifen.

Viele folgen dem Herrn, weil sie an der Seite des Mächtigen sein wollen. Indem sie ihn als Messias erkennen, erkennen sie an, dass seine Macht größer, dass sie göttlich ist. Aber das Bündnis mit dem Mächtigen kommt ins Wanken, als Jesus selbst von seinem Leiden und Tod spricht. Derselbe Petrus, der soeben seinen Glauben bekannt hat, nicht aus menschlichem, sondern aus göttlichem Wissen, begreift es nicht und wird vom Meister zurechtgewiesen, der ihn anklagt, im Sinne der entgegengesetzten Macht zu handeln, mit menschlichem Denken über Gott und seine Kraft. Der Bund mit dem Herrn, das Bündnis derer, die mit ihm gehen, muss durch Selbstverleugnung hindurchgehen in der Hingabe seiner selbst, damit der Sieg des Lebens Chisti offenbar wird.

Dies ist ein sehr aktuelles Thema in der Kirche und der Welt. Macht ist und bleibt der Fokus vieler Fragen. Die verführerische Kraft menschlicher Macht und die Verzerrung des Verständnisses der göttlichen Macht erzeugen Zonen der Dunkelheit im menschlichen Leben und im Leben der Kirche.

2 Die Macht des Liebesbündnisses

Die Schule des Gründers

Unsere Schönstattfamilie schließt heute ein unserem Vater und Gründer gewidmetes Jahr. Es sind 50 Jahre seit seinem Tod. Sein Bündnis, das Liebesbündnis mit der Mutter des Herrn, ist die Quelle des Lebens und der Schlüssel zu dem Charisma, das uns auszeichnet.

Viele sehen die äußeren Zeichen einer vom menschlichen Standpunkt aus überaus erfolgreichen Bewegung. Sie denken an mächtige Ressourcen und vielleicht auch an einflussreiche Gönner. Und vielleicht haben auch viele von uns die Versuchung der Macht verspürt, indem wir uns für besser halten als die anderen. Doch besser sein im Charisma Pater Kentenichs bedeutet, Verbündete der wahren Macht zu sein und nicht Sklaven der Macht, bedeutet, sich lösen von der weltlichen Macht, damit sich die Macht der göttlichen Liebe offenbart in unserem Streben nach Blankovollmacht und Inscriptio, verstanden und gelebt als Selbsthingabe.

Die Schule, in der lernen, auf diese Weise unser Christsein zu leben, ist das Liebesbündnis mit der Dreimal Wunderbaren Mutter, Königin und Siegerin von Schönstatt, der Gottesmutter. Es ist die Schule des Lebens Pater Kentenichs. Für wen halten wir Pater Kentenich? Wir möchten ihn manchmal nach menschlichen Maßstäben, wie es der Öffentlichkeit gefällt, präsentieren und seine Größe durch seine vielen Schriften und die weite Verbreitung seines Charismas zeigen. Das wirklich Große an Pater Kentenich ist, dass er das richtige Bündnis gelebt hat als Weg, um ganz zu Christus zu gehören. In diesem Bündnis hat er sich von sich selbst gelöst, damit sich der vorsehende und erbarmungsreiche Gott zeige, der Herr der Geschichte und Meister des Lebens. Seine Biographie ist für uns Zeugnis für diese Schule, in der wir von seiner Kindheit bis zu seiner Rückkehr nach Schönstatt sehen, wie er immer wieder jeglicher Macht beraubt wurde, um seine Hilflosigkeit einzig und allein den richtigen Händen anzuvertrauen. Gymnich, Oberhausen, Dachau, Milwaukee, da zeigt sich die Antwort auf die Frage: Für wen halten die Menschen Pater Kentenich?

Der heilige Papst Pius X. prägte in seiner Enzyklika «Ad Diem Illum Laetissimum» vom 2. Februar 1904 der ganzen Kirche diese Wahrheit ein, die unser Gründer uns in seinem eigenen Leben und seinen Worten verkörpert lehrt: „Deshalb besitzt auch, wie Wir schon angedeutet haben, niemand mehr Macht, die Menschen mit Christus zu vereinigen, als diese Jungfrau. Nach Christi Wort ist dies „das wahre Leben, dass sie dich erkennen, den einzigen wahren Gott, und den du gesandt hast, Jesus Christus“[6]. Da wir aber durch Maria zur lebendigen Erkenntnis Christi gelangen, so werden wir auch umso leichter durch sie das Leben gewinnen, dessen Quelle und Beginn eben Christus ist.“ Die lebendige Erkenntnis Christi, die wir im Liebesbündnis gewinnen, bringt uns in die Nähe und Vertrautheit des Herrn. Das Charisma des Vaters und der Familie verkörpert etwas vom kirchlichen Sensus Fidei  und Lehramt als Geschenk für diese Zeit. Im Februar 1904 stellte die Kirche als vorausschauende Mutter für den Novizen Kentenich die Wahrheit über die Marienverehrung zur Verfügung, die in der Überwindung seiner Krise, die in eben diesem Jahr begann, zum Charisma werden sollte.

Niemand ist wirksamer als Maria. Niemand hat mehr Macht als sie, um uns mit Christus zu verbinden. Worin besteht ihre Macht? Die Gnade, die sie erfüllt durch ihr Ja, das sie leer macht von sich selbst, ihre von Gott erwählte Kleinheit und Schlichtheit, ihre Machtlosigkeit, ihr schlichtes Hinweisen auf den Willen Gottes, ihr von Liebe zu allen Kindern Gottes erfülltes mütterliches Herz, ihre wirksame Hingabe und dauernde Fürbitte aus der Ohmacht der Machtlosen, derer, die die Gottesmutter erzieht, damit sie frei, fest und apostolisch werden.

 

3 Die Macht Schönstatts

Ein Charisma für die Kirche

Für wen haltet Ihr die Schönstätter? Was ist unsere Macht? Das Charisma des Gründers muss in uns leben, konkrete Biographie werden. Das Charisma des Gründers muss uns die wahre Macht geben, Nation Gottes und Herz Amerikas zu sein.

Unsere Macht, die im Charisma gelebt wird, ist die des Liebesbündnisses. Es ist die Kraft derer, die sich in ihrer Kleinheit geliebt wissen und ihre Schwäche Gott zur Verfügung stellen, damit der Herr gemeinsam mit Maria Großes schafft zur Ehre des Dreieinen und Dreifaltigen Gottes. Es ist die Stärke der von Gott gewollten Bindung, die Kraft der Sohnschaft, in der die Hilflosigkeit des Sohnes zum Segen des Vaters wird. Unsere Stärke ist die Verpflichtung zur Nachfolge Christi mit Maria, mit der bescheidenen Macht des Gnadenkapitals, der Kraft des Konkreten, das unser christliches Leben gestaltet, damit Maria als Verwalterin der Gnaden der Beheimatung, Wandlung und apostolischer Sendung uns hilft, zur Fülle der Gnade der erlösten Gotteskinder zu gelangen.

Was wir sind, ist das, was wir tun. Wir sind Verbündete, die ihr Leben anbieten, um Schönstatt, die Nation Gottes, aufzubauen. Wir sind Kinder des radikalen Vertrauens auf die göttliche Vorsehung und möchten in der Kirche Liebesmacht sein, Herz, ein Herz voller Glauben und voller Nächstenliebe, voller Barmherzigkeit und Einsatz. Wir suchen nicht nach den ersten Posten, um Beifall zu haschen und anerkannt zu sein. Wir wollen nur tun, was der Herr uns sagt, wie Maria es uns lehrt.

Von unserem Gründer haben wir gelernt, eine neue Kirche zu wollen, die wir zuerst in unserer eigenen Familie verwirklichen wollen. Es ist eine Kirche ohne Macht, aber voller Leben, voll spirituellem Reichtum. Es ist die Kirche einer Freiheit wie nur eben möglich, mit nur den absolut notwendigen Regeln und der höchstmöglichen Geistpflege. Es ist die Kirche des Bündnisses mit der einzigen Macht, der Macht des neuen Gebotes, manifestiert in Menschen und Werken, in Gemeinschaften und Diensten, in einer Kultur und einer Spiritualität, die immer offen ist für Begegnung, Dialog, Geschwisterlichkeit, Dialog, Gebet. Eine Familie, die sich als lebendige Kirche versteht und fühlt, in der Kirche, mit der Kirche und für die Kirche. Wir sind nichts anderes und nicht mehr, wir sind diese Kirche, die wir mit ihrem Licht und ihren Schatten, ihren Prüfungen und Versuchungen dieser Zeit stützen. Wir sind keine andere Kirche, denn die Kirche ist eine einzige. Wir sind die Kirche, die sich immer von ihrem Meister modellieren lässt, die sich von sich selbst löst, um ganz des Herrn zu sein.

Er liebte die Kirche. Das sagt die verewigte Botschaft auf dem Grab des Vaters. Wir lieben die Kirche, das muss im Herzen der Verbündeten, derer, die sein Charisma leben und ihn bekannt machen, eingeschrieben sein. Wer ist Kentenich, wer sind wir? Jene, die mit Maria Christus kennen und lieben und ihm folgsam folgen, um seine Kirche zu bauen und sein Reich sichtbar zu machen, dieses Reich, das nur wächst und gedeiht, wenn die Kraft von oben es treibt und nährt.

4 Je größer die Hilflosigkeit, desto größer die Hingabe

Kentenich-Schule

Die Zeiten, die wir leben, schütteln einmal mehr die Kultur, die Gesellschaft, die Institutionen. Familie, Identität, Autorität, Kirche, Gemeinschaft werden mit Fehlern und Kritik konfrontiert, die Reaktionen hervorrufen, manche konservativ, andere reaktionär. Alte ideologische Positionen kehren in den Konflikt zurück, nicht mehr nur auf der Ebene der geographisch erkennbaren Politik, sondern in allen Bereichen, mit Überschreitung der Grenzen des Privaten, Persönlichen.

Die Versuchung der Hilflosigkeit kann einige dazu führen, die Haltung des Petrus anzunehmen, was erneut die Rückweisung des Herrn bewirkt, da dies das Evangelium verfälscht. Hilflosigkeit wird nicht überwunden, es sei denn durch Hingabe an Jesus und innige Verbindung mit ihm. Wie machen wir es am effizientesten und kraftvollsten? Niemand hat mehr Macht als Maria: Liebesbündnis.

Im Bündnis setzen wir uns neben den Gründer, der mit offenen Armen alle Verbündeten Marias erwartet. Sagen wir erneut mit großem Glauben: Da bin ich. In mir und in uns geschehe Gottes Wille. NdUnd das charismatische Lächeln des Vaters wird unser werden.

+ Francisco Javier Pistilli Scorzara, P. Sch.

 

Die Kirche ohne Macht, aber voller Leben – Predigt von Bischof Francisco Pistilli

Video der Predigt

 

Original: Spanisch, 16.09.2018. Übersetzung: Maria Fischer @schoenstatt.org.

Übersetzung des Textes der Enzyklika: Rudolf Graber, Die marianischen Weltrundschreiben der Päpste in den letzten hundert Jahren, Echter-Verlag, Würzburg 19542, S. 127–139.

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