Veröffentlicht am 11. März 2019 In Haus Madre de Tuparenda

Ich war schon neugierig und bin begeistert in Erinnerung an meine Erlebnisse in der Gefängnisfürsorge

PARAGUAY/DEUTSCHLAND, Pfr. Leonhard Erhard •

„Ich war schon neugierig und bin begeistert in Erinnerung an meine Erlebnisse in der Gefängnisfürsorge in der Diözese“: Die deutsche Fassung der Webseite von Casa Madre de Tuparenda war noch kaum online, da meldete sich schon der erste Besucher. Pfr. i.R. Leonhard Erhard, der vor wenigen Wochen seinen 80. Geburtstag gefeiert hat. Wir baten ihn um „mehr“ … Hier sein Kommentar.  —

Während einer Tätigkeit bei der Caritas gehörte Gefängnisfürsorge zu den Seelsorgebereichen und unter den Anstalten auch das Jugendgefängnis Niederschönefeld in den Gebäuden eines säkularisierten Zisterzienserklosters. Beim Lesen des Konzeptes von Casa Madre de Tuparenda tauchten Einzelheiten wieder auf:

Nicht ganz allein

Die ganze Anlage ist auf freie Familienhaftigkeit angelegt und für mich eine Freude, weil mir als Kontrast ein Junge mit 16 Jahren vor Augen ist, der in seiner Zelle allein ist und als Beschäftigung für eine Schuhfabrik Teile für Damenschuh-Absätze ausstanzt. Heute noch sind mir seine herzzerreißenden Bitten im Ohr, ihn aus dem Alleinsein und Allein-arbeiten-Müssen heraus zu holen. Mein Eindruck war eine schwache Persönlichkeit, die eine Clique braucht und mit anderen von der Clique im Gefängnis gelandet ist. Mit sich selbst hilflos wird er allein eingesperrt, und für die Vollzugskräfte ist nur der problemlose Ablauf wichtig. Das lässt mich den völlig anderen Boden in diesem Projekt für solche Ausreifungen von Jungen als Gegenbeispiel mit Freude sehen.

Grafik: www.fundaprovapy.org

Auffangen und stark machen

Als Auffang-Einrichtung mit Familienhaftigkeit bietet es optimale Bedingungen, die ich einem anderen Jungen gewünscht hätte. Er bekam von der Justiz das Angebot einer vorzeitigen Entlassung wegen guter Führung und Aussicht auf Stabilisierung, wenn er nach der Haft in gutes Umfeld kommt. Auf unsere Anfrage bei seiner Familie kam eine energische Absage von seiner Mutter, dass es gar nicht in Frage komme, sich künftig wieder mit dem Tu-nicht-gut in der Familie herumzuärgern. Sie wollten ihren Frieden.

Das dem Jungen sagen zu müssen, der keine andere Anlaufstelle hatte, würgt heute noch etwas in mir und lässt mich umso mehr Freude empfinden, dass dieses Projekt genau die gegenteilige Grundeinstellung hat und genau auf solche Jungen angelegt ist und sie auffängt. Da kann so eine Chance der Justiz einer vorzeitigen Entlassung unheimlichen Auftrieb für eigene Stabilität bringen, deren Ansätze das Harmoniebedürfnis der Mutter gar nicht zugelassen hat.

Auch wenn das Negativbeispiele sind, habe ich eine Freude daran, dass am Rande der Wohlstandswelt solche Lebensbedingungen entstehen und solche Seelenschäden geheilt werden können.

Und dann kam der Stromausfall

Beim Überschauen der beruflichen Tätigkeiten im Projekt von Gartenarbeit bis Bäcker usw. kam mir auch eine Nachricht in den Sinn, die im Caritasbüro ankam. Ein Junge hat während seiner Haft eine Ausbildung als Bäcker gemacht in der relativ schlicht eingerichteten Gefängnisbäckerei. Während es meist schwer war, die Leute nach der Entlassung in einem annehmbaren Betrieb unterzubringen (weil es verheerende Folgen hatte, wenn sie irgendwo ausgenutzt wurden als Arbeitskräfte), fanden wir bei dieser Tätigkeit mit Dauermangel an Helfern schnell eine Bäckerei für die Mitarbeit. Ein Stromausfall legte einmal den Hightech-Betrieb für ein paar Stunden lahm. Da war der ehemalige Knasti dann der Einzige, der alle Arbeiten von Hand leisten konnte. Das war ein schlagartiger Anstieg der Achtung und Wertschätzung von ihm und ein Selbstwerterlebnis mit unheimlicher Stabilisierung der ganzen Person. Für ihn war es eine solche Freude, dass er sie uns mitteilen musste, weil er uns bestätigen wollte, dass wir uns mit ihm nicht blamiert haben.

Dies bestätigt besonders die Anlage des Projekts mit solchen Möglichkeiten, berufliche Fähigkeiten in einfacher Form zu lernen und sich stark und sicher zu fühlen, wenn die automatik-verwöhnten Normalverbraucher hilflos sind.

Webseite von Casa Madre de Tuparenda

Jetzt auch in Englisch und Deutsch: die Website von Casa Madre de Tupãrenda

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