Veröffentlicht am 2020-08-01 In Kentenich, Kolumne - Cristián León, Themen - Meinungen

Pater Kentenich und Transparenz. Was geschieht gerade?

Cristián León, Chile

Der Artikel der Theologin und Historikerin Alexandra von Teuffenbach, in dem bestimmte Zweifel an der Person Pater Josef Kentenichs angesprochen werden, sind in der Schönstatt-Bewegung als Torpedo unterhalb der Wasserlinie wahrgenommen worden. Diese Reaktionen reichen von der Überzeugung, dass sie die Sache der Seligsprechung unseres Gründers ernsthaft gefährden, bis hin zur Infragestellung der Pädagogik und Spiritualität der Bewegung. Mit anderen Worten, das Recht auf unsere charismatische Existenz wäre bis auf weiteres ausgesetzt. —

In einer früheren Kolumne habe ich erwähnt, wie wichtig es ist, den Prätext, Text und Kontext zu betrachten, in dem P. Kentenich dieses oder jenes gesagt oder gefragt hat. Darüber hinaus erwähnte ich, dass es entscheidend war, vier Konzepte kritisch zu untersuchen, die in unserer heutigen Mentalität und psychischen Atmosphäre sehr lebendig sind. Diese waren Transparenz, Präsentismus, Revisionismus und die Generationenfrage. In dieser Kolumne habe ich sie sehr prägnant entwickelt, deshalb möchte ich jetzt tiefer auf das Thema Transparenz eingehen und einige Hinweise geben, um richtig zu lesen, was mit uns geschieht. Ich werde die anderen Punkte in zukünftigen Kolumnen weiterentwickeln, um den Leser nicht zu ermüden.

Was passiert ist: Die unangenehme Überraschung

In der heutigen Gesellschaft ist es in jüngster Zeit zu einem unveräußerlichen Recht geworden, schnell zu einer Gesellschaft der Transparenz überzugehen, ein Begriff, der heute die öffentliche Diskussion beherrscht wie vielleicht kein anderer, so der koreanisch-deutsche Philosoph Byung-Chul Han. Die Kirche konnte sich ihrer Kontrolle nicht entziehen wegen der Welle des Machtmissbrauchs durch ihre Geistlichen, sei es in ihren Versionen von Amts- und Gewissensmissbrauch oder sexueller Natur. All dies hatte einen hohen Preis für liberale Wirtschaftsmodelle, für die Demokratien der freien Welt und für die kirchliche Institution. Der höchste und erbärmlichste Preis ist die Bedeutungslosigkeit der Empfehlungen und Meinungen der Geistlichen und der bischöflichen Gremien für eine in ihren Augen taube und betäubte Gesellschaft. Es war die Rede davon, die Kirche accountable, rechenschaftspflichtig zu machen, d.h. eine optimale Art und Weise zu definieren, in einer solchen Organisation zu arbeiten. Ich möchte einen Teil des Geltungsbereichs der Transparenz, den wir im Auge behalten müssen, allerdings relativieren.

Viele Mitglieder der Bewegung, die von diesem Eimer kalten Wassers völlig unvorbereitet erwischt wurden, erklärten, dass sie von den Aussagen der betreffenden Theologin ausgesprochen böse überrascht wurden. Andere, so scheint es, wussten Bescheid oder verfügten zumindest über bestimmte Informationen,  waren darum überhaupt nicht überrascht oder gingen zumindest umsichtig und ohne Skandal damit um.

Es gab also diejenigen, die nichts wussten und überrascht wurden; diejenigen, die irgendetwas wussten und das Bekanntwerden bedauerten, und diejenigen, die mehr wussten, sich entschuldigten und  verpflichteten,  im Rahmen der vorliegenden Informationen jetzt die Wahrheit zu sagen.

Was wir jetzt wissen: Gegenstand der Anschuldigungen und Gründe für das Exil

Was bisher geschehen ist, ist eine Kritik, außerhalb von Zeit und Raum, an einer privaten Zeremonie des Instituts der Marienschwestern, die Kindesexamen genannt wird, eine Prüfung der Kindlichkeit, die Pater Kentenich frei bei den Marienschwestern praktiziert hat, so weit ich weiß immer in Gegenwart der Oberin dieser Gemeinschaft. Pater Joseph Kentenich erklärt sie als eine originelle Wiederholung des Demuts- und Liebesexamens, das der Herr dem heiligen Petrus auferlegte, als er zum Primas ernannt wurde. Sie ist Blüte und Frucht einer Erziehung zur Liebe über lange Jahre hinweg und besteht aus vier Fragen. Bei dieser Zeremonie hätte es eine fünfte Frage an eine bestimmte Schwester gegeben, die sich dadurch angegriffen und belästigt erlebt habe, da sie in dieser Frage eine sexuelle Konnotation empfunden habe. Dies sei in den späten 1940er oder frühen 1950er Jahren geschehen. Davon erfuhr der Visitator Sebastian Tromp in einem Interview mit den Marienschwestern im Rahmen der Apostolischen Visitation, die das Heilige Offizium (heute Glaubenskongregation) beim Institut der Marienschwestern durchführte.

Außerdem wurde jetzt in die gesamte Breite Schönstatts hinein erklärt, dass der Grund für das vierzehnjährige Exil des Gründers nach Milwaukee aus vier unterschiedlichen Gründen bestand:

  1.  Die Kirche hat Schönstatt und seine Terminologie nicht verstanden. In diesem Kontext steht die Epistola perlonga vom 31. Mai 1949.
  2. Das Thema d der Marienschwestern, seine Beziehung zu ihnen und die Anschuldigungen aus ihren Reihen wegen Macht-, Gewissens- und sexuellem Missbrauch
  3. Die Beziehung zu den Schönstatt-Diözesanpriestern, die Schönstatt-Pfarreien in Deutschland gründen wollten.
  4. All die Probleme, die er mit den Pallottinern hatte, die 1916 begannen, vor allem, aber nicht nur, weil Pater Kentenich Pallotti in Schönstatt-Begriffen neu interpretierte.

Dies ist mehr oder weniger eine Synthese der Informationen, die heute gehandhabt werden und öffentlich bekannt sind. Diese Informationen haben verschiedene Empfindlichkeiten, Verdächtigungen und Interpretationen geweckt. Von dem, was gesagt und in Dokumenten gezeigt wurde, scheint nicht viel mehr bekannt zu sein. Wir werden abwarten müssen, was sich in den Vatikanischen Archiven befindet.

 

Alternativen: totale Transparenz, progressive Offenlegung, vorsätzliche Verschleierung

In der Zwischenzeit wäre es angebracht, die Frage zu klären, ob es vor diesem „Skandal“ notwendig war, dass jedes Mitglied der Bewegung diese vier Ursachen kannte, ganz selbstverständlich von Anfang an oderob es zumindest Dokumente gab, um Zugang zu ihnen zu erhalten. Hier, so scheint es, gibt es drei Alternativen: totale Transparenz, progressive Offenlegung und vorsätzliche Verschleierung.

Pater Joseph Kentenich selbst wirft im zentralen Buch der Spiritualität Schönstatts, Himmelwärts, das während seiner Gefangenschaft im Konzentrationslagers in Dachau (1942-1945) enstand, im Gebet „Verdorren soll, o Gott, hier meine Rechte“, Vers 584, etwas Licht auf das Thema:

 

Was ihre Ehr‘ nach außen nicht kann mehren,
werd‘ zu verkünden ich mich allzeit wehren,
ich breit‘ darüber aus des Schweigens Mantel
und sühne es durch heiligen Lebenswandel:
Verdorren soll, o Gott, hier meine Rechte,
wenn ich, o Schönstatt, deiner nicht gedächte.

 

Auf der anderen Seite zeigen die Texte des Neuen Testaments reichlich, wie Jesus sich seinen Jüngern allmählich offenbart. Zuerst fragt er seine Jünger: „Für wen halten mich die Leute“ (Lk. 9 und Mt. 16)?, und keiner von ihnen weiß recht zu antworten, bis Petrus wagt: „Du bist der Christus, der Sohn des lebendigen Gottes“. Später, auf dem Berg Tabor, wird es die Verklärung Christi geben, wo er sich nur dreien seiner zwölf Jünger als wahrer Gott offenbart, worauf bei den drei Synoptikern (Mt. 17, Mk. 9 und Lk. 9) hingewiesen wird. „Und sie schwiegen und erzählten in jenen Tagen niemandem von dem, was sie gesehen hatten.“ Erst beim Letzten Abendmahl im Johannes-Evangelium nimmt Christus ausdrücklich Bezug auf seine Person und seine Sendung (Joh 13,17).

Auch unsere Erfahrungen in der Familie zeigen ähnliche Situationen: Wann ist der richtige Zeitpunkt, um einem unserer Kinder zu sagen, dass es adoptiert ist, wann sagen wir unseren Kindern, dass ein Elternteil seinem Ehepartner zu jenem bestimmten Zeitpunkt untreu war? Einige mögen sagen, von Anfang an, andere hingegen sagen, wenn die Empfänger alt genug, reif genug, genügend vorbereitet sind. Aber klar ist, dass wir das „Geheimnis“ niemals einfach ganz verschweigen und verschleiern dürfen. Aber wir müssen akzeptieren, dass man je nach der Dynamik innerhalb der Gemeinschaften und ihrem besonderen und privaten Urteilsvermögen „wählen“ muss, wann sie diese Themen offenbaren, und immer unter dem Gesichtspunkt, ob das Wissen darum etwas bringt, die Ehre mehrt oder dem Leben der anderen Gemeinschaften hilft.

Um es ins Extrem zu steigern: Könnten Priester aufgrund dieser vermeintlich notwendigen absoluten Transparenz in Zukunft verpflichtet werden, das Beichtgeheimnis zu verletzen? Wären die Gemeinschaften ebenso verpflichtet, ihre privaten Bräuche und Riten einer öffentlichen Prüfung zu unterziehen?

Wissen wollen ist organisch, alles und immer noch mehr wissen zu wollen, weil das so sein muss, ist es nicht

Abschließend möchte ich einige Ideen des bereits erwähnten Byung-Chul Han in seinem Buch Transparenzgesellschaft (Matthes & Seitz Berlin, 2012) vorstellen. Aktionen werden transparent, wenn sie operationalisiert werden, wenn sie den Prozessen der Berechnung, Steuerung und Kontrolle unterworfen werden. Zeit wird transparent, wenn sie sich als Abfolge einer verfügbaren Gegenwart offenbart. Die Transparenzgesellschaft ist eine Hölle der Gleichmacherei, „In der Beschleunigung des Kreislaufs von Zeichen, Informationen und Kapital … müssen alle Geheimnisse, Rückzugsräume, Einzigartigkeiten, Ecken und Kanten beseitigt werden.“ Wir müssen darauf achten, so Han, dass totale Transparenz auch ein systemischer Zwang ist, der alle gesellschaftlichen Ereignisse erfasst und sie einem tiefgreifenden Wandel unterwirft. Sie hat auch einen totalitären Charakterzug: »Neues Wort für Gleichschaltung: Transparenz«. Im Namen der Transparenz wird die totale Aufgabe der Privatsphäre gefordert mit dem Ziel, zu einer transparenten Kommunikation zu führen.

Denken wir daran, dass Freud selbst – der kein Heiliger der Verehrung Pater Josef Kentenichs war – betonte, dass der Mensch nicht einmal für sich selbst transparent sei. Das „Ich“ verneint genau das, was das Unbewusste grenzenlos bejaht und begehrt. Das „Es“ bleibt dem „Ich“ weitgehend verborgen (Han, S. 15). Der chilenische Dichter Eduardo Anguita erinnert uns daran, dass „es Dinge gibt, wegen derer es schön ist, zu schweigen„. Ich verteidige daher das Recht auf das legitime Geheimnis.

Wissen zu wollen ist organisch, alles wissen zu wollen, weil es so sein sollte, ist es nicht. Die Erbsünde liegt genau dort, wo die Schlange zu Eva sagt: „Gott weiß vielmehr: Sobald ihr davon esst, gehen euch die Augen auf; ihr werdet wie Gott und erkennt Gut und Böse. Da sah die Frau, dass es köstlich wäre, von dem Baum zu essen, dass der Baum eine Augenweide war und begehrenswert war, um klug zu werden. Sie nahm von seinen Früchten und aß; sie gab auch ihrem Mann, der bei ihr war, und auch er aß. Da gingen beiden die Augen auf und sie erkannten, dass sie nackt waren“(Gen.3, 5-7). Bei völliger Transparenz wird die Welt schamloser und nackter.

Eine Anhäufung von Informationen allein ist nicht Wahrheit

Das Evangelium sagt jedoch, dass die Wahrheit uns frei machen wird (vgl. Joh 8,32); nun, Transparenz und Wahrheit sind nicht identisch. Mehr Informationen oder eine Anhäufung von Informationen allein ist nicht die Wahrheit. Es fehlt die Richtung, nämlich die Bedeutung. Hyper-Information und Hyper-Kommunikation zeugen vom Mangel an Wahrheit, ja sogar vom Mangel an Sein. Mehr Information, mehr Kommunikation beseitigt nicht die grundlegende Ungenauigkeit des Ganzen. Vielmehr verschlimmert es die Situation. Ich lade Sie ein, darüber nachzudenken.

 

CRISTIÁN LEÓN GONZÁLEZ

26.07.2020

In der spanischen Fassung des Artikels entspann sich ein Dialog zwischen unserem Kolumnisten Ignacio Serrano del Pozo und dem Verfasser, den wir den deutschsprachigen Lesern nicht vorenthalten möchten:

Ignacio Serrano: Lieber Cristian, vielen Dank für deine Kolumne. Die Kategorien zu benutzen, die du benutzt, und Byung Chul Han zur Diskussion einzuladen, erhellt und belebt das Thema in Schönstatt sicherlich. Aber ich stehe vor der Frage, ob das Bild des Familienvaters, der seinen Kindern Informationen vorenthält, oder das Bild von einem selbst, das über Intimitäten schweigt, ausreicht, um eine mögliche Intransparenz der Standesleiter / Berater (Schönstatt-Patres und Marienschwestern) zu rechtfertigen, da sie diejenigen sind, die uns die Geschichte unseres gemeinsamen Vaters vermitteln sollen. Der Sinn ihrer Aufgabe besteht gerade darin, uns bei Aufgaben zu helfen, die wir Laien aus Zeit- oder Wissensgründen nicht übernehmen können, ein wenig wie der Berater eines Organismus in der säkularen Welt, und in dieser Linie gäbe es keine Legitmierung für das Verbergen von Informationen. Auch wenn diese Information die Ehre der Familie „nach außen“ nicht erhöht, sind dann wir, um das Gebet des Vaters und Gründers zu benutzen, die Laien, „außen“? Oder die minderjährigen Kinder dieser Familie, die ausgeschlossen werden sollten? Um das Gespräch fortzusetzen…

Cristián León: Interessante Reflexion Ignacio, und ich denke, das ist einer der zentralen Punkte der Diskussion. Ich denke, dass die Kolumne diese Diskussion situieren und Kontrapunkte vorschlagen will. Es ist die Praxis der aristotelischen Mesothe, das Gesetz der Mitte. Dies spielt sich schließlich in der Freiheit und Großzügigkeit seiner Mitglieder ab. Natürlich müssen korrupte Praktiken angeprangert und ohne Zugeständnisse beseitigt werden. Aber es gibt eine größere und breitere Welt als diese, und es ist wert, diese anzusprechen.

 


CRISTIÁN LEÓN (1969) ist seit 1991 Mitglied der Bewegung. Derzeit ist er Mitglied des 2. Kurses des chilenischen Männerbundes. Er hat einen Abschluss in Architektur und Ästhetik (PUC) sowie einen Master und einen Doktortitel in Kunstgeschichte von der Universität Sevilla. Er ist auch Sprecher der Stiftung Voces Catolicos.

 

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