Veröffentlicht am 24. Juni 2018 In Franziskus - Botschaft

Es geht nicht um Zahlen, sondern um Personen

Von Maria Fischer •

„Die sehen aus wie illegale Migranten“, scheint der Beamte an der Grenze zu sagen, einer dieser Grenzen, vor denen Hunderte und Tausende von Migranten und Flüchtlingen stehen, die, nach der öffentlichen Meinung und noch mehr nach jenen aufstrebenden populistischen Parteien und ihrem Schrei „Unser Land zuerst“ Kultur, Wohlstand und Sicherheit großer Länder bedrohen. Wie jenes Landes auf der anderen Seite dieser Grenze, der sich in dieser Nacht ein Mann in ärmlicher Kleidung, eine Frau, die viel zu jung scheint, um schon ein Kind zu haben, nähern, und die jetzt auch noch dieses weinende Kind, höchstens ein paar Wochen alt, zeigen, als wollten sie sagen: „Lasst uns durch, um Gottes und dieses Kindes willen, das Hunger und Angst hat.“ —

„Zuletzt möchte ich sagen, dass es bei der Frage der Migration nicht nur um Zahlen, sondern um Personen geht, mit ihrer Geschichte, ihrer Kultur, ihren Gefühlen, ihren Sehnsüchten…“
Die Beamten haben ihre Befehle. Flüchtlinge an der Grenze rigoros zurückweisen, Kinder von ihren Eltern trennen, sie dahin zurückschicken, wo sie hergekommen sind oder wo sie zuerst registriert wurden, Hauptsache nicht in unser Land. Gut, dass diese hier wenigstens nicht mit dem Boot gekommen sind wie die vielen anderen, denn auch wenn man das nun schon seit Jahren sieht, wird einem immer noch ein ganz klein wenig schlecht bei den Bildern von ertrinkenden Menschen, auch seit dem Foto von dem kleinen ertrunkenen Ayden am Ufer des Mittelmeeres.

Die 600 Migranten auf der Aquarius sind ja auch nicht ertrunken, haben nur ein paar Tage ohne ausreichende Verpflegung hinter sich, ohne zu wissen, ob jemand sie aufnehmen würde, diese Migranten, die keiner haben wollte. Und ja, da ist jetzt noch ein Schiff voller Leute, die auch keiner will.

Aber um Himmels willen, es geht doch nicht. Wir haben doch die vereinbarte Zahl längst aufgenommen, das Land, aus dem diese da kommen, ist ein sicheres Herkunftsland, denken wir, warum gehen sie da weg und wollen ausgerechnet bei uns leben? Da wo sie herkommen ist doch kein Krieg. Und Verfolgung? Nie gehört. Oder bloß Hunger?

Eine Szene, wie sie sich Tag für Tag hätte abspielen können – an der Grenze zwischen Mexiko und den USA, an der Grenze von Ungarn, Österreich, Italien, und wer weiß, bald in Deutschland… oder an der Grenze Ägyptens vor 2000 Jahren. Sie kommen als Flüchtlinge und Migranten, fliehen vor Krieg, Verfolgung, Hunger und Armut. Jeder von ihnen ist eine Geschichte und ein Geheimnis. Wie in jener Nacht Maria, Josef und Jesus.

Wann kommt der Befehl von Trump oder Seehofer oder Kurz, mit dem in den Krippendarstellungen Maria, Josef und das Jesuskind auf dem Esel auf der Flucht nach Ägypten verboten werden?

Wir brauchen einen Mentalitätswechsel

“Wir brauchen einen Mentalitätswechsel: Weg davon, den anderen als Bedrohung unseres angenehmen Lebens zu sehen hin dazu, ihn als jemanden zu sehen, der mit seiner Lebenserfahrung und seinen Werten viel geben und zum Reichtum unserer Gesellschaft beitragen kann. Darum ist die grundlegende Haltung in dieser Frage die des Herausgehens zur Begegnung mit dem anderen, um ihn aufzunehmen, kennenzulernen und anzuerkennen“, sagt Papst Franziskus, der sich zum Anwalt der Migranten gemacht hat von seinem Besuch auf Lampedusa über seine Rede vor dem Europaparlament in Straßburg bis zu seiner Botschaft aus Anlass des zweiten Kolloquiums zur internationalen Migration Mexiko-Vatikan in der vorletzten Woche.

“Zuletzt möchte ich sagen, dass es bei der Frage der Migration nicht nur um Zahlen, sondern um Personen geht, mit ihrer Geschichte, ihrer Kultur, ihren Gefühlen, ihren Sehnsüchten… Diese Personen sind unsere Brüder und Schwestern und brauchen nachhaltigen Schutz, unabhängig von Asyl- und Migrantenstatus. Ihre grundlegenden Rechte und ihre Würde müssen geschützt und verteidigt werden. Besondere Aufmerksamkeit muss den Kindern und ihren Familien gewidmet werden, denen, die Opfer von Menschenhandel geworden sind und denen, die aufgrund von Kriegen, Naturkatastrophen und Verfolgung ihre Heimat verlassen mussten. Sie alle hoffen, dass wir den Mut haben, die Mauer der Bequemlichkeit und des Schweigens zu durchbrechen, die ihre Situation des Schutzlosigkeit verschlimmert, und ihnen Aufmerksamkeit, Mitleid und Einsatz zu widmen.“

Danke an dieses Land Ägypten vor 2000 Jahren, das christlicher handelte als manches sogengannte christliche Land heute.

Danke, Papst Franziskus, für den erneuten Hinweis, dass „die Flüchtlinge“ nicht Zahlen einer Obergrenze sind und auch nicht zuerst eine Bedrohung, sondern Menschen, die unsere Option für das Leben herausfordern.

Botschaft von Papst Franziskus (englisch)

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1 Responses

  1. Ein ‚zu Herzen gehender‘ Artikel. Nicht nur zur Advents- und Weihnachtszeit, sondern auch – fuer Europa – im Hochsommer.
    Bitte moeglichst ueber viele Medien verteilen!
    Melle

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