Columna P. Enrique Grez López

Veröffentlicht am 2021-09-26 In Themen - Meinungen

Loxandra. Mutter und Königin

P. Enrique Grez López •

Das Umschlagbild der spanischen Ausgabe des Buches von Maria Iordanidu zeigt einen reifen, roten Granatapfel, der vor Saft nur so strotzt. Es ist ein Zeichen für das, was wir auf den folgenden zweihundert Seiten finden werden: das Leben einer Frau, das sich vor uns mit unbändiger Vitalität entfaltet. Loxandra ist eine Mutter, die ihre eigenen und fremde Kinder, aber auch ihre Verwandten, Nachbarn und sogar die Katzen der Nachbarschaft um sich schart. —

Loxandra

Umschlag des Buches. Quelle: www.acantilado.es © 2021 Editorial Acantilado

Sie ist eine Köchin mit einer Vorliebe für Süßes, aber auch eine geschickte Schneiderin, die in der Lage ist, aus den vergessenen Resten in ihrem Nähkästchen ein neues Kleid zu nähen. Sie ist griechisch-orthodox und kommt aus Istanbul, der Stadt, die von der Sonne und dem Meer umschmeichelt wird und die für sie immer Konstantinopel sein wird.

Von Zeit zu Zeit pilgert sie zur Jungfrau von Balukli. Sie geht dorthin, holt das heilige Wasser, das alle Krankheiten heilt, und erzählt ihr von ihren Sorgen, die in Wirklichkeit, die ihrer Familie sind.

Loxandra ist eine Mutter, aber umgangssprachlich könnte man sagen, dass sie eine Königin ist: eine bezaubernde und charmante Frau, die das Leben ihrer Familie mit ihrem guten Humor, ihrer Gutmütigkeit und ihrem gesunden Menschenverstand lenkt.

„Seit Klío (ihre Tochter) schwanger geworden war, war das Baby für Loxandra eine Realität. Und es war ein Mädchen. Sie sah sie im Schoß ihrer Mutter sitzen, wie auf einem Thron. Mit ihren kleinen Locken, mit ihren kleinen Händen, die auf den Moment der Geburt warten, um zu rufen: „Kuckuck, Oma!“

Ein anderes Mal stellte sie sich das Baby in ihrer eigenen Gebärmutter vor, und dann wurde ihr übel, schwindlig und sie bekam Heißhunger.

Imagen de la Virgen de Baluklí.

Bild der Jungfrau von Baluklí. Quelle: www.wikipedia.org Autor: Χρήστης Templar52

Die Autorin zaubert uns ein Lächeln ins Gesicht, wenn sie das Panorama aus Loxandras Augen, Nase und Gaumen beschreibt. So wird diese imaginäre Welt sehr greifbar. Diese legendäre Matriarchin stellt sich das Baby im Schoß ihrer Tochter als das Gotteskind auf dem Schoß der Jungfrau Maria vor. Daher ihre Würde, ihre Schönheit und ihre Fähigkeit, eine gute Nachricht zu überbringen. Es ist eine wunderbare Vision. Andererseits ist sie so gut in der Lage, sich in ihre Tochter hineinzuversetzen, dass sie selbst im höheren Alter noch die Symptome der Schwangerschaft wahrnimmt. Obwohl das Sehnen nicht zählt, weil dieses Merkmal dauerhaft ist.

Maria Iordanidu (1897-1989) ist in der Lage, uns beim Lesen nicht nur ein, sondern eine ganze Reihe von Lächeln ins Gesicht zu zaubern. Heutzutage ist das keine Kleinigkeit. Es ist ein einfacher Humor, der nicht schadet und der uns dazu bringt, über einige wesentliche Fragen nachzudenken: das Leben, die Familie, unsere Bedürfnisse. Der Text erinnert mich an meine Großmütter. Was Iordanidu uns erzählt, ist keine Fiktion, sondern wahrscheinlich eine wunderbare Ausarbeitung ihrer Familiengeschichte. In Amerika würden wir dieses Genre in die Nähe des magischen Realismus rücken, aber vor den Toren dessen, was wir gewohnt sind, den Osten zu nennen, ist es einfach eine Lektion in Menschlichkeit und Glaube in Reinkultur. Inkarniert, ja, in Materie, die gegessen und gesalbt wird, wie die Dolmas und das heilige Wasser von Balukli, das Loxandra mit gleichem Vergnügen genießt.


Technische Daten (spanische Ausgabe)
AUTORIN: María Iordanidu (2018)
TITEL: Loxandra
VERLAG: Acantilado
KOLLEKTION: Narrativa del Acantilado, 301
ÜBERSETZUNG: Selma Ancira
PAPIER: Ja
EBOOK: Ja

 

 

Die deutsche Ausgabe ist vergriffen; es gibt aktuell Ausgaben in Italienisch, Spanisch, Französisch und Englisch.


Mit dieser ersten Kolumne beginnt Pater Enrique Grez López eine Reihe von Beiträgen auf schoenstatt.org. Ziel ist es, kulturkritische Texte aus einer Vielzahl von Medien zu präsentieren und den Leser schließlich dazu zu bewegen, ein Buch in die Hand zu nehmen, ins Kino zu gehen oder das Radio einzuschalten. Wenn diese Erfahrung der Annäherung an die Schönheit oder ein bestimmtes gemeinsames Gefühl den Beginn eines Gesprächs über die materielle Dimension unseres Glaubens auslöst, ist die Erwartung des Autors erfüllt.

 

Original: Spanisch, 24.09.2021. Übersetzung: Maria Fischer @schoenstatt.org

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