Veröffentlicht am 2020-06-11 In Kolumne - Rafael Mascayano, Themen - Meinungen

Gehen lernt man durch Gehen

Von Rafael Mascayano M., Chile •

Mai 1972, zweite Führerschule der Mannesjugend in Santiago, Chile. Diese Erfindung von Pater Rafael Fernández, unserem damaligen Berater, bedeutete, dass eine Gruppe junger Männer ihre akademische oder berufliche Karriere unterbrach, um ein Jahr lang in Gemeinschaft, Ausbildung und Dienst an der Bewegung, insbesondere an der Mannesjugend, zu leben. Wir hatten bereits einige Zeit miteinander verbracht, und einige Probleme des Zusammenlebens hatten bereits begonnen, sich zu zeigen. Deshalb haben wir einen De La Salle-Bruder, einen Experten für Gruppendynamik, eingeladen, der uns in dieser Hinsicht helfen sollte. —

“Wir wollen lernen, nicht nur theoretisch: so und so müßte man es wohl machen, so ist es gut, so ist es schön, meinetwegen sogar notwendig. Damit wäre uns wahrhaftig wenig gedient. Nein, wir müssen auch praktisch lernen, wir müssen Hand ans Werk legen jeden Tag, jede Stunde. Wie haben wir gehen gelernt? Könnt ihr euch noch erinnern, wie ihr gehen gelernt habt? oder wenigstens wie eure Geschwisterchen es gelernt haben? Hat da die Mutter große Reden gehalten: Sieh mal Toni oder Mariechen – so mußt du es machen. Dann könnten wwir alle noch nicht gehen. Nein, sie hat uns an die Hand genommen und dann gings los. Nein, gehen lernt man durch Gehen, lieben durch Lieben. (…) An Gelegenheit dazu fehlt es uns gewiß nicht.“. (Pater Kentenich, 27.10.1912)”

Bruder Miguel bat uns, uns an den Tisch zu setzen und lud uns ein, das Geld, das wir in der Tasche hatten, vor uns hin zu legen, in dem Wissen, dass es nicht zurückkommen würde. Auch wenn es als Universitätsstudenten nicht viel war, so war es doch das, was jeder von uns hatte. Mit einem großen Gemeinschaftsgeist (wir waren aus einem bestimmten Grund dort) haben wir unser Geld vor uns auf den Tisch gelegt. Br. Miguel schaute uns an und gab uns die folgende Anweisung: Sehen Sie sich alle, die an diesem Tisch sitzen, genau an, und wenn ich Ihnen das Signal gebe, legen Sie das Geld vor den, von dem Sie meinen, dass er es braucht. Auf das Signal hin und ohne größere Probleme haben wir unser Geld bei verschiedenen Leuten der Gemeinschaft angelegt. Dann, auf ein neues Zeichen hin, teilten wir einander mit, warum wir diesem oder jenem Bruder Geld gegeben hatten. Ein interessantes Gespräch. Da es Zeit für einen Kaffee war, bestand Br. Miguel darauf, dass wir darauf achten sollten, was jeder von uns vor sich liegen hatte.

Wir tranken einen Kaffee und kehrten in die Dynamik zurück. Vor jedem von uns lag das Geld, das die anderen uns gegeben hatten oder auch nicht. Die neue Anweisung von Br. Miguel: Gehen Sie jetzt herum und holen Sie sich Geld von einem aus der Gruppe. Wir drehten und drehten und drehten uns, nahmen eine Münze heraus… und vielleicht noch eine… es war schwierig. Im anschließenden Dialog wurde uns klar, wie leicht es war, zu geben und wie schwierig es war, zu bitten, Vertrauen in den anderen zu haben, um Hilfe zu bitten, um Zusammenarbeit zu bitten – und so vertieften wir weiterhin unsere Beziehungen als Gemeinschaft.

“Wir wollen lernen, nicht nur theoretisch …” (Josef Kentenich, 27.10.1912)

Wir hatten nicht grundsätzlich über Teilen und Empfangen gesprochen, aber, wie Pater Kentenich vorschlägt, hatten wir dieses Lernen zutiefst „erfahren“, wir hatten es in unserer Realität verinnerlicht und es hatte Veränderungen in unseren Beziehungen als Gemeinschaft und Personen hervorgerufen. So sehr, dass ich diese Erfahrung bis zum heutigen Tag festgehalten habe und es immer noch eine Aufgabe der ständigen Selbsterziehung in mir ist.

In all diesen Jahren haben Nena (meine Frau) und ich verschiedene Gruppen in unterschiedlichen Realitäten in unserem Land begleitet, und wir haben immer wieder festgestellt, dass aktives Lernen bessere Veränderungen in den Bildungsprozessen bewirkt als nur das Lesen oder Hören von Vorträgen. Es geht nicht darum, dass diese Methoden für ungültig erklärt werden, sondern dass es in einem Lernprozess sehr wichtig ist, dass sie von realen Erfahrungen begleitet werden, die sich auf Wissen, Emotionen und Handlungen auswirken. Wir haben gesehen, wie Ehepaare sich dabei ertappen, wie sie für ein bestimmtes Thema ein „Pasapalabra“ (TV-Show mit Buchstabenspielen) erfinden, oder „Wer wird Millionär“, sogar per Zufallsauswahl am Computer. Die Kreativität blüht auf, wir lachen, haben Spaß und lernen.

Gehen lernt man durch Gehen, lieben durch Lieben (Josef Kentenich, 27.10.1912)

Und was ist mit „Das Fahrrad“! Eine Führungsschule unter der Leitung von Peque, Jorge und ihrem großartigen Team aus der Familienbewegung von Bellavista. Natürlich sind ihre Aktivitäten auf einer anderen Ebene… Was für eine Inszenierung! Das „Papierhaus“ zu erleben, in dem verschiedene Tests durchgeführt werden müssen, um eine Haltung des Schönstatt-Leiters zu erobern, ist etwas, das man nicht erzählen, nur erleben kann.

Ja, es gibt viel Kreativität in unserer Bewegung, viel Fähigkeit, die Bildungsprozesse lebendig zu machen, indem wir andere Mittel, andere Methoden nutzen, um das zu vertiefen, was Pater Kentenich uns gesagt hat, nämlich dass die Prozesse „alle vitalen Kräfte der Person“ mobilisieren sollen und nicht nur die rationalen, d.h. Lebensvorgänge hervorbringen sollen; und dass wir in den Lernprozessen alle vitalen Kräfte berühren sollen: Seele, Gefühle, Emotionen, Wille, Aktion… wie Pater Kentenich sagt: „Erfahrungen„.

Das heißt, auch in unseren Bildungsprozessen wahr werden zu lassen, was wir überall sagen: Leben entzündet sich am Leben.

Wir wollen lernen. Nicht bloß ihr, sondern auch ich. Wir wollen voneinander lernen. Denn niemals lernen wir aus, zumal nicht in der Kunst der Selbsterziehung, die ja das Werk, die Tat, die Arbeit unseres ganzen Lebens darstellt.“
(P. Kentenich, 27.10.1912)

 

Rafael Mascayano M.
MA in Lehrplan, PUC Chile
MA in Erziehungsmanagement, UNAB

 

Original: Spanisch. Übersetzung: Maria Fischer @schoenstatt.org

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