Martin Flesch

Veröffentlicht am 2021-03-23 In Kentenich, Themen - Meinungen

Mit dem Paradoxon leben – Plädoyer für eine zeitnahe Abkehr vom Dualismus

Dr. Martin Flesch, Deutschland •

Anmerkungen eines Psychiaters zum Klärungsprozess in der „Causa Kentenich“. Ein systemanalytischer Essay. —

IDas „Und“ ist entscheidend – es schützt uns vor dem „Entweder-oder“!

„Gott lässt meist dann Fragen kommen, wenn er vorhat, sie zu lösen.“
Thomas Merton
Die seit Juli 2020 im Denken und Fühlen nicht weniger Schönstätter ständig präsente Thematik der sogenannten Causa Kentenich“ zwingt mit der Zeit Jede und Jeden, die/der sich im Sinne einer persönlichen Standpunktklärung bemüht, zu einer Konfrontation und Auseinandersetzung, zur Diskussion und schließlich, soweit überhaupt möglich, zu eigenen Positionierung.

Die Analyse der seit der Veröffentlichung des Buches „Vater darf das!“ (von der Kirchenhistorikerin Alexandra von Teuffenbach im Bautz-Verlag) in Gang gekommenen Reaktionen, emotionalen Aufwallungen, Protesthaltungen und Verständnis-kundgebungen, die man – mit etwas Augenzwinkern – auch als beginnenden Klärungsprozesses Schönstatts bezeichnen könnte, lassen bei näherer Betrachtung ein Phänomen aufleuchten, welches derzeit in kirchennahen Gremien leider allzu häufig im Sinne so verstandener deeskalierender Prozesse missbraucht zu werden scheint – gemeint ist das Phänomen des Dualismus.

Dualistische Grundhaltungen und Diskussionsansätze vertreten in der Regel eine „Entweder-oder“ – Haltung, sie sehen „Schwarz-oder-Weiß“, meinen „Gut-oder-Böse“, und lassen im Rahmen der sodann erarbeiteten Lösungsansätze das für einen soliden Klärungsprozess so entscheidende „Sowohl- als- auch“ deutlich vermissen.

Dass die überwiegend dualistische Grundhaltung in den seit der Buchveröffentlichung oft hilflos wirkenden Reaktionen und Schadensbegrenzungsbemühungen der gesamten Schönstatt-Bewegung nicht nur bereits weite Kreise gezogen hat, sondern darüber hinaus auch nicht unerhebliche Kollateralschäden erzeugt hat und auch gegenwärtig immer noch hervorbringt, lässt sich – bedauerlicherweise – an nicht wenigen Beispielen aus psychodynamischer, oder wenn man so will, aus soziopsychologischer Perspektive leicht aufzeigen:

II Aufwertung durch Abwertung? – Das „Und“ erlaubt uns, immer beide Seiten zu würdigen und beide Seiten zu kritisieren.

Seit dem Zeitpunkt der beginnenden emotionalen Aufwallungen um die „Causa Kentenich“ gelangten nicht wenige Personen oder Persönlichkeiten aus dem früheren Umfeld Pater Kentenichs zu einer individuellen Würdigung und einem derartigen Bekanntheitsgrad, welcher zunächst fragend aufhorchen lässt. Bei näherer Betrachtung zeigt sich dann allerdings, dass das ursprünglich diesen Personen entgegengebrachte vermeintliche Interesse keinesfalls der konkreten Individualität bzw. der tatsächlichen Persönlichkeit dieser im Fokus der Betrachtung stehenden Personen zu gelten scheint, sondern sich dagegen auf eine Schnittmenge bezieht, die sämtliche so zitierten Menschen in einem Brennpunkt vereinigt: Sie stehen in einem diskursiven Verhältnis zu Josef Kentenich, sie wagten es, ihn bzw. seine ihnen entgegengebrachten Methoden zu kritisieren, sie fielen aus dem damals praktizierten Selbstverständnis Schönstatts heraus.

Die Analyse der über diese Personen zur Verfügung stehenden Zeitzeugnisse, Schriftzeugnisse und Dokumente verweist nun auf eine in Schönstättischen Kreisen leider häufig zu beobachtende Praxis: Es scheint sich so zu verhalten – und diese Tendenz ist nicht erst seit der Buchveröffentlichung von Frau von Teuffenbach im Juli 2020 spürbar -, dass die durch diese zeugenschaftlichen Aussagen der so thematisierten Personen hervortretenden kritischen Würdigungen – sowohl gegenüber schönstättischen Praktiken als auch den Verhaltensweisen Josef Kentenichs – einem Gründerbild abträglich erscheinen, welches einen seit dem Jahr 1968 erstrebten und auch verteidigten Anforderungsgrad der sog. „Heiligkeit“ (was dieses Attribut auch immer bedeuten mag) in Frage stellen könnte.

Dabei darf jedoch keinesfalls an dieser Stelle außer Acht gelassen werden, dass diese Aussagen andererseits natürlich dem Umstand entgegenstehen, dass nicht wenige Menschen an anderer Stelle persönliche und sehr wertvolle Impulse durch die Person Pater Josef Kentenichs und die Spiritualität der Schönstattbewegung als solche erhalten haben. Auch diese Feststellungen sind gemäß einem grundlegend toleranten Gesamtansatz in die hier entstehenden Widersprüche zu integrieren.

Die so bemühten Personen beziehen sich beispielsweise auf Schwester M. Anna, Schwester M. Agnes, Schwester M. Georgia, Schwester M. Gregoria, Pater Heinrich M. Köster sowie Pater F. Schmidt, um hier nur einige Namen zu nennen.

Dabei wird natürlich keinesfalls verkannt, dass die jeweiligen (kritisch gehaltenen) Aussagen der vorbenannten Personen, wie auch derart bei Frau von Teuffenbach dokumentiert, bei den bezüglich des historischen Kontextes informierten Lesern kritische Rückfragen auslösen. Wiederum gilt es, das momentan aufleuchtende Paradoxon zu akzeptieren und in den Gesamtansatz zu intergieren.

Der nun folgende schönstättische Umgang mit diesen Persönlichkeiten, sowohl in den zurückliegenden 50 Jahren, insbesondere jedoch seit dem Jahr 2020, lässt jedoch aus psychiatrischer und psychopathologischer Sicht nicht nur ungläubig staunen, sondern erzeugt bei dem fachkundigen Betrachter eine an Unverständnis und Ablehnung grenzende und mehr als in Frage stellende Reaktion auf diese Vorgehensweisen, die unbedingt weiteren Diskussionsbedarf aufwirft.

Um es hier ganz deutlich auszusprechen, kann unzweifelhaft in der Zeitläufte beobachtet werden, dass die – sich gegenüber der Person Pater Josef Kentenichs kritisch positionierenden Frauen und Männer in einer Art und Weise pathologisiert werden, die jedwede psychologische, psychopathologische und fachpsychiatrische Kompetenz Lügen straft,  insofern in diesem Zusammenhang Fachtermini verwandt wurden und werden, die eine pathologisierende Wertung beinhalten, ohne dass die dafür gebotene Sorgfalt im Hinblick auf phänomenologische Wahrnehmung und nachfolgende Klassifizierung und Attribuierung entsprechend den international gültigen Diagnosesystemen angewandt wurde.

Zu beobachten ist des Weiteren auch, dass aus bestimmten Bewegungszweigen heraus sogenannte „Informations- und Vortragsabende“ organisiert und abgehalten werden, die letztlich kein anderes Ergebnis verfolgen, als den so stigmatisierten Personen sozialpsychologische Defizite, Kommunikations- und Persönlichkeitsdefizite und nicht zuletzt auch psychische Erkrankungen zu attestieren, welche deren Urteils- und Kritikfähigkeit und Mitwirkungsfähigkeit im Rahmen der Schönstatt-Geschichte entsprechend einschränken oder gar aufheben sollen. Dieses Vorgehen und die Bereitschaft zu eben dieser Grundhaltung ist nicht nur aus fachpsychiatrischer Sicht zu verurteilen, sondern sollte gerade innerhalb einer Bewegung, die ihrem Gründer ein „heiligmäßiges Leben“ attestiert, sicherlich nichts (mehr) zu suchen haben.

Dabei ist es – auch aus psychiatrischer Perspektive – sicherlich einerseits verständlich, dass diese sogenannten Informations- und Aufklärungsveranstaltungen auf umfassenden Recherchen des zur Verfügung stehenden Archivmaterials beruhen, andererseits jedoch eine deutliche Tendenz aufzeigen, möglicherweise zu einseitig die im Fokus stehende Problematik eher zu Lasten der genannten Personen aufzeigen.

Bedauerlicherweise ist in diesem Zusammenhang von „schizophrenem Verhalten“, „weiblicher Hysterie“, „krankem Geltungsstreben“, „psychologischem Zwang“ und „asozialen Naturen“ zu hören und zu lesen. Es wird jedoch bezweifelt, dass die sich dieser Begriffe bedienenden Referentinnen und Referenten sich überhaupt darüber bewusst sind, welchen Schaden sie mit einer Psychiatrisierung, Pathologisierung und Attribuierung den betreffenden Zeitzeugen zufügen. Im Extremfall konnte man- bei aufmerksamer Verfolgung der Diskussionsentwicklung- sogar die Bezeichnungen „Verräterin/Verräter“ murmeln hören. Es bedarf keiner weiteren Erörterung, um die Frage in den Raum zu stellen, ob diese Praxis der Prozessklärung einer Glaubensbewegung würdig ist!

III Mensch oder Heiliger? – Das „Und“ hilft uns, die dunkle Seite in uns zu sehen und anzunehmen.

Auf dem Weg unserer fortgeführten analytischen Betrachtung führt die Analyse der Geschichte des Seligsprechungsprozesses von Pater Kentenich unweigerlich zu einer sicherlich nicht in Frage zu stellenden Grunderkenntnis: Josef Kentenich war zunächst einmal ein Mensch aus Fleisch und Blut. Er durchlief, genauso wie wir, seine frühkindlichen, kindlichen, jugendlichen Entwicklungsphasen, an deren Ende der Heranwachsende, der junge Erwachsene und schließlich die ausgereifte Persönlichkeit Josefs Kentenich standen. Die auf diesem Wege zu bewältigenden Beziehungsbrüche, Leerstellen, krisenhaften Zuspitzungen und Wegscheiden formten die – nicht in Frage gestellte – außergewöhnliche Persönlichkeitsstruktur eines Mannes, welcher schwere existentielle Sinnkrisen, Gefangenschaft und mehrere Jahre Lagerhaft nicht nur überstand, sondern diese Zeiten geradezu fruchtbar für seine Glaubensbewegung werden ließ. Welche Rolle dabei göttliche Gnadenerweise gespielt hatten, soll an dieser Stelle nicht vorrangig besprochen werden.

Die Anerkenntnis, dass wir es dabei jedoch zunächst einmal mit einem menschlich denkenden, fühlenden, handelnden und glaubenden Individuum zu tun haben, lässt selbstverständlich und notwendigerweise auch Raum für die Akzeptanz von Spielarten menschlicher Seinszustände und Charaktereigenschaften, die im Rahmen ihrer Wirksamkeit auf der Handlungsebene natürlich auch konflikthafte Zuspitzungen und Entwicklungen im Umgang mit Mitmenschen, Anvertrauten und Glaubensbrüdern und -schwestern miteinbeziehen. Niemand ist – trotz immerwährenden Strebens und Bemühens-  auf der Basis der ihm verliehenen Talente und Fähigkeiten in seinem Handeln und Reden perfekt und fehlerfrei. Die Josef Kentenich zuteil gewordene Verantwortung für die Gründung und Leitung einer an Mitgliedern zahlreichen weltweiten Glaubensbewegung bringt es selbstredend mit sich, dass es innerhalb der so zu versehenden Führungsaufgabe auch zu Fehlentscheidungen, inadäquaten Reaktionen oder aber der Fehleinschätzung von Menschen kommt, das liegt im Bereich des Normalen („wie Menschen eben sind“).

Genau auf diese – zumindest nicht ausschließbaren – Persönlichkeitseigenschaften des Gründers Josef Kentenich wird in den jüngsten Veröffentlichungen nun hingewiesen und erzeugt damit im schönstättischen Raum eine mehr als irritierende und turbulente Reaktion. Viele SchönstätterInnnen sehen nun einen sich ohnehin schon sehr lange durch die Zeit schleppenden Seligsprechungsprozess gefährdet. Die freilich sehr differenziert und auch kritisch zu betrachtenden Einwürfe der Autorin führen jedoch in der Tat zu der Frage, welche persönlichkeitsbedingten Grenzen es auch bei Josef Kentenich gab und wie diese sich auf sein Handeln und seine Bewegung ausgewirkt haben.

Wie konnte es zu diesen  teils sehr heftigen und mitunter wenig situationsadäquaten Gegenreaktionen überhaupt kommen?

Ging man denn ernsthaft davon aus, dass ein Mensch wie Josef Kentenich keine normal-psychologischen Reaktionen und Eigenschaften besaß, oder durfte er sie einfach nicht besessen haben, weil er demzufolge einem Projektionsfeld nicht mehr entsprach, welches anscheinend zahlreiche Mitglieder der Bewegung für sich beanspruchen (benötigen)?

Vielmehr entsteht der Eindruck, dass die durch die Veröffentlichungen erzeugte „Vermenschlichung“ des Gründers bei vielen betroffenen Schönstättern nun befürchten lässt, zukünftig mit einem abweichenden Gründerbild leben zu müssen, welches ihren eigenen, bisher auf den Gründer projizierten Anteilen, Glaubenshoffnungen und Attributen nicht mehr genügt. Dass daraufhin nun Bewältigungsmechanismen, wie negativ besetzte Gefühle von Angst, Wut, Zorn und Trauer in Gang kommen, ist ebenso normalpsychologisch verständlich und ableitbar.

An dieser Stelle sei der Einwurf vermerkt, dass die Bewegung bereits vor ca. 30 Jahren schon einmal einen ähnlichen Klärungs- und Aufarbeitungsprozess durchlief, nämlich im Rahmen der Offenlegung der unehelichen Herkunft Josef Kentenichs, die aber letztlich doch zu einem tieferen Verständnis der Persönlichkeit Josef Kentenichs geführt hatte.

Dieser so vor 30 Jahren schon einmal positiv bewältigte Prozess in der Bewegung könnte daher in der kollektiven Erfahrung eine deutliche Ressource darstellen, um sich gerade den aktuellen Herausforderungen einer differenzierteren Betrachtung des Persönlichkeitsbildes Josef Kentenichs zu stellen.

Nur sollte man eben nicht auf dieser Stufe verharren. Das außergewöhnliche Lebenswerk Josef Kentenichs sowie seine ebensolche Lebensleistung stehen zu keinem Zeitpunkt in Frage. Es empfiehlt sich, den dualistisch geprägten Argumentationsansatz, dass nur ein „heiligmäßig“ imponierender, somit ohne Fehl und Tadel historisch in Erscheinung tretender Gründer, entsprechende die Zeiten überdauernde Nachwirkung entfalten könne, endgültig zu verlassen.

Der Unterzeichner verkennt an dieser Stelle natürlich nicht, dass es im Rahmen der jüngsten Veröffentlichungen auch um Missbrauchsaspekte geht, sowie um die Frage, ob das im Rahmen der Zeitzeugnisse zum Tragen kommende Handeln Josef Kentenichs diesen (phänomenologischen) Kriterien entsprach.

Die nunmehr im Raum stehenden Vorwürfe gegen den Gründer, in den besagten Zeiträumen die Aspekte des Missbrauchs und der sexualisierten Gewalt erfüllt zu haben, werden derzeit innerhalb eines objektiven Klärungsprozesses aufgearbeitet. Im Interview mit der Trierer Kirchenzeitung äußerte sich der Bischof von Trier jüngst zu den Beweggründen, statt wie zunächst angekündigt, eine Historikerkommission, nun doch erst eine Expertengruppe einberufen zu wollen. Begründend war ausgeführt worden, die neue Vorgehensweise ermögliche eine größere Freiheit in der Arbeitsweise. Man könne nun zusammen mit den Beauftragten verschiedene Arbeitsaufträge definieren, die sich auf historische, psychologische oder pädagogische Aspekte bezögen. Sodann sei es möglich, Zwischenergebnisse zu vergleichen und zu diskutieren und vor allem mit den Ergebnissen offen umzugehen.

Der Bischof von Trier erörterte aber auch, dass seine Beweggründe für das sogenannte Vorgehen der Respekt vor möglichen Betroffenen sei, deren Vorwürfe er ernst nehme.

IV Prinzipientreue (Statutenzwang) oder mitleidende Empathie?- Das „Und“ traut keiner Liebe, die nicht zugleich Gerechtigkeit ist.

Der – vom Trierer Bischof – so formulierte „Respekt vor möglichen Betroffenen, deren Vorwürfe ernst zu nehmen seien“ –  lenkt nun im Rahmen eines weiteren Entwicklungsschrittes unserer Diskussion den Fokus weg vom Gründer, eher hin zu den derzeit lebenden und wirkenden Mitgliedern der Schönstattbewegung:

Denn sich mittlerweile offenbarende Frauen und Männer, die in der Jetztzeit leben, fühlen sich durch die Vorgänge innerhalb der „Causa Kentenich“ unangenehm an Umgangsformen erinnert, die ihnen als Betroffene von Schönstättern innerhalb ihres Bewegungszweiges entgegengebracht wurden. Insbesondere erkennen diese sogenannten „Betroffenen“ für sich selbst erschreckende Parallelen, nämlich zwischen der Diskreditierung von Menschen, die im früheren Umfeld Josef Kentenichs lebten und wirkten und sich kritisch äußerten (wie beschrieben) und den eigens ihnen selbst in den letzten 20 Jahren entgegengebrachten Kommunikations- und Bewertungsmaßstäben. Hierbei handelt es sich in erster Linie um einzelne Betroffene der verschiedenen Gliederungszweige, welche diese Erfahrungen in ihrem jeweiligen Kontext machen mussten und im Rahmen der Beratungstätigkeit des Unterzeichners innerhalb seines Praxiswesens unter der Wahrung der Ärztlichen Schweigepflicht mitteilten. Dabei muss jedoch aus therapeutischer Perspektive auch betont werden, dass es in diesem Zusammenhang nicht darum ging, „Kritiker“ tendenziell zu diskreditieren, sondern vielmehr, dass von den Betroffenen in den so benannten eigenen Kontexten subjektiv empfundene seelische Leid aufzufangen und auf eine sprachliche Ebene zu bringen (nicht zuletzt auch eine Aufgabe des Psychiaters und Psychotherapeuten).

Mit anderen Worten heißt das, die so als „Betroffene“ bezeichneten Personen fühlen sich durch ganz ähnliche Handlungen innerhalb der Bewegung verletzt, abgewertet, gedemütigt und – leider muss dieser Begriff Verwendung finden – auch tatsächlich konkret traumatisiert.

Im Rahmen des nunmehr in Gang gekommenen Klärungsprozesses innerhalb der Bewegung, auf dem Boden der „Causa Kentenich“, ist es daher höchste Zeit, um über empathische, mitfühlende, vor allem aber über transparente und offen wahrheitssuchende Umgangsformen in den Bewegungszweigen nachzudenken, die die sich (immer noch) berufen fühlenden Mitglieder der Bewegungsrichtungen weder in ihrer Freiheit einschränken, noch diese an den Rand existentieller und schwerer psychischer Krisen herandrängen. An dieser Stelle wird unweigerlich der Ruf nach deutlich mehr Selbstfürsorge laut, nach Bereitschaft, sich dem einzelnen überantworteten Menschen mit dem ganzen Einsatz caritativer, pastoraler und jesuanisch ausgerichteter Fürsorge zuzuwenden, und sich – endlich – es muss nochmals betont werden- von der Plattform eines unerträglich gewordenen Dualismus in der Bewegung zu verabschieden.

VProgression oder konservative Verkrustung? – Das „Und“ hilft uns, im ewig unvollkommenen Jetzt zu leben.

Unter Aufbringung jeglichen Verständnisses für den zielführenden Abschluss der „Causa Kentenich“ bleibt jedoch auch festzustellen, dass die derzeitige Außenwirkung der Bewegung selbstredend letztlich nie ausschließlich daran gemessen werden wird, wieviel Energie, Zeit, Engagement und Herzblut in die Aufarbeitung und abschließende Darstellung der Gründerpersönlichkeit investiert wurde.

Es ist nachvollziehbar, dass augenblicklich zahlreiche Ressourcen durch sämtliche Bewegungszweige hindurch diesbezüglich in Anspruch genommen werden müssen. Dabei sollte jedoch die hierunter leidende Sensibilität für die Zeitströmungen, für die Zeitzeichen keine weiteren Einschränkungen mehr erfahren. Die vielfachen Nöte und das soziale Elend der Jetztzeit stehen vor der Tür und harren der Abhilfe bzw. dem Aufzeigen von Lösungsansätzen. Bewegt sich Schönstatt derzeit auf dieser Ebene der Zeit? Oder besteht nicht etwa die Gefahr, dass zahlreiche Ressourcen durch einen alles überschattenden Prozess – der sicherlich auch erfolgen muss – dualistisch und narzisstisch gebunden werden könnten? Dabei nicht übersehen werden sicherlich die nach vorne weisenden Bemühungen, wie das Engagement in den Familienakademien, der „Pastoral am Puls“, die beeindruckenden Projekte in der Jugendarbeit (gerade auch während der Corona-Pandemie). Dennoch sollten wir uns den vorbenannten Fragen konstruktiv stellen:

Haben wir Antworten auf die sozialen Missstände, haben wir Antworten zu bieten auf die Migrationsbewegung (weltweit 80 Millionen Geflüchtete), haben wir als Glaubensbewegung der neuesten Zeit (Kentenich) auch das Ohr am Puls der Zeit? Haben wir Antworten auf die menschenrechtsverachtende Ausgrenzungspolitik der Europäischen Union gegenüber Geflüchteten, haben wir caritative Antworten auf die soziale Wohnungsnot in unserem Land, haben wir Antworten auf die weiter auseinanderklaffende Vermögensschere, haben wir caritative, pastorale und seelsorgerische Lösungsansätze für die Suchenden, die Entwurzelten, die Traumatisierten – sehen wir die Randfiguren unserer Gesellschaft, kümmern sie uns?

Es bestehen bereits äußerst gute Ansätze und engagierte Projekte, die sich mit der Beherbergung und Begleitung von Geflüchteten beschäftigen, insbesondere in den von den Schönstätter Marienschwestern geführten Zentren in Herxheim und Borken etwa. Zu nennen wären auch die „Aktion Lichtzeichen (für Mütter in Not) sowie die caritativen Projekte auf Belmonte.

Dennoch wenn wir behaupten, den Zeitströmungen transparent, lösungsorientiert und empathisch entgegentreten zu wollen, müssen wir uns auch fragen, inwieweit wir bereit sind, uns mit eben diesen Strömungen und Entwicklungen, auch in phänomenologischer Hinsicht, und deren Inhalten genauso offen und transparent auseinanderzusetzen. Da hilft es letztlich wenig, wenn – wie bedauerlicherweise tatsächlich innerhalb der Bewegung wiederholt behaupte t- Initiativen in Gang gesetzt werden, die auf konkrete Vernachlässigungen eben dieser Auseinandersetzungstätigkeiten („Leseverbot“ der jüngsten Veröffentlichungen von Frau von Teuffenbach) hinarbeiten sollen.

Wie soll denn eine fachkompetente, transparente Auseinandersetzung auf Augenhöhe aussehen, wenn von – mit Leitungsfunktionen betrauten – Mitgliedern der Bewegung ein Bestreben in Gang gesetzt wird, verfahrensgegenständliche Dokumente erst gar nicht zur Kenntnis zu nehmen? Auch in diesem Zusammenhang kann vor einem schleichend progressiven Dualismus nur anhaltend gewarnt werden. Wobei hier natürlich auch nicht übersehen wird, dass man über lange Zeit eben nicht an das betreffende Archiv in Limburg gelangen konnte sowie auch der Umstand, dass natürlich pandemiebedingt eine intensivere Recherche – auch in den Archiven in Rom – nicht möglich wurde.

VIEs ist Zeit…, auf die Seele(n) zu hören…!

Es ist Zeit, dass wir uns einem ebensolchen Klärungsprozess stellen. Wer diese Inhalte jedoch lediglich verkündet, die zugehörige Praxis dabei vermissen lässt, wird sich irgendwann in einem aus der Zeit gefallenen Szenario wiederfinden, dessen Struktur dann nur noch lediglich ein verzerrtes Abbild der einstmaligen Realität präsentieren wird, jedoch mit jenen- den Strömungen der neuesten Zeit verbundenen- Aufbrüchen nichts mehr gemein haben wird.

Trauen wir uns, uns gegenseitig offen anzusprechen – ohne die immer noch fühlbare Furcht vor Konsequenzen und Gesichtsverlust „an allen Ecken und Enden“-, unsere Meinung darzulegen, die Perspektive des Anderen zu hören, Argumente abzuwägen. Sagen wir auch „ja“ zu dunklen Seiten und Anteilen, haben wir den Mut, sie zu integrieren. Die menschliche Existenz, die Seinsformen der menschlichen Seele und anhaltende psychische Stabilität sind auf Dauer mit Dualismus nicht vereinbar.

Verabschieden wir uns von dualistischen und dem Geltungsdrang verhafteten narzisstischen Strukturen, blicken wir gemeinsam tolerant, empathisch und dynamisch nach vornne in die Zukunft!

Die Bereitschaft, über diese Schritte nachzudenken, ist der erste Schritt aus dem Dualismus und der erste Schritt in die Toleranz des „Und“.

Wir werden nicht erst übermorgen an unserer Integrationsfähigkeit bemessen werden!

Die aus der Schönstatt- Bewegung hervorgehende besondere Form der Alltagsspiritualität kann im Rahmen ihrer Bewahrung und Konservierung niemals nur ihren eigenen Selbstzweck spiegeln, wenn sie das konkrete Seelenheil und die Begleitung unserer von Sehnsucht erfüllten Seelenanteile im Blick behalten will.

Sicherlich haben wir innerhalb der Bewegung in den einzelnen Gliederungen sehr unterschiedliche Formen und praktizierte Strukturen, deren Vielfältigkeit und Eigengesetzte an dieser Stelle nicht verkannt wird. Aber – überzogene hierarchische Strukturen, die Offenbarung narzisstischer Bedürfnisse, die Bedienung von Projektionsfeldern in ungesundem Maße, die Bildung von Meinungslagern sowie bisweilen hieraus resultierende Ausgrenzung, Abgrenzung, Kränkungen und Zurücksetzungen, bis hin zu konkreten anhaltenden seelischen Verletzungen (die sich im schlimmsten Fall zur Traumatisierung auswachsen können) zeigen uns auch, dass wir uns im Hier und Jetzt, aber auch mittel- bis langfristig um diese Seelenstrukturen kümmern müssen, auch in Schönstatt, auch in unserer Bewegung.

Bekennen wir uns daher zu den „Randstrukturen“, meiden wir Dualismus und Partikularismus, geben wir auch dem/der „Anderen“ in uns, aber auch in unserem Gegenüber eine Chance.

Wenn die einzelne Seele krankt, krankt auch die ganze Bewegungsstruktur.

Auf der Basis des Anfangszitates des vorliegenden Beitrages schließt sich somit am Ende ein- trotz aller Paradoxa- wegweisender und umfassend integrierender Spannungsbogen unserer Erörterungen. Es gibt ausreichende Anlässe und Zeitzeichen, dualistisch geprägte Konfliktebenen hinter uns zu lassen und hoffnungsfreudig in die neueste Zeit zu blicken:

Dabei stehen uns entscheidende Leitlinien zur Verfügung, wir brauchen sie lediglich aufzugreifen und kreativ zu nutzen:

Behalten wir die Persönlichkeit des Gründers im Blick, würdigen wir sein Lebenswerk und sein caritatives Wirken, lassen wir aber auch Betrachtungen und Analysen seiner Persönlichkeit zu, die Grenzen seiner Persönlichkeitsstruktur aufzeigen können.

Zweitens bleibt das Wirken Gotten in der Geschichte ungebrochen (selbstredend), hier gilt es weiterhin konstruktiv die Zeitzeichen zu analysieren. Auch Gott arbeitet mit Paradoxa, die der Mensch oft nur schwer aushält. Häufig erweist sich jedoch das „Sowohl – als – auch“ zielführender und integrierender, das „Entweder-oder“ löst sich auf der Basis seiner Maßstäbe in nicht wenigen Fällen konfliktentzerrend auf.

Letztlich aber steht immer das Seelenheil des einzelnen Individuums, des einzelnen ganz konkreten Menschen, im Vordergrund aller Betrachtungen und engagierten Bemühungen (das sollte zumindest der grundlegende therapeutische Ansatz eines jeden Psychiaters, Psychopathologen und Therapeuten sein). Der adäquate Umgang mit seelischen Strukturen, mit seelischem Leiden und Leben und den damit verbundenen Dynamiken sollte uns die Handlungsmaxime vorgeben. Folgen wir diesem Weg!


Der Unterzeichner hält es für möglich und schließt es keinesfalls aus, dass er durch seine Bereitschaft, den Essay auf der hiesigen Plattform (schoenstatt.org) zu publizieren, von nicht wenigen Lesern aus der Schönstatt-Bewegung tendenziös einem ganz bestimmten Meinungsfokus zugeteilt wird. Sollte dies der Fall sein, wäre das ein weiterer Beweis für die in vorliegendem Beitrag thematisierte und kritisch gewürdigte Methode der dualistischen Beurteilung sowie für die Tatsache, dass dualistische Tendenzen einem stetig weiter einengenden Partikularismus Vorschub zu leisten.

 

Veitshöchheim (Franken), im März 2021

Dr. med. Martin Flesch

Arzt für Psychiatrie- Psychotherapie- Forensische Psychiatrie- Ärztliches Qualitätsmanagement-  Gutachterliche Praxis für Straf-, zivil-, und

Dr. med. Martin Flesch – Mit dem Paradoxon leben (pdf)

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8 Responses

  1. melle sagt:

    Nicht der erste, grossartige Artikel in schoenstatt.org zur causa Kentenich. Danke! Die letzten, diesbezueglichen Artikel sind einfach ein ‚GESCHENK‘.

  2. Prof. Dr. Cecilia Sturla, Salta, Argentinien sagt:

    Ausgezeichneter Artikel. Fokussiert, ausgeglichen und zielgerichtet. Appelliert an das Beste der Kentenich-Philosophie. Nicht das „aut-aut“, sondern das „et-et“. Herzlichen Dank!

  3. Juan Eduardo Villarraza, Parana, Argentinien sagt:

    Sehr interessanter Artikel. Es ist an der Zeit, ein menschliches Wesen zu lieben und nicht ein Idol oder einen Roboter, der nie aus Fleisch und Blut war. Andererseits ist es eine Einladung, damit aufzuhören, „Pietisten“ zu sein, und anzufangen, das zu sein, was wir sind: apostolisch oder, wie der heilige Ignatius von Loyola vorschlug, Kontemplative in Aktion.
    Diese Auseinandersetzung um die Person von Pfr. Kentenich sollte uns auch zu einem größeren Verständnis für die Grenzen der Persönlichkeit aufrufen, zu mehr Liebe und zu mehr Dialogbereitschaft und Sorgfalt bei der Aufnahme und Erziehung unserer Brüder und Schwestern, damit die Suche nach der Elite und der Ruf zur Heiligkeit durch Selbsterziehung und Gnade und Gemeinschaftsleben und Apostolat nicht zu einem Solipsismus, einem Mystizismus, einem disqualifizierenden Exklusivismus (unter Verwendung unglücklicher Epitheta) und einem Aktivismus oder einer NGO-ähnlichen sozialen Aktion wird, wie Papst Franziskus schon in Rio de Janeiro warnte.
    Danke für diese Artikel, lasst uns weiter beten und lieben.

  4. Juan Zaforas, Madrid, Spanien sagt:

    Ein ebenso grandioser wie herausfordernder Artikel, den uns Dr. Flesch da präsentiert. Es handelt sich nicht um noch einen Artikel in der „Causa Kentenich“, er geht viel weiter und markiert einen neuen Wachstumsring unseres Dialogs.
    Es ist ein besonderer Artikel, da es keine gängige literarische Komposition ist und er auch keine Geschichte erzählt, sondern es ist ein Essay, ein Dokument zum Studieren, Analysieren und Nachdenken seitens der Leser. Da es sich um einen eher technischen Text handelt, kann er schwer zu lesen sein, und viele Menschen brechen die Lektüre vielleicht ab, weil sie in der Art, wie er geschrieben ist, eine Barriere sehen. Aber das, was er sagt, ist so wichtig und grundlegend, dass ich glaube, je mehr Menschen es lesen und tiefer in das gehen, was es sagt, desto mehr wird es uns allen, den Schönstättern und der Bewegung, gut tun und uns helfen, viele der gegenwärtigen Situationen zu überwinden, die wir in diesen Zeiten erleben.
    Für all das bitte ich die Leser von schoenstatt.org, sich zu bemühen, die Barrieren zu überwinden, auf die sie vielleicht beim Lesen des Textes stoßen, und bis zum Ende zu gehen. Als Lesemethode schlage ich vor, dass wir, anstatt in einem Zug zu lesen, jeden Absatz, den Dr. Flesch uns anbietet, auswählen, ihn lesen und analysieren, was er uns mit diesen Worten sagen will, um eine Botschaft zu finden, um zu sehen, ob er uns in irgendeiner Weise zum Nachdenken einlädt, zur Revision unseres Denkens und Tuns oder ob er uns einen Weg zeigt.
    Wir sollten es nicht eilig haben, zum Ende zu kommen, und uns in jedem Absatz so viel Zeit wie nötig nehmen. Wenn wir am Ende angekommen sind, haben sich die Schlussfolgerungen hoffentlich gelohnt.

  5. Nora Pflüger Totti, La Plata, Argentinien sagt:

    Ausgezeichneter Artikel. Es ist an der Zeit. Wir waren zu betroffen, destabilisiert, wütend aufeinander und innerlich aufgewühlt… Wir brauchten alle einen Psychiater.

  6. Wilfried Röhrig sagt:

    Lieber Martin,

    danke für deinen mutigen, kompetenten und bedenkenswerten Essay! Er kann helfen, der Versuchung zur vereinheitichten und vereinheitlichenden Sicht zu entkommen. Nicht nur am Ostermorgen vor 2000 Jahren sind Steine an Gräbern zu überwinden, vor allem Steine vor unseren Seelenkammern.

    In diesem Sinn herzliche (vor-)österliche Grüße!

    • Martin Flesch sagt:

      Lieber Wiilfried Röhrig,
      ich danke Dir für Deine ermutigende und äußerst treffende Rückmeldung in nur zwei Sätzen, die aber Alles auf den Punkt bringen.
      „Steine vor Seelnkammern“ ist eine phantastische Metapher! Da gibt es nichts mehr hinzuzufügen. Auch Dir eine gesegnete Osterzeit und vielen Dank für diese Worte.

  7. Henkes sagt:

    Ich danke Dr. Flesch für die durch seine Abhandlung vermittelte Sicht der Dinge, die mir zahlreiche Fragen beantwortet, mich in meiner Einstellung bestaerkt und mir gezeigt hat, wo ich meine Einstellung ueberdenken sollte.
    Wo Menschen am Werk sind, menschelt es. Aber das sollte uns nicht den Blick versperren für das Wirken Gottes und der Gottesmutter trotz des Kleinseins und der Begrenztheit ihrer Werkzeuge (wie wohltuend, wo doch scheinbar ueberall nur noch der perfekt funktionierende Mensch gefragt zu sein scheint). Gerade unsere Zeit mit ihren vielfältigen Problemen braucht unseren Einsatz.

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