Kentenich

Veröffentlicht am 2020-09-22 In Kentenich

Sieben Thesen zur aktuellen Diskussion um P. Josef Kentenich

Wilfried Röhrig und Klaus Glas, Deutschland •

„Klaus Glas und ich haben uns vor ein paar Wochen mal zusammengetan und intensiv über die gegenwärtige Situation in der Causa Kentenich gesprochen. Aus unserem Austausch sind sieben Thesen erwachsen, die wir gerne an alle Interessierten weitergeben möchten. Wir verstehen unsere Überlegungen als Impuls für den weiteren Entwicklungsprozess und würden uns über eine Veröffentlichung auf schoenstatt.org freuen!“ Gerne. Und auch wir von der Redaktion schoenstatt.org wünschen uns wie schon bei früheren Beiträgen viele Kommentare. —

1Offenheit statt Geheimniskrämerei

Sogenannte „Familiengeheimnisse“ sollten nicht länger verschweigen werden. Es löst verständliche Betroffenheit aus und beschädigt das Vertrauensverhältnis, wenn in einer Familie „Geheimnisse“ ans Tageslicht kommen, die lange Zeit „unter dem Teppich“ gehalten wurden.

So wurde bis in die 1980er Jahre verschwiegen, dass Pater Kentenich ein uneheliches Kind ist. Bis vor wenigen Jahren war es den meisten Schönstätter*innen nicht bekannt, dass einige Marienschwestern im Zusammenhang der beiden Visitationen eine „unrühmliche Rolle“ gespielt haben. Und erst seit ein paar Wochen ist deutlich geworden, dass sich am sogenannten „Kindesexamen“ die Hauptkritik des Visitators P. Sebastian Tromp SJ festgemacht hat.

Mit anderen Worten: Aufklärung und Transparenz sind für eine Gemeinschaft unabdingbar.

 

2Zugänglichmachung statt Zurückhaltung

Es ist an der Zeit, den Zugang zu wichtigen Dokumenten und Quellen für alle Interessierten zu ermöglichen. Es gilt, die innerschönstättische „Zwei-Klassen-Gesellschaft“ aufzuheben, nämlich auf der einen Seite den „Wissenden“, die Zugang zu allen wichtigen Dokumenten und Quellen der Schönstattgeschichte haben, und den „vom-Hörensagen-Wissenden“. Deshalb sollten schon bald kommentierte Ausgaben wichtiger Dokumente veröffentlicht werden. Wir denken v.a. an die Epistola per longa, inklusive Visitationsbericht von Weihbischof Stein, und die Apologia pro vita mea.

Mit anderen Worten: Aufklärung und Diskurs könnten in der Schönstatt-Bewegung ein fruchtbares Spannungsprinzip befördern.

 

3Verständlich sein statt Verständnis fordern

Wer unverständliche oder missverständliche Begriffe gebraucht, darf sich nicht wundern, wenn er nicht verstanden, schwer verstanden oder gar missverstanden wird. Dass es in diesem Zusammenhang in den letzten Jahren deutliche Fortschritte gegeben hat (z.B. „Spurensuche“ und „Pastoral am Puls“ statt „praktischem Vorsehungsglauben“), ist sehr erfreulich. Doch das ist nur der Anfang eines Weges, der beständig weiter beschritten werden muss.

Mit anderen Worten: Das Ringen um eine verständliche Sprache und angemessene zeitgemäße Formen ist unabdingbar. Kreativität ist angesagt.

 

4Neue Wege gehen statt ängstlich am Althergebrachten festhalten

Es ist schon erstaunlich: Auf der einen Seite wird immer wieder das Wort P. Kentenichs von der „Kirche am neuen Ufer“ gebraucht, aber bei genauem Hinsehen ist es die „alte Kirche“, die da am neuen Ufer ankommen soll. Als pikantes Beispiel mag dienen, dass eine bestimmte Zeitung in bestimmten Schönstatt-Kreisen bis dato eifrig gelesen wird, obwohl diese ein rückwärtsgewandtes Kirchenbild vertritt und in den Turbulenzen der letzten Wochen nicht durch journalistische Gründlichkeit geglänzt hat.

Aus unserer Sicht haben diese „Ereignisse“ neben der historischen („Was ist nachweislich passiert?“), wissenschaftlichen und journalistischen („Wie seriös und gründlich wird gearbeitet?“), psychologischen und erkenntnistheoretischen („Worin besteht das erkenntnisleitende Interesse der handelnden Personen?“), geistlichen („Welcher Anruf Gottes steckt in diesen Vorgängen?“) auch eine kirchenpolitische Dimension: Wohin gedenken konservative Kreise die Kirche Jesu Christi zu steuern? Und vor allem: Wie ernst nehmen wir als Schönstattbewegung die Redeweise unseres Gründers von der „armen“, „demütigen“, „geistbeseelten“ Kirche?

Mit anderen Worten: Wir müssen als Bewegung auch in Bewegung kommen und uns endlich vom alten Ufer lösen.

 

5Sowohl als auch statt Entweder-oder

Ein gutes Klima ist wichtig, ersetzt jedoch keine inhaltlichen Klärungen. Wohlwollende, verständnisvolle Gespräche und Beziehungen sind wertvoll und im familiären, beruflichen, und gesellschaftlichen Umfeld wichtig. Doch zuweilen kann man den Eindruck gewinnen, dass das in der Schönstatt-Bewegung als unausgesprochener Vorwand dient, um Streitpunkten aus dem Weg zu gehen. Z.B.: Wie sieht die Kirche der Zukunft aus? Was bedeutet es praktisch und konkret, wenn Pater Kentenich von der demütigen und armen Kirche spricht? Was meint er mit der geistbeseelten Kirche? Wie steht Schönstatt zu Maria 2.0? Können da bestimmte Berufungen für Frauen ausgeschlossen werden? Wer hat die Definitionsmacht, wie und wohin der Geist Gottes das Schönstatt-Schiff steuern will?

Mit anderen Worten: Wir müssen als kirchliche Bewegung darum ringen, wie und wo wir uns vom Geist Gottes leiten lassen.

 

6Kritisch nachfragen statt klein beigeben

Die Veröffentlichungen einer italienischen Theologin und Archivarin haben in den letzten Wochen offizielle Stellungnahmen aus dem Raum Schönstatts provoziert, die überwiegend sachlich ausgefallen sind. Trotzdem stellt sich die Frage, ob nicht ergänzend einige kritische Punkte angesprochen werden müssten: Wie kann es sein, dass eine Archivarin ein Geheimarchiv in einer Art Selbstbedienungs-Mentalität benutzen kann? Wie haben die zuständigen vatikanischen Behörden reagiert? Wie beurteilen diese die Folgen für die Schönstattbewegung und ihren Gründer in der (kirchlichen) Öffentlichkeit? Müsste da nicht eine offizielle Stellungnahme zu diesem „Verhalten“ der Frau erfolgen, die schwerwiegende Anschuldigungen gegen P. Josef Kentenich vorgebracht hat?

Und vor allem: In der Frage der „Rehabilitation“ müsste endlich eine eindeutige, offizielle, d.h. schriftliche, Stellungnahme aus Rom erfolgen. Es sollte beharrlich darauf gedrängt werden, den belastenden und unzumutbaren „Schwebezustand“ in dieser Frage zu beenden.

Mit anderen Worten: Vertreter*innen der Schönstatt-Bewegung sollten die Auseinandersetzung mit kirchlichen Behörden suchen, soweit das nötig ist.

 

7Mutig vertrauen statt kleingläubig zaudern

Einem psychologischen Prinzip zufolge wirkt „schlecht stärker als gut“: eine schlechte Nachricht wirkt intensiver und bleibt nachhaltiger im Gedächtnis als eine positive. Probieren Sie es selbst: Wo waren Sie am 11. September 2001? Und was machten Sie am 24. Dezember des gleichen Jahres?

Gemäß der Vierer-Regel braucht es vier gute Erlebnisse, um eine schlechte Nachricht wettzumachen. Die letzten Monate waren im Zeichen der Corona-Pandemie eine große Herausforderung, für jeden einzelnen, die ganze Gesellschaft, aber auch für die Kirche und für die Schönstatt-Bewegung. Wir sollten aufstehen und uns fragen: Wohin führt Gottes Weg mit uns?

Ein Blick in die bewegte Schönstatt-Geschichte zeigt, dass das Liebesbündnis keine „nette Theorie“ ist, sondern eine Quelle, aus der wir Kraft und Zuversicht schöpfen können. So können wir getrost mit den Anschuldigungen gegen Pater Kentenich umgehen. Hier will Gott womöglich die Seligsprechung ankurbeln! Auch sollten wir unsere apostolischen Projekte (bei uns in Deutschland etwa Familienfestival 2021, „Gottesspiel“-Musical, Tag der Frau 2021, Mitwirken beim Ökumenischen Kirchentag in Frankfurt am Main, etc.) mit Mut und Vertrauen angehen.

Mit anderen Worten: Für unser Apostolat gilt: gute Nachrichten und frohe Botschaften so viel als möglich veröffentlichen!

 

Wir formulieren unsere Thesen als Beitrag zum gegenwärtigen Diskussions-, Klärungs- und Gesprächsprozess der Schönstatt-Bewegung. Wir drücken damit unsere Sorge aus und erklären zugleich unsere Bereitschaft, mit Ihnen und Euch zu neuen Ufern aufzubrechen.

Viernheim und Flieden, den 21. September 2020

 


Klaus Glas: Klinischer Psychologe in eigener Praxis,
www.hoffnungsvoll-leben.de mit psychologisch-pädagogischen Lebenshilfen
engagiert in der Schönstattfamilienbewegung, den Schönstatt-Projekttagen und dem Projekt „Spurensuche“
Autor zahlreicher Artikel in der Zeitschrift „basis“ und dem Familienmagazin „unser Weg“
Wilfried Röhrig: Lehrer im Ruhestand (Kath. Religion und Sport)
Autor, Texter und Komponist, u.a. der beiden Musicals „Auf dem Hochseil“ und „GEFÄHRLICH: Franz Reinisch“
eigener Musikverlag www.rigma-shop.de
engagiert in der Schönstattfamilienbewegung, den Schönstatt-Projekttagen und dem Projekt „Spurensuche“

 

 

Schlagworte: , , , , , , ,

5 Responses

  1. Danke für die Veröffentlichung von apologia pro vita mea. Zu den sieben Punkten: Als Zusammenfassung würde ich sagen: Es geht um Aufdecken versus Zudecken, taktvoll sich der Wahrheit annähern anstatt verheimlichen. Damit ist immer ein Risiko verbunden, ein Risiko, das zu lange gescheut wurde.
    Zum eigentlichen Text der Apologie: Ein langer Diskurs darum, dass er massiv verleumdet wurde. Aber warum hat er so lange zugewartet, sich zu verteidigen, bis ein so großer Schaden entstanden ist? Warum hat er so lange gewartet, die erste Oberin abzusetzen, obwohl ein Blinder sehen mußte, dass Schaden entsteht? Was hat es auf sich, dass er selbst nach außen hin die Situation zugedeckt hat? Warum mußte er durch das Erlebnis bei den Redemptoristen darauf kommen, dass er endlich doch reagieren muß? Sich damit zu entschuldigen, dass die Bischöfe auch nicht reagiert haben auf diese Oberin am falschen Platz, das ist zu billig. Darf man den Gründer kritisieren, und an seinen blinden Flecken ablesen, mit welchen blinden Flecken sozusagen als Erbe die Familie immer noch zu tun hat?
    Der Respekt vor seiner Gründerpersönlichkeit darf nicht dazu führen, falsche Idealisierungen immer noch aufrechtzuerhalten. Die Art und Weise, wie er (recht despektierlich!) von den Schwestern spricht, die wohl unter schwerwiegenden seelischen Störungen litten, gibt mir sehr zu denken. Er war nicht erhaben über eine negative Gegenübertraugung auf Frauen, die ihr innerstes geöffnet haben. Seine Sprache ist pathologisierend, er entwertet Frauen, bei denen ihm die Heilung mit seiner Methode offensichtlich nicht gelungen ist. Er entwertet die Psychoanalyse, wo er sich offensichtlich einiges abgeschaut hat, aber zu oberflächlich, um urteilen zu können. Wenn eine mißglückte „Behandlung“ ihm angelastet wird, wenn er sich zu weit vorwagt in tiefe Seelenschichten, und meiner Meinung nach mit Kurzschlüssen schnelle Ergebnisse anstrebt, ist die Verantwortung tatächlich ihm zuzuschreiben. Damit sage ich nicht, dass sein Motiv auch nur im geringsten unlauter gewesen sein könnte, ich sage damit nur, einfach angesichts der Schwere des Problems, dass er dieser Geschichte nicht gewachsen war. Die führenden Leute in Schönstatt sollten sich durch die Aussagen des Gründers nicht abhalten lassen, sich selber psychoanalytich zu bilden und sich selber ein Urteil zu bilden, ob seine Behandlungsweise einer Frau mit einer schweren Dysmorphophobie (bezüglich des benannten Körperteils) richtig war und die Chance hatte, zum Erfolg zu führen. Ich empfehle dazu, die kürzliche Aussage der amerikanischen Richterin Amy Cony-Barrett zu bedenken, als sie befragt wurde nach ihrem Verhältnis zum geschätzten verstorbenen Richter Scalia: Ich teile seine Philosophie, aber ich habe meinen eigenen Verstand.
    Rita S.

  2. lb wilfried, lb klaus,

    schon beim ersten internen lesen eurer thesen anfang september war ich davon sehr angetan und wollte sie gleich weitergeben.

    jetzt nach dem der veröffentlichung habe ich sie einer ganzen reihe von schönstättern weitergeleitet

    und bekam auch postive rückmeldungen.

    ich will noch 2 ergänzungen und desiderate benennen, die mir beim meditieren gekommen sind.

    in dem kompletten textkorpus eurer thesen kommen die für mich wichtigen begriffe „WAHRHEIT“ und „GEWISSEN“ explizit

    nicht vor. Kentenich und Reinisch, ein Mitgründer, waren „wahrheitsfanatiker“. das gewissen spielt im leben beider eine große rolle,

    diese rolle des gewissens beginnt aber nicht am 18.10.1914, sondern schon bei der apologie des sokrates, in der dieser

    von seinem „daimonion“ redet vor etwa 2400 jahren. mit seinem „daimonion“ meint sokrates (platon) die göttliche stimme,

    das gewissen im menschen.

    teuffenbach und die tagespost waren neben den problemen, die sie bereitet haben, auch werkzeuge der vorsehung, die bewegung endlich einmal

    zu veranlassen, dass die bewegung sich „sine ira et studio“ – und „in gewissen und wahrheit“ – ihrer

    geschichte stellt.

    nach meinen ersten, anfanghaften recherchen wurde die veröffentlichung von zitaten, ausschnitten und dem kompletttext der „apologia“ mehrmals

    unterdrückt. das schwere wort „kloakenmenschen“ aus der apologia zitierte feldmann in seiner kentenichbiografie, diese ausgabe

    wurde eingestampft das zitat eliminiert und dann die 1. auflage neugedruckt, danach brachte p. amann ein heft mit zitaten vorwiegend

    aus der apologia und auch den „kloakenmenschen“, dieses heft verschwand auch und ist nicht mehr erhältlich.

    später brachte pater amann die „apologia“ als dvd, auch diese wurde vom markt genommen auf betreiben von „mächtigen schönstättern“.

    mir fehlt explizit in den thesen auch der wichtige schönstattbegriff „FREIHEIT“, den man wie wahrheit und gewissen auch zu einer eigenen these machen könnte, dann wären es zehn.

    danke für eure thesen und schoenstatt.org für die möglichkeiten, sie zu veröffentlichen
    und zu diskutieren.

    ich hoffe, dass nach der veröffentlichung der „apologia“ auch bald die veröffentlichung der „epistula perlonga“ folgt.

    ich hoffe meine kleinschreibung bereitet niemand probleme.

    herzliche grüße

    franz josef tremer, dipl.theol.univ.

  3. Herzlichen Dank für diese klugen Gedanken!
    Genau das ist es, was wir brauchen.
    Da mache ich gerne mit.

  4. Klasse!!

  5. Gehört mit zu den besten Beiträgen, die ich von Schönstatt zu diesem Thema gelesen habe! Danke!!!

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.