Veröffentlicht am 26. Mai 2019 In Kentenich

31. Mai 1949 – eine Ohrfeige. Ein deutscher Blick

P. Elmar Busse, Deutschland •

Den dritten Meilenstein Schönstatts datieren wir auf den 31. Mai 1949, und wir lokalisieren ihn in Bellavista, Chile. Es ist der einzige Meilenstein der Schönstattgeschichte, der außerhalb Europas stattgefunden hat. Und doch glaube ich, dass er auch viel mit Europa und mit Deutschland zu tun und wage einen Blick aus deutscher Perspektive auf das Geschehen und die Botschaft, die am kommenden 31. Mai siebzig Jahre alt werden.—

Der erste und zweite Meilenstein, das waren Vallendar (18.10.19149  und Koblenz (20.01.1942) in Deutschland, der vierte Rom (22.10.1965), im Vatikan. Die Schönstätter in Chile und ganz Lateinamerika fühlen sich mit Recht der Mission des dritten Meilensteins verpflichtet – diesem hochriskanten Agieren des Gründers, der alles auf eine Karte setzt, um der Kirche das Neue, das Heilende, das viele gewohnte und beliebte Routinen und Strukturen Umstürzende des Schönstatt-Charismas der Kirche anzubieten und sie zur Auseinandersetzung damit zu zwingen. Um ihres Heiles und ihrer Sendung willen. Nur geschieht das alles lange vor dem II. Vatikanischen Konzil und geht, kurzfristig betrachtet, gründlich schief. Nicht jeder reagiert begeistert auf eine Ohrfeige, auch wenn diese nicht immer eine Beleidigung ist, sondern auch dazu dient, Bewusstlose aufzuwecken und die Firmung mit dem Heiligen Geist auszudrücken.

Die Ohrfeige im Bonner Parlament

Als Beate Klarsfeld am 7. November1968 im Bonner Parlament dem damaligen Bundeskanzler Kurt Georg Kiesinger eine Ohrfeige verpasste, da war das eine verwegene Tat. Beate Klarsfeld heiratete 1963 den französischen Rechtsanwalt und Historiker Serge Klarsfeld, dessen Vater in Auschwitz der Judenverfolgung zum Opfer gefallen war. Nach Beate Klarsfelds Worten hat ihr Mann ihr geholfen, „eine Deutsche mit Gewissen und Bewusstsein zu werden“. Mit ihrer Ohrfeige 1968 initiierte sie die intensivere Auseinandersetzung mit der Nazivergangenheit vieler Prominenter in Deutschland.

Nur die ärgsten Verbrechen waren von den Besatzungsmächten geahndet worden. Ich habe einmal einen ehemaligen Nazi im Pfarrverband Berchtesgaden beerdigt. Die Verwandten wussten um seine Vergangenheit und schämten sich für ihn. Deshalb sollte das Begräbnis auch in aller Stille geschehen. Solche Fälle gab es viele in Deutschland. Das Thema war irgendwie tabuisiert. Erst die Diskussion nach der Ohrfeige brachte auch so manche Prozesse gegen Mitläufer, die auch Täter waren, ins Rollen – 30 Jahre nach den Verbrechen.

Pater Kentenichs Brief vom 31. Mai – eine Ohrfeige, zum Aufwecken gedacht

Ich möchte die Ohrfeige von Beate Klarsfeld vergleichen mit dem Brief, den Pater Kentenich von Santiago des Chile aus am 31. Mai 1949 an den Trierer Bischof schickte. Er wollte provozieren. Dabei ging es ihm nicht um die Auseinandersetzung mit tabuisierten Verbrechen in der Vergangenheit, sondern um das Aufzeigen einer Problematik, die von den Verantwortlichen in der Kirche ignoriert bzw. noch gar nicht als Problem gesehen wurde. Er wollte eine intensive Diskussion über die Problematik, die er „mechanistisches Denken“ nannte. Ihm war ganz klar, dass die Kirche in Deutschland und weltweit nach dem Zweiten Weltkrieg nicht da einfach wieder anfangen konnte, so sie gezwungenermaßen 1933 aufhören musste.

Die Erfahrung von Dachau. Was sich unter extremen Bedingungen bewährt hat, ist alltagstauglich

Pater Kentenich hatte als Häftling im KZ Dachau erlebt, dass Mitgefangene durch die Anwendung der Schönstatt-Spiritualität besser mit den unmenschlichen Verhältnissen im KZ umgehen konnten. Sie konnten sich seelisch besser gegen die Verdemütigungen und Schikanen schützen und immunisieren und an dem erlittenen Leid nicht zerbrechen. Zu Recht schlussfolgerte Pater Kentenich: Was sich unter solch extremen Bedingungen bewährt, ist auch alltagstauglich für die Bewältigung und Gestaltung des normalen Lebens aus der Kraft des Glaubens. Also besuchte er nach Kriegsende viele deutsche Bischöfe, um ihnen die Schönstatt-Spiritualität vorzustellen und tiefer zu erklären. Insgeheim hoffte er, dass sich die deutschen Bischöfe hinter den Wallfahrtsort Schönstatt und die gewachsene Spiritualität stellten, ähnlich wie es die portugiesischen Bischöfe mit Fatima gemacht hatten, auch wenn in Schönstatt nicht solche außergewöhnlichen Wunder passiert waren wie in Fatima.

Eigentlich ganz in Ordnung, bis auf Kleinigkeiten

Der Weihbischof Dr. Bernhard Stein führte also im Auftrag der Bischofskonferenz im Februar 1949 eine Visitation durch. Pater Kentenich, der in Argentinien Priesterexerzitien hielt, schrieb ihm vom 4. bis 19. März Briefe, keinen unter drei Seiten, um auf Fragen und Missverständnisse zu antworten. Die Fragen schreibt der Weihbischof nicht direkt an Pater Kentenich, sondern Pater Menningen informiert Pater Kentenich über das, was abläuft. Man bedenke, dass damals ein Brief ca. zwei bis drei Wochen brauchte, um von Deutschland nach Lateinamerika zu gelangen. Mail und Whatsapp gab es noch nicht.

Am 27.2. hält der Visitator seinen anerkennenden und wohlwollenden Schlussvortrag in Schönstatt. Als Pater Kentenich am 14. Mai 1949 – inzwischen – in Chile den lang erwarteten offiziellen Abschlussbericht des Weihbischofs zusammen mit einem Begleitbrief des Trierer Erzbischofs erhielt, klang das auf einmal ganz anders. Zwar wurde dogmatisch und theologisch die Schönstatt-Spiritualität als gut katholisch beurteilt, aber im pädagogischen Bereich gäbe es viel zu beanstanden.

Ein Großteil der Kritik – das ließ sich erst Jahre später feststellen – beruhte auf Verleumdungen von Marienschwestern, einschließlich einer abgesetzten Oberin, die ungeprüft vom Weihbischof übernommen worden waren.

Das Risiko

Wenn es Pater Kentenich nur um Schönstatt gegangen wäre, dann hätte er den Bericht einfach so zur Kenntnis nehmen können und die Kritikpunkte als Kleinigkeiten übergehen können.

Weil sich aber gerade in der Kritik des Weihbischofs eine Mentalität und Denkweise zeigte, die Pater Kentenich als typisch für damalige katholische Intellektuelle ansah und die er als Totengräber einer  vitalen Frömmigkeit ansah, fühlte er sich vom Heiligen Geist gedrängt, eine umfassende Studie über die zukünftige Seelsorgsstrategie der Kirche in Deutschland zu verfassen. Er war sich des Risikos bewusst, das er damit einging.

Als er den ersten Teil seiner Studie am Abend des 31. Mai im unfertigen Heiligtum von Bellavista  auf den in der Mitte des Raumes stehenden Altar legte,  sagte er den wenigen anwesenden Schwestern: „Wir müssen damit rechnen, dass die Arbeit in der Heimat edle Herzen tief verwundet, dass sie helle Empörung weckt und machtvoll ausholende Gegenschläge veranlasst. wir dürfen uns nicht verwundern, wenn sie eine stark geschlossene gemeinsame Gegenfront einflussreicher Männer gegen mich und die Familie auf den Plan ruft. Menschlich gesprochen müssen wir endlich damit rechnen, dass der Versuch gänzlich missglückt. Und trotzdem dürfen wir uns von dem Wagnis nicht dispensiert halten. Wer eine Sendung hat muss sie erfüllen, auch wenn es in den dunkelsten und tiefsten Abgrund geht, auch wenn Todessprung auf Todessprung verlangt wird. Prophetenlos schließt immer auch Prophetenschicksal in sich.“

Der Umgang mit Querdenkern

Wie Recht sollte er mit seinen Befürchtungen behalten! Er musste sich in den Folgejahren auch vor Kreisen von Schönstättern dafür rechtfertigen, dass er nicht in ahnungsloser Naivität, sondern im klaren Risikobewusstsein diese Initiative gestartet hatte. Viele Pallottiner, Schönstatt-Diözesanpriester, Schwestern und Laien in den Gliederungen bekamen einen massiven Gegenwind leidvoll zu spüren. Die erhoffte wissenschaftliche und pastoralstrategische Diskussion über die Zukunft des Seelsorgsstils der Kirche in Deutschland kam nicht zustande.

Der Sachkonflikt wurde auf die Beziehungsebene verlagert; und dann ging es nur noch um Macht und Einfluss. Dieser „geniale Autodidakt“ (so der Visitator), der nicht einmal Psychologie studiert hatte, holt uns mit seiner Religionspsychologie ein trojanisches Pferd in die Kirche! Der muss zum Schweigen gebracht werden!

Das war der durchaus übliche Stil, wie man in der Kirche damals mit Querdenkern umgegangen war. Erinnern wir uns nur an das Schicksal des Jesuiten Teilhard de Chardin.

„Wegen seiner unorthodoxen theologischen Auffassungen geriet er in Konflikt mit der Glaubenskongregation. Seinen Lehrstuhl am Institut catholique hatte er schon 1926 verloren, und er verbrachte die folgenden zwanzig Jahre, forschend, größtenteils in China.
Die Veröffentlichung seines 1940 fertig gestellten Hauptwerkes Le Phénomène Humain sollte er nicht mehr erleben. Er sollte nach dem Willen des Ordens überhaupt keine theologischen und philosophischen Werke mehr veröffentlichen. Trotzdem wurde er 1950 zum Mitglied der französischen Académie des sciences ernannt. Im Jahr 1951 wurde er – infolge der Enzyklika Humani generis aus Frankreich „verbannt“. Auch diesmal gehorchte er der Ordensdisziplin. Seine letzten Jahre verbrachte er als Research Associate im amerikanischen Bundesstaat New York. Als er am Ostersonntag 1955 starb, folgten hernach bei der Beerdigung wenige dem Sarg. Erst nach seinem Tod konnten seine Bücher gedruckt werden, sie erreichten in kurzer Zeit Millionenauflagen, nachdem schon seine Vorträge und unter der Hand vervielfältigten Manuskripte auf größtes Interesse gestoßen waren.“[1]

Was wäre wenn…?

Es brauchte den frischen Wind des Zweiten Vatikanischen Konzils, dass es zur Rehabilitierung Pater Kentenichs  und seiner Rückkehr nach Schönstatt (genau am 24.12.1965) kam. Er konnte sich – inzwischen 80jährig – seinen Gemeinschaften widmen und starb am 15.September 1968. Den von ihm erhofften und angeregten Strategiewechsel in der Seelsorge konnte er nicht mehr miterleben.

Angesichts der vielfachen besorgten Fragen, wie es mit der Kirche in unserem Land weitergehen kann, sei doch ein kleines Gedankenexperiment erlaubt.

Wie sähe die kirchliche Landschaft heute aus, wenn der Erzbischof von Trier damals die Anregungen Pater Kentenichs aufgegriffen und neben der in Deutschland üblichen Vermittlung von Glaubenswissen, von Vereinsarbeit und Sakramentenspendung den Akzent auf die Vermittlung von Erlebnissen (weil sie das Herz unmittelbar ansprechen), auf die Bildung von Kleingruppen (in denen die verkümmerte Beziehungsfähigkeit vieler Intellektueller hätte entwickelt und gepflegt werden können) sowie die Verlagerung der religiösen und liturgischen Grundvollzüge (Lob, Dank, Bitte, Katechese, gläubige Lebensdeutung im Austausch untereinander) in die Familie Wert gelegt hätte?

1949 – 2019, das heißt, wir haben 70 Jahre der Reformmöglichkeit der Pastoral verloren; und auch heute ist es ja so, dass es viele Verantwortliche gibt, die meinen, wenn man nur die wahre Lehre deutlicher verkünden würde, dann würde das vitale Glaubensleben sich von allein einstellen.

Wo liegt die Mission des 31. Mai für Deutschland? Und andere?

Die Schönstatt-Bewegung in Deutschland hat mit ihrer begleitenden Familienpastoral, mit der Akademie für Ehe- und Familienpädagogik, mit den 7000 Bildern der Pilgernden Gottesmutter, die durch ca. 70.000 Haushalte wandern, mit der Pastoral des Hausheiligtümer, mit soliden Ehevorbereitungskursen, mit der erlebnisorientierten Jugendpastoral viele Akzente setzen können – ganz im Sinne des pastoralen Anliegens von Pater Kentenich. Aber angesichts von 23 Millionen Katholiken hat das alles noch eher den Charakter von Pilotprojekten, die nicht immer von Verantwortlichen in der Kirche wahr- und ernst genommen werden. So drängt sich der Eindruck auf, als sei die Provokation von 1949 ein wirksames Krebsmedikament, das einfach nicht auf den Markt gebracht wird.

In vielen Ländern hat Schönstatt heute eine Gestaltungskraft für  Pastoral und Gesellschaft erreicht, die der  kühnen Hoffnung Pater Kentenichs von 1949 nahekommt. Denken wir an Paraguay, wo jeder dritte Einwohner über die Pilgernde Gottesmutter und die Heiligtümer mit Schönstatt in Berührung steht und wo gesellschaftsgestaltende Projekte wie ein Schulbuch-Verlag, Lehrerfortbildungen im ländlichen Raum, Bildung und Unterstützung von Selbstverwaltungsinitiativen, Schulausstattung und Frühförderung von Kindern aus marginalen Verhältnissen landesweit bekannt und anerkannt sind oder  seelsorgliche Projekte wie die Pastoral für wiederverheiratete Geschiedene von der Bischofskonferenz aufgegriffen werden. Denken wir an Costa Rica mit einer Universität, in der nach Kentenich-Pädagogik gelehrt wird und Schönstätter in den Pfarreien pastorale Initiativen durchführen, oft zusammen mit anderen Bewegungen.  Oder Burundi mit einer Vorreiterrolle im Friedensprozess und Präsenz in praktisch allen Schulen des Landes. Oder Brasilien mit gigantischen Bewegungen wie dem Männer-Rosenkranz und der Pilgernden Gottesmutter, die Millionen erfassen und fester Bestandteil der gesamtkirchlichen Pastoral sind.

 

Doch in vielen Ländern sieht es aus wie in Deutschland. Und nun?

[1] http://www.kathpedia.com/index.php/Teilhard_de_Chardin

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