Veröffentlicht am 2015-06-23 In Projekte

Ich war im Gefängnis und ihr seid zu mir gekommen (Mt 25,36)

PARAGUAY, Maria Fischer •

Alles Erste bleibt ewig, sagt Jean Paul. Nach einer Woche in Paraguay, nach Asado, Chipas und Sopa Paraguaya, fehlte mir immer noch der berühmte Tereré. Dann war es soweit – an einem sonnigen, heißen Montag, fünf Kilometer entfernt von Tuparenda, umgeben von lächelnden Gesichtern und erwartungsvollen Blicken, ein: „Willst du einen, tía, den hab ich für dich gemacht, trinken wir zusammen Tereré?“, ein ganz kurzer Moment des Erschreckens in den Augen von Pater Pedro Kuehlcke, der sich völlige Zufriedenheit verwandelt, nachdem ich meinen ersten Schluck genommen habe mit dem Bombillo, aus dem der Junge zuvor getrunken hat. Und dann kreist das Gefäß unter uns weiter. Es ist der erste Tereré meines Lebens, und nie wieder habe ich einen so köstlichen Tereré getrunken, einen Tereré mit Geschmack von Armut, Elend, Hoffnung, Solidarität, Freundschaft, ein Tereré der nach Engagement für diese Kinder schmeckt und dem Friedensnobelpreis für diesen Padre Pedro, wenn es nach mir ginge…

Wir sind im „Erziehungszentrum Itauguá“ (CEI), besser bekannt als das „Panchito“, dem größten Jugendgefängnis von Paraguay, etwa 5 Kilometer von Tupãrenda gelegen und trinken mit etwa 10 der Jugendlichen zwischen 14 und 18 Jahren Tereré. Der erste und beste Tereré meines Lebens, dieser von den jugendlichen Häftlingen, die wir besuchen gekommen sind, zubereitete Tereré.

Eine gute Stunde zuvor waren wir hineingegangen, ohne größere Kontrollen. Pater Pedro Kuehlcke, der seit einigen Monaten in der Gefängnispastoral arbeitet, hat das vollkommene Vertrauen der Angestellten der Einrichtungen, sei es das Wachpersonal, seien es die hier tätigen Lehrer, Küchenmitarbeiter oder Ehrenamtliche. Während die Eingangstür für uns geöffnet wird, kommt ein Justizvollzugsbeamter mit zwei Jugendlichen, kaum 15 Jahre alt, in Handschellen mit herein. Ja, wir sind hier in einem Gefängnis, und atmen diese typische Gefängnisluft, dieses typische Gefängnisklima, das überall gleich ist, in Hamburg wie in Itauguá.

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Der Pater kommt, und alles verändert sich

Pater Pedro kommt – an einem Montag, wo er normalerweise doch immer samstags kommt und dann, wenn es irgendeine Notlage gibt, und alles verändert sich. Der Pai, der Vater, kommt. Es kommt der, der sich für sie einsetzt, der ihnen zuhört, sie tröstet, sie umarmt, der ihnen die Beichte abnimmt und sie losspricht von ihren Sünden, lange bevor die staatliche Justiz das tut, der ihre Tränen trocknet, ihnen Anwälte sucht, Fotos von ihnen macht und diejenigen, die die Erlaubnis dazu haben, weil sie bald entlassen werden, einlädt nach Tuparenda, sich dort die weißen Gewänder der Messdiener anzuziehen und die Liturgie und vor allem die Prozession zum Heiligtum mitzumachen, der ihnen Mut macht, nicht aufzugeben, der sie begleitet, wenn sie aus dem Gefängnis kommen und wenn sie wieder einmal dorthin zurückkommen, der ihnen die vielen Fotos auf dem Handy immer wieder zeigt (ja, er darf das mit hineinnehmen ins Gefängnis, nur er) und sie ihnen ausdruckt, damit sie das Gefühl haben, dass es sie gibt, als geliebte und wichtige Menschen. Der Vater kommt. Vaterschaft in Reinkultur. Vater für weit über 100 Jugendliche zwischen 14 und 18 Jahren.

Umarmungen und Fotos, immer wieder Fotos

IMG_20150330_102327Innerhalb des Gefängniskomplexes können die meisten Jungen sich tagsüber frei bewegen. Mehrere Räume dienen als Klassenzimmer, für viele der jungen Gefangenen die erste Gelegenheit, zur Schule zu gehen oder die Möglichkeit, während der Haft mit dem Unterricht weiterzumachen und die Chance auf einen Schulabschluss zu wahren. Pater Pedro macht ihnen Mut, weiterzumachen, bittet sie, ihm ihre Schulhefte zu zeigen. Einige bleiben auf ihren Stühlen sitzen, andere rennen begeistert los, um ihm ihre Werke zu zeigen. Nachdem er die Hefte gebührend bewundert hat, geht Pater Pedro zu denen, die nicht zu ihm gekommen sind, zu einem nach dem anderen, schaut ihre Arbeiten an, macht Mut, ermahnt auch schon einmal… Alle bekommen eine herzliche, kräftige Umarmung, und alle, alle wollen ein Foto: alle mit ihm, jeder einzeln mit ihm, zwei Freunde zusammen mit ihm, alles zusammen mit den Lehrerinnen, alles zusammen mit der Frau, die aus Deutschland gekommen ist, um sie zu besuchen, jeder einzeln mit ihr, und noch ein Foto und eine Umarmung von ihr und auch davon ein Foto…

Wir gehen in die Zellen, wo einige Jungen beim Putzen sind. Wieder Fotos. „Sie haben keine Schränke“, sagt Pater Pedro. „Sie haben gar nichts, wo sie irgendetwas Persönliches lassen könnten. Sie haben keinen persönlichen Raum.“ – „Deshalb die Fotos?“ – „Ja“, bestätigt Pater Pedro. „Da fühlen sie sich wichtig, spüren, dass sie persönlich etwas bedeuten.“ Das bringt er ihnen hin und wieder mit: Ausdrucke ihrer Fotos. „Und Aufkleber der Gottesmutter von Schönstatt von Tuparenda“, fügt er bei. „Sie lieben sie sehr, besonders die, die schon einmal dort waren.“

Ein Junge von vielleicht 15 Jahren kommt zu Pater Pedro. „Gestern war meine Mama hier und hat mich besucht, das erste Mal, seit ich hier bin.“ – „Wie lange bist du jetzt hier?“, frage ich ihn. „Ein Jahr und sieben Monate“, sagt er, und diesmal kommt meine Umarmung, bevor er mich darum bittet.

„Wir müssen doch jemanden haben, der unser Recht vertritt“

Einige sind das dritte Mal im Gefängnis, andere zum ersten Mal, andere zählen nicht mehr. Pater Pedro erklärt mir, dass viele bei ihren Großeltern aufgewachsen sind, da die Mütter im Ausland arbeiten und die Väter irgendwie von Anfang an nicht da waren… Wenn die Großeltern alt werden, sterben, dann bleiben die Kinder auf der Straße, und auf der Straße lernen sie, zu überleben – durch Stehlen, durch Drogenhandel. Manche haben ihr ganzes Leben auf der Straße gelebt. Ihre Eltern konnten sich nie um sie kümmern, weil sie krank waren, arbeitslos, im Gefängnis, unter Drogen… Einige Kinder hier sind einfach aus Versehen im Gefängnis, und es gibt keine Anwälte, die für sie eintreten. „Bemerken Sie etwas?“, fragt mich Pater Pedro. „Hier sieht man nur Kinder und Jugendliche aus der Unterschicht. Aber Sie glauben ja wohl nicht, dass nur Unterschicht-Kinder stehlen und Drogen verticken! Aber die aus der Oberschicht haben Eltern mit Geld, die zahlen für gute Anwälte…“ Und noch bevor ich fragen kann, erzählt Pater Pedro von Anwälten aus der Bewegung, die ihm in solchen und in vielen anderen Fällen helfen.

Wir gehen zur Kapelle, diesem Ort, an dem Pater Pedro so viele Jugendliche getauft hat, wo sie die erste heilige Kommunion und die Firmung empfangen haben… Die Kapelle ist eine Art Mehrzweckraum, wir können nicht herein, aber durch das Fenster sehe ich das kleine Bild der Dreimal Wunderbaren Mutter von Schönstatt an der Wand. Still kröne ich sie zur „Königin und Advokatin“ dieses Ortes. „Wir müssen doch jemanden haben, der unser Recht vertritt“, sagte Pater Kentenich im Rückblick auf das Konzentrationsdachau, die erlittene Rechtlosigkeit und die Ernennung der Gottesmutter zur Advokatin der Häftlinge. Dachau, hier und jetzt. Die Dreimal Wunderbare Mutter hat ihre Kinder dort an diesem Ort der Heimatlosigkeit, Ehrlosigkeit, Wehrlosigkeit, Rechtlosigkeit besucht. Sie ist über die Straßen von Dachau gegangen in Menschen wie Pater Kentenich. Sie besucht Dachau wieder, hier, in diesem Gefängnis in Itauguá, und sie geht von Zelle zu Zelle in der Person von Pater Pedro…

„Nicht alle hier sind Heilige“, sagt Pater Pedro. Er erzählt mir von kriminellen Karrieren, die jeden Krimi in den Schatten stellen. Und er erzählt von tragischen Lebensgeschichten, die sie in endlos langen und tränenreichen Beichtgesprächen abladen… Er erzählt von Wundern. „Es geht nicht um eine zweite Chance“, sagt er. „Für die allermeisten geht es um die erste Chance ihres Lebens.“

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Haus „Mutter von Tuparenda“

Und damit sind wir bei seinem Lieblingsprojekt angekommen: einem Haus im Schatten des Heiligtums von Tuparenda, einem Haus für die Zeit, wenn sie aus dem Gefängnis kommen und nicht wissen wohin… Ein Haus, wo sie etwas lernen können, eine Berufsausbildung machen, denn „es gibt hier keine Anstellung für jemanden mit Vorstrafen“, wo sie arbeiten können und Geld verdienen… Der Traum von diesem Haus fing ein paar Wochen nach diesem Besuch an, Wirklichkeit zu werden, mit der Segnung des Bildstocks und dem Abkommen mit dem Justizministerium. Im Geiste leere ich bei den Worten von Pater Pedro mein Konto, denn was ich an Bargeld in der Tasche habe, reicht höchstens für einen Nachmittagskaffee an den Samstagen, an denen Pater Pedro kommt… (aber dafür reicht es wenigstens).

Ich war im Gefängnis und ihr seid zu mir gekommen (MT 25,36). Papst Franziskus will in jedem Monat des Jubiläums der Barmherzigkeit ein Zeichen der Barmherzigkeit setzen, etwas, das von diesem Jubiläum bleibt. Könnte Schönstatt auch so etwas tun?

Könnte das Haus „Mutter von Tuparenda“ etwas sein, das vom Jubiläum der Barmherzigkeit bleibt?

Nicht alle können das Glück haben, ihren ersten Tereré im Jugendgefängnis von Itauguá zu trinken. Aber alle können wir für diese Kinder, diese Jugendlichen, beten, und vielleicht etwas beitragen zum Haus „Mutter von Tuparenda“ und der Arbeit von Pater Pedro Kuehlcke.

Es war der beste Tereré meines Lebens. Danke, liebe Jungen aus Itauguá, für eure Freundschaft.

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Spenden sind sehr – sehr – willkommen

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Schönstatt-Patres International e. V.
IBAN  DE91 4006 0265 0003 1616 26
BIC/SWIFT GENODEM1DKM
Verwendungszweck: P. Pedro Kuehlcke, Casa Madre de Tuparenda

Original: Spanisch. Übersetzung: Maria Fischer, schoenstatt.org

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