Rafael Mota Focolare fidelidad dinámica

Veröffentlicht am 2021-02-22 In Kirche - Franziskus - Bewegungen, Themen - Meinungen

Drei Elemente einer dynamischen Treue nach Papst Franziskus, nicht nur für die Fokolar-Bewegung

P. Rafael Mota, Schönstatt-Pater, Brasilien •

 Ich möchte gerne meine Eindrücke über die jüngste Botschaft von Papst Franziskus an die Fokolar-Bewegung am Ende ihrer Generalversammlung Anfang dieses Monats zur Diskussion stellen. Als ich diese Ansprache gelesen habe, hat sie mich sehr berührt; darüber müssten wir etwas schreiben, sagte ich im Team von schoenstatt.org, und die Antwort war: Schreib. —

Warum ist diese Botschaft für uns interessant?

P. Rafael Mota, día de su ordenación sacerdotal, 24.01.2021

P. Rafael Mota am Tag seiner Priesterweihe, 24.01.2021

Streng genommen handelt es sich um eine Reflexion, die an die Fokolare gerichtet ist. Deshalb können wir sie nicht einfach eins zu eins in unsere Realität transportieren. In der Organisationsstruktur der Kirche gehören die Fokolare und Schönstatt zur gleichen Kategorie – Bewegungen und neue geistliche Gemeinschaften -, aber wir können nicht annehmen, dass die Worte, die an die eine Bewegung gerichtet sind, direkt für die andere gelten.

Doch etwas verbindet uns. Geleitet von ihren Gründern, entstanden beide Bewegungen in der Mitte des 20. Jahrhunderts, um Männern und Frauen ein Charisma zu geben, das sie motiviert, in der modernen Welt nach Heiligkeit zu streben. Beziehungen, Dialog mit der Kultur, der Familie, der Jugend, den Berufstätigen… Und wenn wir fair sein wollen, sollte der fruchtbare Einsatz der Fokolare erfreuen – oder beeindrucken, oder herausfordern. (Siehe https://www.focolare.org oder www.fokolar-bewegung.de zur Vertiefung)

Nun scheint es auch bei uns kontextuale Nähe zu geben – den Wunsch, die Geschichte in der Hoffnung auf Erneuerung wieder aufzugreifen. Denn die Botschaft von Franziskus kommt zu einem relevanten Anlass: am Ende der Generalversammlung der Fokolar-Bewegung, bei der Margaret Karram zur neuen Präsidentin der Bewegung gewählt wurde. Margaret folgt auf Maria Voce, die erste Nachfolgerin von Chiara Lubich, der Gründerin – deren 101. Geburtstag und 13. Todestag in dieses Jahr fallen. Mit anderen Worten, sie beginnen einen Prozess der Neugründung, ähnlich dem Anstoß bei uns in der Vorbereitung auf 2014.

Mit Blick auf diese Elemente denke ich, dass es eine gute Idee ist, auf das zu achten, was Papst Franziskus auch uns sagt.

Drei Zutaten für ein einziges Rezept

Franziskus bezieht sich auf drei Themen –

  • Das Nach-dem-Gründer
  • Bedeutung von Krisen und
  • Realistisches und kohärentes Leben der Spiritualität

-, die meiner Meinung nach eine legitime nährende Mischung bilden, die gemeinhin „dynamische Treue“ genannt wird (oder kreative Treue, nach dem Titel des Buches von Jesús Morán, Co-Präsident der Focolare).

Wer davon kostet, bekommt sofort einen Vorgeschmack auf das Zweite Vatikanische Konzil mit seinen charakteristischen Tönen des „Zurückgehens zu den ursprünglichen Quellen“ und des „aggiornamento“. Einfacher ausgedrückt: Die Botschaft will uns Kraft geben, in unserer eigenen Bewegungswirklichkeit das zu erreichen, was die Kirche als Ganzes zu tun versucht. In der Tat, was Gott mit der Kirche zu tun versucht. Ein Akzent, den dieses Pontifikat seit Evangelii Gaudium gefördert hat.

Franziskus will einen reifen Protagonismus wecken und die grundlegenden Kategorien des bereits im Gang befindlichen Wandels aufzeigen. Nur aus dieser Perspektive können wir die Bedeutung sehen, die der Papst in seiner Botschaft der Überwindung der Selbstreferenzialität, der Resilienz als Weg, Krisen als Chancen zu sehen, und der Synodalität beimisst.

Rafael Mota Focolare caminar juntos

Zwei Vergleichspunkte

Neben dem oben erwähnten Apostolischen Schreiben Evangelii Gaudium möchte ich an dieser Stelle an die Ansprache von Papst Franziskus an die Teilnehmer des Generalkapitels des Ordens der Unbeschuhten Augustiner am 12. September 2019 erinnern. Der folgende Text (in eigener Übersetzung)

Además de la exhortación apostólica Evangelii Gaudium antes mencionada, me gustaría recordar aquí el Discurso del Papa Francisco a los participantes en el Capítulo General de la orden de los Agustinos Descalzos (12 de septiembre de 2019). El siguiente extracto es otra exposición sobre la „fidelidad dinámica“:

In dieser langen Ordenstradition, die vom heiligen Augustinus begonnen wurde, haben Sie als Unbeschuhte Augustiner Ihre Wurzeln, wie der Generalprior gerade in Erinnerung gerufen hat. Ich ermutige Sie, diese Wurzeln immer wieder neu zu lieben und zu vertiefen – zu den Wurzeln zu gehen – und zu versuchen, aus ihnen im Gebet und in der gemeinschaftlichen Unterscheidung die vitale Lebenskraft Ihrer Gegenwart in der Kirche und in der Welt von heute zu schöpfen. Um modern zu sein, meinen manche Menschen, dass man sich von seinen Wurzeln lösen muss. Und das ist der Untergang, denn die Wurzeln, die Tradition, sind die Garantie für die Zukunft. Es ist kein Museum, es ist die wahre Tradition, und die Wurzeln sind die Tradition, die den Saft gibt, damit der Baum wächst, gedeiht und Früchte trägt. Trennen Sie sich niemals von den Wurzeln, um modern zu sein, das ist Selbstmord.

[…]

Der Geist weht auch in den Segeln der Kirche, der Wind der Mission ad gentes, und Sie haben gewusst, wie Sie sich auf den Weg machen können. Wir leben in einer Zeit, in der die Mission ad gentes erneuert wird, auch durch eine Krise hindurch, von der wir wollen, dass sie eine Krise des Wachstums ist, eine Krise der Treue zum Auftrag des Auferstandenen Herrn, ein Auftrag, der seine ganze Kraft und Bedeutung behält. Auch ich schließe mich Ihnen mit Ergriffenheit an, wenn ich an die Augustinermissionare denke, die ihr Leben für das Evangelium in verschiedenen Teilen der Welt gegeben haben. Und ich sehe mit Freude, dass Sie diese Zeugnisse der Vergangenheit schätzen, um Ihre Verfügbarkeit für die Mission heute zu erneuern, in den Formen, die das Zweite Vatikanische Konzil und die gegenwärtigen Herausforderungen von uns verlangen“.

Und wenn das Beispiel der Augustiner für unser Gespräch etwas weit weg zu sein scheint, schlage ich die Lektüre der Ansprache von Papst Franziskus an die Jugend von Chile (17. Januar 2018) vor. Ich war übrigens dabei. Er sagt:

Ihr [Jugendlichen] mögt diese Abenteuer und Herausforderungen – bis auf diejenigen, die nie von der Couch runtergekommen sind. Kommt schnell von da runter, damit wir weitermachen können, ihr, die ihr Spezialisten seid, zieht ihnen die Schuhe an… Ja, ihr langweilt euch ohne solche aufregenden Herausforderungen. Das wird beispielsweise deutlich, wenn sich Naturkatastrophen ereignen. Da zeigt ihr eine enorme Hilfsbereitschaft, was ein vielsagendes Zeichen der Großzügigkeit eurer Herzen ist.

Bei meiner Arbeit als Bischof konnte ich das erleben, wie viele gute Ideen in den Herzen und Köpfen der jungen Menschen stecken. Und das ist wahr, ihr seid unruhig, suchend, idealistisch. Wisst ihr, wer ein Problem hat? Das Problem liegt bei uns Erwachsenen, wenn wir von diesen Idealen und dieser Unruhe der Jugendlichen hören und dann besserwisserisch meinen: „Der denkt so, weil er jung ist, der wird auch noch reifer“, oder schlimmer noch, „der wird auch noch verdorben.“ Und das stimmt, hinter dem „wird reifer“, was Illusionen und Träume angeht, verbirgt sich oft stillschweigend ein „wird verdorben“. Gebt darauf acht! Reifen heißt zu wachsen und Träume wachsen zu lassen und große Ideen wachsen zu lassen, nicht unachtsam zu werden und sich für ein bisschen Kleingeld kaufen zu lassen, das hat nichts mit reifen zu tun. Auch wenn wir Erwachsenen das denken, hört nicht auf uns. Es scheint, dass mit diesem [Satz] von uns Erwachsenen „der wird auch noch reifer“, mit dem wir, so scheint es mir, eine nasse Decke über euch werfen, um euch zum Schweigen zu bringen, in Wirklichkeit gemeint ist, dass „reifen“ bedeutet, Ungerechtigkeiten zu akzeptieren, zu glauben, dass wir nichts tun können und dass alles immer schon so war: „Warum sollen wir denn was ändern, wenn es immer so war, wenn es immer so gemacht worden ist?“

Wegen der Situation von euch jungen Leuten habe ich die Einberufung dieser Synode des Glaubens und eurer Berufungsentscheidung angekündigt, und außerdem die Begegnung der Jugendlichen. Denn bei der Synode selbst denken wir Bischöfe über die Jugendlichen nach, aber wisst ihr, ich fürchte mich vor Filtern, denn manchmal müssen die Meinungen der Jugendlichen, bis sie nach Rom gelangen, viele Stationen durchlaufen und so könnten diese Vorschläge dabei sehr gefiltert werden, nicht von den Fluggesellschaften, sondern von denjenigen, die sie aufschreiben. Deswegen möchte ich den Jugendlichen zuhören, und deswegen gibt es dieses Treffen mit den Jugendlichen, wo ihr Jugendlichen aus der ganzen Welt die Protagonisten sein werdet – katholische und nicht katholische, christliche Jugendliche oder auch junge Menschen anderer Religionen, Jugendliche, die nicht wissen ob sie glauben oder nicht. Ihnen allen möchte ich zuhören, ich will, dass wir uns direkt hören, denn es ist wichtig, dass ihr sprecht, dass ihr nicht schweigend zurückgelassen werdet. An uns liegt es dann, euch dabei zu helfen, kohärent zu dem zu sein, was ihr sagt. (…)
Die Kirche muss ein junges Antlitz haben, und ihr müsst es ihr geben. Aber natürlich ein echtes junges Gesicht, voller Leben, nicht ein mit Verjüngungscreme auf jung gemachtes. Nein, das hilft nicht. Vielmehr muss sie jung sein, weil sich so ihr Herz befragen lässt. Und das ist es, was wir, die Heilige Mutter Kirche, heute von eurer Seite brauchen: befragt zu werden. […] Wie sehr braucht euch die Kirche und die Kirche in Chile, damit ihr uns „aufrüttelt“ und uns helft, Jesus näherzukommen! Das ist es, worum wir euch bitten, uns aufzurütteln, wo wir allzu starr sind, und uns zu helfen, Jesus näher zu sein. Eure Fragen, euer Wissensdurst und eure Sehnsucht nach Großzügigkeit sind eine Aufforderung, dass wir Jesus näherkommen.“

 Was machen wir jetzt damit?

Hier versagt meine Fähigkeit, einen sicheren Weg zu finden und zu empfehlen. Will ich auch nicht. Vielmehr denke ich an mutige, gewagte, risikofreudige Alternativen. Und das ist alles, was ich dazu empfehlen kann und möchte:

Erstens,  uns in die Strömungen Schönstatts, der Kirche und der Welt einzufügen. Wir wollen nicht von den Stimmen in unserem Kopf ausgehen. Es ist sehr wichtig, sie zu kennen, in ihren Kontext zu stellen, sie von anderen Realitäten zu unterscheiden, viele verschiedene Stimmen und Visionen teilhaben zu lassen.

Dann, uns freuen an allem, was da ist, und zusammenzuarbeiten. Es geht nicht darum zu glauben, dass man selbst allein auserwählt ist, alle Probleme zu lösen. Dies ist ein Weg der Demut und der Anerkennung unserer eigenen Schwächen, die uns die Hilfe anderer benötigen lassen. Wenn dies nicht geschieht, verliert der Dialog seinen Sinn, er wird erdrückt – und erst recht die Neugier, die Begeisterung, der Enthusiasmus, die Großzügigkeit.

Endlich dem Gott zu begegnen, der von innen zu uns spricht. Wir können nicht darauf warten, dass Motivation und Inspiration von außen kommen, immer von anderen gezogen werden. Unser Glaube führt uns zu der Überzeugung, dass der Heilige Geist uns bereits zu einer guten Handlung bewegt hat, bevor wir sie unternehmen. Um es mit den Worten von Franziskus zu sagen: Gott stellt uns an die erste Stelle.

Ich segne Sie und hoffe, dass diese Reflexion Ihnen hilft, den Weg weiterzugehen.

Audiencia para Schoenstatt, 25.10.2014

Audienz für die Schönstatt-Bewegung, 25.10.2014


ANSPRACHE DES HEILIGEN VATERS FRANZISKUS

AN DIE TEILNEHMER DER GENERALVERSAMMLUNG

DER FOKOLAR-BEWEGUNG

Halle Paul VI.

Samstag, 6. Februar 2021

 

 

Eure Eminenz, liebe Brüder und Schwestern:

Ich freue mich, Sie am Ende Ihrer Generalversammlung empfangen zu dürfen, in der Sie wichtige Themen diskutiert und neue Verantwortliche gewählt haben. Ich danke der scheidenden Präsidentin, Maria Voce – danke Maria, sie war sehr gut und sehr menschlich, danke – und der neu gewählten Präsidentin, Margaret Karram, für ihre freundlichen Worte und dafür, dass sie an diesen Abend des Gebets für Einheit und Frieden im Heiligen Land mit dem Präsidenten Israels und dem Präsidenten des Staates Palästina erinnert haben. Das waren Zeiten der Verheißung, aber die Verheißung ist immer da. Wir müssen vorwärts gehen und das

Heilige Land in unseren Herzen tragen, immer, immer. Ich gebe Ihnen – wie ich schon zu Maria gesagt habe  – ein großes Dankeschön und meine besten Wünsche, die ich auch an den Co-Vorsitzenden und die Berater weitergebe. Ich bin froh, dass Kardinal Kevin Farrell und Frau Linda Ghisoni, die Untersekretärin, hier sind. Ich grüße diejenigen von Ihnen, die hier anwesend sind, und diejenigen, die durch Streaming verbunden sind; und ich richte meine Grüße an alle Mitglieder des Werkes Mariens, das Sie vertreten. Um Sie auf Ihrem Weg zu ermutigen, möchte ich Ihnen einige Überlegungen anbieten, die ich in drei Punkte unterteile: nach der Gründerin, die Bedeutung von Krisen, Spiritualität mit Kohärenz und Realismus leben. Die drei Punkte: Das „Nach-der-Gründerin“ („il dopo-fondatrice“), die Bedeutung von Krisen – es gibt so viele davon – und das Leben der Spiritualität mit Kohärenz und Realismus.

Nach der Gründerin. Zwölf Jahre nach dem Heimgang von Chiara Lubich in den Himmel sind Sie aufgerufen, die daraus möglicherweise folgende Orientierungslosigkeit und den Rückgang der Anzahl der Mitglieder zu überwinden, um weiterhin ein lebendiger Ausdruck des Gründungscharisma zu sein. Wie wir wissen, erfordert dies eine dynamische Treue, die in der Lage ist, die Zeichen und Bedürfnisse der Zeit zu deuten und auf die neuen Herausforderungen der Menschheit zu reagieren. Jedes Charisma ist kreativ, es ist keine Museumsstatue, nein, es ist kreativ. Es geht darum, der ursprünglichen Quelle treu zu bleiben, sie neu zu überdenken und sie im Dialog mit neuen sozialen und kulturellen Situationen auszudrücken. Der Baum hat sehr solide Wurzeln, aber er wächst im Dialog mit der Realität. Diese Arbeit der Aktualisierung ist umso fruchtbarer, je mehr sie in der Harmonie von Kreativität, Weisheit und Sensibilität für alle und Treue zur Kirche vollzogen wird. Ihre Spiritualität, die von Dialog und Offenheit für unterschiedliche kulturelle, soziale und religiöse Kontexte geprägt ist, kann diesen Prozess sicherlich begünstigen. Die Offenheit für andere, wer auch immer sie sein mögen, muss immer gepflegt werden: Das Evangelium ist für alle bestimmt, aber nicht im Sinne von Proselytismus, nein, es ist für alle bestimmt, es ist Sauerteig. Es ist für alle bestimmt, es ist der Sauerteig einer neuen Menschheit an jedem Ort und zu jeder Zeit.

Diese Haltung der Offenheit und des Dialogs wird Ihnen helfen, jegliche Selbstbezogenheit zu vermeiden, was immer eine Sünde ist, nämlich die Versuchung, in den Spiegel zu schauen. Das ist sehr hässlich. Einfach morgens die Haare kämmen, und das reicht schon. Diese Vermeidung jeglicher Selbstreferenzialität, die niemals aus einem guten Geist kommt, ist das, was wir für die ganze Kirche wollen: die Vermeidung der Selbstverliebtheit, die immer dazu führt, die Institution zum Nachteil der Personen zu verteidigen, und die auch dazu führen kann, Formen des Missbrauchs zu rechtfertigen oder zu vertuschen. Mit so viel Schmerz haben wir ihn in den letzten Jahren erlebt und entdeckt. Selbstreferenzialität hindert uns daran, Fehler und Unzulänglichkeiten zu sehen, verlangsamt den Fortschritt, erschwert die offene Überprüfung von institutionellen Verfahren und Regierungsstilen. Es ist besser, stattdessen mutig zu sein und sich den Problemen mit Parrhesie und Wahrheit zu stellen, indem man immer den Hinweisen der Kirche folgt, die Mutter ist, die wahre Mutter ist, und auf die Forderungen der Gerechtigkeit und der Nächstenliebe antwortet. Selbstbeweihräucherung erweist dem Charisma keinen guten Dienst. Nein. Vielmehr geht es darum, jeden Tag mit Staunen – ohne das Staunen zu vergessen, das die Gegenwart Gottes hervorruft -, das freie Geschenk wahrzunehmen, das Sie erhalten haben, in dem Sie Ihr Lebensideal gefunden haben und mit Gottes Hilfe versuchen, ihm mit Glauben, Demut und Mut zu entsprechen, wie die Gottesmutter Maria nach der Verkündigung.

Das zweite Thema, das ich Ihnen vorschlagen möchte, ist das der Bedeutung von Krisen. Ohne Krisen kann man nicht leben. Aber Krisen sind ein Segen, auch im natürlichen Bereich – die Krisen des Kindes während des Wachstums zur Reife sind wichtig -, auch im Leben von Institutionen. Ich habe in meiner jüngsten Ansprache an die römische Kurie ausführlich darüber gesprochen. Es besteht immer die Versuchung, eine Krise in einen Konflikt zu verwandeln. Konflikt ist hässlich, er kann hässlich werden, er  kann spalten, aber Krise ist eine Chance zum Wachstum. Jede Krise ist ein Ruf zu einer neuen Reife; sie ist eine Zeit des Geistes, eine Zeit der Notwendigkeit, sich zu erneuern, ohne angesichts der menschlichen Komplexität und ihrer Widersprüche entmutigt zu werden. Heute wird viel Wert auf die Bedeutung der Resilienz angesichts von Schwierigkeiten gelegt, d.h. die Fähigkeit, ihnen positiv zu begegnen und daraus Chancen zu ziehen. Jede Krise ist eine Chance für Wachstum. Es ist die Aufgabe derer, die auf allen Ebenen Regierungspositionen innehaben, sich zu bemühen, den gemeinschaftlichen und organisatorischen Krisen auf die beste und konstruktivste Weise zu begegnen; andererseits müssen die geistigen Krisen der Menschen, die die Intimsphäre des Einzelnen und die Sphäre des Gewissens betreffen, von denen, die nicht in Regierungspositionen sind, auf allen Ebenen innerhalb der Bewegung mit Umsicht angegangen werden. Und das ist eine gute Regel, von der Kirche seit jeher – seit den Mönchen, seit jeher -, gültig nicht nur in Krisenmomenten von Personen, sondern ganz allgemein in ihrer Begleitung auf dem geistlichen Weg. Diese weise Unterscheidung zwischen Forum Internum und Forum Externum, die uns die Erfahrung und die Tradition der Kirche lehrt, ist unverzichtbar. In der Tat führt die Vermischung der Sphäre der Regierung und der Sphäre des Gewissens zu Machtmissbrauch und anderen Missständen, die wir erlebt haben, als der Deckel vom Topf dieser schrecklichen Probleme genommen wurde.

Schließlich der dritte Punkt: Spiritualität mit Kohärenz und Realismus leben. Kohärenz und Realismus. „Diese Person hat Autorität…Warum hat diese Person Autorität? Weil sie kohärent ist. So sagen und hören wir immer wieder. Das Endziel Ihres Charismas deckt sich mit der Absicht, die Jesus dem Vater in seinem letzten und großen Gebet vorgetragen hat: dass „alle eins seien“ (Joh 17,21), eins, wohl wissend, dass dies das Werk der Gnade des einen und dreieinigen Gottes ist: „Wie du, Vater, in mir bist und ich in dir, sollen auch sie in uns sein“ (ebd.). Dieses Anliegen erfordert eine Verpflichtung in einer doppelten Perspektive: außerhalb der Bewegung und innerhalb der Bewegung.

Was die Verpflichtung außerhalb der Bewegung betrifft, ermutige ich Sie – und hier hat die Dienerin Gottes Chiara Lubich so viele Beispiele gegeben! – Zeugen der Nähe zu sein mit geschwisterlicher Liebe, die jede Barriere überwindet und jede menschliche Situation erreicht. Überwinden Sie Barrieren, ohne Angst! Es ist der Weg der geschwisterlichen Nähe, der die Gegenwart des auferstandenen Herrn auf die Männer und Frauen unserer Zeit überträgt, angefangen bei den Armen, den Letzten, den Ausgestoßenen; gemeinsam mit Menschen guten Willens für die Förderung von Gerechtigkeit und Frieden arbeiten. Vergessen Sie nicht, dass Nähe, Fühlung, die authentischste Sprache Gottes ist. Denken wir an das Deuteronomium, wo der

Herr sagte: „Denkt: Welches Volk hat seine Götter so nahe bei sich gehabt wie ihr bei mir?“ Dieser Stil der Nähe Gottes setzte sich fort, setzte sich fort, bis er die große Nähe, die wesentliche Nähe erreicht hatte: das fleischgewordene Wort, Gott, der eins mit uns wurde. Vergessen Sie nicht, dass Nähe der Stil Gottes ist, es ist seine authentischste Sprache, meiner Meinung nach.

Was die Verpflichtung innerhalb der Bewegung betrifft, so ermahne ich Sie, immer mehr Synodalität zu fördern, damit alle Mitglieder als Verwahrer desselben Charismas Mitverantwortung tragen und am Leben des Werkes Mariens und seinen spezifischen Zielen teilhaben. Diejenigen, die die Verantwortung für die Leitung haben, sind aufgerufen, eine transparente Konsultation nicht nur innerhalb der Leitungsgremien, sondern auf allen Ebenen zu fördern und zu verwirklichen, kraft jener Logik der Gemeinschaft, nach der alle ihre eigenen Gaben, ihre eigenen Meinungen in Wahrheit und in Freiheit in den Dienst der anderen stellen können.

Liebe Brüder und Schwestern, hört in der Nachfolge von Chiara Lubich immer auf den Schrei der Verlassenheit Christi am Kreuz, der das höchste Maß an Liebe manifestiert. Die Gnade, die von dieser Nachfolge ausgeht, ist in der Lage, in uns, die wir schwach und sündig sind, großzügige und manchmal heroische Antworten hervorzurufen; sie ist in der Lage, Leiden und sogar Tragödien in eine Quelle des Lichts und der Hoffnung für die Menschheit zu verwandeln. In diesem Übergang vom Tod zum Leben liegt das Herz des Christentums und auch Ihres Charismas. Ich danke Ihnen sehr für Ihr freudiges Zeugnis für das Evangelium, das Sie weiterhin der Kirche und der Welt anbieten. Ein freudiges Zeugnis. Man sagt, dass die Focolarini immer lächeln; sie haben immer ein Lächeln. Und ich erinnere mich, dass ich einmal einen Vortrag über die Unwissenheit Gottes gehört habe. Sie sagten mir: „Weißt du, dass Gott unwissend ist? Es gibt vier Dinge, die Gott nicht wissen kann“ – „Was? Welche sind das?“ – „Was die Jesuiten denken, wie viel Geld die Salesianer haben, wie viele Nonnenkongregationen es gibt und worüber die Fokolare lachen“. Ich vertraue Ihre guten Absichten und Projekte der mütterlichen Fürsprache der heiligsten Maria, der Mutter der Kirche, an und segne Sie von Herzen. Und bitte vergessen Sie nicht, für mich zu beten, denn ich brauche es. Danke!

 

Veröffentlicht in ES – IT – EN auf vatican.va sowie im Bulletin des Presseamtes des Heiligen Stuhls, 6. Februar 2021

Arbeitsübersetzung von Maria Fischer @schoenstatt.org unter Verwendung der wörtlich übersetzten Abschnitte aus der PM der Fokolar-Bewegung, siehe auch Vatican Media Deutsch.

 

 

 

 

Audiencia para el Movimiento de Focolare

Audienz für die Fokolar-Bewegung

 

Selbtbeweihräucherung meiden und jede Krise als Chance zum Wachsen wahrnehmen

 

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