Veröffentlicht am 26. Februar 2017 In Projekte, Schönstatt im Herausgehen

„Gott hat die Scheidung zugelassen für etwas Größeres“

SPANIEN, von Patricia Navas in Aleteia.org •

Ihre Scheidung hat sie zu einer Expertin für das Heilen emotionaler Wunden gemacht. Seit zehn Jahren hört Maria Luisa Erhardt geschiedenen Menschen zu und begleitet sie durch einen katholischen Dienst, den sie in Spanien leitet und der den Namen des Ortes trägt, an dem Jesus sich ausruhte: Betania. Im folgenden Interview mit dem katholischen Nachrichtenportal Aleteia berichtet sich von ihrem Heilungsprozess und versichert, dass „wenn Gott eine Scheidung zulässt, ist es immer für etwas Größeres.“

Welche Leiderfahrungen sind bei allen Geschiedenen gleich?

Nicht alle Scheidungen sind gleich; es hängt von verschiedenen Faktoren ab. Es ist nicht das gleiche: Trennung, weil man verlassen oder weil man betrogen wurde; weil das Zusammenleben unmöglich ist, weil man einfach nicht zusammenfindet, weil es nie eine echte Liebe und Verpflichtung gegeben hat sondern eine Illusion, die man mit Verliebtheit verwechselt hat, oder weil ein starker Wunsch mit Liebe verwechselt wurde…

Dann braucht aber auch jeder eine andere Art von Hilfe?

Ja, jede Person braucht andere Antworten. Betania bietet eine auf die konkrete Person zugeschnittene Antwort; Gott gibt die Gabe der Unterscheidung, wenn wir uns frei in seinen Dienst stellen.

Während wir heil werden, entdecken wir, dass wir Altlasten mit uns tragen, die der Grund sein können dafür, dass wir nicht frei waren in unserer Wahl.

In gut gegründeten Ehen oder in solchen, die später durch Gottes Gnade umgestaltet wurden, gibt es auch Lasten, aber in den Fällen, von denen wir reden,  hat Gott die Trennung immer für etwas Größeres, etwas Besseres zugelassen, sei es für die Person selbst oder für den Partner, die Kinder, die Familie …

Das ist sehr schwer zu verstehen, denn viele trennen sich, nachdem sie selbst diejenigen kritisiert haben, die sich getrennt haben, sie verurteilt haben … . Und jetzt sind sie in der gleichen Situation wie die, die sie kritisiert haben. Das ist auch eine Heilung der Gesellschaft durch verwundete Menschen.

Wie oft richten wir und haben Vorurteile gegenüber Menschen, die unsere Erwartungen nicht erfüllen! Doch wir sind nicht Gott, um über jemanden zu richten oder ihn zu verurteilen.

Ich habe Gott nicht so sehr in meinen Erfolgen erfahren, sondern in meinen Verletzungen, denn hier, in der Schwäche, ist es wo der Mensch die Gelegenheit findet, sich zu öffnen.

Es ist sehr selten, dass Gott durch Erfolge heilt; gewöhnlich tut er es durch Wunden an Stellen, wo der Mensch nicht mehr kann: eine schwache Person ist jemand, der Christi Liebe und Barmherzigkeit auf sich zieht. Wir lernen, die Liebe Christi in diesen Menschen zu lesen, in  jedem verwundeten Herzen, das sich öffnet.

Wie kann dieser Schmerz gemildert werden?

Das Erste, was wir tun oder zu tun versuchen ist, zuzuhören, um das Herz der Person zu gewinnen, denn in dem Maß, in dem man des anderen Herz gewinnt, und zwar indem man sein eigenes gibt, öffnet sich die Person.

In dieser Gesellschaft ist es schwierig, das Herz zu öffnen; wir haben gelernt, uns zu verteidigen, unsere Herzen zu verschließen, zu misstrauen, Urteile und Vorurteile zu haben.

Was wir in Betania versuchen, ist, das Herz zu gewinnen, aber das können wir nicht erreichen, wenn wir nicht unser eigenes einsetzen. Denn Autorität erhalten wir, wenn wir das Herz gewonnen haben, denn Autorität hat nichts mit Unterwerfung zu tun, sondern ist etwas, das das Du uns schenkt.

Dabei müssen wir die Zeiten von jedem einzelnen respektieren. Wer bereit ist, seine Lebensgeschichte objektiv anzusehen und seine Fehler zu erkennen, kann nach Betania kommen um den Heilungsprozess zu durchlaufen.

Wenn ich verschlossen bin, weil ich mich frustriert und gescheitert fühle, weil meine Ehe nicht Antwort auf mein Lebensprojekt war, wenn ich Schuldige suche, will heißen, wenn mein Ich immer noch im Mittelpunkt steht, dann können wir nicht viel tun, um so jemanden zu begleiten.

In jeder Beziehung gibt es eine gegenseitige Verantwortung. Ich rede nicht von Schuldhaftigkeit, denn Schuldhaftigkeit gibt es nicht ohne Willen, und überdies blockiert Schuld; doch wir müssen Wissen haben und Verantwortung für unsere Entscheidungen übernehmen.

Wenn wir größere Selbsterkenntnis haben, können wir verändern, reparieren und das befreit uns von den Lasten,  die wir tragen. Mit Gott lernen wir in diesem Prozess uns selbst zu vergeben. Nur Gott heilt und rettet.

Wie haben Sie das Scheitern Ihrer Ehe überwunden?

Ich betrachte es nicht als Scheitern. Ich habe das nie so angesehen. Nicht alle Geschiedenen betrachten ihre Situation als Scheitern. Auch ich nicht, als ich mich getrennt habe. Das ist das Erste.

Wer mich immer geführt hat und mein Herz und mein Ego heilt, war immer der Herr.  Heute sehe ich meine Scheidung als die Gelegenheit, in der ich wirklich Christus begegnet bin.

Vor der Trennung habe ich in Selbsthilfe-Büchern, bei Psychologen und Psychiatern Hilfe gesucht, aber an einem bestimmten Punkt habe ich erkannt, dass weder sie noch die Coaches meiner Seele, meinem Herzen geholfen haben. Sie gaben mir Richtlinien, aber ich suchte nach mehr: die Heilung meiner Person, die Wiederherstellung meines Seins.

Dann lernte ich das Schönstatt-Heiligtum kennen, schloss das Liebesbündnis mit der Gottesmutter und sagte ihr: „Wenn du wirklich eine Mutter bist und  Gott mich durch dich heilen will, gut, ich bin bereit.“

Ich habe nur mein Ja gegeben da zu sein, mindestens einmal in der Woche zum Heiligtum zu gehen, nicht viel mehr, und so begannen mein Herz und mein Denken sich zu verändern. Man muss ein Ja geben; wenn nicht, kann Gott nichts tun.

Es war Gott, der mich geheilt hat. Als ich auf dem Weg der Heilung war, wirkte es auf meine Kinder ein. Gott ist mit mir, und er ist mir treu, auch wenn ich untreu bin.

Der Ursprung meiner Heilung war das Liebesbündnis. Maria hat es ernst genommen; ich glaubte es nicht, ich war sehr skeptisch, aber sie hat mich an die Hand genommen und trägt mich immer noch durch jeden Tag

Ich war nie so glücklich wie in dem Moment, als ich mich einfach überlassen habe. Das Problem ist, wenn wir uns nicht überlassen: wenn ich das Zentrum bin und meine menschliche Vernunft eine Mauer baut, in der ich nicht hören kann oder niemandem mehr trauen kann als mir selbst. Aber Gottes Liebe ist so groß, und seine Geduld ist unendlich …

Wie kann man vermeiden, nach einer Scheidung Hass zu empfinden?

Das erreicht man, wenn man auf sich selbst schaut und erkennt, dass man auch Fehler gemacht hat, wenn man aufhört, nur eine andere Person zu beschuldigen, wenn man aufhört zu erwarten und zu fordern, dass der andere mich glücklich macht. Wenn man entdeckt, dass mein Glück nicht im anderen  besteht oder vom anderen abhängt, sondern dass es in mir ist.

Da fangen wir an, uns bewusst zu werden, dass der andere genauso wie ich um das alles weiß, und wenn man dann entdeckt, dass der andere auch in Fallen getappt ist (weil ich mehr geliebt werden wollte, habe ich mich immer mehr abhängig gemacht, bin ich immer mehr Sklavin geworden, habe ich mich misshandeln, demütigen lassen…)

Ein weiterer wichtiger Schritt ist, zu lernen, sich selbst zu vergeben … Das Schwierigste ist nicht, dass  Gott vergibt, sondern, dass ich mir selbst vergebe, und dass ich vergebe. Das ist schwierig, weil wir sehr selbstbezogen sind.

Mir hat es sehr geholfen, das so zu benennen und dann zu denken: Wenn Jesus jetzt erschiene und ich ihn bäte mir zu vergeben, weil ich hochmütig, stolz war, weil ich andere verletzt habe, oder weil ich mich selbst obenan gestellt und andere eingeschränkt habe, dann wäre das erste, was er mich fragen würde: Vergibst du denen, die dich so verletzt haben?

Wenn wir denen nicht vergeben, die uns verletzt haben, welches Recht haben wir dann, Gott zu bitten, uns zu vergeben? Wenn ich nicht vergebe, wachse ich nicht, denn ich bin an Verbitterung und Groll gebunden und macht mich als Person klein; Vergeben heilt, es ist das Gesündeste auf der Welt! Wo Verbitterung und Groll sind, kommt Gott nicht hinein. Verbitterung, Groll … sind Bande des Bösen, dann gehöre ich zum Bösen, wähle das Böse.

Gottes Liebe ist so groß, dass er mir erlaubt, zwischen Gut und Böse zu wählen. Und dann habe ich das große Glück, dass der Herr mir immer vergibt, doch wenn ich nicht vergebe, kann ich die wahre Befreiung durch die Vergebung Gottes nicht empfangen.

Die Heilung durch Vergebung ist das Kostbarste. Jedes Mal, wenn wir von Herzen vergeben, wird unsere Liebe der Liebe Gottes ähnlicher. Wenn wir aus uns herausgehen, um zu vergeben, gleichen wir immer mehr dem Bild Gottes. Die wirkliche Macht ist die Liebe.

Wenn jemand das zu verstehen beginnt, beginnt er Gott zu begreifen trotz aller Fehler, Wunden, Sünden: eine Abtreibung, ein sexueller Missbrauch, eine Scheidung … was auch immer, Gottes Liebe siegt, und Vergebung ist die Macht Gottes, die er auch den Menschen anbietet. Vergebung ist eine Gabe, um die wir Gott bitten müssen.

Für Christus war jeder, der außerhalb des Gesetzes, außerhalb der Norm stand, eine Chance, und Betania möchte seinen Spuren folgen wie er, ohne Urteile und Vorurteile, einfach als Chance, dass Christus sich diesem konkreten Menschen in seiner ganzen Liebe zeigen kann. Indem wir ihn achten und lieben wie er ist, nicht, wie wir ihn gerne hätten.

Für Christus war jeder, der außerhalb des Gesetzes, außerhalb der Norm stand, eine Chance, und Betania möchte seinen Spuren folgen wie er, ohne Urteile und Vorurteile, einfach als Chance, dass Christus sich diesem konkreten Menschen in seiner ganzen Liebe zeigen kann. Indem wir ihn achten und lieben wie er ist, nicht, wie wir ihn gerne hätten.

Zeit ist ein Geschenk für Wandlung und Vergebung. Dahin zu kommen ist das Glück in dieser Welt, egal wie schwierig die Umstände auch sein mögen.

Was kann man tun, damit Kinder harmonisch aufwachsen, auch wenn ihre Eltern geschieden sind?

Die Kinder sind die unschuldigen Opfer und brauchen beide Bezüge, die väterliche und die mütterliche. Der größte Fehler und Schaden, den wir unseren Kindern antun können, ist, ihren Vater oder ihre Mutter herabzusetzen, schlecht von ihnen zu sprechen, ihre Autorität zu untergraben … Wir müssen unseren Hass und unsere Verbitterung von den Kindern fernhalten. Sie haben ein Recht darauf, einen Vater und eine Mutter zu haben.

Die Kinder sind Opfer der Scheidung, nicht die Ursache. Es mag Untreue gegeben haben, Gewalt, sogar Mord – der Grund findet sich bei beiden Elternteilen.

Wir sind alle verantwortlich; es gibt keinen Missbraucher, wenn ich nicht zulasse, missbraucht zu werden. Hier gibt es eine Reihe von Verantwortlichkeiten durch Erziehungsfehler, Ängste… Wenn wir nicht gelernt haben, das gut zu handhaben in der Ehe, dann wird daraus eine riesige Last für die Kinder.

Während des Prozesses von Trennung und Scheidung fühlen sich die Kinder unsicher und brauchen die Erfahrung bedingungsloser Liebe. Es ist grausam, die Kinder zu benutzen um schlecht über den anderen zu reden, oder sie als Konfrontationswaffen zu benutzen. Die Kinder sind die Unschuldigsten in einer Familie, die sich nicht verteidigen können. Sie müssen mehr als die Eltern geschützt werden, denn sie sind die Zerbrechlichsten, auch wenn die Eltern eine persönliche Heilung angehen müssen.

 

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Quelle:  www.aleteia.org

Maria Luisa Erhardt ist Mitglied des Schönstatt-Mütterbundes.

Original: Spanisch, 29/01/2017. Übersetzung: Ursula Sundarp, Dinslaken, Deutschland/mf

Zehn Jahre Betania in Spanien

María Luisa Erhardt und “Betania“: „Im Groll kann Gott nicht wirken“ (2013)

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