Columna P. Enrique Grez López

Veröffentlicht am 2021-11-25 In Kolumne - P. Enrique Grez López

Die Fragemaschine – René Magritte

P. Enrique Grez •

Das Thyssen-Bornemisza-Museum zeigt eine Retrospektive des belgischen Malers René Magritte. Die Ausstellung gleicht einem Ratespiel. Auch wenn es sich um ein sauberes, aufgeräumtes, apollinisches Gemälde handelt, setzt uns der Künstler einem Bombardement von Fragen aus, die unsere Gewissheiten auf die Probe stellen. Es ist eine dekonstruktive Übung, die Verwirrung stiftet, uns aber gleichzeitig die Fragilität der Kategorien erkennen lässt, mit denen wir die Welt zu beurteilen pflegen. —

Rene Magritte

René Magritte – The Treachery of Images (This is Not a Pipe), 1929, photo: CC BY-NC 2.0 by Thomas Hawk; en https://publicdelivery.org/magritte-not-a-pipe/]

Als Kind liebte ich es, die Kunstbücher in die Hand zu nehmen, die meine Mutter in ihrem Regal hatte. Das von Magritte war eines meiner Lieblingsbilder und ich habe es immer meinen Freunden gezeigt, wenn sie zu Besuch kamen. Jede Illustration war wie ein Rätsel. Auf den ersten Blick erschienen mir die Bilder sehr normal und lesbar, anders als der Rest der zeitgenössischen Kunst, durcheinander und voller Flecken. Bei Magritte war eine Pfeife eine Pfeife, ein Hügel ein Hügel und ein Mann mit Hut eben genau das, ein Mann mit Hut. Hinter der fast realistischen Ästhetik verbargen sich jedoch erstaunliche Rätsel: Es stellte sich heraus, dass er unter der Pfeife sagte: Das ist keine Pfeife, die höchsten Felsen des Hügels verbargen den Kopf eines Adlers, und der Mann mit dem Hut betrachtete den Boden des Gemäldes aus derselben Position wie wir, die Zuschauer.

Als Erwachsener genieße ich immer noch Magrittes Werke. Aber ich habe entdeckt, dass es nicht nur geniale Unterhaltung ist. In seinen Pastelltönen, seinen klaren Linien und seiner scheinbaren Frontalität finden sich wahre Abhandlungen über Philosophie und Semiotik. Seine Bilder hinterfragen die Bedeutung von so heiklen Dingen wie dem Autor, dem gemalten Objekt und dem Rahmen; er rüttelt an zentralen Themen: Beobachtung, Darstellung, Sein und seine Negation. Das Schlimmste ist, dass er diese Dilemmata ohne mit der Wimper zu zucken vorbringt, als ob es keine Rolle spielen würde, wenn er jahrtausendealte kommunikative Vorschläge umstoßen würde. Obwohl dieser Weg der Kontroverse bereits von so bedeutenden Künstlern wie Velázquez und Bernini auf subtile Weise beschritten wurde, erreicht Magrittes bildnerische Praxis ein noch nie dagewesenes Niveau der Subversion.

Sind Sie sicher, dass das Bild das zeigt, was Sie sich vorstellen?

Die Thyssen-Ausstellung ist großzügig. Sie enthält mehr als 90 Werke zu einer Vielzahl von Themen. Zu sehen sind einige der berühmtesten Ölgemälde des Künstlers, wie „Der Schlüssel zu den Feldern“, der „Versuch des Unmöglichen“ und eine Tuscheversion von „Der Verrat der Bilder“. Der Besuch der Ausstellung ist intensiv: Immer wieder werden wir von Magrittes Unbekannten herausgefordert. Sobald wir unseren Blick auf einer seiner geordneten Kompositionen ruhen lassen, einer von denen mit dem himmelblauen Himmel, der mit kindlichen Wolken gesprenkelt ist, werden wir von dem dekonstruktiven Ansturm seiner Fragen empfangen: Bist du sicher, dass das Bild das zeigt, was du dir vorstellst? Ist die Realität das, was wir denken, das sie ist? Was ist ein Bild? Was bedeutet Vorstellung, Imagination?

Seine Fragen sind beunruhigend und setzen sich tief in unserem Verstand fest, während wir durch die Ausstellung gehen oder in einer Monografie über Magritte blättern.

Ein verwunderter Leser dieser Seite könnte sich nun fragen, warum dieser junge Pater versucht, uns mit solch seltsamen Themen zu verwirren? Gerade diese Kolumne scheint Wort für Wort zu einer Art surrealistischem Tableau zu werden. Aber meine Antwort ist, dass diese Angelegenheit von größter Bedeutung ist.

Pandemie, soziale und wirtschaftliche Krisen und kulturelle Kämpfe machen uns zu schaffen. Wir greifen also auf unser Arsenal von unveränderlichen Doktrinen zurück, um uns gegen die Unsicherheit zu wehren. In Zeiten der Angst und des Hasses, in Zeiten wie denen von Magritte oder den unseren, füllen wir uns mit Gewissheiten. Wir tun es instinktiv, ohne böse Absicht. Aber das nützt uns nichts; wenn wir sie nicht beherrschen, können uns Angst und unanfechtbare Wahrheiten zu Fehlern, ja sogar zu Verbrechen verleiten. Auch Christen. Es wäre nicht das erste Mal. Vielleicht würden uns Magritte und viele andere Künstler einen Gefallen tun, wenn sie uns sanft eine Reihe von dekonstruktiven Rätseln vorlegen würden, die durchaus das Vade-Retro einiger starrer Positionen sein könnten, die wir mit mehr oder weniger Fanatismus vertreten.

Im Mittelalter stellte der Greif, ein mythologisches Tier mit dem Kopf und den Flügeln eines Adlers und dem Körper eines Löwen, die Macht Gottes dar, vor der wir entwaffnet sind. Die Logo-Greiflinge von Magritte sind vielleicht etwas Ähnliches: Artefakte, die die Macht des Geheimnisses demonstrieren. Sie sind wie Rätsel, die uns entwaffnen, um die Welt wieder mit ein wenig Demut zu betrachten.


Technische Details

TITEL: La Máquina Magritte
VERANSTALTUNG: Thyssen Bornemisza Museum, Madrid. Spanien
DAUER: 14. September 2021 – 30. Januar 2022
LEITER: Guillermo Solana
BESCHREIBUNG: Ausstellung von surrealistischen Kunstwerken
LINK: https://www.museothyssen.org/exposiciones/maquina-magritte

HINWEIS: In dieser Rubrik geht es um eine Kunstausstellung, die in einer bestimmten Stadt stattfindet. Es versteht sich von selbst, dass nicht alle Leser in der Lage sind, sie zu besuchen. Damit die Entfernung kein Hindernis für den Genuss ist, empfiehlt sich ein Besuch der Website des Museums, auf der einige der herausragendsten Werke bewundert werden können. Die Kolumne ist auch eine Einladung, ähnliche Kunstwerke zu betrachten, die sich in unmittelbarer Nähe befinden.

 

Original: Spanisch. Übersetzung: Maria Fischer @schoenstatt.org

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