Veröffentlicht am 2020-08-09 In Projekte, Schönstatt im Herausgehen

Damit sie nicht allein sterben: das Programm des Krankenhauses Mater Dei in Buenos Aires

ARGENTINIEN, Isa Ubierna mit Maria Fischer •

„Es ist unmenschlich für einen Menschen, allein zu sterben“, sagen sie. Das Krankenhaus Mater Dei der Schönstätter Marienschwestern in Buenos Aires hat sich seit Beginn der Coronavirus-Pandemie dafür eingesetzt, dieses zusätzliche und unnötige Leiden zu vermeiden. Diese Woche haben die großen Portale und Zeitungen in Argentinien – La Nación, Infobae, El Litoral, Radio Rivadavia  – ausführliche Artikel über das „Protokoll der Begleitung am Lebensende“ veröffentlicht, das vom Krankenhaus Mater Dei im Rahmen des Programms  zum Ansteckungsschutz und psycho-spiritueller Begleitung für Patienten mit Verdacht auf oder Bestätigung von COVID und ihre Familie eingerichtet wurde. —

Wenn ein geliebter Mensch stirbt, bedeutet die Möglichkeit, ihm einen letzten Abschiedsgruß zu geben, alles. Doch das Coronavirus nahm und nimmt vielen von ihnen die Chance auf einen letzten Abschied. Viele Opfer von Covid-19 sterben in der Isolation des Krankenhauses ohne die Gesellschaft von Familie oder Freunden und oft auch ohne die Begleitung eines Priesters. Besuche sind wegen der hohen Ansteckungsgefahr verboten. „Ein letztes Mal über die Wange streicheln, die Hand nehmen und den Sterbenden in seiner Würde anschauen. Nicht in der Lage zu sein, das zu tun, ist sehr traumatisch“, sagte ein Bestattungsunternehmer in Cremona, auf dem Höhepunkt der Pandemie in Italien. Eine Erfahrung, die mit dem Fortschreiten der Pandemie von der ganzen Welt geteilt wird.

COVID-19. Begleitung am Lebensende

Ein letzter Moment mit einem sterbenden Angehörigen

Seit Beginn der Pandemie in Argentinien hat das Mater Dei ein Protokoll zum Abschied von Angehörigen von Coronavirus-Patienten eingeführt, das auf der Überlegung beruht, dass, wenn das medizinische Personal mit infizierten Patienten umgehen kann, ohne sich anzustecken, jemand unter gleichen Vorsichtsmaßnahmen auch einen Angehörigen besuchen können muss.

Sie schufen daraufhin ein Sicherheitsprogramm für die Begleitung der Patienten, das ein spezielles Verfahren für sehr schwer kranke Patienten enthält, das „Protokoll der Begleitung am Lebensende“ genannt wird.

Dies ermöglicht Besuche auf der Intensivstation für diejenigen, die eine schlechte Prognose haben, ermöglicht aber auch die Begleitung von Patienten, die zwar nicht auf der Intensivstation liegen, aber aus irgendeinem Grund Hilfe benötigen, z.B. weil sie nicht in der Lage sind, für sich selbst zu sorgen oder weil sie sehr alt, verwirrt, dement oder geistig eingeschränkt sind. Es bedeutet natürlich nicht, dass Besuche komplett freigegeben wären.

Wenn der Krankenhausaufenthalt normal verläuft und der Fall nicht kompliziert ist, wird der Patient in der Regel allein gelassen. Aber wenn die Situation ernst ist und der Tod des Patienten wahrscheinlich ist, wird das Protokoll aktiviert und Besuche werden mit den entsprechenden Vorsichtsmaßnahmen genehmigt.

Der Angehörige wird mit der gesamten PSA (Persönliche Schutzausrüstung) ausgestattet, geschult und während des ganzen Besuchs begleitet, um ihn zu schützen und jegliches Ansteckungsrisiko zu vermeiden. Wenn sich der hilfsbedürftige Patient nicht auf der Intensivstation befindet, muss sich das Familienmitglied, das ihn begleitet, im Zimmer isolieren, darf sich nicht in den Gemeinschaftsbereichen des Krankenhauses bewegen und muss nach dem Besuch eine 15-tägige Quarantäne einhalten, da es sich um einen engen Kontakt zu einem COVID-Patienten handelt.

Die Arbeit des Gesundheitsteams ist in dieser Zeit von großer Bedeutung, einerseits, um dem Patienten, der friedlich und in gewisser Weise begleitet sterben kann, den letzten Weg zu erleichtern. Und andererseits auch, damit Familienangehörige den Patienten, der sich in den letzten Lebenstagen befindet, begleiten und ihm gegenüber ihre Gefühle ausdrücken können.

Bislang gab es sechs Fälle von Familienbesuchen bei Patienten mit COVID-19, die sich in einer Situation des drohenden Todes befanden. Vier der Fälle wurden auf der Intensivstation und die anderen beiden auf der Normalstation behandelt.

Der Möglichkeit von Familienbesuchen wird bei wachen Patienten Vorrang vor sedierten Patienten eingeräumt, obwohl bei Familienbesuchen eine Unterbrechung der Sedierung versucht werden kann.

In einigen Fällen war der Besuch bei Sterbenden aufgrund unterschiedlicher Umstände nicht möglich. Voraussetzung ist, dass der Besuch keiner Risikogruppe angehört und emotional stabil ist.

Schw. M. Teresa Buffa

Wie ist dieses in Argentinien einmalige Protokoll entstanden?

„Ich begann zu recherchieren“, erinnert sich Schwester M. Teresa, „und ich fand Dokumente von außerhalb, die von Erfahrungen mit der persönlichen Begleitung berichteten. Und ich sagte mir: Wenn die Ärzte und Krankenschwestern, die alle Vorsichtsmassnahmen treffen, sich kaum anstecken, könnten wir dann nicht die gleichen Elemente verwenden, Schulungen geben und den Angehörigen erlauben, sich dem Patienten zu nähern? Wir stellten ein multidisziplinäres Team zusammen, und so wurde unser Schutzprogramm geboren, das es uns erlaubt, alle verdächtigen und positiven Patienten von Covid-19 von ihrer Aufnahme ins Krankenaus an zu begleiten, aber es hat ein spezielles Protokoll für Todesfälle. Wir kümmern uns nicht nur um den Körper, sondern auch um die psychische, physische und geistige Dimension: Wir kümmern uns um die Menschen“.

„Vor Covid-19 und viele Jahre lang schlugen wir vor, die Intensivtherapie zu vermenschlichen, und wir machten sie zu einer Therapie der offenen Tür: Die Familie konnte jederzeit Kontakt mit dem Angehörigen aufnehmen und sogar über Nacht bleiben“, erklärt Bernardo de Diego, Leiter der Intensivpflege des Mater Dei. Aber das Coronavirus hat die Dinge verändert. Die Familienmitglieder geben ihre Lieben bei der Aufnahme ab und von da an lässt man sie nicht mehr herein. Deshalb haben wir dieses spezielle Protokoll, um sie zu begleiten.“

Die Erfahrung eines Patienten

Am 13. Juli starb Sergio Pizarro Posse in unserem Krankenhaus an Covid-19. Seine Tochter Sol, 44 Jahre alt, die den Verlust noch kaum überwunden hat, sagt: „Papa war 78 Jahre alt. Er war ein Sportler, aktiv. Als er auf der Station war, immer isoliert, wurde uns ein gemeinsamer Krankenhausaufenthalt angeboten, aber es ging ihm umgehend schlechter und er kam auf die Intensivstation. Wir sind fünf Geschwister, und wir haben ihm unsere Video- und Sprachnachrichten geschickt. Dann haben sie mir beigebracht, ihn zu verabschieden, aber gerade, als ich meine Schutzausrüstung angezogen hatte, verlor Papa das Bewusstsein. Kurz bevor er starb, stellten sie sein Bett vor eine große Leinwand, und wir konnten ihn dort sehen. Es ist sehr schwer, aber wir waren von dem Moment an, als er ins Krankenhaus kam, gut begleitet.“

Wir wissen, dass Sie Angst bekommen können. Wir nicht.

Ganzheitliche Pflege

In diesen Monaten wurden wir Zeuge dessen, was COVID-19 physisch, psychologisch und sozial bei Patienten, ihren Familien und beim Gesundheitspersonal bewirkt.

„Als Krankenhaus Mater Dei haben wir beschlossen, die Pandemie COVID-19 nach dem Motto zu betrachten und zu verstehen, das unsere institutionelle Mission zusammenfasst: „dem Leben und dem Dienst an der Menschenwürde verpflichtet“. Als Institution haben wir uns immer für die ganzheitliche Betreuung von Menschen eingesetzt. Deshalb verdoppeln wir in diesem komplexen Kontext unsere Bemühungen, dem Patienten und seiner Familie näher zu sein“, heißt es in einer Erklärung aus dem Mater Dei.

„Es ist unmenschlich, den Abschied von einem Patienten zu verhindern, weil er Covid hat“ – so Dr. Bernardo de Diego, Leiter der Intensivstation von Mater Dei, wo dieser Arzt seit 39 Jahren praktiziert. „In diesem Krankenhaus hat der Humanismus Vorrang. Aus diesem Grund haben wir ein Protokoll für die Aufnahme von Angehörigen von Covid-Patienten mit schwerem Verlauf und solchen, die einen tödlichen Ausgang befürchten lassen, erstellt.“

Andere ökumenische Begleitinitiativen

Das Protokoll von Mater Dei ist einzigartig; doch auch in anderen Krankenhäusern, Kliniken und Sanatorien, sowohl öffentlichen als auch privaten, gibt es Initiativen, um die Kranken, ihre Familien, aber auch die Ärzte, Krankenschwestern und das Gesundheitspersonal menschlich und geistlich zu begleiten.

„Die soziale Isolierung hindert uns daran, die Krankheit zu begleiten und den Tod mit den Riten und Formen zu feiern, in denen wir ihn gewohnheitsmäßig vollziehen, und das zwingt uns, andere Wege des Zusammenseins zu suchen, uns in der Ferne durch die Liebe zu nähern“, erklärt Inés Ordoñez de Lanús, Leiterin des Spiritualitätszentrums Santa María, wo das Projekt „Abschied nehmen“ entstand, das die Kranken und ihre Familien telefonisch begleitet, entweder während der Krankheit oder später im Trauerprozess.

Dieses Team geistlicher Begleiter beteiligt sich auch an einem ökumenischen Netzwerk (Katholiken, Evangelikale und Juden), das zuhört und dem Ärzte, Krankenschwestern und Gesundheitsbeauftragte angehören. In ihren Händen liegt die wichtigste Aufgabe im Kampf gegen das Coronavirus: Sie stehen in direktem Kontakt mit den Infizierten und Kranken und setzen sich mit aller Kraft und Hingabe dafür ein, dass sie geheilt werden und nicht sterben. Trotzdem werden viele dieser kranken Menschen sterben. Das sind Situationen, die eine Anhäufung von Gefühlen, Emotionen und Empfindungen provozieren… sie kümmern sich jedoch weiterhin um die nächste kranke oder sterbende Person. Und auch sie müssen gehört werden, und sie werden von diesem Begleitteam mitgetragen.

 

Fotos: Webseite und Instagram von Sanatorio Mater Dei, mit Erlaubnis der Pressestelle

Original: Spanisch, 06.08.2020. Übersetzung: Maria Fischer @schoenstatt.org

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