Veröffentlicht am 12. Februar 2016 In Franziskus - Botschaft

Der Herr bietet uns immer neu seine Vergebung an

FRANZISKUS IN ROM – HEILIGES JAHR DER BARMHERZIGKEIT •

Generalaudienz, Mittwoch, 3. Februar, eine Woche vor Beginn der Fastenzeit und kurz vor der Reise nach Mexiko und vor der historischen Begegnung mit Patriarch Kyrill in Kuba. Papst Franziskus macht seine Rundfahrt über den Petersplatz zusammen mit zwei Kindern, die er spontan ins Papamobil eingeladen hat.

Thematisch widmet der Heilige Vater diese Generalaudienz dem Thema göttliche Gerechtigkeit und vollkommene Barmherzigkeit, sowie der Vergebung, die diesen Gegensatz manchmal einfach aufhebt. Der Weg der Vergebung sei nicht leicht, betont er dabei, denn es erfordere, dass derjenige, der Unrecht erlitten hat, bereit sei zu Vergebung und die Erlösung dessen, der ihn beleidigt hat, und sein Wohl wünscht“, so Franziskus. So schwer für uns Menschen. Und der Herr, so der Papst, bietet uns immer neu seine Vergebung an.

Vollständiger Text der Katechese vom 3. Februar 2016

Liebe Brüder und Schwestern, guten Tag!

Die Heilige Schrift zeigt uns Gott als den unendlich Barmherzigen, aber auch als den vollkommen Gerechten. Wie lassen sich diese beiden Dinge miteinander vereinbaren? Wie lässt sich die Wirklichkeit der Barmherzigkeit mit den Forderungen der Gerechtigkeit verbinden? Es könnte scheinen, dass es zwei Wirklichkeiten sind, die einander widersprechen; aber in Wirklichkeit ist es nicht so, denn gerade die Barmherzigkeit Gottes bringt die wahre Gerechtigkeit zur Erfüllung. Aber um welche Gerechtigkeit handelt es sich?

Wenn wir an die Rechtspflege denken, dann sehen wir, dass jener, der meint, Opfer eines Übergriffs zu sein, sich an den Richter am Gericht wendet und ihn bittet, Gerechtigkeit zu schaffen. Es handelt sich um eine vergeltende Gerechtigkeit, die dem Schuldigen eine Strafe auferlegt, nach dem Prinzip, dass jedem das Seine gegeben werden muss. Im Buch der Sprichwörter heißt es: »Wer in der Gerechtigkeit fest steht, erlangt das Leben, wer dem Bösen nachjagt, den Tod« (11,19). Auch Jesus spricht darüber im Gleichnis von der Witwe, die immer wieder zum Richter ging und ihn bat: »Verschaff mir Recht gegen meinen Feind!« (Lk 18,3).

Dieser Weg führt jedoch noch nicht zur wahren Gerechtigkeit, denn in Wirklichkeit besiegt er das Böse nicht, sondern dämmt es nur ein. Nur wenn man mit dem Guten darauf antwortet, kann das Böse wirklich besiegt werden.

Es gibt daher eine andere Weise, Gerechtigkeit zu schaffen, die die Bibel uns als den zu beschreitenden Königsweg aufzeigt. Es handelt sich um ein Vorgehen, das den Gang vor Gericht vermeidet und vorsieht, dass das Opfer sich unmittelbar an den Schuldigen wendet, um ihn zur Umkehr einzuladen: Es hilft ihm zu verstehen, dass er Böses tut, indem es an sein Gewissen appelliert. Auf diese Weise kann er sich, wenn er schließlich sein Tun bereut und das eigene Unrecht einsieht, der Vergebung öffnen, die der Geschädigte ihm anbietet. Und das ist schön: Infolge der Einsicht über das Böse öffnet sich das Herz zur Vergebung, die ihm angeboten wird. So können Konflikte innerhalb der Familie, in der Beziehung zwischen Eheleuten oder zwischen Eltern und Kindern gelöst werden, wo der Geschädigte den Schuldigen liebt und die Beziehung retten will, die ihn mit dem Anderen verbindet. Diese Beziehung, dieses Verhältnis darf nicht zerstört werden.

Natürlich ist das ein schwieriger Weg. Er verlangt von dem, der das Unrecht erlitten hat, zur Vergebung bereit zu sein und das Heil und Wohl dessen zu wollen, der ihn geschädigt hat. Aber nur so kann die Gerechtigkeit triumphieren, denn wenn der Schuldige das getane Unrecht anerkennt und davon ablässt, dann ist das Böse nicht mehr da, und der Ungerechte wird gerecht, weil ihm vergeben und geholfen wurde, den Weg des Guten wiederzufinden. Und hier ist die Vergebung, die Barmherzigkeit wichtig. So handelt Gott an uns Sündern. Der Herr bietet uns ständig seine Vergebung an und hilft uns, sie anzunehmen und uns unseres Bösen bewusst zu werden, um uns davon befreien zu können. Denn Gott will nicht unsere Verdammnis, sondern unser Heil. Gott will die Verdammnis keines Menschen! Jemand von euch könnte mir die Frage stellen: »Aber Vater, hatte Pilatus die Verdammnis verdient? Wollte Gott sie?« – Nein! Gott wollte Pilatus und auch Judas retten, alle! Er, der Herr der Barmherzigkeit, will alle retten. Das Problem besteht darin, ihn in das Herz hineinzulassen. Alle Worte der Propheten sind ein leidenschaftlicher und liebevoller Appell, der unsere Umkehr sucht. Das ist es, was der Herr durch den Propheten Ezechiel sagt: »Habe ich etwa Gefallen am Tod des Schuldigen […] und nicht vielmehr daran, dass er seine bösen Wege verlässt und so am Leben bleibt?« (18,23; vgl. 33,11). Das ist es, was Gott gefällt!

Und das ist das Herz Gottes, das Herz eines Vaters, der liebt und will, dass seine Kinder im Guten und in der Gerechtigkeit leben und somit in Fülle leben und glücklich sind. Das Herz eines Vaters, der über unsere kleine Vorstellung von Gerechtigkeit hinausgeht, um uns für die end­losen Horizonte seiner Barmherzigkeit zu öffnen. Das Herz eines Vaters, der nicht nach unseren Sünden an uns handelt und uns nicht nach un­serer Schuld vergilt, wie es im Psalm heißt (vgl. 103,9-10). Und genau diesem Herzen eines Vaters wollen wir begegnen, wenn wir in den Beichtstuhl gehen. Vielleicht wird er uns etwas sagen, das uns das Böse besser verstehen lassen soll, aber wir alle gehen in den Beichtstuhl, um einem Vater zu begegnen, der uns hilft, unser Leben zu ändern; einem Vater, der uns die Kraft gibt, voranzugehen; einem Vater, der uns im Namen Gottes vergibt. Beichtvater zu sein ist daher eine sehr große Verantwortung, denn jener Sohn, jene Tochter – das Kind, das zu dir kommt – möchte nur einem Vater begegnen. Und du, Priester, der du dort im Beichtstuhl bist, befindest dich dort anstelle des Vaters, der Gerechtigkeit schafft durch seine Barmherzigkeit.

Übersetzung: Osservatore Romano

Botschaft von Papst Franziskus für die Fastenzeit

 

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