sinodalidad

Veröffentlicht am 2021-10-04 In Kirche - Franziskus - Bewegungen, Kolumne - Cristián León, Synodale Kirche

Über die transzendente Einheit der Religionen

Auf dem Weg zur Synode über die Synodalität der Kirche, Cristián León

Wie wir bereits wissen, ist die Kirche Gottes zu einer Synode einberufen worden. Der Weg mit dem Titel „Für eine synodale Kirche: Gemeinschaft, Teilhabe und Mission“ beginnt feierlich am 9. und 10. Oktober 2021 in Rom und am darauffolgenden 17. Oktober in jeder Teilkirche mit dem Ziel, in die Reflexion über zehn thematische Kerne oder Herausforderungen einzutreten, die die Kirche dem Dialog mit uns als dem Volk Gottes auf dem Weg vorschlägt. In dieser Kolumne möchte ich mich speziell auf den thematischen Kern VII beziehen: Dialog mit anderen christlichen Konfessionen.

VII. Der Dialog unter Christen verschiedener Konfessionen.
“Der Dialog unter Christen verschiedener Konfessionen, vereint in der einen Taufe, hat im synodalen Weg einen besonderen Rang.
Welche Beziehungen werden mit den Schwestern und Brüdern der anderen christlichen Konfessionen unterhalten?
Welche Bereiche sind umfasst?
Welche Früchte sind durch dieses „gemeinsame Gehen“ gereift?

Zunächst einmal möchte ich sagen, dass Schönstatt auf drei Ziele ausgerichtet ist – und sie sind allen Mitgliedern bekannt, vielleicht zu sehr. Es ist interessant, wie diese Ziele uns informieren und uns helfen, in diesem Dialog mit anderen christlichen Konfessionen zusammenzuarbeiten.

Diese Ziele sind:

a) „Der neue Mensch in der neuen Gemeinschaft mit universellem apostolischem Einschlag“

Der neue Mensch ist, so Pater Kentenich, „der geistbeseelte und idealgebundene Mensch, fern von aller Formversklavung und Formlosigkeit.“ Die neue Gemeinschaft „löst sich ohne formlos zu sein von allem seelenlosen Formalismus, vom mechanischen, bloß äußerlichen Nebeneinander; sie ringt um tiefe, innerseelische Verbundenheit: um ein seelisches Ineinander, Miteinander und Füreinander, um ein in Gott verankertes, stets wirksames Verantwortungsbewusstsein füreinander“, „nach einem immer wirksamer werdenden Bewusstsein der gegenseitigen, in Gott verankerten Verantwortung, das den einzelnen und die Gemeinschaft zum universalen Apostolat treibt und dort fruchtbar macht“. Das zeigt uns, wie wir tiefe Brücken des Dialogs und der Gemeinschaft mit unseren Brüdern und Schwestern im Glauben an Christus bauen können, auch wenn wir aus historischen Gründen und durch Akzente getrennt sind, die, weil sie nicht rechtzeitig geheilt wurden, zum Skandal der Trennung geführt haben. Unsere Religion wurde von der „Hybris“ des Exzesses vereinnahmt, die uns in Lagern verschanzte, Kriege und Hass schürte und Mauern errichtete. Heute ist es an der Zeit, in Dialog, Frieden und brüderliche Gemeinschaft einzutreten. Heute ist die Begegnung der Kulturen und Religionen unvermeidlich und gleichzeitig unverzichtbar. Es wird der Dialog sein, der die volle Einheit in der Vielfalt erreichen wird.

b) „Rettung und Erfüllung der heilsgeschichtlichen Sendung des Abendlandes“

Das heißt, die Verfolgung der Mission des Westens, Pater Kentenich nennt es „Abendland“, den christlichen Glauben unter den Völkern der Welt zu verbreiten, sowie das Streben nach der von Gott gewollten Harmonie zwischen Natur und Gnade, zwischen Erst- und Zweitursache, zwischen Idee und Leben. Dieser Auftrag muss in Komplementarität und gegenseitiger Bereicherung mit dem Auftrag des Ostens und anderer Kulturen erfüllt werden. Heute ist die westliche christliche Zivilisation in ihren Grundfesten erschüttert, Hunderte von Torpedos haben ihre Wasserlinie getroffen, und ihre Fundamente werden von fremden Doktrinen und Ideologien untergraben und sabotiert, die den Vorschlägen und Lehren Christi zuwiderlaufen. Alle lebendigen Kräfte der Christusgläubigen müssen zusammenarbeiten, um nicht nur einen äußeren Dialog, sondern vor allem einen inneren Dialog zu führen, der sich mit den letzten Fragen der menschlichen Existenz befasst. Wie Raimon Panikkar in seinem Buch „Der unverzichtbare Dialog: Frieden zwischen den Religionen“ feststellt, ist „der Weg des verantwortungsvollen und offenen Dialogs der einzige Weg, um in einer individualistischen Gesellschaft wie der unseren zu einem gegenseitigen Verständnis zwischen den Völkern der Welt zu gelangen, das die Grundlage dafür ist, von Frieden und Gerechtigkeit sprechen zu können“. Nur gemeinsam können wir den Reduktionismus überwinden, den Westen nur als politische und wirtschaftliche Herausforderung zu verstehen, und den Mut haben, uns mit den Ursprüngen unserer Geschichte zu befassen, den westlichen Menschen zu erneuern und seine kulturellen und spirituellen Wurzeln wiederzubeleben, Gott als Vater und unseren Brüdern und Schwestern im Glauben als Brüder und Schwestern zu begegnen.

c) Aufbau und Entwicklung einer Welt-Apostolatsverbandes

Das heißt, die Förderung der gemeinsamen Arbeit der apostolischen Organisationen der Kirche in Abhängigkeit von der Hierarchie.

Der Gründer übernahm dieses Ziel vom heiligen Vinzenz Pallotti. Schönstatt war von Anfang an darauf vorbereitet, diese Mission zu übernehmen, die apostolischen Kräfte mit allen anderen christlichen Konfessionen zu koordinieren, da es das besondere Charisma jeder Gruppe, den Beitrag und den Reichtum, den jede Spiritualität, jede Ausrichtung darstellt, versteht. Wenn es uns gelingt, in einen aufrichtigen Dialog mit den anderen christlichen Konfessionen einzutreten, werden wir in der Lage sein, den Boden zurückzugewinnen, der dem Säkularismus überlassen wurde, und so vielen, die in materialistischer Monotonie leben, in einem Leben ohne Gewicht, weil es sich auf die quantitative Welt konzentriert und durch die Aktion und den Wandel, die der Anpassung eigen sind, gefangen gehalten wird, neue Tiefe, Weite, Höhe und Sinnhaftigkeit finden lassen. Konfessionen im Dialog können sich gegenseitig stärken, denn sie konzentrieren sich auf die qualitativen und transzendenten Aspekte, die unserer Existenz in der Welt eine Richtung geben. Es ist wichtig, mit Gewissheit zu verstehen, dass die Aspekte, die uns vereinen, denen, die uns trennen, weit überlegen sind. Es gibt so viel voneinander zu lernen. Der Reichtum der Unterschiede kann uns neue, unerforschte Horizonte eröffnen. Wie Byung-Chul Han es ausdrückt, „setzen die Vertreibung des Anderen und die Hölle des Gleichen einen ganz anderen destruktiven Prozess in Gang: Depression und Selbstzerstörung“.

pluralidad

Stromaufwärts segeln

Zweitens möchte ich Sie noch weiter stromaufwärts schieben. Schauen wir mal.

Im vergangenen März besuchte Papst Franziskus den Irak. In seiner ersten Rede bei seiner Ankunft in der irakischen Hauptstadt Bagdad sagte der Papst „As Salamu Alaikum“ – Friede sei mit euch auf Arabisch – und bemerkte: „Ich komme in den Irak als Pilger für den Frieden“. Bei seinem Besuch in der historischen Stadt Ur berief der Papst sich auf Abraham und sagrte: „Einheit, Vereinigung und Glaube begannen in Ur. Wir sind alle Enkelkinder Abrahams.“ Von großer Bedeutung war auch das Treffen des Papstes mit dem irakischen Schiitenführer Ayatollah Ali al Sistani. Dieses historische Treffen dauerte 45 Minuten, genug Zeit, um einen Meilenstein in den Beziehungen zwischen dem Vatikan und dem Islam zu markieren, da dieses Treffen als historisch und als ein großer Schritt in Richtung Frieden und Verständigung zwischen den verschiedenen Glaubensrichtungen, die in der Welt koexistieren, angesehen wird.

Während des Besuchs des Papstes in den Vereinigten Arabischen Emiraten im Februar 2019 wurde in Abu Dhabi ein gemeinsames Dokument zwischen dem Papst und dem ägyptischen Scheich Ahmad al Tayyeb, dem Großimam von Al Azhar, der größten sunnitischen Institution, unterzeichnet, was einen der größten Schritte in den Beziehungen zwischen Islam und Katholizismus darstellt. Papst Franziskus überbrachte eine Botschaft des Friedens und der Koexistenz zwischen Christen und Muslimen inmitten von Konflikten in der Region, wie dem Krieg im Jemen. Und schon viel früher, im November 2014, besuchte Papst Franziskus die Türkei, um die von seinen Vorgängern – Papst Johannes Paul II. 1979 und Papst Benedikt 2006 – begonnene ökumenische Tradition fortzusetzen und den interreligiösen Dialog bei seinem Besuch in Ankara und Istanbul weiter zu fördern. Im Jahr 2003 war Papst Johannes Paul II. und 2006 Papst Benedikt XVI. in Privataudienz mit dem Dalai Lama zusammengetroffen. Papst Franziskus lehnte 2014 ein Treffen mit dem Dalai Lama wegen der heiklen Situation der Katholiken in China ab, aber der Wunsch ist da.

Was will ich damit sagen? Unsere Päpste haben verstanden, dass die Religion unter dem Aspekt der Globalität behandelt werden muss. Es ist notwendig, die metaphysische Konvergenz aller religiösen Traditionen zu durchdringen, denn sie bietet eine kohärente Grundlage für eine echte religiöse Ökumene. Mit anderen Worten: Mahatmas Gandhi wurde einmal gefragt, was die richtige Religion sei. Gandhi nahm einen Stock und zeichnete ein Rad auf die Erde, mit einem Rand, Speichen und einem Zentrum und sagte: „Die Religionen sind die Speichen zum Zentrum, das die grundlegende Wirklichkeit ist“.

Wir können hinzufügen, dass die Religionen, je näher sie am Rande liegen, desto unterschiedlicher und entfernter wahrgenommen werden; aber je tiefer man in seine Religion eindringt, desto näher kommt man der grundlegenden Wirklichkeit, die das Göttliche Prinzip ist, d.h. Gott, und je näher man kommt, desto näher und ähnlicher sieht man auch die anderen religiösen Traditionen. Die Vertiefung unseres Glaubens und unserer Religion führt dazu, dass wir andere Religionen als Brüder und Schwestern sehen und so Brücken des Dialogs bauen. Wie Louis Massignon sagte: „Gastfreundschaft ist oft der Weg zur Wahrheit“.

Auf diese Weise werden wir herausgefordert, unseren eigenen Glauben in diesem breiteren Kontext zu leben – was angesichts der Globalisierung und der Migrationsprozesse unvermeidlich sein wird -, wobei die Gläubigen erkennen werden, dass diese neue Konjunktion es uns ermöglichen wird, ungeahnte Reichtümer in unserer eigenen Religion wiederzuentdecken. Im Gegenteil, wie Pierre-Françoise de Béthune O.S.B. feststellt: „Wenn sich die Gläubigen einer Religion abschotten und sich hartnäckig weigern, den anderen aufzunehmen, greifen sie mehr und mehr auf die archaischen Elemente ihrer eigenen Tradition zurück, und es ist zu beobachten, dass sie sich zurückentwickeln oder zumindest ihre geistige Reife gerade dadurch blockiert wird. Und diejenigen, die Begegnungen ohne Rücksicht auf den Geist und die Praxis des Dialogs durchführen wollen, riskieren, Schaden anzurichten“. Die Aufforderung ist daher eine doppelte Herausforderung: einerseits eine philosophische Annäherung an die Kulturen und die heutige Begegnung zwischen ihnen und andererseits eine ernsthafte und reife geistliche Reflexion über die Suche nach Gott, die Suche nach Sinn und Einfachheit. Dies wird uns helfen, den gemeinsamen spirituellen Schatz zu finden, der das Erbe aller großen religiösen Traditionen der Welt ist. Unsere große Aufgabe in der Evangelisierung ist dort, wo diese Prinzipien die Menschen von heute nicht mehr beseelen und inspirieren… das ist vor allem die säkulare Gesellschaft, die sich von Gott abgewandt hat.

Papa Francisco en Irak


CRISTIÁN LEÓN (1969) ist seit 1991 Mitglied der Bewegung. Derzeit ist er Mitglied des 2. Kurses des Männerbundes. Er ist Architekt und hat einen Abschluss in Ästhetik der PUC sowie einen Magister und einen Doktortitel in Kunstgeschichte und religiöser Architektur der UPO Sevilla.

SínodoVorbereitungsdokument der Synode über Synodalität

Dokument als PDF

„Vademecum“ – Handbuch zur Vorbereitung, jetzt auch auf Deutsch

Offizielle Webseite zur Synode (ES, IT, EN) 

Audio – in deutscher Sprache gelesen

 

Original: Spanisch, 04.10.2021. Übersetzung: Maria Fischer @schoenstatt.org

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