Veröffentlicht am 22. November 2015 In Mit wenigen Worten / P. Joaquín Alliende

Erlauben Sie mir, von meinem Schönstatt zu sprechen – dem Schönstatt, das ich seit 64 Jahren kenne, mit dem Heiligtum und Josef Kentenich an der Spitze

P. Joaquín Alliende Luco, via schvivo.com •

Mehr Mut, mehr Angriff, mehr Fallschirmsprung ins Nichts. Weniger Streichelstrand und mehr Surfen auf dem Wellenkamm, nicht um oben auf dem Kamm zu sein, doch sehr wohl wegen der heilig wilden Welle.

Ich empfinde manchmal, dass einige von uns nahe am Ufer bleiben, sich die Füßchen benetzen, sich aber nicht in den stürmischen Wellengang unserer Zeit stürzen. Mehr Surfen, höher, gefährlicher. Die müden, abgenutzten, lahmen kleinen Wellen sind nichts für uns.

Werfen wir die Beruhigungspillen, die uns schlapp machen, aus der Nachttischlade. Verbrennen wir die anständigen Etiketten, die für spießbürgerliche internationale Mehrheit der Globalisierung akzeptabel sind. Was mich persönlich an der gerade gegründeten Schönstatt-Bewegung Chiles angezogen hat, war das schlichte und transparente Genie eines gutaussehenden Jugendlichen mit pompösem Nachnamen, von einmaliger Intelligenz und franziskanischer Einfachheit, unglaublicher, unauffälliger und absolut nicht exhibitionistischer Alltäglichkeit, rein wie die „Reinste der Reinen“.

Ja, Hernán Alessandri war ein Heiliger in Großbuchstaben, der, wenn wir ihn entdecken, uns einen Elektroschock verpasst, weil er eine Atombombe des Heiligen Geistes für unser „Chenstat“, wie so viele Lateinamerikaner aus aussprechen, ist. Hernán ist ein Schatz im Acker, bisher. Eine kostbare Perle, für die es wert ist, uns von jeder Menge Wabbelfleisch zu lösen, das wir ‚Sünder‘, von denen das Ave Maria spricht, mit uns schleppen.

Schluss mit den Gemeinplätzen, hinter denen wir uns verstecken und so bleiben wie vorher! – gut gekleidet, gut gebändigt und schön ruhig. Schluss mit den wiederholten und blutleeren Worten! Ein Hoch den Ungeschickten, die trotz ihrer Mittelmäßigkeit weiterhin Wahrheiten in den Wind schreien, Wahrheiten, die sie selbst verurteilen, doch die sie nicht verschweigen können, ebenso wenig wie die Heiligen! Ärgerliche Wahrheiten für die Kinder eines mehr denn je gültigen Propheten. Ja, wir spezialisierten Theologen nehmen davon Kenntnis, aber halbherzig. Es geht um einen gewissen Josef Kentenich von ‚Chenstat‘ (diese Aussprache läuft gut durch eine Mestizenkehle auf dieser Seite des Atlantik). Es gibt Leute, und ich kenne einige, vielleicht dickfellig wie Elefanten, aber seit einiger Zeit sehr besorgt um unsere geistliche Familie. Einige bekennen, über sich selbst empört zu sein und über einige andere, Es geht nicht darum, Aufmerksamkeit zu erregen und sich pharisäerhaft zu benehmen. Genauso wenig Neuigkeit um der Neuigkeit willen. Nein. Das wäre eine Verkleidung als Pseudo-Prophet, zuckersüß und hysterisch. Das ist ‚comme il faut‘ (klingt gut und stört keinen) und gewinnt darum keinen von denen, die überzeugt sind, es sei unverzichtbar, eine Revolution zu machen gegen diese weltliche Welt, die uns überfällt. Nein, so geht es nicht. So gewinnen wir nur Leute mit Fischblut in den Adern. Der Gründer sagte, ihn interessierten nicht Leute, die glaubten, das Problem von Kirche und Gesellschaft bestehe darin, neuen Stuck anzubringen und Ruinen schön anzustreichen. Nein, Jesus hat eine Revolution gebracht, ich möchte zu einem neuen Bau der Kirche für die Welt beitragen. Ich verliere keine Zeit mit Äußerlichkeiten. Ich verliere sie nicht, weil ich nur sehr wenig Zeit habe, um meine Aufgabe zu erfüllen[1]. Persönlich glaube ich, dass Jesus Christus der Unverschämteste der Geschichte war, ein professioneller Provokateur, und nicht aus Freude daran, die Verbürgerlichten aufzuscheuchen, sondern aus Gehorsam gegenüber dem Vater und dem Feuer des Heiligen Geistes, ‚denn was will ich anderes als dass es brenne?‘.

Es scheint manchmal, dass das Wort „Barmherzigkeit“ dazu benutzt wird, unsere mittelmäßige Ängstlichkeit zu verdecken, unsere verbürgerlichte Routine, unsere langweilige Last, während wir mit Worten heiligen Feuers gurgeln. Hier müssen wir zur Kentenich-Barmherzigkeit, so ähnlich der, zu der der Herzschlag von Papst Franziskus bewegt, aufrufen. Barmherzigkeit, weil wir „erbärmlich“ sind, das heißt, bedürftig der Barmherzigkeit, mit der existentiellen Bedürftigkeit nach Erbarmen, weil wir wirklich erbärmlich sind. Hören wir auf mit einem Salonchristentum, gut für bürgerliche Unterhaltungen mit einem Glas Whiskey in der Hand. Hören wir mit diesem schlechten, einschläfernden Satz, der da lautet: ‚Man müsste machen…‘, wobei man immer denkt und erwartet, irgendjemand würde es schon machen. ‚Man müsste Geld besorgen‘ und denkt, die Schönstatt-Patres müssen Euros aus dem reichen Deutschland bringen. Oder man meint, die Marienschwestern und die Frauen von Schönstatt hätten eine unerschöpfliche Geldquelle, oder würden nichts essen oder hätten immer noch nichts als die simple Aussteuer aus dem Noviziat.

Genug mit dem Blödsinn. Warum können andere Bewegungen so große Werke stemmen? Warum passiert es regelmäßig, dass wir Schönstattbücher mit riesigem wirtschaftlichen und intellektuellen Aufwand herausgeben, damit sie dann in den Gruppen eifrig fotokopiert werden und der Patris-Verlag oder der Schönstatt-Verlag sein Geld nicht bekommt? Wir alle wissen, dass Dinge, die etwas kosten, etwas kosten. Die unverblümte Teresa von Avila sagte: ‚Teresa allein kann nichts. Teresa mit Gott kann viel. Teresa mit Gott und Geld kann alles.‘ Realistisch, die wunderbare Alte[2], nicht wahr? Es gibt ein paar seltsame Leute, auch in unserem lieben Schönstatt, die es wenig elegant finden, von Geld zu reden. Selbstverständlich nur, wenn es sich darum dreht, Schönstatt zu finanzieren, nicht beim Wochenende oder Urlaub im Ausland.

Es erscheint mir notwendig, Zuneigung zu haben zu diesen Menschen, die oft mürrisch reden … aber ärgerliche Wahrheiten, unangenehme, hinausrufen, wie es sich für Kinder eines Propheten gehört. Ähnlich wie im Alten Testament. Gültige Worte, heute, morgen und übermorgen.

Aber, aber, aber… in Schönstatt hört man nicht übermäßig viele beunruhigende kreative Empfehlungen, solche von der Art, die einem den Schlaf am Sonntagmittag rauben und nicht einmal in der kalten Winternacht. Ein solches Schönstatt ist nützlich für eine Unterhaltung nach der Sonntagsmesse in einem hübschen, ruhigen Garten, wo die Schmetterlinge niemanden stören und die Landschaft verschönern. Doch bei diesen Gelegenheiten wird niemand erschüttert, herausgefordert oder beginnt zu zittern. Es stört uns nicht, das Wort Gottes zu hören, die Predigt des Priesters zu hören und die Feuerkugel zu empfangen, die Hostie, das Fleisch Christi.

Wie einfach ist es auch, mit dem Strom zu schwimmen und Anstand als oberstem Dogma des täglichen Verhaltens zu folgen, und dabei zufrieden und froh unter LWWs[3] zu bleiben. Es fällt schwer zu glauben, dass wir, und vielleicht nicht so wenige, so konventionell und unwesentlich geworden sind als Kinder eines Pater Josef Kentenich, so unkonventionell, so fremd, nicht, weil er fremd sein wollte, sondern weil der Heilige Geist ihn mit Flammen der Zukunft für Kirche und Welt verfolgte. Die Erfahrung mancher sagt, dass das Schwierigste in der vorkonziliaren, konziliaren Kirche des II. Vatikanum, in der post-konziliaren voller verheißungsvoller Impulse … der ‚Konversismus‘ ist, eine Krankheit, durch die die brennenden Themen für Konversationen dienen, deren einzige Konsequenz eine gemäßigter Kleider- und Sprachänderungen ist. So werden wir zu Pseudo-Erneuerern. Wir sind für niemanden irgendeine Gefahr. Niemals würde man uns mit dem Martyrium bedrohen. Im Gegenteil, wir sind Kandidaten für den wohlwollenden Beifall einiger, die wir für ‚wichtig‘ halten. Oder wir werden mittelmäßige und ängstliche Schönstätter, das schon, anständige Leute ohne Übertriebenheit und Straucheln, weil wir immer auf dem Asphalt gehen und niemals etwas Neues entdeckt haben, niemals Fundamente in den menschlichen Schmerz gegraben haben, und niemals neue unbekannte Horizonte der Heiligkeit, der Gemeinschaft oder des Apostolates aufgespürt haben.

Fragen wir uns hin und wieder: Sind wir gefährlich für den Teufel und seine Anhänger? Natürlich sind wir keine Anhänger des Fürsten der Finsternis. Aber hasst er Schönstatt wie er die Jungfrau Maria hasst, die Frau, mit der Sonne umkleidet[4]? In der Sprache der Genesis: Bin ich Ferse, Achillesferse von ihr, von Maria? Im dritten Kapitel des ersten Buches der Bibel steht wörtlich: „Und du wirst sie an der Ferse verletzen.“ Heißt, die Jungfrau Maria hat dem Teufel den Schmutz weggerissen, und dieser hat ihr, mit letzter Kraft geifernd und klammernd, eine Wunde zugefügt an der einzigen Stelle, die nicht vom Schutzpanzer des lebendigen Gottes umhüllt war: der Ferse. Und die Tradition der Kirche lehrt uns, dass wir diese Ferse sind, diese Achillesferse. Das heißt, nicht die Narben der Zähne des Teufels, mit dem wir kämpfen, nicht seine Bisswunden tragen, bedeutet, dass wir lauwarmes Wasser sind, ausgespienes laues Wasser, genau das, was Jesus missfällt: ‚Weil du weder kalt noch warm bist, will ich dich ausspeien aus meinem Mund‘. [5]

„Schönstatt im Herausgehen“[6] ist das Motto, das wir vom Papst für die Nachjubiläumszeit übernommen haben. Mit Recht fragt man uns: Herausgehen woher und wohin? Und was bringt ihr? Es bringt nichts, aus dem warmen Bett herauszugehen, um über den Platz zu spazieren oder über den Laufsteg zu gehen oder herumalbern-verlegen nichtssagend über den Sand zu schlendern. „Schönstatt im Herausgehen“ bedeutet, aufstehen aus der Beklemmung, die uns der Anblick der katholischen Kirche auf dem Rückzug bietet, gelähmt von Finanz- und Sexualskandalen ihres Klerus und der unverschämten Feigheit vieler, vieler, die zu Komplizen werden ohne es zu wollen und sich nicht einmal die Frisur ruinieren in dem Kampf, den sie von der Stadiontribüne aus verfolgen.

‚Kriegskinder‘ sagte der Gründer und prägte damit unsere tiefste Berufung. So ist es, denn es gibt keinen anderen möglichen Verkehr zwischen den Kindern Mariens und denen des Unholds. Christentum ist Krieg bis auf den Tod, oder ist kein Christentum. Schönstatt ist Kriegskind oder ist nicht von Kentenich. Die Verbürgerlichung Schönstatts. Die Initiativen von Laien, begleitet von nicht verklerikalisierten Priestern, sind kein Luxus. Sie sind eine Bedingung, um auf der Höhe von Kentenich, von Karl Leisner, von Maria Emilie, von den Frauen von Schönstatt, die der Nationalsozialismus im wahrsten Sinne des Wortes zu Märtyrern gemacht hat, von den Gründern des Familienwerkes, Ehepaar Kühr, oder Sebastián Bitangwanimana, diesem Priesteramtskandidaten, der zum Märtyrer der Versöhnung des burundischen Volkes wurde, zu leben. Genug, das versteht man.

In dem weiter oben Geschriebenen mag es scheinen, dass der Autor mindestens einäugig ist, da er nicht von den großartigen Leuten spricht, die es in Schönstatt gibt und die, eindeutig, nicht wenige sind und eine wunderbare Frucht der Dreifaltigkeit. Es gibt sie, aber manchmal sieht man vor lauter Bäumen den Wald nicht mehr. Und unser Wald wird vielleicht zu sehr gelb. Er hat Müdigkeitserscheinungen, das ist normal, aber diesen müssen wir mit Entschiedenheit und Wirksamkeit in Geist und Praxis begegnen, um die großen anstehenden Aufgaben anzugehen.

Schauen wir beispielsweise auf die katholischen Brüder und Schwestern des Neokatechumenates. Die senden gerade 10.000 Missionare nach China. Mit dem Heroismus von Laien organisieren, veranlassen und finanzieren sie riesige missionarische Werke. Der Papst hat sie kürzlich als eine wunderbare Bewegung der Kirche betrachtet. Es sind Leute, die expandieren. Sicher, der Gründer lebt noch, und das ist eine Kraft wie Dynamit, eine Atombombe. Wir leben in der Zeit „nach dem Tod des Gründers“… und das bringt Fragen mit sich. Zum Beispiel: Was bedeutet ’schöpferische Treue‘ zum charismatisch revolutionären Josef Kentenich? Hat dieser bärtige Priester nur für ein schon vergangenes Jahrhundert gesprochen, als es noch kein Internet und keine sozialen Netzwerke gab, als die katholische Kirche noch nicht die Erschütterungen so vieler Skandale durchlebte?… Wenn kritisches Denken selbst die Art und Weise des Gehens hinterfragt, gilt dann noch etwas, das in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts gesagt wurde? Bleibt ein Beobachter wie Kentenich nicht hinter der Zeit zurück? Seine halb-romantische, halb-scholastische Sprache – was kann er Jugendlichen von heute, Intellektuellen von heute, der Frau von heute, den Politikern sagen? …

Fügen wir noch etwas Wichtiges hinzu. Prophetie hinterfragt und verurteilt zuerst den Propheten. Dieser Mensch ist ein armer Gläubiger, der schaudernd eine überwältigende Aufgabe erhält. Und er wird ohne Zweifel gesalbt, besiegelt durch den Befehl: Wir können nicht schweigen … So wie unser Vater es am 31. Mai 1949 sagte. Tag einer in nicht wenigen Kreisen unseres internationalen Schönstatt vergessenen und in fast museumshaften Kategorien wegdelegierten Mission. Wir wissen, dass in den Museen die Reliquien mit einer ehrfürchtigen Verneigung gegrüßt werden, aber niemanden im Fleisch, in den Knochen, im Gebet, in der Predigt oder den persönlichen Unterhaltungen stören.

Es geht nicht darum, uns wichtig zu fühlen, erwählt, arrogant die anderen herauszufordern, die nicht so sind wie wir. Nein, nein, nein. Jeder von uns ist ein Niemand. Aber alle müssen wir Sehnsucht nach Advent haben, nach einer Neugeburt Christi in Schönstatt und von Schönstatt aus. Wir sind Kinder des rheinischen Propheten, der uns jeden Morgen mit dem Himmelwärts in den Händen zu beten einlädt: „durch Schönstatt lasse neu sich füllen der heiligen Kirche weite Hallen, ihr Lob zu deinem Throne schallen… weil du der Mutter Herrlichkeiten von dort willst in die Welt verbreiten…lass uns als Feuerbrände glühen und freudig zu den Völkern ziehen (nicht nur in die Kirche, zu den Völkern, im Plural, und jedem ‚Volk‘, heißt jeder laikalen, zivilen, politischen Gemeinschaft außerhalb der Kirche)… sie zum Dreifaltigen jubelnd leiten.“[7] Heißt, ein marianischer Lebensstil des Christlichen, ohne eingebildete Ansprüche, ohne ein Gramm Exhibitionismus… Aber mit einer Ausstrahlung von Authentizität und Treue, die eine etwas blasse und zitternde Kirche überzeugt und ansteckt und erfreut, Sauerteig einer neuen Welt.

Pater Joaquín Alliende Luco

6. November 2015

Beim Coenculum von Bellavista

Quelle: schvivo.com – mit Erlaubnis des Verfassers und der Herausgeber.

Übersetzung: Maria Fischer, schoenstatt.org

[1] Im Original steht hier ein wörtliches Zitat, das noch nicht verifiziert werden konnte.
[2] So nannte Franziskus sie scherzhaft mit Blick auf ihren Gehstock: “ Damit ist also die Alte gegangen.“ Dabei zeigte er den einfachen teresianischen Gehstock, ähnlich den Stäben der Hirten auf dem kalten kastilischen Hochland.
[3] LWW = Leute wie wir.
[4] Apg 12
[5] Apg 3,16
[6] Anm. d. Übersetzers: wir benutzen hier die wörtliche und stärkere Übersetzung ‚Schönstatt im Herausgehen‘, die gegenüber der üblichen ‚Schönstatt im Aufbruch‘ eindeutiger das „salida“ des Spanischen wiedergibt; denn Aufbruch kann, muss aber nicht ein Herausgehen (aus sich selbst/heraus an die Peripherien) sein.
[7] Himmelwärts 7, 8 und 12

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