Veröffentlicht am 2016-08-07 In Themen - Meinungen

Unabhängigkeit

von P. Guillermo Carmona, Bewegungsleiter der Schönstatt-Bewegung in Argentinien •

Während dieser Tage, in denen wir (in Argentinien) zweihundert Jahre Unabhängigkeit feiern, lade ich Sie ein, über das Konzept von Unabhängigkeit nachzudenken, jenseits von Bedeutung und Folgen in der politischen Geschichte. Wir können uns in diesem Sinn fragen nach unserem eigenen Unabhängigsein, und wie wir dieses Attribut in unserem Alltag positiv leben.

Unabhängigkeit steht in Zusammenhang mit Freiheit und Autonomie. Dahin zu gelangen, dieser neue Mensch zu sein, wie Schönstatt es vorschlägt, schließt ein, ein freier und autonomer Mensch zu sein, ein Mensch mit einer unabhängigen Persönlichkeit.

Selbstakzeptanz

Autonomie beginnt mit der Selbstakzeptanz, deren Bewertung sich an der Verpflichtung sich selbst gegenüber orientiert. Wer immer sich akzeptiert, wie er ist, mit seinen Stärken und Schwächen, läuft nicht Gefahr, andere zu imitieren und dabei seine Identität und sein persönliches Profil zu verlieren. Das bedeutet nicht, dass wir uns damit zufrieden geben sollten und zu passiven Wesen werden. Im Gegenteil, wir sollten in der Lage sein zu suchen, das Gleichgewicht zu leben zwischen dem, wie ich bin, und was ich ändern sollte, um ganz zu sein, eine bessere Person zu sein. Jeder Tag stellt uns die Möglichkeit vor Augen, der zu sein, der ich bin, und zugleich irgendeine Änderung zu verwirklichen, und sei sie noch so klein.

Unabhängigkeit von der Meinung anderer

Autonomie schließt ein, nach eigenem Ermessen zu handeln, unabhängig von der Meinung anderer. Unsere Umgebung sollte nicht unser Handeln manipulieren. Es ist gut, sich von einem menschlichen Beispiel anregen zu lassen, aber es ist eines, jemand anderen zu schätzen und ein ganz anderes, jemand zu vergöttern. Autonomie erklärt nicht für nichtig, was wir von unserer Umgebung hören. Ihre Urteile können wegweisend sein, aber sie sollten nicht entscheidend sein. Unabhängig ist, wer nicht von anderen abhängig ist zu entscheiden, was er tun sollte, aber gleichzeitig sieht, hört und analysiert, was andere uns zu sagen haben mögen.

Emotionale Unabhängigkeit

Eine der schwierigsten Unabhängigkeiten ist die emotionale Unabhängigkeit. Zu stark abhängig zu sein von Zustimmung, Nähe oder Distanz, abhängig sein vom Applaus oder der Kritik von denen, die wir lieben, hilft nicht. Es sind nicht die anderen, die das Niveau des Glücks bestimmen: Glück hängt ab von jedem einzelnen und der Haltung, mit der wir uns dem Leben stellen.

Loslösung

Der Weg zur Unabhängigkeit führt auch durch Zeiten der Loslösung: wenn ein Kind oder ein guter Freund geht, wenn wir von unserer Arbeit gefeuert werden, wenn wir jemanden nicht mehr sehen wollen, auf den wir wütend sind, und wenn uns jemand verlässt, den wir lieben. Frei zu sein ist nicht leicht; es schließt ein, Fehler und Ungerechtigkeiten anzunehmen. Es geht darum, sich auf dem Weg zu behaupten … wenn uns unser Gewissen unterstützt … wenn wir denen gegenüberstehen, die meine Werte nicht teilen, meine Ehrlichkeit, meine Aufrichtigkeit oder meine Art zu leben.

Vielleicht bringt uns der Weg auch Zeiten der Einsamkeit. Wir haben keine Angst und liegen nicht am Boden. Wenn Sie das auszunutzen wissen, können die Zeiten der Einsamkeit sehr fruchtbar sein und unsere unabhängige Persönlichkeit stärken.

Autonomie – von zentraler Bedeutung in der Pädagogik Pater Kentenichs

Diese Autonomie ist von zentraler Bedeutung in der Pädagogik und Spiritualität von Pater Josef Kentenich. Sie basiert auf der ursprünglichen Liebe des Vaters und im Bündnis mit Maria. Sie laden uns ein, das Beste von uns selbst zu verkörpern, das persönliche Ideal, so einzigartig, dass es keine zwei gleiche gibt, genau wie es keine zwei gleichen Fingerabdrücke gibt. Dieses Bewusstsein holt die beste Version aus jedem hervor.

Jesus und Maria kümmern sich um unser Herz im Winter, so dass es prächtig aussieht wie ein Garten im Frühling. Es ist das Herz, dass sich an dem erfreut, was Paulus im Brief an die Römer genannt hat: „Die volle Freiheit der Kinder Gottes.“

Ich wünsche, dass die Barmherzigkeit des Vaters, die uns immer entgegenkommt, uns heute ermöglicht, nicht zweihundert Jahre staatliche Unabhängigkeit, sondern auch unsere eigene Unabhängigkeit zu feiern.

Mit meinem herzlichen Gruß und Segen,

P. Guillermo Carmona

 Original: Spanisch. Übersetzung: Ursula Sundarp, Dinslaken, Deutschland

 

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