Veröffentlicht am 2010-03-13 In Themen - Meinungen

Ich kann meiner Seele keine Gummihandschuhe anziehen

P. Elmar Busse. Sechs Duschen, vier Toiletten und sechs Waschbecken sind zu putzen. Die Frau, die uns den leerstehenden Pfarrhof als Quartier besorgt hat und nun beim Putzen hilft, zieht sich Gummihandschuhe an. Ich habe daran nicht gedacht, mir welche zu besorgen. Es geht auch so. Ein bisschen Ekel kommt auf, der aber überwindbar ist. Für mich ist es nachvollziehbar, dass Reinigungskräfte, die ständig mit unappetitlichen Arbeiten zu tun haben, auf Gummihandschuhe nicht verzichten wollen. Wie ist das aber mit der Seele?


Als Seelsorger in der Schule Pater Kentenichs haben wir gelernt, die Not der Anvertrauten durchs eigene Herz durchgehen zu lassen. Erst dann fühlen sich die Hilfesuchenden verstanden. Erst dann kann durchaus auch eine Kritik fruchten, weil wir uns nicht auf das pharisäische Podest stellen und auch nicht durch Körpersprache rüberbringen: „So etwas könnte mir nie passieren!“ Es sagt sich so leicht, man solle den Sünder lieben und die Sünde hassen. Wie gelingt dieser Balanceakt, dass unser Hass der Sünde vom Sünder nicht doch als persönliche Ablehnung empfunden wird, die ihm dann wieder den Mund verschließt? „Durchs eigene Herz durchgehen lassen“ bedeutet zunächst ans eigene Herz ranlassen, ins eigene Herz hineinlassen und dann – auch um unserer selbst willen als Entlastung – wieder aus dem eigenen Herzen rauslassen. Da wird deutlich – mit Gummihandschuhen ist da nichts zu machen. Normalerweise sind Ekel und Angst gute Abwehrreaktionen der Seele gegenüber der Sünde. Sünde ist immer hässlich und (selbst-)zerstörerisch. Nur vorher, in der Phase der Versuchung gelingt es ihr oft, sich glänzend und attraktiv zu verpacken. Doch um seelische Nähe zum Notleidenden herzustellen, müssen wir gleichsam den Ekel überwinden und uns in die Schwächen, Sünden, Zwänge, ja Perversitäten hineinversetzen, bis sie so attraktiv sind, dass sie auch für uns zur Versuchung werden könnten. Dann müssen wir gleichsam solidarisch oder auch stellvertretend den geistlichen Kampf für unsere Anvertrauten kämpfen.

… und wie der Gute Hirt durchs Leben gehn

Pater Kentenich schrieb 1960:

Wer nicht ständig Fühlung mit der modernen, vielfältig angekränkelten Seele hält, hat keine Ahnung, wie viel Zwang das Leben ungezählt vieler Menschen aller Stände und Klassen – Priester und Ordensleute beileibe nicht ausgenommen – heute zu einer Art Hölle oder doch wenigstens zu einem unerträglichen Fegfeuer macht. Es ist eine billige Lösung, in solchen Fällen einfach zu absolvieren, sich aber nicht weiter um innere Heilung zu bemühen. Tief in Gott verankerte Paternitas denkt und handelt da wesentlich anders. Sie richtet sich nach des Heilands Selbstportrait vom Ideal des guten Hirten:

Der Gute Hirt gibt sein Leben für seine Schafe. Er bleibt nicht mit verschränkten Armen am Ufer eines aufgepeitschten Meeres stehen, er sieht nicht ruhig und interesselos in die tosenden Fluten hinein, wo Tausende und Abertausende Wind und Wellen ausgesetzt sind und hilflos mit dem Untergang ringen. Er ist auch nicht damit zufrieden, den Schwimmgürtel den Ertrinkenden von der Ferne aus zuzuwerfen: er stürzt sich selbst mit Lebensgefahr ins Wasser, um zu retten, was zu retten ist. So verwirklicht er des Heilands Wort: Der Gute Hirt gibt sein Leben für seine Schafe. Es dürfte nicht gar zu schwer sein, das Bild auf Fälle der bezeichneten Art sinn- und zeitgemäß anzuwenden. Lassen Sie mich wiederholen: Die Ewigkeit wird einmal entschleiern, wie groß und vielgestaltig die Zahl derer ist, die ich durch diese Klippen zur vollen Freiheit der Kinder Gottes hindurch- und den Berg der Vollkommenheit hinanführen durfte.

Schon sehr früh kam ich mit dem angeschnittenen Problem theoretisch und praktisch in Berührung. Von den Erfahrungen des jungen Spirituals hinter ‚Klostermauern‘ sei hier geflissentlich abgesehen. Kaum hatten sich ihm jedoch Türen und Fenster nach draußen geöffnet, da kamen von allen Seiten Patienten zu ihm. Es waren Laien und Priester. So geschah es bereits am Anfang der zwanziger Jahre. Damals, unmittelbar nach dem ersten Weltkrieg, galt Dr. Bergmann mit seiner Praxis in seiner Heilanstalt in Kleve als Fachmann auf diesem Gebiete. Was er vom medizinischen Standpunkt aus begonnen, durfte ich in solchen Fällen als Priester psychologisch-aszetisch und religiös fortsetzen und vollenden. Das war nicht selten eine saure Arbeit. Viel leichter wäre es gewesen, die Finger davon zu lassen und sich mit allgemeinen frommen Sprüchen aus der Situation herauszuhalten, wie es viele Priester zu tun pflegen. So handelt aber nicht der Gute Hirt, der sein Leben für seine Schafe gibt. Er tut alles – auch wenn es ihn viel Studium, viel Nervenkraft und Zeit kostet -, um sie vor Schaden zu bewahren und ihnen die volle innere Freiheit der Kinder Gottes, soweit das möglich ist, zurückzugeben. Weil wir von unserer Seite vielfach nicht einmal fähig und bereit sind, die alten, bewährten Moralgrundsätze und Pastoralregeln mutig, erleuchtet und klug anzuwenden, haben sich in der Folgezeit – wie überall mit Bedauern festgestellt wird – die Sprechzimmer der Psychotherapeuten gefüllt, während unsere Beichtstühle mehr und mehr leer werden. Der zeiten- und seelenkundige Seelsorger weiß um die tiefgehende und allseitige moderne Lebenskrise und um deren praktische Auswirkungen in seiner Gefolgschaft. Er hat den Mut und bringt die Kühnheit auf, sich damit auseinander zu setzen, Heilmittel zu suchen und vorsichtig und umsichtig anzuwenden. Tut er das nicht, so kommt er sich vor wie ein Mann, der verantwortungslos ins Blaue hinein redet und handelt. Er fürchtet mit Recht, auf solche Weise bestimmte Kreise seiner Gefolgschaft – freilich ohne es zu wollen – ins andere Lager zu treiben oder sie verkrüppelt auf dem Schlachtfeld zurückzulassen. J. Folliet hat eine beachtliche Studie (1951) über den Christen am Scheidewege der Zeit geschrieben. Sie trägt den Titel: „Der Christ am Scheidewege.“ Darin ist zu lesen: ‚Es gibt nichts Enttäuschenderes, als die Epigonen des Thomismus, Billuart oder Gonet, zu lesen, wenn man bedenkt, dass zu derselben Zeit Montesquieu, Voltaire und Rousseau schrieben. Ein fürchterlicher Umsturz in Wissenschaft und Leben vollzog sich, ohne dass die Seelsorger und Theologen es zu merken schienen. Der Rationalismus der Philosophen zerstörte die Tradition. Der Maschinismus, Liberalismus und Kapitalismus stellten die Gesellschaft völlig auf den Kopf. Aber die Theologie blieb stumm oder, wenn sie redete, wiederholte sie nur alte Formeln. Sie klebte noch an ihren Kontroversen über die wirksame und ausreichende Gnade.‘ Ob wir uns heute nicht vielfach in derselben betrüblichen Lage – wenn auch auf einer anderen Ebene – befinden? Weil es nach Ausweis der Geschichte für den Katholiken gefährlich werden kann, zu den modernen Lebenskrisen wagemutig und schöpferisch Stellung zu nehmen, ist die Gefahr groß, dass wir von unserer Seite keine oder nicht genügend wirksame Beiträge zu ihrer Lösung liefern und so entweder vollkommen lebensfremd werden oder ins Schlepptau fremder Lebensauffassungen geraten. Das gilt von allen Lebensfragen und Lebenskrisen der heutigen Zeit. Es gilt nicht an letzter Stelle – obwohl wir das gerne vertuschen und verdecken – von der sexuellen und sexualpädagogischen Krise. Will man hier klar sehen, so mag man bei den Existenzialphilosophen in die Schule gehen. Mit brutaler Rücksichtslosigkeit ziehen sie alle verhüllenden Schleier von den Tiefen der Seele weg und zeigen die ganze Tragik auf diesem Gebiete. Oder, wenn man will, lasse man sich von unseren katholischen Psychotherapeuten sagen, wie groß heute unter den Zölibatären das Heer derer ist, die trotz besten Willens nicht mehr mit dem Zölibat zurechtkommen, obwohl sie seine Toga nach außen manierlich tragen und wohl auch noch innerlich dazu stehen. Wie häufig wird deshalb in vertrauten Kreisen die Frage aufgeworfen: Besteht der Zölibat für heutige Menschen überhaupt noch zu Recht?… Und wenn die Frage zu bejahen ist: Was muss man tun, um der sexuellen Not, die heute nicht selten zu sexueller Nötigung auswächst, wirksam zu steuern? Jeder Seelsorger weiß, wie groß auf diesem Gebiete Zwangsnot werden kann. Wo aber sind die Helfer in der Not? Das heißt, wo sind die Männer, die die Wirklichkeit sehen, die den Mut haben, den Schleier von ihr wegzuziehen, und die die Klugheit aufbringen, Heilungs- und Heiligungsmittel und -wege zu zeigen? Es würde zu weit führen, wenn ich von hier aus zeigen wollte, was wir von unserer Seite nach dieser Richtung zur Lösung beizusteuern haben. Was wir anbieten können, mutet auf den ersten Blick so einfach an wie das Ei des Kolumbus. Im Kerne geht es dabei um sorgsame Pflege und Verwirklichung des Organismusgedankens, vornehmlich unter dem Gesichtspunkte organischer Kindlichkeit, die bis ins unterbewusste Seelenleben hinabreicht und dort gleichsam ‚Wandlungswunder‘ wirkt.“

Was es wirklich bedeutet: durchs Herz gehen lassen

Was meint er damit?

„Er bleibt nicht mit verschränkten Armen am Ufer eines aufgepeitschten Meeres stehen, er sieht nicht ruhig und interesselos in die tosenden Fluten hinein, wo Tausende und Abertausende Wind und Wellen ausgesetzt sind und hilflos mit dem Untergang ringen. Er ist auch nicht damit zufrieden, den Schwimmgürtel den Ertrinkenden von der Ferne aus zuzuwerfen: er stürzt sich selbst mit Lebensgefahr ins Wasser, um zu retten, was zu retten ist. So verwirklicht er des Heilands Wort: Der Gute Hirt gibt sein Leben für seine Schafe. Es dürfte nicht gar zu schwer sein, das Bild auf Fälle der bezeichneten Art sinn- und zeitgemäß anzuwenden.“

Zwischen dem Heiligsten und dem Schmutz der Seele

Heißt das nicht, den Ekel zu überwinden und damit auch die Annahme des Hilfesuchenden – auch für ihn gefühlsmäßig deutlich spürbar – zu ermöglichen? Vielleicht hilft bei dieser Gratwanderung der Blick auf den Hamburger Konditormeister Rüdiger Nehberg, der in den  60er Jahren das Survival-Training nach Deutschland brachte. Er erzählt:

„Die alte Dame war empört. „Haben Sie das gestern im Fernsehen gesehen? Das Ferkel isst ja Würmer! Und so einer backt Kuchen – da kaufe ich nie wieder!“ Sie war eine gute Kundin von mir – und nun lief sie zu meinem Konkurrenten über. Offenbar war sie nicht die einzige. Denn der Umsatz meiner Bäckerei ging schlagartig zurück. In dem TV-Beitrag hatte ich vorgeführt, wie Maden und Würmer als nahrhafter Imbiss das Überleben in der Wildnis erleichtern können. Und nun war auf einmal mein eigenes finanzielles Überleben bedroht. Ich musste eine Gegenkampagne starten. Ich riss die Wand zur Backstube ein und ersetzte sie durch eine Glasscheibe. Jeder sollte sehen, dass Survival und Backen für mich zwei verschiedene Welten sind. Die der Improvisation im Notfall und die der Hygiene im Lebensmittel-Alltag. Dazu verbreitete ich den überzeugenden Spruch: „Ein Konditor, der jeden ertappten Mehlwurm persönlich vernascht, hat logischerweise eine besonders saubere Backstube!“ Das funktionierte. Der Laden brummte wie ein Hummelnest.“

Übertragen auf die Seelsorge: Einerseits haben wir mit dem Heiligsten zu tun. Wir dürfen Christus gegenwärtig setzen und in unseren Händen halten und austeilen, und andererseits sind wir die Kanalarbeiter, die den ganzen Schmutz der Seele entgegen nehmen sollen. Eine Rentnerin erzählte, nachdem im Lauf eines halben Jahres so langsam ein Vertrauensverhältnis aufgebaut worden war: „Als ich über meine sexuellen Nöte, meine seelischen Verletzungen, die durch Missbrauch entstanden waren, mit einem Priester redete, meinte er nach dem dritten Gespräch: „Sie wollen sich ja nur immer wieder beim Erzählen daran aufgeilen!“, und brach die Therapie ab. Wieder war die Frau allein gelassen und neu verletzt. Kann es nicht sein, dass diesem Möchte-gern-Therapeuten  der Boden zu heiß wurde? – Aber sind nicht genau diese Leidenden die Menschen, die unsere Hilfe besonders brauchen? Eine andere Rentnerin, die auch nach einer langen Zeit des Vertrauensaufbaus mir einen 16-seitigen Brief schrieb, in der sie alle ihre Verletzungen und Nöte auf sexuellem Gebiet zu Papier brachte, rief ein paar Tage danach an. Es tat ihr leid, mich mit all dem Kram zu belasten, aber es sei schon beim Schreiben unwahrscheinlich befreiend für sie gewesen. Ich beruhigte sie, sie solle ihrer Seele das Bild vor Augen stellen, der ganze Mist ihres Lebens sei einfach in einer Klomuschel gelandet; und nach dem Spülen sei alles weg.

Bewahre mich

Nur so einfach ist es nicht. Wenn die Lasur keine Sprünge hat, ist wirklich alles weg. Aber da meine Seele erbsündlich verwundet ist, bleibt der „Dreck“ doch in den Ritzen haften und bedarf einer gründlichen Nachreinigung. Pater Kentenich gebrauchte das Bild von den Fischchen, die aus dem Seelengrund aufsteigen und der Klientin Angst einflößten. Sie solle sie ihm erzählen, und er würde sie dann schlucken. Ein ähnliches Bild für denselben Lebensvorgang. Erst wenn ein anderer Mensch mit seinem Einfühlungsvermögen und seinem emporbildenden Verstehen die Not in sich aufnimmt, tritt Befreiung ein. Umso wichtiger ist es für den Seelsorger, die Not auch wieder aus dem eigenen Herzen rauszulassen. Erst dann ist der Vorgang „die Not durchs eigene Herz durchgehen lassen“ vollendet.

In dem Zusammenhang habe ich ganz neu entdeckt, wie beruhigend die kleine Weihe wirken kann. Wenn ich am Ende bete: „Bewahre mich, beschütze mich als Dein Gut und Dein Eigentum. Amen.“, dann füge ich manchmal hinzu: Bewahre mich – vor mir selber.

In diesem Zusammenhang ist auch bedenkenswert, was Pater Kentenich 1937 den Patres der Missionsgesellschaft Bethlehem in Immensee (Schweiz) im Rahmen eines Exerzitienkurses sagte:

„Dann darf ich aber darauf hinweisen: wenn in mir Reinheit aus Liebe Besitz geworden, wie strahle ich dann eine Ruhe aus! Aber Sie müssen hören: Reinheit aus Liebe! Wenn wirkliche Gottesliebe so ganz mein unterbewusstes Seelenleben erfasst hat, was geht dann für eine Ruhe von mir aus! Und wie viele Menschen brauchen heute diese abgeklärte Ruhe! Sie brauchen nicht viel Beredsamkeit, sie brauchen vorgelebtes göttliches Leben, vorgelebte schlichte, unbefangene Reinheit. [466] Sie müssen nicht etwa fürchten, dass Sie dem Leben nicht gewachsen wären, wenn Sie sich und die Ihrigen so einfältig erziehen. Da könnte ich aus vielfältiger Erfahrung sprechen. Menschen, die so urwüchsig in Gott gewachsen sind, können später unbefangen durch den größten Schmutz gehen. Es ist nicht wahr: man muss nicht erst sich an den Schmutz gewöhnen! Das stimmt nicht! Ich muss mich an die Sonne gewöhnen, muss selbst in der Sonne sein, dann können die Strahlen, die durch mich gehen, später auch durch den Schmutz gehen, ohne dass die Seele davon etwas annimmt. Unsere gesamte Erziehung muss in ähnlicher Weise eingestellt sein, dann werden wir das Richtige greifen, auch in der Mission; wir werden nicht prüde sein, sondern resolut zugreifen, wenn es sich gehört oder den fremden Sitten entspricht. Das wird uns nie beunruhigen. »Ist dein Auge rein, so ist der ganze Leib rein« (Mt 6,22; Lk 11,34), das dürfen wir in unserm Zusammenhang so deuten – wenn es wörtlich auch einen andern Sinn hat -: wenn unser Herz in Liebe Gott gehört, ist die Reinheit am besten geschützt.“ (Kindsein vor Gott, S. 465f)

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