Telefonanruf

Veröffentlicht am 2022-01-16 In Leben im Bündnis

Wenn es im Vertriebsgespräch auf einmal um Krebs und Lebensperspektiven geht

3MG, Maria Fischer, Deutschland •

Es ist ein Vertriebsgespräch wie Dutzende andere im Januar, wenn Vertriebler / Sales Manager /Outbounder Bestandskunden von der Verlängerung oder potentielle Neukunden per Wiedervorlage oder Kaltaquise vom Abschluss neuer Verträge zu überzeugen versuchen. Wie ich in dieses Gespräch gekommen bin, weiß ich – aber wie ist dieses Gespräch dort gelandet, wo es jetzt ist? Ich weiß es nicht… —

Gespräche, die normalerweise nerven und Zeit kosten. Als sich am anderen Ende der Leitung der Sales Manager M. meldet, sage ich „Ich freue mich über Ihren Anruf!“, und ich meine das ehrlich. Denn genau zu dem Produkt, das sein Unternehmen anbietet, habe ich am Tag zuvor recherchiert und die von ihm zusammengestellten Unterlagen vom letzten Jahr herausgesucht. Damals habe ich das Angebot nicht angenommen, mich für einen preisgünstigeren Anbieter entschieden, mit dessen Leistung ich aber nicht wirklich zufrieden bin.

Jetzt also ruft M. an. Wiedervorlage. Und ich freue mich auch persönlich, denn mit M. habe ich schon bei einem früheren Arbeitgeber gut zusammengearbeitet, und auch das sage ich und meine es ehrlich. Sonst würde ich es nicht sagen. Und als das Gespräch weiterläuft, sage ich auch – ehrlich -, dass ich heute zwar nichts entscheiden kann und die Budgethoheit woanders liegt, aber dass ich die Entscheidung gegen sein Unternehmen vom letzten Jahr heute als falsch sehe.

Irgendwo an dieser Stelle des Gespräches ist es wohl passiert. M. spricht an, dass er das noch kaum einmal erlebt hat, dass andere Kunden das wortreich schönreden würden… Das kann noch Vertriebstaktik sein. „Solche Gespräche sind schon eine Herausforderung für Sie“, sage ich. „Aber wenn man wie Sie vom Produkt überzeugt ist und es auch kennt, dann geht es, oder?“

Und dann erfahre ich, dass M. dieses Produkt bei dem Unternehmen, das von dem jetzigen aufgekauft wurde, selbst entwickelt hat, ich frage nach,  höre Professionalität und Leidenschaft… Und dann erzählt er, dass er ins neue Unternehmen übernommen wurde, und kurz danach – kurz nach unserem Gespräch letztes Jahr – schwer an Krebs erkrankte, monatelang ausgefallen ist, mit voller Kraft gekämpft hat, große Angst hatte und seit Ende letzten Jahres geheilt sei. Ich öffne meine Schreibtischschublade, in der die Dreimal Wunderbare Mutter von Schönstatt wohnt und meine Arbeit, meine Kollegen und meine Gespräche begleitet und jetzt einen neuen Namen ins Kästchen neben ihrem Bild bekommt. Und während ich ihm verspreche, fest an ihn zu denken (= zu beten), erzählt er, dass man ihm vor ein paar Tagen, sozusagen als Überraschung zum Neuen Jahr, gekündigt habe… Das Unternehmen will mit mehreren Angelernten statt mit einigen wenigen langjährigen Vertrieblern arbeiten, die Angelernten sind billiger.

Und dann reden wir eine ganze Weile darüber, wie man mit so etwas umgeht und dass ich an seine Suche nach einer neuen Arbeit auch „denken“ werde, wie man innere Kraft mobilisieren und Gelassenheit finden kann inmitten von erlebtem Unrecht, wie Lebensperspektiven sich verändern und und und…

Als wir auflegen, hat mein kleines Büro etwas von Heiligtum. Ich weiß immer noch nicht genau, wie dieses Gespräch da gelandet ist, wo es gelandet ist. Aber es ist gut, dass es da gelandet ist.

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