Veröffentlicht am 18. September 2016 In Franziskus - Botschaft

Alles Handeln, dem Barmherzigkeit fehlt, wie gerecht es auch immer scheinen mag, endet als Misshandlung

FRANZISKUS IN ROM, Maria Fischer mit Material von AICA •

Papst Franziskus hat sich mit einer Videobotschaft an die Teilnehmer der Kontinentalen Feier des Jubiläums der Barmherzigkeit gewandt, an der gut 15 Kardinäle, über 120 Bischöfe, Leiter religiöser Einrichtungen und Laien aus 22 Ländern Lateinamerikas, der Karibik, der USA und Kanadas teilgenommen haben. Der Papst äußerte seine Freude, „dass alle Länder Amerikas teilnehmen konnten. Angesichts der vielen Versuche der Zersplitterung, der Spaltung und Auseinandersetzung zwischen unseren Völkern, helfen uns solche Ereignisse, neue Perspektiven zu eröffnen und uns einmal mehr die Hand zu reichen: ein großes Zeichen, das uns in der Hoffnung stärkt.“

„Hirten, die be- und nicht misshandeln“, „spiritueller Alzheimer“ oder die Tatsache, „mit Barmherzigkeit behandelt worden zu sein“ sind einige der Schlüsselbegriffe, die Franziskus an die Teilnehmer in Bogota richtete. Es war eine der längsten Videobotschaften, die Papst Franziskus während seines Pontifikates aufgenommen hat; von verschiedenen Blickwinkeln aus beleuchtet Franziskus immer wieder das Thema Barmherzigkeit als neues Paradigma der Kirche.

In seiner Videobotschaft fragt der Papst die Teilnehmer der Jubiläumsfeier des amerikanischen Kontinentes, ob wir in unseren Katechesen, in unseren Priesterseminaren  – „Lehren wir unsere Seminaristen diese Weise, barmherzig zu handeln?“ – Denn: „Davon hängen unsere missionarischen Aktivitäten ab, unsere Pastoralpläne. Davon hängen unsere Priestertreffen ab und sogar unsere Art und Weise, Theologie zu betreiben: lernen, eine barmherzige Haltung zu haben, eine Art und Weise der Beziehung, die wir Tag für Tag erbitten müssen – denn das ist eine Gnade – und die wir aufgefordert sind, Tag für Tag zu erlernen. Ein barmherziges miteinander Umgehen unter uns Bischöfen, Priestern, Laien. Theoretisch sind wir »Missionare der Barmherzigkeit«, aber oft sind wir besser darin, die anderen schlecht zu behandeln, als sie gut zu behandeln. Wie oft haben wir in unseren Priesterseminaren darin versagt, eine Pädagogik der Barmherzigkeit anzuregen, zu unterstützen und zu ermutigen und zu lehren, dass das Herz der Pastoral darin besteht, Barmherzigkeit zu zeigen. Hirten zu sein, die andere gut behandeln und nicht misshandeln. Ich bitte euch: Seid Hirten, die wissen, wie man andere behandelt und nicht misshandelt.“

Deutlich wird in dieser Videobotschaft auch, welche Bedeutung der Papst der Konferenz von Aparecida zumisst, an die er ausdrücklich erinnert. Und noch eines wird deutlich:  Das Heilige Jahr der Barmherzigkeit ist kein isoliertes Geschehen und erst recht nichts, das im November zu Ende geht, um dann weiterzumachen wie zuvor. Es ist ein Anfang, ein Anfang einer Änderung der Sprache der Kirche von der alten des „Dazugehören/Ausgeschlossen“ zu einer Sprache der Barmherzigkeit; eine Änderung der Sprache, die das ganze System verändert. Es ist die Änderung, für die Jesus auf die Welt gekommen ist.

 

Paulus gibt uns in dieser Hinsicht einen interessanten Schlüssel: barmherzig handeln. Er weist uns darauf hin, dass das, was ihn zu einem Apostel bekehrt hat, die Art und Weise war, wie er behandelt wurde, wie Gott seinem Leben nahe kam: »Ich habe Erbarmen gefunden.« Was ihn zu einem Jünger machte, das war das Vertrauen, das Gott trotz seiner vielen Sünden in ihn setzte. Und das erinnert uns daran, dass wir die besten Pläne, Projekte und Theorien im Hinblick auf unser Denken über die Realität haben können. Wenn uns aber diese Haltung der Barmherzigkeit fehlt, wird unsere pastorale Tätigkeit auf halber Strecke stehen bleiben.

All das betrifft unsere Katechese, unsere Priesterseminare – Lehren wir unsere Seminaristen diese Weise, barmherzig zu handeln? –, unsere Pfarreistrukturen und unsere Pastoral. Davon hängen unsere missionarischen Aktivitäten ab, unsere Pastoralpläne. Davon hängen unsere Priestertreffen ab und sogar unsere Art und Weise, Theologie zu betreiben: lernen, eine barmherzige Haltung zu haben, eine Art und Weise der Beziehung, die wir Tag für Tag erbitten müssen – denn das ist eine Gnade – und die wir aufgefordert sind, Tag für Tag zu erlernen. Ein barmherziges miteinander Umgehen unter uns Bischöfen, Priestern, Laien. Theoretisch sind wir »Missionare der Barmherzigkeit«, aber oft sind wir besser darin, die anderen schlecht zu behandeln, als sie gut zu behandeln. Wie oft haben wir in unseren Priesterseminaren darin versagt, eine Pädagogik der Barmherzigkeit anzuregen, zu unterstützen und zu ermutigen und zu lehren, dass das Herz der Pastoral darin besteht, Barmherzigkeit zu zeigen. Hirten zu sein, die andere gut behandeln und nicht misshandeln. Ich bitte euch: Seid Hirten, die wissen, wie man andere behandelt und nicht misshandelt.

Heute sind wir in besonderer Weise zu einer barmherzigen Haltung gegen über dem heiligen und gläubigen Volk Gottes aufgerufen – es weiß sehr viel über barmherziges Handeln [»ser misericordioso «], weil es ein gutes Gedächtnis hat [»es memorioso«] –, den Menschen, die mit ihren Leiden, Sorgen und Wunden in unsere Gemeinschaften kommen. Aber auch den Menschen, die nicht in unsere Gemeinschaften kommen, obwohl sie von den Vorfällen der Geschichte verwundet sind, und die Barmherzigkeit zu finden hoffen. Barmherzigkeit lernt man aus Erfahrung – zuallererst in unserem eigenen Leben, wie das bei Paulus der Fall war, dem Gott seine ganze Barmherzigkeit offenbart hat, dem er seine ganze barmherzige Geduld offenbart hat. Man lernt Barmherzigkeit, indem man spürt, dass Gott uns weiterhin vertraut und uns ruft, seine Missionare zu sein, dass er uns weiterhin aussendet, damit wir unsere Brüder und Schwestern genauso behandeln, wie er uns behandelt hat und behandelt. Ein jeder von uns kennt seine Geschichte, kann daran zurückdenken. Barmherzigkeit erlernen wir, weil unser Vater uns weiterhin vergibt. Im Leben unseres Volkes gibt es bereits genug Leid, sie brauchen uns nicht, um noch mehr hinzuzufügen.

 

Vollständiger Text der Botschaft

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