Veröffentlicht am 2015-10-08 In Franziskus - Botschaft

Die Notwendigkeit einer kräftigen Injektion von Familiengeist

FRANZISKUS IN ROM/SYNODE •

Schon sind in mehreren Sprachen die Bücher mit den Mittwochskatechesen von Papst Franziskus zum Thema Familie erschienen, und selbst im Osservatore Romano und bei Radio Vatikan war von der letzten Katechese zum Thema Familie die Rede, bevor Papst Franziskus nach Kuba und den USA aufbrach. Doch es wird wohl einen weiteren Band geben, denn bei der Generalaudienz am ersten Mittwoch im Oktober auf dem Petersplatz sprach der Papst vor Tausenden von Gläubigen aus zahlreichen Ländern – erneut über die Familie! Diesmal ging es um den Familiengeist.

Er kündigte an, dass es während der Zeit der Synode bei den Mittwochskatechesen um einige Aspekte der unlöslichen Verbindung von Familie und Kirche gehen werde, und das im Horizont der gesamten Menschheit. Danke, Heiliger Vater, denn: „Ein aufmerksamer Blick auf das alltägliche Leben der Männer und Frauen von heute zeigt unverzüglich die überall bestehende Notwendigkeit der starken Injektion von Familiengeist. So erweist sich der Stil der zivilen, wirtschaftlichen, rechtlichen, beruflichen und bürgerschaftlichen Beziehungen als sehr vernunftgeleitet, formell, organisiert, aber auch als sehr „dehydriert“, trocken und anonym. Zuweilen wird er dadurch unerträglich.“

Vollständiger Text der Katechese von Papst Franziskus bei der Generalaudienz am 7. 10. 2015

Familie: Der Familiengeist

Liebe Brüder und Schwestern, guten Tag!

Vor wenigen Tagen begann die Bischofssynode zum Thema „Die Berufung und Sendung der Familie in Kirche und Welt von heute“. Die Familie, die auf dem Weg des Herrn geht, ist für das Zeugnis der Liebe Gottes wesentlich und verdient daher alle Aufmerksamkeit, zu der die Kirche fähig ist. Die Berufung der Synode besteht darin, diese Fürsorge und Betreuung durch die Kirche für die Gegenwart zu interpretieren. Lasst uns den gesamten Weg der Synode vor allem mit unserem Gebet und mit unserer Aufmerksamkeit begleiten. In diesem Zeitraum werden im Rahmen der Mittwochskatechesen Betrachtungen angestellt werden, die von einigen Aspekten der unlösbaren Beziehung zwischen Kirche und Familie inspiriert sind; mit einem Ausblick auf das Wohl der gesamten menschlichen Gemeinschaft.

Ein aufmerksamer Blick auf das alltägliche Leben der Männer und Frauen von heute zeigt unverzüglich die überall bestehende Notwendigkeit der starken Injektion von Familiengeist. So erweist sich der Stil der zivilen, wirtschaftlichen, rechtlichen, beruflichen und bürgerschaftlichen Beziehungen als sehr vernunftgeleitet, formell, organisiert, aber auch als sehr „dehydriert“, trocken und anonym. Zuweilen wird er dadurch unerträglich. Zwar möchte er in seinen Formen einschließend sein, doch in der Realität wird eine immer größere Zahl von Menschen der Einsamkeit und Aussonderung preisgegeben.

Vor diesem Hintergrund eröffnet die Familie als Form der Beziehung für die gesamte Gesellschaft eine weitaus menschlichere Perspektive: Sie öffnet den Kindern die Augen für das Leben – und nicht nur den Blick, sondern auch die anderen Sinne – indem sie eine auf dem freien Bündnis der Liebe errichtete menschliche Beziehung vor Augen führt. Die Familie führt in das Bedürfnis der von Treue, Ehrlichkeit, Vertrauen, Zusammenarbeit und Achtung geprägten Bindungen ein; sie ermutigt zur Planung einer bewohnbaren Welt und zum Glauben an die Möglichkeit von Vertrauensbeziehungen auch unter schwierigen Umständen; sie lehrt uns die Ehre des Versprechens, der Achtung der einzelnen Menschen, des Teilens der persönlichen Grenzen und jener der anderen Menschen. Uns allen ist die Unersetzlichkeit der familiären Aufmerksamkeit gegenüber den kleinsten, verletzlichsten, am meisten verletzen und auch durch ihren Lebensstil am meisten zerstörten Mitgliedern bewusst. Wer diese Haltung in unserer Gesellschaft einnimmt, hat sie durch den familiären Geist verinnerlicht; keineswegs aufgrund des Wettbewerbs und des Strebens nach Selbstverwirklichung.

Obwohl all dies bekannt ist, wird der Familie nicht der nötige Nachdruck, die nötige Anerkennung und Unterstützung für die politische und wirtschaftliche Organisation der gegenwärtigen Gesellschaft verliehen. Ich möchte noch weiter gehen: Die Familie erhält nicht nur keine hinreichende Anerkennung, sondern führt zu keinem Lernen mehr! Zuweilen ist man versucht zu sagen, dass alle Wissenschaft und Technik der modernen Gesellschaft immer noch nicht dazu fähig ist, diese Kenntnisse in bessere Formen des zivilen Zusammenlebens umzusetzen. Die Organisation des gemeinschaftlichen Lebens schwächt sich immer mehr ab auf eine den grundlegenden menschlichen Bindungen entfremdete Bürokratie. Darüber hinaus zeigen soziale und politische Gepflogenheiten immer öfter Spuren des Verfalls – Aggression, Vulgarität, Verachtung… –, die sich weit unter dem Niveau einer selbst minimalen familiären Erziehung befinden. In dieser Konjunktur vollzieht sich eine Vereinigung und ein gegenseitiges Schüren der entgegengesetzten Pole dieser Verschlechterung der Beziehungen – d.h., technokratischer Stumpfheit und amoralischem Familismus. Dabei handelt es sich um ein Paradoxon.

Genau in diesem Punkt erkennt die Kirche heute den historischen Sinn ihrer Mission in Bezug auf die Familie und den authentischen Familiengeist, ausgehend von einer aufmerksamen Betrachtung des Lebens, die sie selbst betrifft. Man könnte den „Familiengeist“ als eine Verfassungscharta für die Kirche bezeichnen: So muss das Christentum erscheinen und so muss es sein. Dies wurde vom hl. Paulus klar formuliert: „Ihr seid also jetzt nicht mehr Fremde ohne Bürgerrecht, sondern Mitbürger der Heiligen und Hausgenossen Gottes“ (Eph 2,19). Die Kirche ist und muss die Familie Gottes sein.

Als Jesus Petrus zur Nachfolge aufrief, sagte er, dass er ihn zu einem „Menschenfischer“ machen würde; daher ist eine neue Art von Netzen erforderlich. Wir könnten sagen, dass die Familie heute eines der wichtigsten Netze für die Mission Petri und der Kirche darstellt. Dieses Netz nimmt jedoch nicht gefangen! Vielmehr befreit es uns aus dem schmutzigen Wasser des Verlassen-Seins und der Gleichgültigkeit; in diesem Meer der Einsamkeit und der Gleichgültigkeit ertrinken viele Menschen. Die Familien wissen genau, worin die Würde besteht, sich als Kinder und nicht wie Sklaven oder Fremde zu fühlen oder nicht mehr als ein Ausweis zu sein.

Davon ausgehend tritt Jesus erneut unter die Menschen, um sie davon zu überzeugen, dass Gott sie nicht vergessen hat. Daraus schöpft Petrus die Kraft für seine Sendung. Von dort geht die Kirche, dem Wort ihres Meisters gehorchend, hinaus, um im Meer zu fischen; in der Gewissheit, dass der Fang – sofern er erfolgt – wunderbar sein wird. Möge die Begeisterung der Synodenväter durch die Belebung des Heiligen Geistes der Kirche den Schwung verleihen, alte Netze aufzugeben und im Vertrauen auf das Wort ihres Herrn den Fischfang wieder aufzunehmen. Bitten wir inständig darum! Im Übrigen hat uns Christus ein Versprechen gegeben und uns ermutigt: Wenn selbst schlechte Väter ihren hungrigen Kindern das Brot nicht verweigern, so wird Gott auch jenen den Geist schenken, die trotz ihrer Unvollkommenheit mit leidenschaftlicher Insistenz darum  bitten (vgl. Lk 11,9-13)!

Übersetzung nach Zenit

 

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