Veröffentlicht am 2015-08-01 In Franziskus - Botschaft, Im solidarischen Buendnis mit Franziskus, Kirche - Franziskus - Bewegungen

Bleiben wir nicht auf dem Balkon stehen, gehen wir mittenhinein in den Matsch – in die Messe mit Franziskus

FRANZISKUS IN PARAGUAY, Marité und Ramón Marini / Maria Fischer

Drei Wochen sind bereits vergangen seitdem Papst Franziskus mit einer großen Volksmenge – etwa zwei Millionen Pilger – in  Ñu Guazú (großes Feld) in Luque, in den Außenbezirken von Asunción, die heilige Messe am letzten Tag seines Besuches in Paraguay gefeiert hat. Vor unseren Augen steht noch der herrliche „Mais-Altar“, auf dessen Kokosnüssen die Namen, Anliegen, Bitten und Gaben von Tausenden von Menschen standen. Und wir erinnern uns an den Bericht und die Fotos von  José Argüello von der nächtlichen Vigil mit der wunderbaren Überschrift: Dienen mit den Füßen im Matsch.

Und hier sind wir nun und versuchen, all das nachzukosten, was wir mit dem Heiligen Vater erlebt haben. Es war wunderbar und unbeschreiblich. Die Herzlichkeit des Volkes von Paraguay überstieg alle Vorstellungen. Der Altar, vor dem der Heilige Vater an diesem Sonntag die Messe feierte, erschien auf den Titelseiten der internationalen Presse. Unter den zahlreichen Kommunionhelfern waren auch Marité und ich. Wir haben für alle gebetet.

11738094_927470913978048_1882017775081261237_n Los, wir gehen hin… Jesus hat auch nicht auf dem Balkon gestanden

Wir haben unvergessliche Augenblicke erlebt. Marité und ich hatten uns als Kommunionhelfer für die Messe am Sonntag gemeldet. Doch es gab viele negative Kommentare, weil – wegen des Regens der Tage zuvor – der ganze Platz ein einziges riesiges Schlammfeld sei (was tatsächlich stimmte), dass es keine Toiletten geben würde, dass es gefährlich wäre wegen der vielen Menschen, dass man kilometerweit laufen müsste, dass man sehr früh morgens schon da sein müsste, dass es sowieso regnen würde…

Wir sagten uns: Bleiben wir besser zu Hause und schauen es uns im Fernsehen an. Aber als ich am Samstag von Tuparenda zurückkam (wir arbeiteten dort an der Planung für das Haus der Patresfiliale), kamen im Radio die Botschaften des Papstes zur Vorbereitung seiner Reise: „Verbringt euer Leben nicht auf dem Balkon, Jesus ist auch nicht auf dem Balkon stehen geblieben und hat auf die Menschen runtergeguckt, er hat sich in ihr Leben hineingegeben, geht rein ins Leben!“ Ich kam ins Haus und sagte zu Marité: Wir gehen hin. Und sie war sofort einverstanden. Und so gingen wir hin…

Wir mussten viel laufen… und um 5 Uhr früh aus dem Haus gehen (die Heilige Messe war um 10, und um 12 war Schluss). Es war ein strahlender Sonnentag, die Gruppe der Kommunionhelfer ein Traum, die Menschen ungewöhnlich gesammelt und andächtig, die Stille tief, und die Toiletten nur wenige Meter entfernt… und ja, es war matschig. Sehr matschig.

Doch alles zusammen fühlte es sich einfach nur gut an. Den Papst sahen wir nur auf den Großleinwänden, aber ihn zu hören, war Balsam für die Seele.

11760063_927472320644574_1088900703834552680_n Der Papst ist in unseren Schlamm gekommen

„Alles war unglaublich ergreifend“, erzählt José Argüello noch von Ñu Guazú aus per Whatsapp, und fragt dann: „Was sagt die Presse, wieviele Leute waren da?“ Als er die erste Zahl hört, die verbreitet wurde – 600.000 -, da spürt man über die mehr als 10.000 Kilometer Entfernung die Enttäuschung dieses jungen Menschen, dieses freiwilligen Helfers, dieses Begeisterten, der alles gegeben hat in wochenlanger Vorbereitung, im nächtlichen Dienst, in der Vigil, im Gebet, damit dies eine große und gesegnete Erfahrung für die Menschen und den Papst würde: „So wenige…“ Eine Erfahrung, die alle kennen, die sich aus dem tiefsten Herzen dafür einsetzen, anderen etwas Kostbares zu geben… und die dann erleben müssen, dass diese aus Bequemlichkeit, aus Interesselosigkeit, aus Zeitmangel das Angebot ausschlagen (das erlebt auch das Team von schoenstatt.org, wenn wir so oft auf die Menge – oder eher die Wenigkeit – derer schauen, die einen Artikel gelesen haben, der mit so viel Herzblut und Einsatz zusammengestellt wurde). José weiter: „Ja, der Platz war unbequem, ein Schlammfeld… und den ganzen Morgen über gingen Leute weg…“- „Aber wir sind geblieben, weil der Papst in unseren Matsch gekommen ist.“

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Predigt von Papst Franziskus in Ñu Guazú, 12. Juli 2015

„Der Herr spendet den Regen, und unser Land gibt seinen Ertrag“, sagt der Psalm (vgl. 85,13). Das zu feiern, sind wir eingeladen, dieses geheimnisvolle Miteinander von Gott und seinem Volk, zwischen Gott und uns. Der Regen ist ein Zeichen seiner Gegenwart in dem Land, das wir mit unseren Händen bearbeiten. Ein Miteinander, das immer Ertrag bringt, das immer Leben schenkt. Diese Zuversicht entspringt dem Glauben; zu wissen, dass wir auf seine Gnade zählen können, die unser Land immer verwandeln und bewässern wird.

Eine Zuversicht, die man lernt, die in der Erziehung vermittelt wird. Eine Zuversicht, die sich im Schoß einer Gemeinschaft entwickelt, im Leben einer Familie. Eine Zuversicht, die zum Zeugnis wird auf den Gesichtern von vielen, die uns anregen, Jesus zu folgen, Apostel dessen zu sein, der niemals enttäuscht. Der Jünger fühlt sich eingeladen zu vertrauen, er fühlt sich von Jesus eingeladen, sein Freund zu sein, sein Schicksal zu teilen, an seinem Leben teilzuhaben. „Ich nenne euch nicht mehr Knechte … Vielmehr habe ich euch Freunde genannt; denn ich habe euch alles mitgeteilt, was ich von meinem Vater gehört habe“ (Joh 15,15). Die Jünger sind diejenigen, die lernen, im zuversichtlichen Vertrauen der Freundschaft mit Jesus zu leben.

Und das Evangelium spricht uns von dieser Jüngerschaft. Es stellt uns die „Kennkarte“ des Christen vor. Seine Visitenkarte, sein Beglaubigungsschreiben.

Jesus ruft seine Jünger und sendet sie aus, indem er ihnen klare, genaue Regeln gibt. Er fordert sie heraus mit einer Reihe von Grundhaltungen, von Verhaltensweisen, die sie haben müssen. In nicht wenigen Fällen können diese uns übertrieben oder absurd erscheinen; leichter wäre es, sie als symbolisch zu betrachten oder „geistlich“ zu interpretieren. Doch Jesus ist ganz klar. Er sagt ihnen nicht: „Tut, als ob…“ oder „Tut, was ihr könnt“.

Erinnern wir uns gemeinsam an diese Ratschläge: „Nehmt nichts auf den Weg mit außer einem Wanderstab; kein Brot, keine Vorratstasche, kein Geld… Bleibt in dem Haus, in dem man euch beherbergt.“ Es scheint unmöglich zu sein.

Wir könnten uns auf die Worte „Brot“, „Geld“, Vorratstasche“, Wanderstab“, Sandalen“, „Hemd“ konzentrieren. Und das ist durchaus zulässig. Doch mir scheint, dass es ein Schlüsselwort gibt, das angesichts der Schlagkraft der anderen, die wir eben aufgezählt haben, übersehen werden könnte. Ein zentrales Wort in der christlichen Spiritualität, in der Erfahrung der Jüngerschaft: Gastfreundschaft. Er sagt ihnen: „Bleibt in dem Haus, in dem man euch beherbergt.“ Er sendet sie aus, damit sie eines der grundlegenden Merkmale der Gemeinschaft der Gläubigen lernen. Wir könnten sagen, dass derjenige Christ ist, der gelernt hat, Gastfreundschaft zu gewähren, der gelernt hat zu beherbergen.

Jesus sendet sie nicht aus als Mächtige, als Eigentümer, als Anführer oder befrachtet mit Gesetzen und Anweisungen. Im Gegenteil, er zeigt ihnen, dass der Weg des Christen einfach darin besteht, das Herz zu verwandeln – das eigene und dann zu helfen, das der anderen zu verwandeln; zu lernen, in einer anderen Weise zu leben, mit einem anderen Gesetz, unter einer anderen Anweisung. Es bedeutet, von der Logik des Egoismus, der Verschlossenheit, des Kampfes, der Spaltung und der Übermacht zur Logik des Lebens, der Unentgeltlichkeit und der Liebe überzugehen. Von der Logik des Herrschens, des Niederdrückens, des Manipulierens zur Logik des Aufnehmens, des Empfangens und des Pflegens.

Zwei Logiken sind im Spiel, zwei Arten, das Leben anzugehen und die Mission anzugehen.

Wie oft denken wir an die Mission auf der Grundlage von Projekten und Programmen! Wie oft stellen wir uns die Evangelisierung in Verbindung mit tausend Strategien, Taktiken, Manövern, Kniffen vor und meinen, dass die Leute sich aufgrund unserer Argumente bekehren. Heute sagt es uns der Herr ganz klar: In der Logik des Evangeliums überzeugt man nicht mit Argumenten, mit Strategien, mit Taktiken, sondern einfach, indem man lernt zu beherbergen, Gastfreundschaft zu gewähren.

Die Kirche ist eine Mutter mit offenem Herzen, die aufzunehmen und zu empfangen versteht, besonders die, welche größerer Pflege bedürfen, die in größeren Schwierigkeiten sind. Die Kirche, wie Jesus sie möchte, ist das Haus der Gastfreundschaft. Und wieviel Gutes können wir tun, wenn wir uns dazu aufschwingen, diese Sprache der Gastfreundschaft, diese Sprache des Empfangens, des Aufnehmens zu lernen. Wie viele Wunden, wieviel Verzweiflung kann man heilen in einem Heim, wo einer sich willkommen fühlen kann. Darum muss man die Türen offen halten, vor allem die Türen des Herzens.

Gastfreundschaft gegenüber dem Hungrigen, dem Durstigen, dem Fremden, dem Nackten, dem Kranken, dem Gefangenen (vgl. Mt 25,34-37), dem Aussätzigen, dem Gelähmten. Gastfreundschaft gegenüber dem, der nicht so denkt wie wir, gegenüber dem, der keinen Glauben hat oder der ihn verloren hat – und manchmal durch unsere Schuld. Gastfreundschaft gegenüber dem Verfolgten, dem Arbeitslosen. Gastfreundschaft gegenüber den verschiedenen Kulturen, an denen dieses Land Paraguay so reich ist. Gastfreundschaft gegenüber dem Sünder, denn ein solcher ist auch jeder von uns.

Oftmals vergessen wir, dass es ein Übel gibt, das unseren Sünden vorausgeht, das zuvor kommt. Es gibt eine Wurzel, die viel, sehr viel Schaden anrichtet und die in aller Stille so viele Leben zerstört. Es gibt ein Übel, das sich nach und nach in unserem Herzen einnistet und unsere Vitalität „verzehrt“: die Einsamkeit. Eine Einsamkeit, die viele Ursachen, viele Gründe haben kann. Wie sehr zerstört sie das Leben und wie sehr schadet sie uns! Sie trennt uns von den anderen, von Gott und von der Gemeinschaft. Sie schließt uns ein in uns selbst. Daher soll das Eigentliche der Kirche, dieser Mutter, nicht in erster Linie darin bestehen, Dinge,  Projekte in die Wege zu leiten, sondern darin, die Brüderlichkeit mit den anderen zu lernen. Die gastfreundliche Geschwisterlichkeit ist das beste Zeugnis dafür, dass Gott Vater ist, denn „daran werden alle erkennen, dass ihr meine Jünger seid: wenn ihr einander liebt“ (Joh 13,35).

Auf diese Weise eröffnet Jesus uns eine neue Logik. Einen Horizont voller Leben, Schönheit, Wahrheit, einen Horizont der Fülle.

Gott verschließt niemals Horizonte; Gott bleibt niemals passiv angesichts des Lebens, er bleibt niemals passiv angesichts des Leidens seiner Kinder. Gott lässt sich in seiner Großzügigkeit niemals übertreffen. Darum sendet er uns seinen Sohn, schenkt ihn, gibt ihn hin, teilt ihn mit uns, damit wir den Weg der Geschwisterlichkeit, den Weg der Hingabe lernen. Es ist ein entschieden neuer Horizont, es ist ein neues Wort für so viele Situationen der Ausschließung, der Spaltung, der Verschlossenheit, der Isolierung. Es ist ein Wort, welches das Schweigen der Einsamkeit durchbricht.

Und wenn wir müde sind oder die Aufgabe des Evangelisierens uns schwer wird, ist es gut, uns daran zu erinnern, dass das Leben, das Jesus uns vorschlägt, den tiefsten Bedürfnissen der Menschen entspricht, denn wir alle sind für die Freundschaft mit Jesus und für die Bruderliebe geschaffen (Evangelii gaudium 265).

Eines ist sicher: Wir können niemanden dazu verpflichten, uns zu empfangen, uns zu beherbergen; es ist sicher, und es gehört zu unserer Armut und zu unserer Freiheit. Doch es ist auch sicher, dass niemand uns verpflichten kann, nicht aufnahmebereit und gastfreundlich gegenüber dem Leben unseres Volkes zu sein. Niemand kann von uns verlangen, dass wir das Leben unserer Brüder und Schwestern nicht aufnehmen und in die Arme schließen, besonders das Leben derer, welche die Hoffnung und die Lebensfreude verloren haben. Wie schön ist es, uns unsere Pfarreien, Gemeinschaften, Kapellen, wo die Christen sind, nicht mit verschlossenen Türen, sondern als wahre Zentren der Begegnung unter uns und mit Gott vorzustellen! Als Orte der Gastfreundschaft und der Aufnahme.

Die Kirche ist Mutter wie Maria. In ihr haben wir ein Vorbild. Beherbergen wie Maria, die das Wort Gottes nicht beherrschte, noch sich seiner bemächtigte, sondern im Gegenteil es beherbergte, in ihrem Schoß trug und hingab.

Beherbergen wie die Erde, die den Samen nicht beherrscht, sondern ihn empfängt, ihn nährt und ihn aufkeimen lässt.

So möchten wir Christen sein, so möchten wir unseren Glauben auf diesem paraguayischen Boden leben – wie Maria, indem wir das Leben Gottes in unseren Brüdern und Schwestern beherbergen in der zuversichtlichen Gewissheit: „Der Herr spendet den Regen, und unser Land gibt seinen Ertrag.“ So sei es.

 

Angelus, 12. Juli 2015

Ich danke Herrn Erzbischof Edmundo Ponziano Valenzuela Mellid und dem orthodoxen Herrn Erzbischof Tarasios für die herzlichen Worte.

Am Ende dieser Feier richten wir unseren vertrauensvollen Blick auf die Jungfrau Maria, Mutter Gottes und unsere Mutter. Sie ist das Geschenk Jesu an sein Volk. In der Stunde des Kreuzesleidens hat er sie uns zur Mutter gegeben. Sie ist Frucht der Hingabe Jesu für uns. Und seit dieser Zeit war sie und wird sie immer bei ihren Kindern sein, besonders bei den geringsten und bedürftigsten.

Sie ist in das Geflecht der Geschichte unserer Völker und ihrer Menschen eingetreten. Wie in vielen anderen Ländern Lateinamerikas ist der Glaube der Paraguayer durchtränkt von der Liebe an die Jungfrau Maria. Geht mit Zuversicht zu eurer Mutter, öffnet ihr euer Herz, vertraut ihr eure Freuden und eure Schmerzen, eure Hoffnungen und eure Leiden an. Die Jungfrau Maria wird euch trösten und mit ihrer zärtlichen Liebe in euch die Hoffnung entzünden. Hört nicht auf, Maria anzurufen, und auf sie zu vertrauen, die sie Mutter der Barmherzigkeit für alle ihre Kinder ohne Unterschied ist.

Die Jungfrau Maria, die mit den Aposteln in der Erwartung des Heiligen Geistes verharrte (vgl. Apg 1,13f), bitte ich auch, dass sie über die Kirche wache und die brüderlichen Bande unter ihren Gliedern stärke. Mit der Hilfe Marias sei die Kirche Haus für alle, ein Haus, das zu beherbergen weiß, eine Mutter aller Völker.

Liebe Brüder und Schwestern, ich bitte euch, dass ihr nicht vergesst, für mich zu beten. Ich weiß sehr wohl, wie gern man den Papst in Paraguay hat. Auch ich trage euch in meinem Herzen und bete für euch sowie für euer Land.

Nun lade ich euch ein, den Angelus an die Jungfrau Maria zu beten.

SEGEN: Der Herr segne euch und behüte euch. Er lasse sein Angesicht leuchten über euch und sei euch gnädig. Er hebe sein Angesicht über euch und gebe euch Frieden. Und der Segen des Allmächtigen Gottes, des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes komme auf euch herab und bleibe allezeit bei euch.

 

11750635_927471027311370_3971402989575824094_n Alle Fotos mit freundlicher Erlaubnis von Sebastián Woitas, Servicios fotograficos #72ph, Asunción, Paraguay

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