Veröffentlicht am 2010-04-04 In Themen - Meinungen

Der Gang zum Grab – der Weg zum Leben

OsternErzbischof Dr. Robert Zollitsch. Gerade nach einem langen Winter wie in diesem Jahr erwarten wir im Frühling mit großer Sehnsucht die erwachende Natur mit ihren jungen Knospen und bunten Blüten. Sie lenken unseren Blick hoffnungsvoll nach vorne. Ähnlich – wenn auch in einem viel tieferen Sinn – schenkt das Osterfest uns Hoffnung und Zuversicht: Zuversicht aus dem Glauben, Hoffnung auf Gottes Nähe und Liebe. Wer aus dieser Zuversicht lebt, die uns der Auferstandene schenkt, der weiß sich getragen in Zeiten der Freude wie in Stunden der Trauer. Ostern verändert unseren Blickwinkel, öffnet uns die Augen.

 

Jesus Christus will uns aus der Gefangenschaft des Vordergründigen und Oberflächlichen befreien, uns den österlichen Durchblick schenken. Davon spricht auch das Zweite Vatikanische Konzil, das vor 45 Jahren zu Ende ging. In seiner Pastoralkonstitution „Gaudium et spes“ – „Über die Kirche in der Welt von heute“ fassen die Konzilsväter die dauernde Aufgabe der Kirche in die Worte: „nach den Zeichen der Zeit zu forschen und sie im Licht des Evangeliums zu deuten“ (Art.4).

Welche Zeichen prägen unsere heutige Zeit? Mit Blick auf die Missbrauchsfälle durchleben wir als katholische Kirche augenblicklich schmerzlich aufrüttelnde und betrüblich turbulente Monate. Die Zeichen der Zeit verweisen auf Trauer und Schmerz bis zur Sprachlosigkeit. Auf den ersten Blick, scheint die Festfreude des Osterfests, das frohe Halleluja, so gar nicht recht in diese Stimmung passen zu wollen. Doch je mehr wir die Texte der Evangelisten, die wir in den Gottesdiensten an den Ostertagen hören, an uns heran lassen, je mehr wir bereit sind, die momentanen Zeichen der Zeit wirklich auch im Licht des Evangeliums zu verstehen, desto mehr kann uns das Osterfest gerade heute zur verlässlichen Wegweisung werden.

Denn die Botschaft von Ostern ist keine schöne, weltabgehobene Illusion. Ganz im Gegenteil, sie wurzelt mitten im Alltag. Die Osterberichte der Evangelien beschönigen nichts. Sie nennen die tragische Erfahrung des Karfreitags klar und deutlich beim Namen. Die Jüngerinnen und Jünger sind am Boden zerstört, von Trauer und Schmerz gezeichnet. Ihre Erwartungen sind zusammengebrochen – lähmendes Entsetzen macht sich breit; ihre Gemeinschaft scheint sich aufzulösen. Die meisten ziehen sich zurück, ja schließen sich ein und sondern sich ab. Dunkelheit umgibt sie am frühen Ostermorgen. Noch quälender ist für sie die Dunkelheit in ihrem Herzen. Der, auf den sie ihre Hoffnung gesetzt hatten, liegt hier im Grab. „Wer kann uns den Stein vom Eingang des Grabes wegwälzen?“ fragen sie auf ihrem Weg zum Grab. „Er war sehr groß“, wird ausdrücklich bemerkt, unüberwindlich wie hohe Mauern. „Wer kann uns den Stein wegwälzen?“

Auch wir fragen heute: „Wer kann uns den Stein wegwälzen?“ – den Stein, der uns unseren Blick verstellt und den Weg in die Zukunft verbaut. Wie oft sehen wir nur den Stein und nicht die Möglichkeiten, die dahinter verborgen liegen? Der Stein – Bild für das Scheitern aller Hoffnung und die schwere Last auf der Seele. Für manche scheint der Stein auf dem Weg in die Zukunft der Kirche so groß und unüberwindlich, dass sie der Kirche, der Gemeinschaft der Glaubenden, den Rücken kehren. Das schmerzt und erfüllt mit Trauer. Wer sich zurückzieht, fehlt der Kirche, wenn sie sich neu auf den Weg macht. Wir sind eine Gemeinschaft der Sünder. Keiner ist ohne Fehler. Kirche braucht jede und jeden. Sie lebt von der Vielfalt – von alt und jung, Frau und Mann – von all jenen, die das Evangelium in Wort und Tat verkünden: Die durch ihren täglichen Dienst bezeugen, dass Gott es ist, der durch seine Liebe alles Festgefahrene und Erstarrte in Bewegung bringen kann. Auch und gerade heute gilt es, sich gemeinsam auf den Weg zu machen und die unbegreiflichen Vorkommnisse, die abscheulichen Verbrechen, die dunklen Seiten der Kirche und die Dunkelheiten in uns in den Blick zu nehmen. Allein dabei dürfen wir nicht stehen bleiben. Wir brauchen einen Neuanfang. So werden wir erkennen: Die Liebe Gottes dringt bis in diese Dunkelheit hinein. „Ihr sucht Jesus, den Gekreuzigten. Er ist nicht hier; denn er ist auferstanden“ (Mt 28,5) – so lautet die eindringliche Botschaft der Engel an die Frauen. Sie dürfen die Erfahrung machen, dass ihr Gang zum Grab sich in den Weg zum Leben wandelt, dass aus Hoffnungslosigkeit Zuversicht erwächst.

Gott macht den Weg frei, aber den nächsten Schritt haben wir selbst zu tun. Er lässt Mauern einstürzen, auch die hartnäckigen Mauern der Vorurteile in unseren Herzen und Köpfen. Gottes Wille zu erfülltem Leben kennt keine Grenzen. Seine Liebe macht auch vor Mauern, Stacheldrähten und Steinen nicht Halt. Je mehr diese Liebe Gottes durch unser Handeln aufstrahlt, desto mehr wird es uns gelingen, aus den Steinen, die uns im Weg liegen, Brücken des Vertrauens, Brücken in die Zukunft zu bauen.Ostern ist kein Mythos, im Gegenteil: Ostern bestätigt das so einzigartige Leben Jesu – und das, wofür es steht. Er, der es in seinem Reden und Handeln vorgelebt hat, was es heißt, Menschen wieder aufzurichten und auf die eigenen Füße zu stellen; er, der es vermochte, die Mechanismen der Unterdrückung, des Abschiebens, Verdeckens und der Vorurteile offenzulegen und zu durchbrechen; er, der so wunderbar die Güte und Menschenliebe Gottes glaubhaft zu bezeugen vermochte – dieser Jesus ist auferstanden und lebt!

Lassen wir uns anstecken von dieser Liebe Jesu Christi, von der Liebe, die die ersten Jünger ergriffen hat. Wagen wir den Gang zum Grab, damit er uns zum Weg des Lebens werden kann. Und wagen wir es, der Realität des dunklen Grabes ins Auge zu blicken, damit Vertrauen wächst und die Gemeinschaft mit Gott und untereinander neu an Kraft gewinnt. Wir dürfen sicher sein, dass der Auferstandene auch heute seine Wege geht, um auch uns zu begegnen.

Die Botschaft von Ostern will unser Herz öffnen und uns herausholen aus der Lethargie. Sie will uns ermutigen, hellhörig zu werden für die oft leise Stimme Gottes in unserem Leben, aufmerksam zu werden für die Nöte und Sorgen unserer Mitmenschen und sensibel zu sein für die Zeichen der Zeit.

Ostern

1 Responses

  1. Irene Eldracher sagt:

    Lieber Herr Erzbischof Zollitsch,

    ich finde, dass die Kirche in jeder Richtung einen Reinigungsprozess durchmacht. Die "Sonntagspflichtchristen" bleiben weg, die Christen, die durch die Vergehen innerhalb der kath. Kirche enttäuscht oder auch bestätigt werden, werden sich nicht mehr zu dieser bekennen. Aber ich sehe dadurch auch die Chance, dass die christliche Lehre wieder reiner und klarer erkennbar wird, wenn die Menschen, die Christus wirklich lieben, der Kirche auch treu bleiben. Im Punkt Liebe ist auch in letzter Zeit oft die Sexualität gleichgestellt worden. Liebe ist aber viel mehr! Das wird jetzt in unserer Gesellschaft immer mehr deutlich. Ich finde, da kann die Kirche lebbare Antworten geben.

    Ich wünsche Ihnen ein frohes Osterfest und viel Kraft für Ihre viele Aufgaben.
    Irene Eldracher

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