Veröffentlicht am 2015-03-23 In Dilexit ecclesiam

Erzbischof em. Dr. Robert Zollitsch: Vision und Aufbruch – Kirche auf dem Weg in die Zukunft (III)

von Redaktion schoenstatt.org

„Papst Franziskus blickt nach vorne und fordert eine Kirche, die aufbricht, weil das Wort Gottes ’ständig diese Dynamik des Aufbruchs… auslösen will‘ (EG 20). Wer nur zurück schaut und bewahren will, verliert die Zukunft. Darum verlangt der Papst, ‚von einer rein bewahrenden Pastoral zu einer entschieden missionarischen Pastoral überzugehen.’”. Erzbischof em. Robert Zollitsch, Freiburg, und bis 2013 Vorsitzender der Deutschen Bischofskonferenz, wählte „Evangelii Gaudium“ als roten Faden für den Vortrag, den er aus Anlass des hundertjährigen Gründungsjubiläums Schönstatts am 19. November 2014 in Würzburg, in Kooperation mit der Domschule Würzburg, gehalten hat. In diesem Vortrag sprach er von der Schönstatt geschenkten und übertragenen Vision der Kirche und zeigte diese auf als eine Vision, die auf dem Kirchenbild des II. Vatikanischen Konzils ruht und auf dem Hintergrund von Evangelii Gaudium deutlich aktuelle Konturen gewinnt. Mit großer Freude bietet schoenstatt.org nach Rücksprache mit Erzbischof em. Robert Zollitsch diesen Vortrag der Schönstattfamilie an; in den Wochen bis Ostern erscheint jeweils am Samstag ein Kapitel des Vortrags. Heute veröffentlichen wir das 3. Kapitel: KIRCHE FÜR DIE MENSCHEN BESTELLT.

 

III.

Kirche, für die Menschen bestellt

Ein amerikanischer Reporter, der beobachtete, wie Mutter Teresa in Kalkutta die Kranken und Sterbenden pflegte, meinte zu ihr: Nicht für zehn Millionen Dollars würde ich das tun! Darauf Mutter Teresa: Ich auch nicht! Nicht um Geld tut man so etwas. Liebe, Nächstenliebe tut dies. Wir spüren spontan, wie hinter solchem Handeln eine Dimension sichtbar wird, die in der Lage ist, unsere Welt zu verwandeln. Unsere Gesellschaft schaut mit Recht nach Gestalten aus wie St. Martin, der seinen Mantel mit dem frierenden Bettler teilt. Und Jahr für Jahr tragen die Martinsumzüge seine Botschaft in die Herzen von Kindern und Erwachsenen. Gestalten wie Elisabeth von Thüringen machen deutlich, wie sehr die Kirche da ist, um den Menschen zu dienen – nach dem Beispiel und in der Nachfolge Jesu Christi, der „nicht gekommen ist, sich bedienen zu lassen, sondern um zu dienen.“ (Mk 10,45) Der Weg zur Erneuerung der Kirche zu einer größeren Glaubwürdigkeit nach außen und einer wachsenden Zuversicht nach innen führt über die Vision und Erfahrung einer dienenden Kirche. Diese Vision vermag die Herzen anzusprechen und zündet deshalb. Zweifellos leisten viele gläubige Christen zahllose Dienste in und an unserer Gesellschaft. Dies soll und darf auch gesagt werden. (vgl. Mt 5,16) Dabei kommt es darauf an, dies mit „demütigem Selbstbewusstsein“ zu tun. Wir wissen: Ein Glaube, der von der Liebe getragen ist und sie aufscheinen lässt, wird Menschen ansprechen und überzeugen. Eine in dieser Weise demütig dienende und sich dabei (zumindest ab und zu) selbst vergessende Kirche ist zukunftsweisend.

Lebendig ist unser Glaube dann, wenn er uns mit Gott verbunden sein lässt und „durch die Liebe handelt“[1] und „in der Liebe wirksam ist“ (Gal 5,6), d.h. ein Glaube, der dient. Wir antworten damit Gott, der uns liebt (EG 37) und mühen uns, zu handeln wie er, der ein Gott mit uns und für uns ist: der uns seine Barmherzigkeit erweist und seine Liebe und Sorge erfahren lässt. Diese Antwort gibt unserem Leben Sinn und lässt uns auch an das Ziel unseres Lebens gelangen. Denn wir „gehen vom Tod in das Leben hinüber“, so der Apostel Johannes, „weil wir die Brüder lieben“ (1 Joh 3,14). Bruderliebe, Nächstenliebe als Weg vom Tod zum Leben – das macht betroffen und führt ins Zentrum unseres Glaubens. Es ist zweifellos auch der Weg der Kirche zu neuem Leben.

Im Licht dieser Perspektive geht uns neu auf, wie zentral die Selbstaussage Mariens – „Siehe, ich bin die Magd des Herrn“ (Lk 1,38) – gerade für die Kirche ist. Maria dient ihrem Sohn und tritt ganz hinter ihm zurück. Sie sorgt sich um die Gastgeber der Hochzeit zu Kana, um ihnen aus ihrer Verlegenheit zu helfen. Sie tut es, auch wenn sie scheinbar abgewiesen wird. Sie steht unter dem Kreuz. Sie ist ganz „Für“: für ihren Sohn, für Johannes, für die Kirche. Sie ist da für uns Menschen als unsere Mutter, unsere Fürsprecherin, unsere Erzieherin und Begleiterin, unsere Hilfe in allen Situationen. (vgl. EG 286)

Papst Franziskus weist darauf hin, dass Jesus uns in der Stunde der neuen Schöpfung unter dem Kreuz zu Maria führt, „da er nicht will, dass wir ohne eine Mutter gehen“. (EG 285) Aus dem Tenor seiner Ausführungen spürt man, dass er das Marianische im Sinn des Mütterlichen in unserer Kirche etwas vermisst. Wir haben in unserer katholischen Kirche eine klare Struktur und eine fest verortete Hierarchie. Und das ist ein Geschenk und gut so. Doch es liegt auch in unserer menschlichen Natur, dass die Macht gerade aus – oft falsch verstandenem – Verantwortungsbewusstsein immer mehr konzentriert wird und zur Kontrolle neigt. Ein Amt, das da ist, um zu dienen, darf nicht Macht kumulieren und zentrieren. Als Dienstamt lebt es davon, Vertrauen zu schenken, statt zu überwachen und zu kontrollieren. Ein Amt, das vom Vertrauen lebt und Vertrauen schenkt, will viele mit beteiligen und einbeziehen. Weil es die Mitverantwortung will und ihr dienen, d.h. sie stützen will, wird es fruchtbar in der Arbeitsteilung und der subsidiären Wahrnehmung der Verantwortung. Eine Autorität, die dient, schaut zu allererst auf das Leben und die Bedürfnisse der Menschen.

Ich bin dankbar dafür, dass Papst Franziskus durch die weltweite Befragung vor der vergangenen Bischofssynode die Realität zur Kenntnis nehmen und die Gläubigen mit ihren Anliegen und Sorgen, aber auch mit ihren Erwartungen und Hoffnungen hören wollte. Das war ein

Schritt in Richtung „hörende Kirche“. Ich danke ihm noch mehr dafür, dass er die Synodenteilnehmer ermutigt hat, offen zu reden und aufeinander zu hören. Dabei hat er selbst ein Beispiels als Zuhörer in der Synode gegeben.

Das ist auch das Anliegen des Dialog- und Gesprächsprozesses, den ich in unserer katholischen Kirche in Deutschland angestoßen habe. Was uns bewegt und was wir an Sorgen, aber auch an

Perspektiven sehen, wollen wir voneinander und miteinander hören und aufnehmen. Es gilt, uns im Hören aufeinander und im gemeinsamen Hören auf Gott von ihm den Weg zeigen und führen zu lassen. Im Hören aufeinander entdecken und beleben wir neu die communiale und kollegiale, die synodale und partizipative Dimension unserer Kirche. Papst Franziskus ermutigt dazu und geht voran.

[1] EG 27 unter Bezug auf Thomas von Aquin, Summa Theologiae I-II, q. 108,a.1

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