Veröffentlicht am 30. Oktober 2017 In Dilexit ecclesiam

Ein Papst, der ganz bei Jesus ist

INTERVIEW mit Rektor Egon M. Zillekens •

Von Montag, 23. Oktober bis Freitag, 27. Oktober 2017, waren die Mitglieder des Generalpräsidiums zur jährlichen Klausurtagung in Rom. Von der Begegnung mit Kardinal Farrell, dem Präsidenten des Dikasteriums für Laien, Familie und Leben, wurde bereits ein offizieller Bericht veröffentlicht, die Fotos der Begegnung mit Papst Franziskus (aus dem Osservatore Romano)  bei und nach der Frühmesse in Santa Marta und der Text der Predigt gehen bereits um die Welt.

Unmittelbar nach der Rückkehr aus Rom stand Rektor Egon M. Zillekens der Redaktion von schoenstatt.org für ein Interview zur Verfügung.

Wie haben Sie die Begegnung mit Kardinal Kevin Farrell, dem Präfekten des Dikasteriums für Laien, Familie und Leben, erlebt? Was ist Ihnen dabei besonders wichtig geworden?

Kardinal Kevin Farrell kannte Schönstatt nicht – das war die erste Überraschung. In seiner Tätigkeit als Priester und Bischof in Washington und Dallas sei ihm Schönstatt nicht begegnet.

Als wir uns und unsere Gemeinschaften ihm in einer ersten Runde vorgestellt hatten, war es für mich besonders beeindruckend, wie er über das Ziel und die Aufgabe sprach, die Laien zu stärken und für ihre Aufgabe in der Kirche vorzubereiten, und wie er dann sagte: Das war das große Ziel des Konzils, und das haben Sie in Schönstatt schon vor 100 Jahren erkannt und in Angriff genommen. Da sagt der Leiter vom neuen Dikasterium für Laien, Familie und Leben bei seiner allerersten Begegnung mit Schönstatt: Pater Kentenich hat das Konzil vorweggenommen.

Er hat sehr deutlich ausgeführt, dass es in einer Kirche, in der es immer weniger Priester gibt und die immer stärker aus der persönlichen Überzeugung und Entscheidung der einzelnen Christen in der Welt stehen und wirken muss, nur über die Laien und die Familien geht.

Er sprach von seiner eigenen Familie, und das steht ja für das, was wir alle erleben: Da gehen vielleicht die Kinder noch mit zur Kirche, aber die Enkel?

Darum betone Papst Franziskus immer wieder diese drei Momente: die Laien, die Jugend und die Familien.

Kardinal Farrell hat sehr aufmerksam zugehört, als unsere Familien von Bund und Verband von ihren Initiativen im Bereich von Ehe und Familie sprachen. Er hat uns gesagt, Ehevorbereitung, Ehebegleitung und Familientrainerausbildung seien wichtig, denn „wir Priester sind nun einmal wenig glaubwürdig in der Vorbereitung und Begleitung von Paaren“, und darum müssten „Paare die Paare vorbereiten“ – und diese Paare, die andere begleiten, brauchen Vorbereitung und Begleitung. Mich hat sehr beeindruckt, als er sagte, die vielleicht größte „Sünde“ der Kirche seit dem Konzil sei gewesen, Paare und Familien nicht genügend vorbereitet und begleitet zu haben.

Als Geschenk hat der Kardinal von uns unter anderem auch das Buch mit der Ansprache von Papst Franziskus bei der Audienz am 25. Oktober 2014 erhalten, in Spanisch und Englisch. Unter dem Thema „Familie“ hat der Papst uns damals ja genau die Punkte ans Herz gelegt, die der Kardinal jetzt bei dieser Begegnung angesprochen hat.

Später erst ist uns aufgefallen, dass wir genau am Jahrestag der Audienz, am 25. Oktober, bei Kardinal Farrell waren, drei Jahre nach der Audienz beim Papst.

Foto: Zillekens

Wie war es, bei dieser Begegnung „unseren“ Pater Alexandre als Sekretär des Dikasteriums dabei zu haben?

Das war schon etwas Besonderes. Mir ist Pater Alexandre gleich bei unserer Ankunft über den Weg gelaufen, und das war sofort ganz vertraut, wir waren uns ja erst Ende August begegnet und hatten über seine neue Aufgabe gesprochen. Wir waren alle nach der Begegnung mit dem Kardinal im Büro von Pater Alexandre und haben miteinander auch die sehr schöne Kapelle angeschaut, in der es eine kostbare Blut-Reliquie von Papst Johannes Paul II. gibt.

Die Darstellung hinter dem Altar in der Kapelle von einem aufgehenden Samenkorn, das reiche Frucht bringt, passt genau an diesen Ort.

Wie haben Sie persönlich die Begegnung mit Papst Franziskus erlebt?

Wir waren schon vor 6.00 Uhr da, alles war noch zu! Um diese Uhrzeit war noch kein Verkehr in Rom, und die Fahrt von Belmonte aus zum Vatikan war in gut 25 Minuten geschafft. Um 6.00 Uhr gingen dann die ersten Barrieren vor dem Tor auf, es gab die üblichen gründlichen Kontrollen, und um halb sieben ging es in die Kapelle. Für mich war da gleich die erste große Überraschung und Freude, als wir den neuen Hauptgeschäftsführer von Adveniat, Pater Michael Heinz SVD, und seinen Vorgänger, Bernd Klaschka trafen, mit dem ich zur gleichen Zeit Missionar in Lateinamerika war. Natürlich kam gleich die Rede auf dessen Vorgänger, Schönstatt-Pater Dieter Spelthahn. Als dieser als junger Priester in La Plata war, kam Pater Juan Pablo Catoggio zu Schönstatt– da war gleich eine Brücke geschlagen. Es waren ca. 15 Priester für diese Messe gekommen, drei Bischöfe. Einige Ordner haben uns die Plätze zugewiesen und sehr deutlich gemacht, dass jetzt niemand mehr Fotos machen dürfe. Einer der Ordner lud Herrn Kanzler und Herrn Neiser ein zum „picccolo servizio“, sie sollten bei der Gabenbereitung Wein und Wasser zum Altar bringen und die Händewaschung übernehmen. Nachher beim Frühstück wurde darüber viel gescherzt, dass sie nun „clericetti“, kleine Kleriker, seien – und keiner von beiden war je Messdiener!

Dann warteten wir auf den Papst…

Wie habe ich den Papst erlebt? In mehreren ganz verschiedenen Aspekten.

Ein meditativer Priester, sehr nah bei Jesus

Da kommt der Papst aus der Sakristei zur Messe, etwas gebeugt, mit schwerem Schritt, so unauffällig und bescheiden, wie ein einfacher alter Mitbruder. Er kommt einem ja so nah durch die vielen Dinge, die veröffentlicht werden…

Ich dachte an seinen Kommentar vor dem Konklave, dass nach dem reisenden Papst und dem gelehrten Papst nun ein Papst kommen müsse, der Dinge umsetzen und ganz nahe bei Jesus sein müsse.

Und dann geht er zum Ambo und da ist da eine ganz andere Person:

Lebendig, leidenschaftlich pastoral – der Pfarrer von Santa Marta

Er redet frei über die Texte der Tageslesung und wird dabei lebendig wie ein Pfarrer, der zu einer vertrauten Gemeinde spricht. Der Osservatore Romano nennt die Rubrik mit den Texten seiner Morgenmessen „Der Pfarrer von Santa Marta“. Das stimmt! Er ist da ganz leidenschaftlich und lebendig pastoral.

Danach folgte eine sehr ehrfürchtige, fromme Eucharistiefeier, in Ruhe und Ergriffenheit, und dann eine lange Danksagung, zu der sich der Papst in seinem weißen Talar auf einen einfachen Stuhl setzt mit Blick auf das Bild der Gottesmutter. Wir blieben alle ganz still, besonders der Mann, der plötzlich den Papst neben sich sitzen hatte!

Pflichterfüllung. Das macht er dann auch.

Nach der Messe kommt dann der Moment, wo der Papst jedem die Hand gibt, da sind dann die beiden Fotografen da und der Papst wird, ja, wie soll ich sagen, dahingeschoben, wo er stehen soll und wo dann alle in einer Reihe aufgestellt zum Händeschütteln kommen. Das wirkte auf mich wie ein Akt der Pflichterfüllung, die er unzählige Male macht.

Doch dann kommen die persönlichen Begegnungen, und die Zeit bleibt stehen.

Er hört jedem zu, er nimmt sich für jeden persönlich Zeit. Wir Schönstätter haben die anderen vorgelassen und gewartet, aber es wurde uns dann auch klargemacht: Jeder einzeln geht zum Papst.

Der erste war Pater Juan Pablo Catoggio, da gab es eine herzliche, freundschaftliche Umarmung. Er hat dem Papst ein Himmelwärts auf Spanisch geschenkt und eine Karte, auf der wir alle unterschrieben haben.

Der zweite oder dritte danach war ich. Ich hatte das Buch „Mit Maria leben“ dabei, habe ihm die Hand gegeben, in die Augen geschaut, das Buch nach vorne gehalten und ihm auf Spanisch gesagt: „Das gibt es jetzt auch auf Deutsch, das haben wir übersetzt!“ Da war ein Augenblick der Stille, er schaute sich das Buch genau an, für mich hatte er präsent, welches Buch das ist. Dann machte eine kleine Verbeugung und sagte auf Deutsch: „Danke schön“. Das war alles sehr spontan und sehr nah.

Nachdem ihm dann alle nacheinander die Hand gegeben hatten, wollten wir noch ein Gruppenfoto mit ihm, das hat er dann wie immer sehr gerne getan.

Am Schluss sagte er: „Betet für mich!“, und eine aus dem Präsidium antwortete spontan: „Das tun wir wirklich!“ Das kam so witzig heraus, dass alle anfingen zu lachen, auch Papst Franziskus hat richtig herzhaft gelacht, und in diesem Lachen kam der Satz: „A favor de mi o en contra de mi?“ Für oder gegen mich? Wir haben alle laut gelacht.

Und dann kam mir sofort die Frage: Warum sagte er gerade uns das? War das einfach ein Scherz oder war das mehr? Ich persönlich fühle mich von dieser Frage angesprochen, für mich war das mehr als ein Scherz oder eine Redensart.

Danach waren wir bei den Marienschwestern im Cor Ecclesiae-Heiligtum und haben dankbar das Magnificat gesungen und bekamen von den Schwestern dann ein ausgezeichnetes Frühstück.

Foto: Osservatore Romano

Gab es noch weitere Begegnungen in dieser Woche?

Ja, wir waren zu Gast bei der Gemeinschaft Sant`Egidio und wurden von ihrem Generalsekretär, Cesare Zucconi, empfangen. Was diese junge Gemeinschaft leistet, ist erstaunlich – zuletzt war sie ja Ausrichter des Weltfriedenstreffens „Paths of Peace“ in Münster, zu dem auch Bundeskanzlerin Merkel erschienen war. Diese Gemeinschaft hat Waffenstillstände und Friedensabkommen ausgehandelt und ist eine der führenden Stimmen in der Frage der Abschaffung der Todesstrafe und bei der Flüchtlingspolitik. Das politische Engagement ist aber nur die eine Seite. Dahinter steht die Idee der Freundschaft mit den Armen, und das ganz konkret mit der Bedingung, dass jeder einen Freund unter den Armen hat. Das geht nur im Gebet, und so ist das tägliche Abendgebet, überhaupt das Gebet bei Sant’Egidio, einer Gemeinschaft, die wie Schönstatt auch von Jugendlichen gegründet wurde, ganz zentral.

Deutlich habe ich die Freundschaft zwischen Don Cesare und Pater Heinrich Walter wahrgenommen, die ja seit Jahren bei „Miteinander für Europa“ zusammenarbeiten. Beeindruckt haben mich auch die Räumlichkeiten eines ehemaligen Klosters, in denen Sant’Egidio zu Hause ist.

Mir sind die Nähe, aber auch die Verschiedenheit unserer Bewegungen aufgefallen.

Persönlich nehme ich ein Wort von Don Cesare mit: „Alles geht nur im Dialog“.

Foto: Zillekens

Wie haben Sie Belmonte erlebt? Es sind ja nur noch drei Wochen bis zur offiziellen Eröffnung des Tagungshauses.

Wir haben diesmal schon im Haus wohnen können und uns wohl gefühlt.

Jeden Abend war eine Anbetung im Heiligtum.

Am letzten Abend hat die kleine Schönstattbewegung von Belmonte eine Marienandacht vorbereitet, und danach gab es einen Abend mit Klaviermusik, Tanz, Gesang, Wein und Pizza. Der Heimatbischof von Rektor Marcelo Cervi war da, auch seine Eltern. Es war eine richtig gute, gelöste Stimmung, und so haben wir auch die Tage insgesamt in Rom als Generalpräsidium erlebt, in einem guten, offenen Klima.

Es waren an dem Tag (26.10.2017) genau 52 Jahre seit der Begehung des Geländes durch Pater Kentenich , aus diesem Anlass wurde ein Text von Weihbischof Tenhumberg darüber vorgelesen.

Foto: Zillekens

Was geschieht eigentlich thematisch auf solchen Klausurtagungen des Generalpräsidiums?

Dazu wird es einen eigenen Bericht der internationalen Koordinierungsstelle geben, dem ich hier nicht vorgreifen möchte.

Herzlichen Dank, Rektor Zillekens, für das Interview!

Ein Feuer, das Veränderung fordert: Begegnung von Papst Franziskus mit dem Generalpräsidium Schönstatts

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2 Responses

  1. Ich kann auch ohne Papstraudience leben. Denn das Buch, das Egon dem Papst geschenkt „Mit Maria Leben“ wiegt 100 Papstaudiencen auf. Mit diesem Besuch habe ich auch endlicheinen Zugang zu den päpstlichen Schreiben bekommen. Den grössten Teil des Buches habe ich in Französich übersetzt für meine „Hirtentache“ hier am Begegnuns-Bildungs- und Wallfahrtszentrum von Marza-Ngaoundéré. Es ist wie ein Rezeptbuch für die Errichtung eines neuen Nationalheiligtums und zugleich ein Schlüssel zum besser Verständnis der schönstättischen Spiritualität.

  2. Ich staune über die Menschlchkeit des Umgehens miteinander: Nichts Steifes, nichts Zeremonielles. Und das alles ging von Franziskus aus .
    Ich beneide das Generalpräsidium, das das erleben durfte. Wir haben doch den richtigen Papst! Die Vorgänger warten sehr verschieden . Jeder hatte seine originelle Aufgabe, ja Sendung.

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