Veröffentlicht am 2015-11-12 In Franziskus - Botschaft

Familie ist Fitnesscenter für das Training der gegenseitigen Vergebung

FRANZISKUS IN ROM •

In seiner Katechese in der Generalaudienz am ersten Mittwoch im November auf dem Petersplatz, wie immer in Gegenwart von Tausenden von Pilgern, sprach Papst Franziskus erneut über die Familie, diesmal über die Familie als Lernort gegenseitigen Vergebens und Verzeihens, ohne das Liebe nicht von Dauer sein kann.

Franziskus bezog sich auf die Bischofssynode über Berufung und Sendung der Familie im Leben von Kirche und Gesellschaft und betonte, die Synode sei ein Gnadenereignis gewesen, an dessen Ende die Synodenväter ihm den Text übergeben hätten, der ihre Schlussfolgerungen enthalte. Ein Text, so der Heilige Vater, der veröffentlicht werden sollte (in Italienisch liegt er bereits vor), damit alle teilhabne könnten an der Arbeit an diesem Thema in den vergangenen zwei Jahren. Er selbst, so der Papst, denke noch nach über die weiteren Schlussfolgerungen.

Doch in der Zwischenzeit bleibe das Leben nicht stehen, besonders das Leben der Familien nicht, die immer in Bewegung seien und unaufhörlich auf den Seiten des realen, konkreten Lebens die Schönheit des Evangeliums in ihrem Lebensraum schrieben. „In einer Welt, in der das Leben und die Liebe immer mehr vertrocknen, sprecht ihr Tag für Tag von der großen Gabe von Ehe und Familie.“

 

Vollständiger Text der Katechese von Papst Franziskus:

Die Familie – 31. Gegenseitige Vergebung

Liebe Brüder und Schwestern,

guten Tag!

Die Generalversammlung der Bischofssynode, die vor kurzem beendet wurde, hat eingehend über die Berufung und Sendung der Familie im Leben der Kirche und der Gesellschaft von heute nachgedacht. Es war ein Gnadenereignis. Am Ende haben die Synodenväter mir den Text mit ihren Schlussfolgerungen überreicht. Ich wollte, dass dieser Text veröffentlicht wird, damit alle teilhaben können an der Arbeit, mit der wir uns zwei Jahre lang gemeinsam befasst haben. Dies ist nicht der Augenblick, um diese Schluss­folgerungen zu analysieren; ich muss selbst im Gebet darüber nachdenken.

In der Zwischenzeit bleibt das Leben nicht stehen, insbesondere das Leben der Familie bleibt nicht stehen! Ihr, liebe Familien, seid immer unterwegs. Und unablässig zeigt ihr im Buch des konkreten Lebens bereits die Schönheit des Evangeliums der Familie auf. In einer Welt, in der das Leben und die Liebe zuweilen verdorren, sprecht ihr jeden Tag von dem großen Geschenk der Ehe und der Familie.

Heute möchte ich diesen Aspekt hervorheben: Die Familie ist eine große Trainingsstätte für die gegenseitige Hingabe und Vergebung, ohne die keine Liebe lange andauern kann. Wenn man sich einander nicht hinschenkt und einander nicht vergibt, bleibt die Liebe nicht, dauert sie nicht an. In dem Gebet, das Jesus selbst uns geschenkt hat – also im Vaterunser –, lässt er uns den Vater bitten: »Vergib uns unsere Schuld, wie auch wir vergeben unsern Schuldigern.« Und am Ende erläutert er: »Denn wenn ihr den Menschen ihre Verfehlungen vergebt, dann wird euer himmlischer Vater auch euch vergeben; wenn ihr aber den Menschen nicht vergebt, dann wird euch euer Vater eure Verfehlungen auch nicht vergeben« (Mt 6,12.13-14). Man kann nicht leben, ohne einander zu vergeben, oder zumindest kann man dann nicht gut leben, besonders in der Familie. Jeden Tag fügen wir einander Unrecht zu. Wir müssen diese Fehler, die unserer Schwachheit und unserem Eigennutz geschuldet sind, in Betracht ziehen. Es wird jedoch von uns verlangt, die Wunden, die wir einander zufügen, sofort zu heilen, und die Fäden, die wir in der Familie zerreißen, unverzüglich wieder zu knüpfen. Wenn wir zu lange warten, wird alles schwieriger. Und es gibt ein einfaches Geheimnis, um Wunden zu heilen und Anklagen aufzuheben. Es ist dies: den Tag nicht zu Ende gehen lassen, ohne um Entschuldigung zu bitten, ohne Frieden zu schließen zwischen Ehemann und Ehefrau, zwischen Eltern und Kindern, zwischen Brüdern und Schwestern… zwischen Schwiegertochter und Schwiegermutter! Wenn wir lernen, unverzüglich um Entschuldigung zu bitten und einander zu vergeben, dann heilen die Wunden, die Ehe wird gestärkt und die Familie wird zu einem Haus, das immer solider wird und den Erschütterungen unserer kleinen und großen Schlechtigkeiten widersteht. Und dazu bedarf es nicht großer Worte, sondern es genügt eine Liebkosung: eine Liebkosung, und alles ist vorbei und beginnt neu. Lasst den Tag jedoch nicht im Krieg enden!

Wenn wir lernen, so in der Familie zu leben, dann tun wir es auch außerhalb von ihr, wo auch immer wir sind. Darüber entsteht leicht Skepsis. Viele – auch unter den Christen – meinen, es sei übertrieben. Es heißt: Ja, das sind schöne Worte, aber es ist unmöglich, sie in die Tat umzusetzen. Gottlob ist es aber nicht so. Denn gerade wenn wir die Vergebung Gottes empfangen, sind wir unsererseits fähig, Anderen zu vergeben. Daher lässt Jesus uns jedes Mal, wenn wir das Vaterunser beten, also jeden Tag, diese Worte wiederholen. Und in einer zuweilen unbarmherzigen Gesellschaft ist es unverzichtbar, dass es Orte wie die Familie gibt, wo man lernt, einander zu vergeben.

Die Synode hat auch in dieser Hinsicht unsere Hoffnung neu belebt: Zur Berufung und Sendung der Kirche gehört die Fähigkeit, zu vergeben und sich gegenseitig zu verzeihen. Die Vergebung bewahrt die Familien nicht nur vor der Trennung, sondern versetzt sie auch in die Lage, der Gesellschaft zu helfen, weniger schlecht und weniger grausam zu sein. Ja, jede Geste der Versöhnung repariert die Risse im Haus und stärkt seine Mauern. Die Kirche, liebe Familien, steht euch stets zur Seite, um euch zu helfen, euer Haus auf dem Fels zu bauen, wie Jesus gesagt hat. Und wir dürfen folgende Worte nicht vergessen, die dem Gleichnis vom Haus unmittelbar vorausgehen: »Nicht jeder, der zu mir sagt: Herr! Herr!, wird in das Himmelreich kommen, sondern nur, wer den Willen meines Vaters im Himmel erfüllt.« Und er fügt hinzu: »Viele werden an jenem Tag zu mir sagen: Herr, Herr, sind wir nicht in deinem Namen als Propheten aufgetreten und haben wir nicht mit deinem Namen Dämonen ausgetrieben …? Dann werde ich ihnen antworten: Ich kenne euch nicht« (Mt 7,21-23). Das ist zweifellos ein hartes Wort, das uns aufrütteln und zur Umkehr rufen soll.

Ich versichere euch, liebe Familien: Wenn ihr fähig seid, immer entschiedener den Weg der Seligpreisungen zu gehen, indem ihr lernt und lehrt, einander zu vergeben, dann wird die ganze große Familie der Kirche immer mehr in der Lage sein, Zeugnis zu geben von der erneuernden Kraft der Vergebung Gottes. Sonst werden wir vielleicht schöne Predigten halten und vielleicht auch den einen oder anderen Teufel austreiben, aber am Ende wird der Herr uns nicht als seine Jünger anerkennen, weil wir nicht fähig waren, zu vergeben und uns von anderen vergeben zu lassen!

Die christlichen Familien können wirklich viel für die heutige Gesellschaft und auch für die Kirche tun. Daher wünsche ich, dass die Familien im Jubiläum der Barmherzigkeit den Schatz der gegenseitigen Vergebung wiederentdecken. Beten wir darum, dass die Familien immer mehr in der Lage sein mögen, konkrete Wege der Versöhnung zu leben und zu schaffen, auf denen niemand sich der Last seiner Schuld hilflos ausgesetzt fühlt.

Mit diesem Anliegen wollen wir gemeinsam sprechen: »Vater unser, vergib uns unsere Schuld, wie auch wir vergeben unsern Schuldigern.« [Sprechen wir gemeinsam: »Vater unser, vergib uns unsere Schuld, wie auch wir vergeben unsern Schuldigern.«]

(Orig. ital. in O.R. 5.11.2015, Übersetzung von Osservatore Romano)

 

 

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