Veröffentlicht am 1. September 2018 In Kirche - Franziskus - Bewegungen

Laudato Si‘ – Unser gemeinsames Haus und die Zukunft des Lebens auf der Erde

VATIKAN, Redaktion

Das Dikasterium für den Dienst zugunsten der ganzheitlichen Entwicklung des Menschen hat bereits im Juli ein Video veröffentlicht, das die Anliegen und Ergebnisse des Internationalen Symposiums „Unser gemeinsames Haus und die Zukunft des Lebens auf der Erde“, die am 5./6. Juli 2018 aus Anlass des dritten Jahrestages der Veröffentlichung der Enzyklika Laudato Si‘ stattgefunden hatte.  Wir veröffentlichen den Text heute, am 1. September, dem Weltgebetstag für die Schöpfung. Und wir tun es mit besonderer Freude, weil die Koordination und Gestaltung des Videos und der begleitenden Pressetexte in der Hand von Dr. Pamela Fabiano vom Dikasterium für den Dienst zugunsten der ganzheitlichen Entwicklung des Menschen; sie ist Mitgründerin der Schönstattjugend Italiens und Mitglied der internationalen Redaktion von schoenstatt.org. 

 

Video: Konferenz Laudato Si‘ (englisch)

Die Einladung des Papstes: Arbeiten für einen  „radikalen Wandel“

„Ich hoffe daher, dass diese Sorge um den Zustand unseres gemeinsamen Hauses zum organischen und gemeinsamen ganzheitlichen ökologischen Handeln wird“, sagte Papst Franziskus vor den gut 400 Teilnehmern am 2. Arbeitstag des Symposiums. „All dieses Handeln setzt eine Veränderung auf tieferer Ebene voraus, also einen Herzenswandel, einen Wandel des Gewissens. Der heilige Johannes Paul II. sagte: »Daher muss jene ›ökologische Umkehr‹ angeregt und unterstützt werden…« (Generalaudienz, 17. Januar 2001; in O.R. dt., Nr. 4, 26.1.2001, S. 2). Dabei haben die Religionen, insbesondere die christlichen Kirchen, eine Schlüsselrolle zu spielen. Der Weltgebetstag für die Bewahrung der Schöpfung und die damit verbundenen Initiativen, die innerhalb der Orthodoxen Kirche ins Leben gerufen wurden, verbreiten sich in den christlichen Gemeinden in aller Welt.“.

 

Hier der vollständige Text der Ansprache (Übersetzung von Osservatore Romano)

Meine Herren Kardinäle,

Eminenz,

liebe Brüder und Schwestern,

sehr geehrte Damen und Herren!

Anlässlich der Internationalen Konferenz, die zum dritten Jahrestag der Veröffentlichung der Enzyklika Laudato si’ über die Sorge für das gemeinsame Haus einberufen wurde, heiße ich Sie alle herzlich willkommen. In besonderer Weise möchte ich Seine Eminenz, Erzbischof Zizioulas, begrüßen. Er hat mit Kardinal Turkson, beide gemeinsam, vor drei Jahren die Enzyklika vorgestellt. Ich danke Ihnen, dass Sie zusammengekommen sind, um die immer beängstigenderen Schreie der Erde und ihrer Armen auf der Suche nach Hilfe und Verantwortung »mit dem Herzen zu hören« und Zeugnis zu geben von der großen Notwendigkeit, den Aufruf der Enzyklika zu einem Wandel, einer ökologischen Umkehr, anzunehmen. Sie bezeugen die unaufschiebbare Verpflichtung, konkret zu handeln, um die Erde und das Leben auf ihr zu retten, ausgehend von der Überzeugung, dass »alles miteinander verbunden ist«, dem Leitkonzept der Enzyklika, auf der Grundlage der ganzheitlichen Ökologie.

Auch unter diesem Aspekt können wir den Ruf verstehen, den Franz von Assisi in der kleinen Kirche von San Damiano vom Herrn empfangen hat: »Geh und stelle mein Haus wieder her, das, wie du siehst, ganz verfallen ist.« Heute muss auch das »gemeinsame Haus«, das unser Planet ist, dringend wiederhergestellt und ihm eine nachhaltige Zukunft gewährleistet werden.

Unhaltbarer Lebensstil

In den letzten Jahrzehnten hat die Wissenschaftsgemeinschaft in diesem Sinne immer genauere Gutachten erarbeitet. »Der Rhythmus des Konsums, der Verschwendung und der Veränderung der Umwelt hat die Kapazität des Planeten derart überschritten, dass der gegenwärtige Lebensstil, da er unhaltbar ist, nur in Katastrophen enden kann, wie es bereits periodisch in verschiedenen Regionen geschieht« (Enzyklika Laudato si’, 161). Es besteht die konkrete Gefahr, den zukünftigen Generationen Trümmer, Wüsten und Abfall zu hinterlassen.

Ich hoffe daher, dass diese Sorge um den Zustand unseres gemeinsamen Hauses zum organischen und gemeinsamen ganzheitlichen ökologischen Handeln wird. Denn »die Abschwächung der Auswirkungen des derzeitigen Ungleichgewichts hängt davon ab, was wir jetzt tun« (ebd.). Die Menschheit hat die Kenntnisse und die Mittel, um zu diesem Ziel zusammenzuarbeiten und die Erde verantwortungsbewusst »zu bebauen und zu hüten«. In diesem Zusammenhang ist es bedeutsam, dass Ihre Diskussion auch einige Schlüsselereignisse des laufenden Jahres betrifft.

Der UN-Klimagipfel COP24, der für den kommenden Dezember in Katowice (Polen) geplant ist, kann ein Meilenstein auf dem Weg sein, der vom Übereinkommen von Paris im Jahr 2015 vorgezeichnet wurde. Wir alle wissen, dass für die Umsetzung dieses Abkommens viel getan werden muss. Alle Regierungen sollten sich bemühen, die in Paris übernommenen Verpflichtungen einzuhalten, um die schlimmsten Folgen der Klimakrise zu vermeiden. »Die Reduzierung von Treibhausgas verlangt Ehrlichkeit, Mut und Verantwortlichkeit vor allem der Länder, die am mächtigsten sind und am stärksten die Umwelt verschmutzen« (ebd., 169). Wir können es uns nicht erlauben, in diesem Prozess Zeit zu verlieren.

Außer den Staaten sind auch andere Handlungsträger angesprochen: Örtliche Autoritäten, Gruppen der Zivilgesellschaft, wirtschaftliche und religiöse Institutionen können die Kultur und die Praxis der ganzheitlichen Ökologie fördern. Ich hoffe, dass Ereignisse wie zum Beispiel der globale Klimagipfel »Global Climate Action Summit«, der vom 12. bis zum 14. September in San Francisco geplant ist, mit der Unterstützung von Interessenverbänden von Bürgern in allen Teilen der Welt angemessene Antworten bieten werden. Zusammen mit Seiner Heiligkeit, dem Ökumenischen Patriarchen Bartholomaios, habe ich gesagt, »dass es keine echte und nachhaltige Lösung zur Veränderung der ökologischen Krise und des Klimawandels gibt, wenn wir keine übereinstimmende und gemeinsame Antwort geben, wenn wir nicht zusammen Verantwortung und Rechenschaft übernehmen, wenn wir nicht der Solidarität und dem Dienst den Vorzug geben« (Botschaft zum Weltgebetstag für die Bewahrung der Schöpfung, 1. September 2017; in O.R. dt., Nr. 36, 8.9.2017, S. 7).

Auch die Finanzeinrichtungen spielen eine wichtige Rolle, sowohl als Teil des Problems als auch seiner Lösung. Im Finanzwesen ist ein Paradigmenwechsel notwendig, um die ganzheitliche Entwicklung des Menschen zu fördern. Die internationalen Organisationen, wie zum Beispiel der Internationale Währungsfonds und die Weltbank, können wirkkräftige Reformen für eine inklusivere und nachhaltigere Entwicklung fördern, in der Hoffnung, dass »das Finanzwesen […] dann wieder ein auf die bessere Vermögensschaffung und auf die Entwicklung zielgerichtetes Instrument werden« kann (Benedikt XVI., Enzyklika Caritas in veritate, 65) – ebenso wie auf die Bewahrung der Umwelt.

All dieses Handeln setzt eine Veränderung auf tieferer Ebene voraus, also einen Herzenswandel, einen Wandel des Gewissens. Der heilige Johannes Paul II. sagte: »Daher muss jene ›ökologische Umkehr‹ angeregt und unterstützt werden…« (Generalaudienz, 17. Januar 2001; in O.R. dt., Nr. 4, 26.1.2001, S. 2). Dabei haben die Religionen, insbesondere die christlichen Kirchen, eine Schlüsselrolle zu spielen. Der Weltgebetstag für die Bewahrung der Schöpfung und die damit verbundenen Initiativen, die innerhalb der Orthodoxen Kirche ins Leben gerufen wurden, verbreiten sich in den christlichen Gemeinden in aller Welt.

Schließlich muss die Auseinandersetzung und das Bemühen um unser gemeinsames Haus zwei Personengruppen, die bei der Herausforderung einer ganzheitlichen Ökologie an vorderster Front stehen und die im Mittelpunkt der beiden kommenden Synoden der katholischen Kirche stehen werden, einen besonderen Platz vorbehalten: den jungen Menschen und den indigenen Völkern, insbesondere den Völkern des Amazonas-Gebiets.

»Die jungen Menschen verlangen von uns eine Veränderung. Sie fragen sich, wie es möglich ist, den Aufbau einer besseren Zukunft anzustreben, ohne an die Umweltkrise und an die Leiden der Ausgeschlossenen zu denken« (Laudato si’, 13). Einerseits sind es die jungen Menschen, die mit den Folgen der gegenwärtigen Umwelt- und Klimakrise konfrontiert sein werden. Bei der Solidarität zwischen den Generationen reden wir »nicht von einer optionalen Haltung, sondern von einer grundlegenden Frage der Gerechtigkeit, da die Erde, die wir empfangen haben, auch jenen gehört, die erst noch kommen« (ebd., 159).

Neue Formen des Kolonialismus

Andererseits »ist es unumgänglich, den Gemeinschaften der Ureinwohner mit ihren kulturellen Traditionen besondere Aufmerksamkeit zu widmen« (ebd., 146). Es ist traurig zu sehen, dass die Territorien der indigenen Völker enteignet und ihre Kulturen zertrampelt werden von einer ausbeuterischen Haltung, von neuen Formen des Kolonialismus, genährt von der Kultur der Verschwendung und vom Konsumismus (vgl. Bischofssynode, Amazzonia: nuovi cammini per la Chiesa e per un’ecologia integrale, 8. Juni 2018). »Denn für sie ist das Land nicht ein Wirtschaftsgut, sondern eine Gabe Gottes und der Vorfahren, die in ihm ruhen; ein heiliger Raum, mit dem sie in Wechselbeziehung stehen müssen, um ihre Identität und ihre Werte zu erhalten« (Laudato si’, 146). Wie viel können wir von ihnen lernen! Das Leben der indigenen Völker ist »lebendige Erinnerung an die Sendung, die Gott uns allen anvertraut hat: das ›gemeinsame Haus‹ zu bewahren« (Ansprache bei der Begegnung mit den Völkern Amazoniens im Freilufttheater »Madre de Dios« in Puerto Maldonado am 19. Januar 2018; in O.R. dt., Nr. 4, 26.1.2018, S. 13).

Liebe Brüder und Schwestern, es gibt zahllose Herausforderungen. Ich danke Ihnen aufrichtig für Ihre Arbeit im Dienst der Bewahrung der Schöpfung und einer besseren Zukunft für unsere Kinder und Enkel. Manchmal scheint es ein zu schwieriges Unterfangen zu sein, denn »es gibt allzu viele Sonderinteressen, und leicht gelingt es dem wirtschaftlichen Interesse, die Oberhand über das Gemeinwohl zu gewinnen und die Information zu manipulieren, um die eigenen Pläne nicht beeinträchtigt zu sehen« (Laudato si’, 54). Aber »die Menschen, die fähig sind, sich bis zum Äußersten herabzuwürdigen, können sich auch beherrschen, sich wieder für das Gute entscheiden und sich bessern« (ebd., 205). Bitte setzen Sie sich auch weiterhin ein für »eine radikale Veränderung […], die den Umständen gewachsen ist« (ebd., 171). Das Unrecht ist nicht unbesiegbar (vgl. ebd., 74).

Der heilige Franz von Assisi möge Sie auf diesem Weg weiterhin inspirieren und leiten, und »mögen unsere Kämpfe und unsere Sorgen um diesen Planeten uns nicht die Freude und die Hoffnung nehmen« (ebd., 244). Im Grunde ruht das Fundament unserer Hoffnung auf dem Glauben an die Macht unseres himmlischen

Vaters. Er, »der uns zur großzügigen und völligen Hingabe zusammenruft, schenkt uns die Kräfte und das Licht, die wir benötigen, um voranzugehen. Im Herzen dieser Welt ist der Herr des Lebens, der uns so sehr liebt, weiter gegenwärtig. Er verlässt uns nicht, er lässt uns nicht allein, denn er hat sich endgültig mit unserer Erde verbunden, und seine Liebe führt uns immer dazu, neue Wege zu finden. Er sei gelobt« (ebd., 245).

Ich segne Sie. Und bitte vergessen Sie nicht, für mich zu beten. Danke!

(Orig. ital. in O.R. 7.7.2018)

Die zweitägige Konferenz im Vatikan hat mit dringenden Aufrufen zum Handeln beim Umweltschutz einschließlich des Klimawandels aufgerufen. In Gegenwart von Papst Franziskus und Teilnehmern der UNO, Politikern verschiedener Länder, indigener Aktivisten und zahlreicher Jugendlicher suchte die Konferenz nach gemeinsamen Linien für ein entschiedenes Handeln zur Bewahrung der Schöpfung. Der Aufruf von Papst Franziskus, das »gemeinsame Haus«, das unser Planet ist, wiederherzustellen, fand starkes Echo.

Eine eigene Webseite ist online, auf der das Material der Konferenz allen zugänglich ist: Reden und Beiträge, Videomitschnitte, das ausführliche Programm, Fotos und vieles mehr. Die Webseite ist in englisch, das auch Konferenzsprache war.

 

Laudato Si'

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