Veröffentlicht am 6. August 2015 In Franziskus - Botschaft

Die Kirche ist aufgerufen, immer das offene Haus des Vaters zu sein: Also keine geschlossenen Türen!

FRANZISKUS IN ROM •

Bei der ersten Generalaudienz nach der Sommerpause im Juli, in der Audienzhalle gehalten wegen der glühenden Hitze in Rom, setzte Papst Franziskus seine Katechesen zum Thema Familie fort und ging diesmal darauf ein, wie die Kirche mit denen umgehen soll, die nach dem definitiven Scheitern ihrer Ehe eine neue Beziehung eingegangen sind.

Wenn ihre Situation auch dem christlichen Sakrament der Ehe widerspreche, schaue die Kirche doch mit einem mütterlichen Blick , der aus einem mütterlichen Herzen komme, auf sie – bewegt vom Heiligen Geist -, und suche immer das Heil und die Erlösung der konkreten Menschen. Darum, so Papst Franziskus, gehe es immer darum, jeden einzelnen Fall anzuschauen und die konkrete Situation zu betrachten. Und diese Situation auch einfach einmal mit den Augen kleiner Kinder anzuschauen. Bei diesem Blick spürten wir die Dringlichkeit, diese Menschen, die in diesen Situationen leben, annzunehmen. Wie sollte man denn Eltern bitten, ihre Kinder im christlichen Leben zu erziehen, wenn diese von der Gemeinschaft der Kirche entfernt seien? Bei aller Klarheit sei der Stil der Gemeinschaft und ihre Sprache wichtig, sei es notwendig, immer auf die konkrete Person zu schauen, von den Kindern aus, die am meisten leiden.

Die Familie: Wiederverheirate Geschiedene

Vollständiger Text der Katechese von Papst Franziskus, 5.8.2015

Liebe Brüder und Schwestern, guten Tag!

Mit der heutigen Katechese nehmen wir unsere Überlegungen zum Thema Familie wieder auf. Nachdem wir beim letzten Mal über die Wunden gesprochen haben, die sich in einer Familie auftun können, wenn Vater und Mutter sich nicht mehr verstehen, möchte ich unsere Aufmerksamkeit heute auf ein anderes Problem richten: Wie soll man die Menschen betreuen, die nach dem unwiderruflichen Scheitern ihrer Ehe eine neue Verbindung eingegangen sind?

Die Kirche weiß nur zu gut, dass eine solche Situation mit dem christlichen Sakrament im Widerspruch steht. Aber ihr belehrendes Auge wurzelt doch immer in ihrem mütterlichen Herzen; ein Herz, das vom Heiligen Geist beseelt ist und immer nach dem Wohlergehen und dem ewigen Heil der Menschen trachtet. Deshalb fühlt sie sich „um der Liebe willen zur Wahrheit verpflichtet“ und dazu, „die verschiedenen Situationen gut zu unterscheiden.“ So schreibt der heilige Johannes Paul II. in seinem apostolischen Schreiben „Familiaris consortio“ (Nr. 84), worin er als Beispiel den Unterschied nennt, der zwischen dem Ehepartner, der die Trennung verursacht und dem, der sie erlitten hat besteht. Diese Unterscheidung muss man in der Tat machen.

Wenn wir nun diese neuen Verbindungen mit den Augen eines kleinen Kindes betrachten – denn Kinder sind aufmerksame Beobachter – dann werden wir erkennen, wie dringend in unseren Gemeinden der Bedarf nach wirklicher Aufnahme für die Menschen ist, die in einer solchen Situation leben. Daher ist es wichtig, dass die Gemeinde sich in ihrem Verhaltensstil, in ihren Ausdrucksweisen und Gesten immer sehr einfühlsam verhält, besonders im Umgang mit den Kindern. Wie könnten wir sonst diesen Eltern dazu raten, ihre Kinder zu einem christlichen Leben zu erziehen und ihnen ein Vorbild im Glauben zu sein, wenn wir selbst sie aus der Gemeinde entfernen und wie Ausgestoßene behandeln würden? Wir müssen achtgeben, dass wir vor allem den Kindern nicht mehr Leid auflasten, als sie ohnehin schon in solcherlei Lebensumständen zu ertragen haben! Leider ist die Anzahl dieser Kinder und Jugendlichen sehr hoch. Es ist wichtig, dass sie die Kirche als aufmerksame Mutter erfahren, die immer bereit ist, allen zuzuhören und allen entgegenzukommen.

Tatsächlich ist die Kirche in den vergangenen Jahrzehnten weder taub noch untätig gewesen. Dank der Arbeit zahlreicher Hirten, die von meinen Vorgängern geleitet und bestätigt wurde, hat das Bewusstsein sehr zugenommen, dass eine brüderliche und einfühlsame Aufnahme der Getauften, die nach dem Scheitern ihrer sakramentalen Ehe eine neue Beziehung eingegangen sind, in Liebe und Wahrheit nötig ist. Diese Menschen sind ja in der Tat keine Exkommunizierten und dürfen auf keinen Fall als solche behandelt werden: Sie sind nicht exkommuniziert, sie sind nach wie vor Mitglieder der Kirche!

Papst Benedikt XVI. hat sich ebenfalls zu diesem Thema geäußert und zu aufmerksamer Unterscheidung und weiser pastoraler Begleitung aufgerufen, wohl wissend, dass es keine einfachen Lösungen gibt (vgl. Ansprache zum VII. Weltfamilientreffen, Mailand, 2. Juni 2012, Antwort Nr. 5).

Daraus ergibt sich die oft wiederholte Aufforderung der Hirten an ihre Gemeinden, sich offen und empfänglich gegenüber diesen Gläubigen zu zeigen, sie aufzunehmen und zu ermutigen, damit sie ihre Zugehörigkeit zu Christus und zur Kirche immer mehr entfalten und in ihrem konkreten Leben umsetzen, durch das Gebet, die Anhörung des Wortes Gottes, die Teilnahme an der Liturgie, die christliche Erziehung ihrer Kinder, die Nächstenliebe und den Dienst an den Armen, den Einsatz für die Gerechtigkeit und den Frieden.

Das biblische Sinnbild des Guten Hirten (vgl. Joh 10,11-18) fasst die Mission zusammen, die Jesus vom Vater empfangen hat: seinen Schäflein das Leben zu geben. Diese Haltung ist ein Vorbild für die ganze Kirche, die ihre Kinder wie eine Mutter aufnimmt, die ihr ganzes Leben für sie hingibt. „Die Kirche ist berufen, immer das offene Haus des Vaters zu sein […].“ Keine verschlossenen Türen! Keine verschlossenen Türen! Jeder kann auf irgendeine Weise am Leben der Kirche teilhaben, jeder kann der Gemeinde angehören. „Die Kirche ist […] das Vaterhaus, wo Platz ist für jeden mit seinem mühevollen Leben“ (apostolisches Schreiben „Evangelii gaudium“, Nr. 47).

In gleicher Weise sind alle Christen dazu berufen, den Guten Hirten nachzuahmen. Besonders die christlichen Familien können mit ihm zusammenarbeiten, indem sie sich um die verwundeten Familien kümmern und sie im Glaubens- und Gemeindeleben begleiten. Jeder muss im Rahmen seiner Möglichkeiten die Rolle des Guten Hirten annehmen, der alle seine Schäflein kennt und keinem von ihnen seine grenzenlose Liebe vorenthält!

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