Veröffentlicht am 3. Februar 2019 In Kentenich

Eine „erzählende Biographie“ Josef Kentenichs

DEUTSCHLAND, Mons. Dr. Peter Wolf •

Die neue Biographie von Dorothea Schlickmann über den Gründer der Schönstatt-Bewegung überrascht mit dem Untertitel (Ein Leben am Rande des Vulkans), der sich im Laufe der Lektüre als durchaus treffend erweist. Die promovierte und durch profunde Veröffentlichungen über die Gründungsgeschichte Schönstatts ausgewiesene Autorin hat eine höchst informative Biographie von Pater Kentenich vorgelegt. Sie selber nennt sie eine „erzählende Biographie“. Durch den Verzicht auf Fußnoten wird die umfangreiche Biographie gut lesbar. Gleichzeitig gibt die Autorin dem Leser die Zusage, dass erzählende Teile eng an historische Dokumente angelehnt sind. Originalzitate von Josef Kentenich sind immer kenntlich gemacht.

In vielen durchweg belegten Erinnerungen werden Licht und Schatten der Kindheit festgehalten. Offen wird über die uneheliche Geburt und ihre oft leidvollen Konse­quenzen gesprochen. Selbst eine Zeit im Waisenhaus bleibt dem jungen Kentenich nicht erspart. In einem fiktiven Brief der Mutter bringt die Autorin zur Sprache, was im Waisenhaus von Oberhausen vor der Marienstatue sich ereignet hat, und erschließt behutsam, was die „Marienweihe des Neunjährigen“ für das weitere Leben bedeuten sollte. Josef will Priester werden, was für ein uneheliches Kind damals unmöglich ist. Durch Pfarrer Savels tut sich ein Weg auf über die Pallottiner, die Missionare für Afrika ausbilden. So kommt der junge Kentenich nach Ehrenbreitstein.

Jugendkämpfe

Mit dem Beginn des Noviziates in Limburg verschärft sich die Situation für den inzwischen 19Jährigen. Es folgt die Zeit der „Jugendkämpfe“, die ihn im wahrsten Sinn an den Abgrund führen. Unmittelbar danach folgt eine Zeit lebensbedrohlicher Er­krankung (Tuberkulose). Mit Beginn des Studiums kommt für den hochbegabten Studenten die Auseinandersetzung mit dem Umbruch der neuzeitlichen Philosophie. Es ist im Kern die Frage nach der Wahrheit. Er wollte sich der Auseinandersetzung stellen und las auch Philosophen wie Kant und Schriftsteller wie Nietzsche, die auf dem Index standen. In ihm führte das zu schweren Auseinandersetzungen. Am Ende des Studiums wäre seine Zulassung zur Ewigprofess fast an der Stellungnahme eines seiner Professoren gescheitert. Am Ende blieb der Glaube für Josef Kentenich immer ein Wagnis.

Am 8.7.1910 wird Josef Kentenich in Limburg zum Priester geweiht und es folgt ein weiteres Jahr des Studiums. Nach glänzendem Abschluss des Studiums kommt er nach Ehrenbreitstein als Lehrer für Latein und Deutsch. Es ist eine Zeit, wo er erste pädagogische Erfahrung macht und einen neuen Stil im Umgang mit den Schülern auf der Basis vollen Vertrauens praktiziert. Dann folgt die Zeit als Spiritual in Schönstatt mit der Entstehung der Gründung, die kenntnisreich referiert wird.

Dem Wahnsinn die Stirn bieten

Mit dem nächsten Kapitel treten wir ein in die Zeit des Nationalsozialismus. Kentenich erkennt früh die Gefahr der braunen Ideologie und versucht besonders in Kreisen von Priestern und unter Frauen und Männern in pädagogischen Berufen Einfluss zu gewinnen und andere Akzente zu setzen. Die Biographie nennt konkrete Teilnehmer­zahlen seiner Priester-Kurse und seiner Pädagogischen Tagungen in ganz Deutschland und der Schweiz in einer Größenordnung, die in der Öffentlichkeit bisher in keiner Weise bewusst sind. Unter der Überschrift: „Dem Wahnsinn die Stirn bieten“ findet sich die Geschichte von Franz Reinisch, der als einziger Priester im Dritten Reich den Fahneneid auf Hitler verweigert hat und dafür mit dem Tod bestraft wurde. Als Einziger hat Pater Kentenich ihn in dieser Gewissensentscheidung bestärkt und beglei­tet. Im September 1941 folgen die Verhaftung Kentenichs und damit die Zeit der „Dun­kelhaft“ im Gestapogefängnis in Koblenz. Nach über vier Wochen wird er ungebrochen aus der Dunkelhaft entlassen und ins Gefängnis in der nahen Karmeliterstraße verlegt. Dort fällt die Entscheidung für die Verlegung nach Dachau.

Der Autorin gelingt es, in gedrängter Sprache die Situation des KZ Dachau realistisch vor Augen zu stellen und die Ziele der SS und Folgen der verschiedenen Maßnahmen unter den Gefangenen ins Bewusstsein zu heben. Mitten in diesen unmenschlichen Bedingungen hat die Biographie Josef Kentenich im Blick und versucht, nachzu­zeichnen, wie er mit der Realität des KZ umgegangen ist. Sie berichtet von seinem Ent­schluss, verbotenen Briefkontakt aufzunehmen und ganze Bücher in Versform zu diktieren, um aus der Ferne seine Gründung zu leiten. Mitgefangene haben ihm deshalb aus verständlicher Angst Vorwürfe gemacht.

Nach der Entlassung aus dem KZ geht der Weg zurück nach Schönstatt, wo er am 20. Mai 1945 aufs herzlichste empfangen wird. Doch er ist nicht gekommen, um sich auszuruhen und sich feiern zu lassen. Er hat noch große Pläne. Er sieht die große Aufgabe der Aufarbeitung der unendlichen Schuld, die Deutschland auf sich geladen hat. Er ist damit engagiert, seine Gemeinschaften auszugründen. Er ist befasst mit der Gründung einer Gemeinschaft von Diözesanpriestern und der Gemeinschaft der Frauen von Schönstatt. Ich stehe mit großem Respekt vor der Ehrlichkeit, mit der auch interne Schwierigkeiten im Buch angesprochen werden. Dies hilft die Entwicklung besser zu verstehen und bürgt für die Geschichtstreue der vorliegenden Biographie.

Visitation und Exil

Es folgen zwei gedrängte Kapitel zu den Spannungen mit der Kirche und dem Exil. Dorothea Schlickmann nennt vieles beim Namen. Josef Kentenich duckt sich nicht weg. Er will, dass sich der Bischof von Trier und die Bischofskonferenz mit Schönstatt befassen. Er setzte darauf, dass es zu einer „Studienkommission“ kommt. Doch statt einer „Visite“ kommt es zur „Visitation“ mit all dem, was dieses Wort an Verdächtigung auslöst. Der Schlussvortrag des Visitators bestätigt zunächst, Schönstatt sei ein Werk Gottes und stimme mit der kirchlichen Lehre überein. In der Praxis gebe es aber auch Missstände und Gefahren. Zwei Monate später kommt ein Brief des Weihbischofs, der zwar die dogmatische Übereinstimmung festhält, aber im pädagogischen Bereich er­hebliche Beanstandungen geltend macht und heftige Kritik an den Marienschwestern, an Mitarbeiter und am Gründer übt. Jetzt sieht sich der Gründer gezwungen zu han­deln. Er beginnt eine ausführliche Antwort, die sog. „Epistola perlonga“.

In den folgenden Seiten der Biographie zeigt die Autorin die weiteren Schritte zur Apostolischen Visitation auf, die Weihbischof Stein über die Religiosenkongregation in Rom erwirkt, was die Einschaltung des Heiligen Offiziums nach sich zieht. Als Visitator wird Prof. Tromp SJ ernannt. Beim Nachgespräch über die Visitation wird deutlich: man will Pater Kentenich von Schönstatt und seiner Gründung weg haben. Das Heilige Offizium drängt darauf, dass er freiwillig von allen Ämtern zurücktritt, sonst würde er nur noch im Sarg nach Europa zurückkehren. Seine Antwort lautet: Freiwillig nie! Wenn er geschickt wird sofort! Die Biographie zeigt die bittere und dunkle Situation und ihre menschliche Aussichtlosigkeit.

Dann folgen 14 Jahre des Exils. Man erfährt viel über die Zeit in Milwaukee / Wisconsin USA und über die schwierige Situation Schönstatts in Deutschland. Man erfährt von unterschrifts­reifen Plänen zur Auflösung der Gemeinschaft der Marienschwestern. Die Biographie nennt offen immer neue Vorwürfe und Anklagen gegen den Gründer. Schließlich wird das Exil zu einer Zeit, in der viele ihn als Pfarrer der deutschen Gemeinde erleben, ohne um die Geschichte der Visitation zu wissen. Er ist dort Seelsorger mit Leib und Seele. Doch dann kam die Wende in der Zeit des Konzils. Es kommt zur Verselbständigung Schönstatts auf Anordnung des Heiligen Stuhls.

„Heimkehr“

Das letzte Kapitel ist mit „Heimkehr“ überschrieben. Damit fasst die Biographie die Rückkehr aus Milwaukee und das Sterben des Gründers zusammen. Ein Telegramm, dessen Herkunft bis heute nicht vollständig geklärt ist, ruft den Gründer nach Rom. Aber dort will niemand das Telegramm abgeschickt haben. Das Telegramm bringt noch einmal höchste Gefahr für die Bemühungen um die Heimkehr des Gründers. Doch dann kommt es im Vatikan zur Entscheidung, er muss nicht mehr zurück und sein Fall wird vom Offizium an die Religiosenkongregation übergeben. Damit sind die Dekrete des Heiligen Offiziums aufgehoben. Der Gründer kommt am 24.12.1965 nach Schönstatt zurück.

Es folgen drei randvolle Jahre inmitten seiner Gründung, die er für unendlich viele Begegnungen und zur Ausgründung der Bewegung nutzt. Er stirbt am 15.9.1968 nach der ersten Eucharistiefeier in der neuerbauten Anbetungskirche, wo er am Ort seines Heimgangs beigesetzt wird. Auf seinem Sarkophag stehen die Worte DILEXIT ECCLESIAM. Die Biographie lässt erkennen, dass ihm diese Liebe zur Kirche nicht leicht gemacht wurde.

 

Josef Kentenich (Gebundene Ausgabe)
Ein Leben am Rande des Vulkans

von Dorothea Schlickmann

Verlag Herder, 2019
344 Seiten
ISBN: 978-3-451-38388-5

 

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