Veröffentlicht am 2020-02-23 In Kentenich, Kolumne - Rafael Mascayano, Zeitenstimmen

Bürgerliche Verantwortung als Katholiken, als Schönstätter

CHILE, Rafael Mascayano •

Bald werden wir in unserem Land, in Chile, vor der Entscheidung stehen, ob wir die Aufgabe eines neuen Verfassungsentwurfs übernehmen sollen oder nicht. Und hier ist es, wo es für uns als Laien und unter der Denkweise Pater Kentenichs angebracht ist, die Notwendigkeit einer Entscheidung anzunehmen, nicht zunächst, um das Für und Wider jeder einzelnen Position zu debattieren, was ebenfalls sehr hilfreich wäre, sondern vor allem, innezuhalten, zu denken, zu unterscheiden und nach Kriterien und nicht nach bloßen Emotionen zu handeln. —

Es war ein Charakteristikum von Pater Joseph Kentenich, über die soziale, politische, wirtschaftliche und kulturelle Situation jedes Ortes, den er besuchte, angemessen informiert zu sein, er stellte sogar Laien, die eine gewisse politische Verantwortung trugen, viele Fragen über diese Realitäten und versäumte nicht, sich eine Meinung zu bilden und diese auch zu äußern.

Professor Ernesto Livacic musste 1966, als er Unterstaatssekretär im Bildungsministerium war, zu einem Treffen nach Paris fahren, und er nahm sich die Zeit, Pater Kentenich zu besuchen; er berichtet über diesen Moment:

„Er stellte mir unzählige Fragen über die Bildung in Chile (mein Arbeitsbereich), über die Aktivitäten der UNESCO (bei Treffen, an denen ich in Paris teilnahm), über die Bewegung und die Familienbewegung in Chile, über die allgemeine Situation unseres Landes. Er war auf dem Laufenden bezüglich des Denkens oder aktueller Bücher, die eben erschienen waren. Er hat meine Fragen mit bewundernswerter Sicherheit, Tiefe und Genauigkeit beantwortet.“

In dieser großen Debatte, die wir in unserem Land vor uns haben, ist es normal, dass wir als Bürger verschiedene Positionen und sogar scheinbar unüberwindbare „Gräben“ einnehmen. Angesichts der Situation entstehen Gruppen, die ihre Positionen auf vernünftige Weise und mit Argumenten einbringen, und andere, die versuchen, aus purer Emotionalität ihre politischen Positionen, zu denen sie sich bekennen, zu vermitteln mit dem Ziel, Bindung an ihre Ansätze zu erzeugen. Rein emotional ist der Ausgangspunkt, wenn wir, statt durch Ideen, Argumente oder Lehrmeinungen zu sprechen oder zu diskutieren, eher mit „Meinung“, „Ängsten“, „Arroganz“, „individuellen oder Gruppeninteressen“ usw. argumentieren.

Nach welchen Kriterien treffen wir eine Entscheidung?

Pater Kentenich warnt uns ständig vor der Gefahr, sich mehr vom Emotionalen als von den Grundlagen der Dinge leiten zu lassen. Er sagt nicht, dass wir unsere Emotionen beiseite legen sollten, sondern dass wir sie durch gut fundamentierte Kriterien kanalisieren sollten, da es sonst nicht um Dialog und persönliche Bindungen geht, sondern darum, die anderen mit aller Gewalt von den eigenen Ideen zu überzeugen. Auf diese Weise verlieren wir die Fähigkeit, einander zuzuhören und von den Ideen des anderen zu lernen.

So ist es angebracht, sich klar zu machen, dass jede Verfassung im Wesentlichen eine Grundsatzerklärung ist, eine Vision der Person, der Gemeinschaft, der Art und Weise, wie die Beziehung zu den Gütern hergestellt wird und wie das Zusammenleben in diesem Land aussehen soll. Und hier entstehen die unterschiedlichen Positionen, die wir Menschen legitimerweise haben, und dazu werden Vereinbarungen, Konsens und gemeinsame Punkte gesucht. Und als Mitglieder einer Gesellschaft ist das eine Pflicht, der wir uns nicht entziehen können.

Neue kirchliche, gesellschaftliche, wirtschaftliche, politische und kulturelle Gegebenheiten rufen heute mit besonderer Intensität nach dem Engagement der Laien. Sich der Verantwortung zu entziehen, war schon immer verfehlt. Heute aber liegt darin eine noch größere Schuld. Niemandem ist es erlaubt, untätig zu bleiben (Christifideles Laici 3).

Wie ich bereits erwähnt habe, werden bei der Ausarbeitung einer Verfassung, unabhängig vom Land, zunächst Ideen über die Vision der Person, der Gesellschaft, der Beziehungen, die die verschiedenen Gruppen oder Mächte des Staates haben werden, usw. gesucht. So wurden die ältesten Verfassungen in ihrem Ursprung von den Ideen einiger Philosophen wie John Locke (Vater des Liberalismus), der gelebten Erfahrung der Beziehung zwischen König und Volk, der Nutzung des Eigentums und der Verteilung von Gütern, der Gleichheit und sozialen Gerechtigkeit und anderen relevanten Aspekten des gesellschaftlichen Zusammenlebens genährt.

Auf die eine oder andere Weise haben politische, soziale und wirtschaftliche Einflüsse wie Kapitalismus, Marxismus, Sozialismus, Sozialdemokratie die aktuellen Verfassungen der verschiedenen Länder durchdrungen, und unser Land ist davon nicht ausgenommen. Auf diese Weise entstand während der zivil-militärischen Diktatur eine neue Verfassung, in der eine entschlossene Vision der Person, der Gesellschaft, der wirtschaftlichen und sozialen Prinzipien, der Gesundheit usw. geformt wurde.

Pater Kentenich schlägt einen anderen Weg vor, nämlich  Solidarismus,  eine soziale Vision, die wir bei unserer Analyse und Entscheidungsfindung in Betracht ziehen sollten.

In der Gefolgschaft Pater Kentenichs ist es wichtig, innezuhalten, uns angemessen zu informieren, über die Grundlagen nachzudenken, die die gegenwärtige oder die mögliche nächste Verfassung vorsieht.Vom dem Prinzipien der Soziallehre der Kirche, vom sozialen Gedanken Pater Kentenichs aus auf das Thema blicken. Die Debatte von den Prinzipien her zu betrachten, statt von unseren parteipolitischen Positionen aus. Als Laien, die eine neue Gesellschaftsordnung aufbauen wollen, in der die Würde der Person und die Entwicklung ihrer Freiheit im Mittelpunkt stehen, können wir nicht nur in Sentimentalität oder mit Meinungen ohne wesentliche Grundlagen verharren. Wir müssen nach Kriterien suchen, die uns Klarheit geben als Laien, die wir diese Gesellschaft und jede Wirklichkeit, die wir berühren, aufbauen wollen.

Pater Kentenich erklärt klar und deutlich:

Jeder Mensch hat zwei Grundrechte:

Das Recht, materielle Güter zu erwerben, die seinen Bedürfnissen entsprechen.
Das Recht auf das, was für die Bildung einer Familie und ein menschenwürdiges Leben notwendig ist.

Unsere Antwort auf das Problem der sozialen Gerechtigkeit basiert nicht auf der Wirtschaft, sondern auf der Würde des Einzelnen.

Joseph Kentenich, Vortrag in Madison, 1955, unveröffentlicht.

 

Um diese Kriterien zu analysieren und zu suchen, mit denen wir unsere persönlichen Positionen konfrontieren können, möchte ich (uns Chilenen) die Dezember-Ausgabe der Zeitschrift Vinculo nachdrücklich empfehlen, insbesondere das Material unter dem Titel: „Kriterien zur Unterscheidung, Texte von Pater Josef Kentenich“, denn unabhängig von der Entscheidung, die wir bei der Abstimmung annehmen, können wir nicht umhin, zu betonen, dass sie das Ergebnis einer tiefen Unterscheidung vom Evangelium und vom Denken Pater Kentenichs her sein muss.

Gleichzeitig möchte ich die Sammlung zur Katholischen Soziallehre aus dem Patris-Verlag Chile empfehlen, darin besonders die Artikel von P. Patricio Moore und Pater Guillermo Carmona.

Pater Kentenich drängt uns in unserer Laienverantwortung und als Mitglieder unserer Gesellschaft, deshalb ist es an der Zeit, unser soziales Denken zu reflektieren und ernsthaft zu hinterfragen, um eine informierte, geformte und freie Entscheidung zu treffen.

Und vor allem die Anwendung von Pater Kentenichs Unterscheidungskriterien: Beobachten, vergleichen, von Anfang an konfrontieren und anwenden und/oder handeln.


Über den Verfasser:

Rafael Mascayano ist seit mehr als 50 Jahren in Schönstatt. Er ist Professor für Philosophie, hat als Lehrer und in Verwaltungspositionen an verschiedenen Schulen gearbeitet sowie im Bildungswesen an der Katholischen Universität von Chile und der Universität Alberto Hurtado. Er hat mehrere Artikel in Schoenstatt Vivo geschrieben und gehört zum Mitgliederkreis der Schönstatt-Familienbewegung.

 

Foto: iStock Getty Images, melecis, ID 673386868

Original: Spanisch. Übersetzung: Maria Fischer @schoenstatt.org

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