Veröffentlicht am 11. September 2014 In Urheiligtum

Wie Jesus lehrt die Mutter Kirche durch das Beispiel

org. Als gute Mutter und Erzieherin schaut die Kirche auf das Wesentliche; und das Wesentliche ist nach dem Evangelium die Barmherzigkeit, so Papst Franziskus in der Katechese bei der Generalaudienz am 10. September, auf dem Platz vor dem Heiligtum des Heiligen Petrus in Rom. In der Audienz ging es weiter um die Mütterlichkeit der Kirche, ein zentrales Thema bei Franziskus. An diesem Tag betrachtete er vor allem die Erziehung durch die Werke der Barmherzigkeit. Die Kirche lehre, so Franziskus, aber nicht theoretisch, sondern durch das Beispiel. Und es reiche nicht, die zu lieben, die auch uns lieben. Um die Welt zu verändern – und darum geht es – ist es notwendig, Gutes zu tun, ohne etwas dafür zu erwarten, wie es der Vatergott mit uns getan habe, als er uns Jesus schenkte. Und Franziskus tut, was er sagt, und erzählt die Geschichte von der Mutter, dem Bettler und dem halben Steak.

Vollständiger Text der Ansprache

Liebe Brüder und Schwestern, guten Tag,

Auf unserem Weg der Katechese über die Kirche verweilen wir heute bei der Betrachtung der Kirche als Mutter. In der vergangenen Woche betonten wir, dass die Kirche uns wachsen lässt, uns mit dem Licht und der Kraft des Wortes Gottes den Weg zum Heil weist und uns vor dem Bösen schützt. Heute möchte ich einen besonderen Aspekt dieser erzieherischen Wirkung unserer Mutter Kirche hervorheben: die Art und Weise, wie sie uns die Werke der Barmherzigkeit lehrt.

Einem guten Erzieher liegt es am Wesentlichen. Anstatt sich in Details zu verlieren, vermittelt er das, worauf es wirklich ankommt, um den Sohn oder den Schüler den Sinn und die Freude am Leben finden zu lassen. Das ist die Wahrheit. Laut dem Evangelium ist das Wesentliche die Barmherzigkeit. Das Wesentliche des Evangeliums ist die Barmherzigkeit. Gott hat seinen Sohn gesandt, Gott ist Mensch geworden, um uns zu retten; d.h., um uns seine Barmherzigkeit zu schenken. Dies betont Jesus klar und deutlich in der Zusammenfassung seiner Lehren für die Jünger: „Seid barmherzig, wie es auch euer Vater ist!“ (Lk 6,36). Gibt es einen Christen, der nicht barmherzig ist? Nein. Ein Christ muss diese Eigenschaft notwendigerweise besitzen, denn sie ist das Zentrum des Evangeliums. Die Treue zu dieser Lehre drängt die Kirche dazu, diese Worte erneut an ihre Kinder zu richten: „Seid barmherzig“, wie es der Vater ist und wie Jesus es war. Barmherzigkeit!

Die Kirche verhält sich somit wie Jesus. Sie hält keine theoretischen Vorlesungen über die Liebe, die Barmherzigkeit. Sie verbreitet nicht eine Philosophie oder einen Weg zur Weisheit in der Welt… Selbstverständlich ist das Christentum auch all das, jedoch als Folge. Die Mutter Kirche lehrt uns wie Jesus mit dem Beispiel, und die Worte dienen zur Erhellung der Bedeutung ihrer Zeichen.

Die Mutter Kirche lehrt uns, den Hungernden und Dürstenden zu essen und zu trinken zu geben, die Nackten zu bekleiden. Und wie tut sie das? Sie tut dies mit dem Beispiel vieler heiliger Männer und Frauen, die dies auf herausragende Weise geleistet haben, aber auch mit dem Beispiel vieler Familienväter und -mütter, die ihren Kindern vermitteln, dass das von uns Übriggelassene für jene bestimmt ist, denen es am Notwendigsten fehlt. Dies muss unbedingt bedacht werden. In den einfachsten christlichen Familien wurde die Regel der Gastfreundschaft stets hoch gehalten: Ein Teller und ein Bett für einen Notleidenden mussten stets vorhanden sein.

Einmal hat eine Mutter – in meiner anderen Diözese – mir erzählt, dass sie ihren Kindern das beibringen wollte, und sie sagte ihnen, dass man helfen muss und denen, die hungern, zu essen geben soll. Sie hatte drei Kinder. Eines Tages war sie mit den Dreien – der Vater war auf der Arbeit – beim Essen, die waren ganz klein, sieben, fünf und vier Jahre alt, ungefähr. Und es klingelte an der Tür und da war ein Mann, der um Essen bat.

Und die Mutter sagte zu ihm: Warten Sie einen Moment. Sie ging herein und sagte den Kindern: „Da ist ein Mann, der um Essen bittet, was machen wir jetzt?“ „Wir geben ihm was, wir geben ihm was!“ Jedes der Kinder hatte vor sich einen Teller mit Steak und Fritten. Und „Geben wir ihm zu essen, ja, ja!“ – „Sehr gut. Dann nehmen wir die Hälfte von jedem von euch und geben ihm die Hälfte vom Steak von jedem von euch.“ – „Ah nein, Mama, das geht nicht!!!“ – „Doch, so ist das. Du musst etwas von deinem Essen geben.“ Und so hat diese Mutter ihre Kinder gelehrt, nicht vom Überfluss, sondern vom Eigenen zu geben. Das ist ein wunderbares Beispiel und hat mir sehr geholfen.

„Aber mir bleibt nichts übrig…“, „Gib von deinem Eigenen“. So lehrt es die Mutter Kirche. Und ihr, ihr vielen Mütter hier auf dem Petersplatz, wisst ihr, wie ihr eure Kinder das Teilen ihres Besitzes mit den Notleidenden lehren könnt?

Die Mutter Kirche lehrt uns, jenen nahe zu sein, die krank sind. Wie viele Heilige haben Jesus auf diese Weise gedient! Und wie viele einfache Männer und Frauen setzen dieses Werk der Barmherzigkeit jeden Tag in Krankenzimmern, Pflegeheimen oder in der eigenen Wohnung in die Praxis um und stehen so einem kranken Menschen bei?

Die Mutter Kirche lehrt uns, den Inhaftierten nahe zu sein. „Aber Vater, ist das nicht gefährlich, diese Menschen sind böse“. In Wahrheit ist jedoch ein jeder von uns dazu fähig.

Jeder von uns vermag dies… Hört jetzt gut hin: Jeder von uns kann genau das tun, was der Mann oder die Frau im Gefängnis begangen hat. Wir alle besitzen die Fähigkeit zu sündigen und das gleiche zu tun, im Leben Fehler zu machen. Der betreffende Mensch ist nicht schlechter als du oder ich! Die Barmherzigkeit überwindet alle Mauern, alle Schranken und leitet uns dazu, stets nach dem Gesicht des Menschen, der Person, zu suchen. Und die Barmherzigkeit ist es, die das Herz und das Leben verwandelt, die einen Menschen erneuern und dazu befähigen kann, sich auf neue Weise in die Gesellschaft einzufügen.

Die Mutter Kirche lehrt uns, den Verlassenen und alleine Sterbenden nahe zu sein. So handelte die selige Mutter Teresa auf den Straßen von Kalkutta; und dies taten und tun nach wie vor viele Christen, die unerschrocken jenen die Hand reichen, die dieser Welt entschwinden. Auch hier schenkt die Barmherzigkeit den Aufbrechenden und Bleibenden den Frieden, indem sie uns spüren lässt, dass Gott größer ist als der Tod und dass auch die letzte Trennung ein „Wiedersehen“ ist, wenn wir in ihm verharren… Dies hat die selige Mutter Teresa gut verstanden! Man sagte zu ihr: „Mutter, so vergeuden Sie Ihre Zeit!“ Sie fand Sterbende auf den Straßen; Menschen, deren Körper die Mäuse auf den Straßen zu fressen begannen. Und sie nahm sie mit nach Hause, damit sie rein, ruhig und geborgen, in Frieden, sterben konnten. Sie sagte „auf Wiedersehen“ zu ihnen, zu all diesen Menschen… Und viele Menschen wie sie handelten gleich. Und sie warten auf sie, dort (zeigt auf den Himmel) an der Pforte, um ihnen die Pforte des Himmels zu öffnen. Es gilt, den Menschen zu einem guten Tod in Frieden zu verhelfen.

Liebe Brüder und Schwestern, so ist uns die Kirche eine Mutter. Sie lehrt ihre Kindern die Werke der Barmherzigkeit. Sie hat diesen Weg wiederum von Jesus gelernt. Sie hat gelernt, dass er das wesentliche Element zum Heil darstellt. Es reicht nicht, jene zu lieben, von denen wir geliebt werden. Jesus sagt, dass dies auch die Heiden tun. Es reicht nicht, jenen Gutes zu tun, von denen wir Gutes erfahren. Um die Welt zum Besseren zu verändern, müssen wir jenen Gutes tun, die uns dieses Gute nicht erwidern können, so wie der Vater es an uns getan hat, indem er uns Jesus schenkte. Wie viel haben wir für unsere Erlösung gegeben? Nichts, sie wurde uns geschenkt! Gutes tun, ohne uns dafür eine Gegenleistung zu erwarten. So hat es der Vater an uns getan und wir müssen es ihm gleich tun. Tue Gutes und gehe vorwärts!

Wie schön ist es, in der Kirche zu leben, unserer Mutter Kirche, die uns diese Dinge lehrt, die Jesus uns vermittelte. Danken wir dem Herrn, der uns die Gnade gab, die Kirche als Mutter zu haben. Sie lehrt uns den Weg der Barmherzigkeit, den Weg des Lebens. Danken wir dem Herrn.


Übersetzung: teilweise von Zenit.