Die Betroffenen

Veröffentlicht am 2022-10-02 In Themen - Meinungen, Zeitenstimmen

Die Betroffenen – Seelische Leidensräume in der katholischen Kirche

BRENNENDE THEMEN, Maria Fischer •

Die Analyse der missbräuchlichen Strukturen in der katholischen Kirche lenkt derzeit den Fokus hauptsächlich auf sexuellen Missbrauch, der durch Mitglieder der Institution verschuldet wurde. Bei genauerem Hinsehen zeigt sich jedoch in erschreckendem Ausmaß, dass ein ganzes Spektrum von Leidensräumen existiert, die sich auf vielfältigen Ebenen ausdrücken und nahezu alle kirchlichen Bereiche betreffen. Es ist deshalb Zeit, dass die Betroffenen zu Wort kommen. Die Betroffenen von Machtmissbrauch, von spirituellem Missbrauch in der katholischen Kirche, in Orden, Säkularinstituten, geistlichen Gemeinschaften. Sie bekommen eine Stimme in dem Anfang September im Echter-Verlag erschienenen Buch des renommierten Facharztes für Psychiatrie und Psychotherapie, Dr. Martin Flesch. —

Die Betroffenen: In diesem Buch beschreiben Missbrauchsopfer ihre Schamverletzung, ihr oft bodenloses Leiden und die Auslöschung ihrer seelischen Strukturen. Das Buch nimmt die Täterpersönlichkeiten aber analytisch ebenso in den Blick wie die Betroffenen selbst und verweist auf Strukturen, die geistlichen Missbrauch und Machtmissbrauch in der Kirche ermöglichen.

Die Dramatik des geistlichen Missbrauchs in der Kirche

Die BetroffenenDas Thema geistlichen Missbrauchs im Gewand von Missbrauch von Macht-, Einschluss-/Ausschluss, Berufungsdefinition, Gewissens, Freiheitsbeschränkung, Persönlichkeitsmanipulation, Brechen von Eigenständigkeit ist in der Tat weit weniger gegenwärtig wie das des sexuellen Missbrauchs an Minderjährigen (und erwachsenen Abhängigen). Mitten in der Pandemie veranstaltete die Katholische Akademie Dresden eine Tagung unter dem Thema „Gefährliche Seelenführer? Geistiger und geistlicher Missbrauch“. Die Dokumentation dazu ist im Herder-Verlag erschienen.

Die katholische Universität Comillas in Madrid stellt ihre diesjährige theologische Tagung (4./5.10.2022) unter das Thema: Missbrauch von Macht, Gewissen und Autorität in der Kirche. Florencia Luce beschreibt in ihrem im Januar (in Spanisch) erschienenen Buch „El canto de las horas“ („Song of hours“ | Das Stundengebet) die Machtspiele einer dominanten Oberin in einem Orden mit strenger Klausur, „in dem es nicht mehr darum ging, Gott zu gefallen, sondern der Oberin und ihren Kreisen.“

Dysmas de Lassus, Generalprior der Kartäuser, analysiert in seinem Buch Ursachen und Folgen des geistlichen Machtmissbrauchs in Orden und Geistlichen Gemeinschaften. Seine Erkenntnisse sind für die ganze Kirche relevant. „Verheißung und Verrat“ lautet der Titel. „Das Charisma ist zu einer Institution geworden. Man ist von einem Schema zu einem anderen übergegangen. Aus ‚Diese Person steht an der Spitze, weil sie Trägerin des Heiligen Geistes ist‘ wurde ‚Diese Person ist Trägerin des Heiligen Geistes, weil sie an der Spitze steht‘.“ Die „Freiheit des Heiligen Geistes“ laufe so Gefahr, zur Tyrannei zu werden“, so eine der Grundthesen des Autors. Er fordert, die Opfer zu sehen und in den Mittelpunkt zu rücken, beklagt das schwere Fehlverhalten von Ordensoberen und Gründern neuer geistlicher Gemeinschaften sowie gefährliche Formen von Gemeinschaftsleben innerhalb der Kirche. Dabei benennt er auch diagnostische Elemente, um das Gefahrenpotential verschiedener spiritueller Richtungen und Leitungsformen zu ermessen oder Fehler zu erkennen.

Leidensräume

Und nun Dr. Martin Flesch. „Leidensräume“ zeigt Leidensräume in der Kirche auf, Räume, in denen Menschen zerbrechen, Räume, in denen Menschen sich berufen oder berechtigt fühlen, andere Menschen zu brechen. Das Buch stellt die Betroffenen von geistlichem Missbrauch und die dadurch verursachten Schäden an Leib und Seele in den Mittelpunkt. Vor mehr als 20 Jahren, so der Autor, begegneten ihm die ersten Betroffenen, die zu ihm geschickt wurden oder ihn zutiefst belastet aufsuchten. Er hat lange gesammelt, beobachtet, Mosaikstein um Mosaikstein zusammengesetzt, das Gespräch mit Vorgesetzten von religiösen Gemeinschaften gesucht, seine Erfahrung als Psychiater und Psychotherapeut, seine gutachterliche Tätigkeit in kirchenrechtlichen Fragestellungen eingebracht, hat analysiert, verglichen, studiert. Es geht um die Betroffenen, die in 12 Fallgeschichten zu Wort kommen, mit allen Facetten von Wut, Verbitterung, Depression, Indoktrination, seelischer Erschöpfung, Persönlichkeitsbruch, Repression, Glaubensverlust bis hin zu suizidalen Tendenzen.

„Konkreter Missbrauch entsteht in der Regel nahezu ausschließlich auf der konkreten Handlungsebene von kommunizierenden oder agierenden Partnern“, so Flesch, „jeweils eingebettet in ganz spezifische und die missbräuchlichen Strukturen fördernde oder fixierende Situationskonstellationen. Die ganz persönliche Erfahrung von missbräuchlichen Kommunikations- und Handlungsstilen auf der emotionalen Ebene führt zu ganz persönlichen Schamverletzungen, Traumatisierungen und seelischen und psychischen Leiden. Im Extremfall stirbt das seelische Gefüge, dann sprechen wir von Seelenmord. Nur die BETROFFENEN selbst können das Ausmaß der ihnen zugefügten seelischen Schmerzen, Traumata und Langzeitfolgewirkungen erfahren, spüren, erleiden und durch Erfahrungsberichte qualifizieren und quantifizieren. Noch immer wird ihnen im Rahmen der sogenannten Aufarbeitungsprozesse der Katholischen Kirche nicht ausreichend zugehört, obwohl sie doch eine eindeutige Botschaft an die konkreten Adressaten aussenden – pausenlos, mittlerweile desillusioniert und erschöpft.“

„Ich habe in den zurückliegenden Jahren mit zahlreichen BETROFFENEN gutachterliche Gespräche geführt, viele von ihnen auch psychotherapeutisch begleitet und ihre Anliegen und seelischen Wunden aufgenommen und verschriftlicht. Sie vertreten die einzelnen Bereiche und Ebenen, die Kirche prägen und gestalten“, so Dr. Martin Flesch. Auch mit Mitgliedern von Schönstattgemeinschaften. „Auf dieser Basis entstanden zwölf Fallgeschichten, die uns durch das Buch begleiten werden. Aus diesen Narrativen sprechen die Situationsentwicklungen und Missbrauchskonstellationen, die zu konkreten Momenten des seelischen Leidens führen, und letztlich auch die Versuche, unter Rückgewinnung eines gewissen Maßes an Heilung, Stabilität und Hoffnung aus diesen zu entkommen.“

Es gibt keinen ‚richtigen‘ Gebrauch von Menschen!

„Man darf das nicht sexuellen Missbrauch nennen“, schreit die Streetworkerin im Freitagabend-Krimi. „Man muss es sexuelle Gewalt nennen. Denn es gibt keinen ‚richtigen‘ Gebrauch von Kindern. Niemand darf ein Kind gebrauchen, weder miss- noch sonst irgendwie!“

Bischof Stephan Ackermann sagte auf der Vollversammlung der Deutschen Bischöfe bei der Übergabe seines Amtes als Missbrauchsbeauftragter:

„Die Aufgabe als Beauftragter hat mich persönlich verändert. Sie hat vor allem auch meinen Blick auf die Kirche verändert: auf Strukturen in ihr und auf eine innerkirchliche Kultur bzw. Unkultur des Wegschauens und des Selbstschutzes, die bis heute noch nicht überwunden ist. Die Aufgabe als Beauftragter hat mich sensibler werden lassen für Formen der Machtausübung und für die Frage, wo und wie Menschen Opfer kirchlichen Handelns werden.“

Es gibt keinen richtigen und keinen falschen Gebrauch von Menschen, möchte man nach der Lektüre dieses Buches schreien. Es gibt überhaupt keinen Gebrauch von Menschen. Was aber bringt Menschen, die Priesterkragen oder religiöses Habit tragen, dazu, andere Menschen zu missbrauchen, ihnen „die Daumenschrauben anzulegen und sie fester zu ziehen, als das noch nichts nützte“, wie eine lächelnde Ordensschwester sichtlich stolz erzählte, überzeugt, ihrer Gemeinschaft, ihrem Gründer und vielleicht sogar Gott einen Dienst getan zu haben.

Martin Flesch reflektiert die Frage – wie übrigens auch Papst Franziskus – von Narzissmus her: „Missbräuchliche Strukturen erwachsen aus narzisstischen Urkonstellationen und -konflikten“, aus Kränken und Gekränktsein, Selbsterhöhung und Entwertung anderer, aus Lust an Macht und Kontrolle und der Angst, eben diese einzubüßen – einschließlich der Macht, Gottes Gesetz, Gottes Willen auszulegen und durchzusetzen, „sei es, dass diese Intentionen in dem narzisstisch gefärbten Gewand eines so vorgeblichen Glaubensverteidigung, geschlechtsspezifischen Ordnung oder rechtlich verankerten Form von Liebe und Sexualität aufleuchten, schaffen fortwährend missbräuchlihe Strukturen auf emotionaler, geistiger und sexueller Ebene und fördern letztlich Empathie- und Perpsketivenlosigkeit, jedoch ganz sicher nicht die Annahme des Menschen.“

Drinnen und Draußen, Einschluss und Ausschluss

Warum? Martin Flesch zitiert Papst Franziskus in seiner Predigt am 15.02.2015 im Rahmen einer Eucharistiefeier mit neu ernannten Kardinälen: „Es sind zwei Arten von Logik des Denkens und des Glaubens: die Angst, die Geretteten zu verlieren, und der Wunsch, die Verlorenen zu retten. Auch heute geschieht es manchmal, dass wir uns am Kreuzungspunkt dieser beiden Arten der Logik befinden: der Logik der Gesetzeslehrer, d. h. die Gefahr zu bannen durch Entfernen der angesteckten Personen, und der Logik Gottes, der mit seiner Barmherzigkeit den Menschen umarmt und aufnimmt, ihn wieder eingliedert und so das Böse in Gutes, die Verurteilung in Rettung und die Ausgrenzung in Verkündigung verwandelt. Diese beiden Arten der Logik durchziehen die gesamte Kette der Geschichte der Kirche: ausgrenzen und wieder eingliedern.“

Flesch: „Gerade die letzten Worte der hier anklingenden Botschaft zeigen deutlich auf, dass dem „Wiedereingliedern“ jedoch die „Ausgrenzung“ vorausging, und selbstredend auch die Frage, worin eben „das Böse“ im Gegensatz zum „Guten“ bestanden hatte, somit also die Frage nach der tatsächlichen Berechtigung des Ausschlusses.

Man benötigt in der gegenwärtigen krisengeschüttelten Zeit nicht viel Fantasie, um in der Legitimierungsermächtigung bestimmter Funktionsträger über die Entscheidungen von „Einschluss und Ausschluss“ oder von „Ausgrenzung und Eingrenzung“ eben jene narzisstischen Grundstrukturen zu erkennen, welche auf Basis ihrer Schieflage von durch Legitimation abgeleitetem Machtpotenzial und daraus folgender narzisstischer Kränkung die exkludierende Grenzziehung überhaupt erst ermöglichte.“

Ein Mann kam aus Jericho

Was muss los sein, dass jemand sich in so ein System hineingibt, um sich selbst vernichten zu lassen, wenn man merkt, dass so ein System die Ich-Struktur zerstört?“ fragt Martin Flesch. Was muss los sein, dass man bleibt? So lange bleibt?

Eine Frage, die sich jede, jeder Betroffene auch stellt.

Meine eigene Großmutter verlor in den zwanziger Jahren des letzten Jahrhunderts ihre Anstellung als Lehrerin in einer Nonnenschule, als sie einer jungen Nonne bei Nacht und Nebel zur Flucht durchs Fenster verhalf.

Keiner, keine der Betroffenen müsste durchs Fenster fliehen. Und doch, so die Geschichten von Marie-Luise und Ruth und all den anderen, reicht die Kraft oft lange nicht, um aus eigener Kraft zu gehen.

Das Buch ist eingerahmt von einer Exegese des Gleichnisses vom barmherzigen Samariter. Wem bin ich der Nächste?

Wenn all die Fragen – ob Rom einverstanden wäre, die Statuten das decken, ich das mit meiner Weihe verantworten kann, welche Konsequenzen das für mich haben könnte, mein Eingreifen zur Spaltung führt und wie meine Mitbrüder/Mitschwestern reagieren – , wenn all das keine Rolle spielt: „Warum steigst du nicht in den Straßengraben und hilfst? Und zwar augenblicklich(?)!“


Die BetroffenenHerausgeber : ‎ Echter; 1. Edition (5. September 2022)

Sprache: ‎ Deutsch

Taschenbuch: ‎ 232 Seiten

ISBN-10: ‎ 3429057914

ISBN-13 : ‎ 978-3429057916

Erhältlich: Beim Verlag, auf den gängigen Portalen und in jeder Buchhandlung

 

 

 

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