Veröffentlicht am 2020-04-15 In Solidarisches Liebesbündnis in Zeiten von Coronavirus, Zeitenstimmen

Zeichen, Prophezeiungen, Visionen, Warnungen – Boom in Zeiten der Angst

LIEBESBÜNDNIS IN ZEITEN VON CORONAVIRUS, P. Elmar Busse •

Irgendwie anfällig sind wohl alle und immer. Aber in Zeiten von Panik, genährt aus einer Mischung von Unbekanntheit und Bedrohung, boomen sie regelrecht – die Prophezeiungen, Visionen, Warnungen und Zeichen am Himmel (oder im Kaffeesatz, egal), gepaart mit Verschwörungstheorien und allerart Fake News. Da redet dann auf einmal sogar ein solider, nüchterner Schönstätter aus dem Familienbund von Nostradamus. Und wer wünscht sich  in Zeiten einer Pandemie mit ungewissem Ausgang nicht wenigstens ganz leise ein neues Sonnenwunder, eine Christuserscheinung in den Wolken, ein Wünderchen oder doch mindestens eine magische Antwort aus dem Kentenich-Telefon?—

Panik ist oft eine größere Gefahr als ihr Anlass

Harald Martenstein schreibt in seiner wöchentlichen Kolumne des Zeitmagazins (Nr.12 vom 12.3.2020):

„Dass die Panik als solche eine viel größere Gefahr sein kann als ihr Anlass, beweist nichts besser als der Vorfall, der sich 2010 im Kongo ereignete. Ein Passagier hatte im Handgepäck ein Krokodil an Bord eines Flugzeugs geschmuggelt. Das Tier befreite sich aus seiner Verpackung, war übellaunig und verhielt sich offenbar unfreundlich zu seinen Mitreisenden. Diese flüchteten alle in Richtung Pilotenkanzel und brachten so den Flieger zum Trudeln. Absturz, 20 Tote. So viele Personen hätte das doch höchstens mittelgroße Krokodil unmöglich fressen können. Aber ich gebe gerne zu, dass auch in mich in diesem Fall unvernünftig verhalten hätte. Flugverbote für Krokodile sind jedenfalls sinnvoll.“

Was er hier mit Augenzwinkern an Kritik gegenüber Panikmache äußert, das wurde blutige Wirklichkeit in Deutschland: Das Unglück bei der Loveparade 2010 war eine Katastrophe, die sich während der 19. Veranstaltung dieser Art am 24. Juli 2010 in Duisburg ereignete. Dabei kamen 21 Menschen ums Leben, 541 weitere wurden schwer verletzt. Nicht nur in Stadien oder Flugzeugen kann Panik gefährlich werden, auch sonst ist Angst ein schlechter Ratgeber.

Wir erleben zurzeit eine Renaissance von Untergangpropheten; und deren Zahl wird noch größer werden, wenn am 23. Mai 2020 der Komet „Atlas“ am Nachthimmel erscheinen wird und heller als die Venus leuchten wird.

Katastrophen sind keine Strafe Gottes. Sagt Jesus.

Jesus selbst wendet sich gegen die Sinndeutung von Krankheiten oder Schicksalsschlägen als Strafe Gottes. Im Johannes-Evangelium lesen wir:

Unterwegs sah Jesus einen Mann, der seit seiner Geburt blind war.

Da fragten ihn seine Jünger: Rabbi, wer hat gesündigt? Er selbst? Oder haben seine Eltern gesündigt, sodass er blind geboren wurde? Jesus antwortete: Weder er noch seine Eltern haben gesündigt, sondern das Wirken Gottes soll an ihm offenbar werden (Joh 9,1-3).

Im Lukas-Evangelium finden wir folgende Stelle:

Zu dieser Zeit kamen einige Leute zu Jesus und berichteten ihm von den Galiläern, die Pilatus beim Opfern umbringen ließ, sodass sich ihr Blut mit dem ihrer Opfertiere vermischte.

Da sagte er zu ihnen: Meint ihr, dass nur diese Galiläer Sünder waren, weil das mit ihnen geschehen ist, alle anderen Galiläer aber nicht?

Nein, im Gegenteil: Ihr alle werdet genauso umkommen, wenn ihr euch nicht bekehrt.

Oder jene achtzehn Menschen, die beim Einsturz des Turms von Schiloach erschlagen wurden – meint ihr, dass nur sie Schuld auf sich geladen hatten, alle anderen Einwohner von Jerusalem aber nicht?

Nein, im Gegenteil: Ihr alle werdet genauso umkommen, wenn ihr euch nicht bekehrt (Lk 13,1-5).

Jesus lenkt also die emotionale Betroffenheit und Erschütterung der Beobachter durch die Unglücke durchaus auf die eigene Umkehr, aber er lehnt die Deutung der Unglücke als Strafe ab.

Das Misstrauen gegenüber spektakulären Warnungen finden wir auch in seiner Gleichniserzählung vom reichen Prasser und dem armen Lazarus:

Da sagte der Reiche: Dann bitte ich dich, Vater, schick ihn in das Haus meines Vaters!

Denn ich habe noch fünf Brüder. Er soll sie warnen, damit nicht auch sie an diesen Ort der Qual kommen. Abraham aber sagte: Sie haben Mose und die Propheten, auf die sollen sie hören. Er erwiderte: Nein, Vater Abraham, nur wenn einer von den Toten zu ihnen kommt, werden sie umkehren.

 Darauf sagte Abraham: Wenn sie auf Mose und die Propheten nicht hören, werden sie sich auch nicht überzeugen lassen, wenn einer von den Toten aufersteht“ (Lk 16,27-31).

Dramatisch wird es am Karfreitag, wenn die Hohenpriester, Schriftgelehrten und Pharisäer ihn verspotten:

Er ist doch der König von Israel! Er soll vom Kreuz herabsteigen, dann werden wir an ihn glauben. (Mt 27,42)

Darin steckt der Sensationshunger, ja die Neigung, sich manipulieren zu lassen: Wenn etwas Spektakuläres und Außergewöhnliches geschieht, dann wollen wir glauben.

Schönstatt: Bewusster Verzicht auf außergewöhnliche Offenbarungsquellen

Angesichts dieses biblischen Befundes und angesichts der außergewöhnlichen Situation, in der wir uns befinden, ist es interessant, einmal wieder auf eine methodische Selbstbeschränkung zu blicken, die Pater Kentenich in seiner Spiritualität verankert hat: Der bewusste Verzicht auf außergewöhnliche Offenbarungsquellen (ohne zu leugnen, dass es diese durchaus gibt und dass diese für manche Menschen wichtig sind).

In einer 1944 im KZ Dachau geschriebenen Studie, in der er den Wallfahrtsort Fatima (den er sehr hochschätzt) mit dem Wallfahrtsort Schönstatt vergleicht, schreibt er:

Ein Vergleich mit Fatima bringt das [= Ansprechbarkeit von nüchternen, rationalen Gläubigen – Anm.E.B.] erneut und lichtvoll zum Bewusstsein. Im Zusammenhang mit unserem Glauben an Schönstatt als Gotteswerk hebe ich hier nur einen Vergleichspunkt hervor: die Erkenntnisquelle hüben und drüben. Es gibt viele Menschen, die – besonders in einer Zeit des triumphierenden Irrationalismus und Mystizismus, in einer Zeit des schwindsüchtig gewordenen Glaubens und Glaubenslebens – für innere Umstellung angewiesen sind auf außergewöhnliche, weithin sicht- und greifbare Wunder und Zeichen. Gott scheint in seiner Güte und Weisheit ihnen Rechnung getragen zu haben durch Fatima.
Andere haben Kraft und Gnade, mit den gewöhnlichen, soliden Glaubenswahrheiten Ernst zu machen, um das Leben auch in den schwierigsten Situationen meistern zu können. Sie dürften eine starke Stütze an Schönstatt finden, das sich nirgendwo und -wann auf außergewöhnliche Erscheinungen – weder auf Visionen und Weissagungen noch auf Wunder in der physischen Ordnung – berufen hat. Alles fußt dort auf Gottes Wunsch und Wirken, wie es jedem vorsehungsgläubigen Christen im Alltagsleben und Weltgeschehen leicht zugänglich ist.“[1]

Ähnlich formulierte er es im  Oktoberbrief 1949:

In der Folge sprach Gott durch die Verhältnisse deutlicher. Jahr für Jahr stieg sein Licht höher und höher. Klarer und heller leuchtete sein Antlitz aus Familien- und Zeitgeschichte. Die Ereignisse um Schönstatt und in Schönstatt hoben sich mehr und mehr eigenständig und eigengesetzlich aus dem Dunkel der Zeit ab und erleichterten die vorsehungsgläubige Deutung. Gottes Stimme drang verständlicher an unser aufhorchendes und sich ständig schulendes Ohr. Sie verlangte wachsend größere Wagnisse, die in den verflossenen Kriegszeiten kein alltägliches Gesicht und Gewicht annahmen.

Sie sprach immer verhalten und wie aus weiter Ferne … Niemals erschien uns eine Hand wie vor Zeiten König Balthasar in Ninive, die geheimnisvolle Zeichen an die Wand malte und so die Zukunft voll enthüllte; nie sprach  Gott zu uns durch das plötzliche Ergrünen und Blühen eines entblätterten Stabes, wie er es ehedem durch die Rute Aarons getan [vgl.Dtn17,16ff]. Nie hatten wir Gesichte wie Cornelius und Petrus [vgl. Apg 10,3], nie Träume, durch die er zu uns sprach wie zu Don Bosco. Trotzdem wagten wir Jahr für Jahr zuversichtlicher das Wort des ägyptischen Magiers zu wiederholen: Hic est digitus Dei [= Hier ist der Finger Gottes –Dan 5,24.] Gott ist es, der durch die Zeichen der Zeit sein Antlitz entschleiert und zu uns spricht.

Was seinen Worten an unmittelbarer Klarheit fehlte, verlangte einen Todessprung für Verstand, Wille und Herz. Wagemutig haben wir ihn vollzogen.“[2]

Also hier redet Gott, im ganz normalen Alltag. In unserem Galiläa, sagt Papst Franziskus.
Foto: iStock Getty Images ID:954356678

Schrecklich nüchtern: Erkenntnisquellen Sein, Zeit, Seele.

Für Pater Kentenich waren neben der Offenbarung in der Bibel die bevorzugten Erkenntnisquellen für den konkreten Willen Gottes Sein, Zeit und Seele.

  • Es gibt eine „Seinsordnung“
  • Gott spricht durch Zeitverhältnisse und lässt uns den Anruf, der in der Zeit steckt, herausfiltern
  • Gott spricht durch „Seelenstimmen“, d.h. Begabungen, Sehnsüchte, Freude an bestimmten Gott spricht durch das, was in der eigenen Seele, in der Seele anderer, in einer „Gemeinschaftsseele“ wach wird, was bewegt, was Anliegen, Freude, Sorge, Thema wird.

Diese drei Erkenntnisquellen sind jedem Gläubigen zugänglich, aber deren Nutzung will natürlich trainiert werden.

Mit der Betonung des Gewöhnlichen und Allgemeinzugänglichen werden gleichzeitig Gefahrenzonen vermieden, die sich leicht mit visionären Phänomenen verbinden: nämlich das sehnsüchtige, sich selbst täuschende Erhaschen von Außergewöhnlichem bei gleichzeitiger Flucht vor einer nüchternen Weltgestaltung und in Angriffnahme der Pflichten des Alltagslebens.“[3]

Diese grundsätzliche Einstellung hatte z.B. auch die praktische Konsequenz, dass Pater Kentenich der Mystikerin Bärbl Ruess den Eintritt in die Gemeinschaft der Schönstatt-Schwestern verweigerte. Ihr war 1956 dreimal Maria als die Gottesmutter von Schönstatt erschienen. Dieses Nein Pater Kentenichs verletzte sie tief. Sie blieb aber Schönstatt treu, heiratete und bekam später fünf Kinder. Sie blieb die bodenständige Frau, aber zweifelte nie an der Echtheit ihrer Erscheinungen.[4]

Kentenichs nüchternen Vorsehungsglauben ganz neu schätzen lernen

Bei der Aufarbeitung der Katastrophe von Duisburg 2010 wurden den Veranstaltern und Genehmigern der Vorwurf gemacht, nicht genügend bauliche Vorkehrungen getroffen zu haben, was mögliche Fluchtwege und Stauräume betrifft.

Was damals real passierte, das kann durchaus auch mental passieren.

Die mögliche Panik und die Geneigtheit,  apokalyptischen „Endzeitpropheten“  das Ohr und das Herz zu öffnen, sind reale Bedrohungsszenarien. Deshalb tut es gut, in diesen außergewöhnlichen Zeiten die methodische Selbstbeschränkung, wie sie ein Pater Kentenich für seine Spiritualität  entwickelt hat, als Barriere gegen einen überbordenden Irrationalismus neu schätzen zu lernen.

[1] Schönstatt als Gnadenort, in: KENTENICH, Joseph, Texte zum Verständnis Schönstatts, Vallendar-Schönstatt 1974, S. 101-139, hier S.102f.
[2] Josef Kentenich, Oktoberbrief 1949, Vallendar-Schönstatt 1970, S.14f.
[3] Hans Werner Unkel, Leben aus dem praktischen Vorsehungslauben, Patris-Verlag, Vallendar-Schönstatt 1981, S. 105.
[4] Lisl Gutwenger, Die Seherin von Marienfried, Sind Bärbls Leben und Botschaft glaubwürdig? Christiana, Stein a.Rh 1997

Nichts Außergewöhliches. Einfach nur ganz viele Schritte im Helldunkel des Glaubens. – Foto: iStock Getty Images ID:1216675259

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