Veröffentlicht am 19. Juni 2016 In Was bedeutet das Jahr der Barmherzigkeit?

Barmherzigkeit und die „Pastoral der Hoffnung“ für wiederverheiratete Geschiedene

Víctor und Stella Domínguez, Mitgründer der Pastoral der Hoffnung für wiederverheiratete Geschiedene in Paraguay •

Das Apostolische Schreiben ist ein „langer Liebesbrief des Papstes an die Familien“.

Es ist ein außergewöhnliches Dokument: Der Heilige Vater präsentiert die Realität der Familien in der Form eines Liebesgedichtes. Wir können sogar sagen, dass dieses Dokument eine Hymne an die Liebe ist. Und diese Realität wird von der größtmöglichen Umsetzung der christlichen Lehre über die Familie inspiriert.

Die Familie: „ein unersetzliches Gut für die Gesellschaft und Zivilisation“.

„Die Zukunft der Gesellschaft wird in der Familie geschmiedet“, pflegte Papst Johannes Paul II. zu sagen.

In „Amoris Laetitia“ regt der Heilige Vater eine christliche Offenheit des Denkens an und eine Fähigkeit, die Familie mit offenen Armen aufzunehmen und ihren Wert, den sie für alle Menschen hat, zu sehen, nämlich den, zu einer Familie zu gehören, in einer Familie aufzuwachsen, gehalten zu sein, und vor allem, sich von einer Familie geliebt zu fühlen.

Gott ist der „Gott der Liebe“, der hinausgeht, um dem gefallenen Menschen zu begegnen, dem Werk seiner Hände. Und wir staunen über die Verrücktheit eines Gottes, der uns immer vorausgeht und uns überrascht.

Die Menschwerdung des Gottessohnes, der nicht in den Schoß Mariens hinabstieg, um einfach mit uns zu leben, damit wir ihn erkennen und anbeten können, sondern der sich auf uns einlässt und sich für uns engagiert. Wäre er nur gekommen um unser Leben zu durchlaufen wie ein König, der passiv beobachtet und dann ungerührt wieder geht, dann hätte sein Kommen uns weder berührt noch den Lauf der menschlichen Geschichte radikal verändert.

Und das Wort ist Fleisch geworden und hat unter uns „gewohnt“. „Gewohnt“, „sein Zelt aufgeschlagen“, ist „bei“ und „in“ uns geblieben, das heißt, Gott kam nicht in die Welt mit einem Reisepass für Touristen, sondern als einer von uns. Er ist nicht gerade mal eine weitere Person im Zusammenhang mit der Menschheitsgeschichte, sondern er ist Gott selbst, der Mensch unter uns wurde. Es ist die Hingabe, die ihn seinen eingeborenen Sohn kostete.

Wir sehen seine völlige Selbstentäußerung, da er sich noch tiefer herabließ und den Tisch mit den Sündern teilte.

Christus passt sich jedem an um jeden zu retten, wie der heilige Paulus sagt, und das ist der „Schlüssel der Meditation“, um Frucht zu ziehen aus der überraschenden Begegnung Jesu mit den Sündern, und zu sehen, wie Jesus zugleich „mir begegnet“, „Dir“ und „jeder Person“ am Tisch des alltäglichen Lebens.

Barmherzigkeit: der Himmel berührt den Schlamm und Dreck der Sünde

Den Tisch zu teilen, das gleiche Brot zu essen, geht viel weiter als eine bloße „Sättigung des körperlichen Hungers“, weil es die „edleren Werte und Tugenden“ im „Herzen des Menschen“ einschließt und ermutigt.

Den Tisch zu teilen ist gleichbedeutend mit „Freundschaft, Herzlichkeit, Freude, Einheit“, und es ist im Zusammenhang mit diesem Evangelium, wenn Jesus sich selbst „entäußert“, Gott dem Vater gleich, und sich unter „Sünder, Prostituierte, Diebe“ mischt, „ohne aufzuhören Gott zu sein“. Der Himmel berührt die Erde, oder besser, er „berührt den Schlamm und Dreck der Sünde“.

Wenige Stunden, bevor Jesus sich mit den Sündern zu Tisch setzen würde, hatte sein Finger schon liebevoll einen seiner Jünger bezeichnet, „Levi“, der später Matthäus genannt wurde, und hatte ihn erwählt und seine Aufmerksamkeit und sein Herz vom „Glanz der Münzen“, die seinen Steuereinnehmer-Tisch füllten, weggelenkt… Deswegen hat Jesus im Haus des Matthäus gegessen. Und die Begegnung mit dem Herrn berührt sein Herz wie ein scharfes Schwert, das Schwert, das ihm zu seiner Umwandlung verhalf. In einem Wort: „Barmherzigkeit“.

Es scheint, als sei die heutige Welt nicht so verschieden von der zur Zeit des Matthäus, und unsere Herzen sind „vielleicht noch“ fehlerhaft, haben noch nicht „begriffen“, dass Jesus Barmherzigkeit ist, Liebe ist, und dass er kommt, um am Tisch unseres Lebens zu sitzen, in unseren täglichen Aufgaben, unseren Problemen und vor allem in „den Fehlern unseres Herzens“.

Sich zu erinnern, dass Gott Barmherzigkeit ist und wir Gottes Bettler sind, ist wie eine sanfte Lotion, die von den Haarspitzen bis zu den Zehen über unseren Körper läuft; es bedeutet, sich bewusst zu werden, dass wir von Gott geliebt sind trotz und sogar wegen unserer Wunden. Es ist doch wahr, dass wir verwundet sind und immer an unseren Verletzungen leiden. Wie viele Wunden tragen wir durch unser Leben! Wunden, verursacht durch unsere Geschichte, durch unsere Fehler, Wunden, durch andere verursacht, durch Freunde, durch Menschen, die wir lieben, durch Gleichgültigkeit, Verrat und viele andere Gründe … Und Jesus kommt mit seiner Barmherzigkeit wie mit einem Balsam, der unsere Wunden der Sünde und der Einsamkeit heilt, sodass wir unser Haupt wieder erheben und unser Leben fortsetzen können.

Barmherzigkeit – eine skandalöse Logik

Mit geht immer wieder der Gedanke durchs Herz, dass es für uns viel leichter ist zu akzeptieren, dass Christus sich mit den schlimmsten Sündern an den Tisch gesetzt hat, als dass unser verhärtetes und hochmütiges Herz akzeptiert, dass Jesus mich bittet, das gleiche für ihn zu tun, nicht nur mit ihnen zu essen, sondern sie zu umarmen und zu lieben. Vor allem, wenn es um Menschen geht, die mir Schaden zugefügt haben oder die sich nach meinem Urteil von Gott entfernt haben. Was ich ja besser weiß als Gott selbst …

Barmherzigkeit aus der Ferne, ohne Verpflichtung, ohne das Risiko, das leidende Fleisch Christi in einem Bruder zu berühren, Barmherzigkeit ohne näher zu kommen und stattdessen unberührt vorbeigehen „nützt nichts“.

Ich bin auch nicht wirklich barmherzig, wenn ich etwas für die Caritas tue oder anderen ein bisschen von meiner Zeit schenke, das aber sofort hinausposaune und auf Facebook poste! Innerlich schreie ich laut „Ich gebe dir, dann du mir auch etwas gibst“, und fordere Entlohnung. Und vor mein Herz stelle ich ein Plakat auf „Ich bin besser als du, du armer Kerl.“

Wir wissen, Jesus lehrt uns, denen gegenüber barmherzig zu sein, die „nicht zurückzahlen können“.

Jesus kommt uns entgegen, „wenn wir fallen“, wenn wir ihn mit unseren Taten beleidigen, und schenkt uns seine Vergebung, liebkost uns, denn er weiß, dass wir schwach sind, dass wir unsere guten Vorsätze und Versprechen und die innere Umkehr vergessen; er weiß, dass wir ohne seine Gnade und Barmherzigkeit die Dinge, die wir bei Licht schwören, in der Dunkelheit verleugnen, einfach weil wir Sünder sind. Wir alle.

Ein Zeugnis

Ich erinnere mich an eine Gelegenheit, bei der wir wirklich sehen konnten, dass wir oft unfähig sind, „uns der Gnade zu öffnen“ und dem „göttlichen Sinn von Vergebung und Barmherzigkeit“. Jemand kam zu uns, als wir mit der Pastoral der Hoffnung begannen und sagte uns, was wir da vorschlagen würden, sei einfach fehl am Platz: eine Pastoral für wiederverheirate Geschiedene! Für Menschen in schwerer Sünde! Warum diesen Menschen, die ihren sakramentalen Bund gebrochen hätten, einen Raum geben?

Wenn wir als gute Schönstätter doch für die Verteidigung der Ehe und dafür, dass diese um jeden Preis erhalten bleibe, arbeiten und kämpfen müssten! Diese Pastoral, so sagte uns diese Person aufgeregt, bedeute doch eine widersprüchliche Botschaft: „Es ist eine Einladung an junge Leute, die sich in ihrer Ehe nicht glücklich fühlen, sich zu trennen und jemand anderes zu finden, der sie glücklicher macht, und dann sagen wir: „Kommt her, wo es Platz für alle gibt.“

Unsere menschliche Mentalität funktioniert genauso wie es im Gleichnis vom Verlorenen Sohn beschrieben ist. Es ist die gleiche rationalistische Beschwerde, die aus dem Herzen des älteren Sohnes kommt: Als er heimkommt, hört er Musik und erkennt, dass es ein Fest gibt, weil sein jüngerer Bruder heimgekommen ist. Er ist empört und klagt: So viele Jahre schon diene ich dir, und nie habe ich gegen deinen Willen gehandelt; mir aber hast du nie auch nur einen Ziegenbock geschenkt, damit ich mit meinen Freunden ein Fest feiern konnte. Kaum aber ist der hier gekommen, dein Sohn, der dein Vermögen mit Dirnen durchgebracht hat, da hast du für ihn das Mastkalb geschlachtet.“ Es ist die gleiche Empörung der Person, die sich beschwerte: „Warum sollten wir uns den wiederverheirateten Geschiedenen widmen?“

Wenn wir in menschlicher Sicht denken, würden wir dieser Person zustimmen, denn in der Regel handeln wir so, ohne Gottes unendliche Barmherzigkeit wirklich zu verstehen.

Wenn wir sagen, dass Sünder verdienen, für ihre Verbrechen bestraft zu werden, denken wir natürlich an „Sünder, an andere“, ohne uns einzuschließen, auch wenn wir wissen, dass wir alle Sünder sind. Papst Franziskus hat das in einer seiner Generalaudienzen gut ausgedrückt, als er über den Besuch bei Gefangenen sprach: „Wir alle sind fähig zu sündigen und machen die gleichen Fehler im Leben. Sie sind nicht schlechter als du und ich!“ Unsere Aufgabe als Christen ist, mit den Augen der Barmherzigkeit zu sehen, und dann kann die Welt erkennen, dass Jesus Christus der Herr ist, die Liebe, der Balsam, der unsere Wunden heilt.

Barmherzigkeit: ein Arzt, der nicht aufgibt

Eine weitere Betrachtung zu diesem Zeugnis ist, was aus Jesu Mund kommt in Bezug auf jene, die seine Haltung aus der Ferne kritisieren: „Nicht die Gesunden brauchen den Arzt, sondern die Kranken. Aber geht und lernt, was es bedeutet: ‚Barmherzigkeit will ich, nicht Opfer. ‘ Denn ich bin nicht gekommen, die Gerechten zu rufen, sondern die Sünder.“

Die Antwort Christi zeigt den Brennpunkt unserer Mission, sie ist das Programm jener, die ihm mehr folgen möchten, die von ihm, der sanftmütig und demütig von Herzen ist, lernen möchten.

Nur Gottes Barmherzigkeit kann unsere Wunden heilen.

Barmherzigkeit: Wie können wir lernen, sie zu verkörpern?

Die Einladung, die Jesus uns durch den Heiligen Vater in seinem Apostolischen Schreiben „Die Freude der Liebe“ gibt, ist, uns einzuschreiben in die Schule der Barmherzigkeit, damit wir unser Herzen aus Stein erweichen. Aber geht und lernt was es heißt: ‚Barmherzigkeit will ich, nicht Opfer‘. Zuerst ist da das Verb „geht“. Es fordert uns, bringt uns in Bewegung, rüttelt uns auf aus unseren Komfortzonen. Um „barmherzig wie der Vater“ zu sein, müssen wir unsere Herzen auf die Probe stellen, denn wir müssen lernen, immer herauszugehen, anderen zu begegnen, in unseren Häusern, in den Straßen, in den existentiellen Peripherien, Schmerzen berühren, und Tränen so vieler Brüder und Schwestern, „Gottes geliebter Kinder“, abwischen.

Wenn Barmherzigkeit aus Gottes liebendem Herzen geboren ist, dann brauchen wir nur zu erkennen, wie barmherzig Gott mir gegenüber ist! Und wie er sind wir aufgerufen, Mitleid zu haben und mit denen zu leiden, die leiden und weinen, vergeben, so wie wir wünschen, dass man uns vergibt:

„Vergib uns unsere Schuld, wie auch wir vergeben unseren Schuldigern.“

Leben wir, verkörpern wir die Worte, die wir so oft wiederholen?

Konkret im 8. Kapitel zeigt uns der Papst mit drei Worten den Weg, den wir zu gehen haben: Begleiten, unterscheiden, eingliedern [291-312]

1) Begleiten

Jeder von uns Christen sollte versuchen, eine gewisse Art von Ablehnung zu überwinden, die wir gehabt haben mögen und eine brüderliche Haltung gegenüber wiederverheirateten Geschiedenen einzunehmen. Sie verdienen unsere besondere Nähe und unser Verständnis. Dann machen Sie den nächsten Schritt. Ich schaue auf diese „geliebten Kinder des Vaters“ mit Liebe und Akzeptanz. Das ist es, was Jesus sein ganzes Leben hindurch getan hat.

2) Unterscheiden

Jesus rettete die Frau, die beim Ehebruch ertappt wurde. Niemand warf den ersten Stein, und er hat sie auch nicht verurteilt: Gehe und sündige nicht mehr (Joh. 8,11). Das zeigt uns die Notwendigkeit der Unterscheidung. Wir sollten jeder Person die unendliche Barmherzigkeit Gottes, des Vaters, zeigen, der alle seine Kinder umarmt, denn er will unser Glück, trotz unserer Sünden und Schwächen. Von der Ehebrecherin erbittet er das Höchste. Wir können und wir müssen den wiederverheirateten Geschiedenen helfen, einen Weg zu finden, der sie in die Umarmung Gottes führt. Es gibt viele. Das ist der zweite Schritt, der sie in die Seligpreisungen hineinführt, schon in diesem Leben. Gott, unser Vater, hat viele Optionen für ihr Wachstum.

3) Integrieren

„All diese Situationen müssen in konstruktiver Weise angegangen werden, indem versucht wird, sie in Gelegenheiten für einen Weg hin zur Fülle der Ehe und der Familie im Licht des Evangeliums zu verwandeln. Es geht darum, sie mit Geduld und Feingefühl anzunehmen und zu begleiten (AL 294)“,

„Jesus » hofft, dass wir darauf verzichten, unsere persönlichen oder gemeinschaftlichen Zuflüchte zu suchen, die uns erlauben, gegenüber dem Kern des menschlichen Leids auf Distanz zu bleiben, damit wir dann akzeptieren, mit dem konkreten Leben der anderen ernsthaft in Berührung zu kommen und die Kraft der Zartheit kennen lernen. Wenn wir das tun, wird das Leben für uns wunderbar komplex. « „Manchmal fällt es uns schwer, der bedingungslosen Liebe in der Seelsorge Raum zu geben. Wir stellen der Barmherzigkeit so viele Bedingungen, dass wir sie gleichsam aushöhlen und sie um ihren konkreten Sinn und ihre reale Bedeutung bringen, und das ist die übelste Weise, das Evangelium zu verflüssigen“ (AL 308).

Daher der Vorschlag des Papstes an Familien in sogenannten „komplexen“ Situationen, “ auf ein Gespräch mit ihren Hirten oder mit anderen Laien zuzugehen, die ihr Leben dem Herrn geschenkt haben. (vgl. AL 312)

Mit seiner gewohnten Zärtlichkeit und Sorge für diejenigen, die leiden, sagt uns der Papst: „Das verleiht uns einen Rahmen und ein Klima, die uns davon abhalten, im Reden über die heikelsten Themen eine kalte Schreibtisch-Moral zu entfalten, und uns vielmehr in den Zusammenhang einer pastoralen Unterscheidung voll barmherziger Liebe versetzen, die immer geneigt ist zu verstehen, zu verzeihen, zu begleiten, zu hoffen und vor allem einzugliedern. Das ist die Logik, die in der Kirche vorherrschen muss, um » die Erfahrung [zu] machen, das Herz zu öffnen für alle, die an den unterschiedlichsten existenziellen Peripherien leben. (AL 312)

Wir möchten schließen mit den Worten des Heiligen Vaters:

„Liebe ist im Grunde das einzige Licht, das eine dunkle Welt immer wieder erhellen kann.“

Wir alle sind „die geliebten Kinder des Vaters“

Original: Spanisch. Übersetzung: Ursula Sundarp, Dinslaken, Deutschland/mf

 

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