Veröffentlicht am 12. April 2016 In Was bedeutet das Jahr der Barmherzigkeit?

Habt Erbarmen mit den Politikern – denn wenn wir sie wählen, wählen wir uns selbst

Von Sebastián Acha, Asunción, Paraguay, Schönstätter während seines ganzen Lebens und zehn Jahre Abgeordneter – Ein Beitrag in der Reihe: Was bedeutet das Jahr der Barmherzigkeit? •

José Ortega y Gasset schrieb in den zwanziger Jahren des vergangenen Jahrhunderts: „Was am besten die Eigenart eines Volkes bestimmt, ist das Profil der Leitbilder, die es wählt; so wie nichts die grundlegende Art eines Mannes besser enthüllt als der Typ Frauen, in die er sich verlieben kann. In der Wahl unserer Liebe machen wir, ohne es zu wissen, unser ehrlichstes Bekenntnis.“[1]

Als Christ im öffentlichen Leben war es mein erster Wunsch, die Idee der Werktagsheiligkeit von Pater Kentenich ins politische Leben zu tragen. Zehn Jahre lang hatte ich einen Sitz in der Abgeordnetenkammer von Paraguay, und vielleicht durch meine Jugend und die Ideale von Träger der Fahne und Ganzeinsatz betrogen, habe ich wie wild gearbeitet für Gesetzesvorhaben, die soziale Eingliederung, Verbesserung der Lebensqualität und Verringerung der Armut, allgemeinen Zugang zu Schulbildung und Verbesserung der Bildungseinrichtungen auf den Weg bringen sollten.

Ich habe nicht nur keine Unterstützung gefunden, sondern bekam dabei Schläge, Beschwerden, Beleidigungen und Verleumdungen. Die ersten fünf Jahre zeigten mir, dass alles, was ich dachte, dass es „gut“ sei, nicht lebensfähig war. Wir haben in einer Abgeordnetenkammer mit 80 Personen nicht mehr als 10 Stimmen erhalten.

Erst nach diesen Jahren harten Lernens habe ich angefangen zu begreifen, dass all die Leute, die auf ihren Abgeordnetensitzen saßen, das beste Lebensprojekt waren, das sie aus sich sein konnten. Viele von ihnen Söhne einfacher Bauern, andere Erben der alten Kriegsherren aus der Zeit der Diktatur und andere gutgesinnte Bürger, die auf die eine oder andere Weise an ihr Mandat gekommen waren, und ihre Führung auf dem Niveau ausübten, das sie erreichen konnten.

Im Licht der öffentlichen Meinung – oder der veröffentlichten Meinung – als Ignoranten, Primaten, Höhlenmenschen, Korrupte und Drogenhändler diffamiert, schienen diese Vorwürfe sich doch nie zu bestätigen. Sie stimmten weiterhin gegen die „Interessen der Mehrheit“ und hatten bei den nächsten Wahlen dank der Anhänger ihrer Parteien in ihren Städten und Bezirken doch wieder großen Erfolg. Irgendetwas funktionierte in meiner Logik nicht.

Danach begann ich intuitiv zu spüren, was der Heilige Vater heute mit solcher Deutlichkeit im Jahr der Barmherzigkeit ausdrückt, wenn er uns sagt: „Das Evangelium der Barmherzigkeit, das durch das Leben verkündet und geschrieben werden muss, sucht Menschen mit einem geduldigen und offenen Herzen, „gute Samariter“, die mitleiden und schweigen können vor dem Geheimnis des Bruders und der Schwester…“  – „Sie möchte die Wunden eines jeden erreichen, um sie zu behandeln.“ Apostel der Barmherzigkeit zu sein bedeutet, seine Wunden zu berühren und zu streicheln, die auch heute am Leib und an der Seele vieler seiner Brüder und Schwestern vorhanden sind. Indem wir diese Wunden versorgen, bekennen wir Jesus.

Im Jahr 2004 schrieb ein guter Freund von mir, der uns sehr früh verlassen hat, Gerard Le Chevalier, einen großartigen Artikel mit der Überschrift: „Gesucht: ehrliche Politiker für korrupte Gesellschaften“. In einer seiner denkwürdigsten Formulierungen dieses kurzen, aber sehr wichtigen Beitrags hieß es: „Der Erfolg einer Person in einem Amt hängt wesentlich ab von den Kriterien, um es zu bekommen. Solange die Anforderungen unserer Gesellschaften an ihre Politiker Lüge, Korruption, Opportunismus, Vetternwirtschaft, Populismus und Demagogie sind, sollten wir nicht überrascht tun, wenn die Kandidaten genauso sind.“

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Sind wir Christen alle wirklich barmherzig gegenüber der Politik und den Politikern?

Politik, verstanden als legitimer Kampf um die Macht, ist zunächst nicht schlecht, sondern absolut notwendig. Die Berufung des Politikers hat immer einen Treibstoff, und das sind Ambitionen. Ambitionen sind in sich auch nicht schlecht, solange wir uns fragen: Wofür wollen wir Macht? Wenn zwei oder mehr Ambitionen aufs Spielfeld gehen und gegeneinander kämpfen, dann holen sie das Beste und das Schlechteste aus uns heraus, je nach den Umständen, in denen wir leben und den Werten, die jeder Herausforderung vorausgehen.

In unserer Einschätzung des Politischen und des Öffentlichen, sind wir Steinewerfer: „Hinz hat gestohlen“, „Kunz hat gelogen“, „der Minister wirtschaftet seiner Firma in die Tasche“, „der Präsident hat gelogen.“ Aber tun wir das gleiche nicht zu Hause? Sind wir in der Ehe wirklich den vor Gott gegebenen Eheversprechen treu? Sind wir wirklich ganz ehrlich in der Unternehmensführung? Bezahlen wir alle Sozialabgaben für alle unsere Angestellten? Intrigieren wir niemals in der Firma, um eine Beförderung zu erreichen? Kümmern wir uns um unsere Kinder als unseren größten Schatz und erziehen sie in den christlichen Werten? Lügen wir niemals, um Gewinne zu verbergen und Steuern zu vermeiden oder zu hinterziehen? Haben wir noch nie versucht, durch eine kleine Bestechung egal welcher Art ein Verfahren zu beschleunigen, und sei es in der Schule oder der Universität unserer Kinder?

Mein Fazit ist, dass wir alle in all den Jahren einem großen Irrtum erlegen sind: wir „guten“ Politiker (und ich sage es so, weil es in den politischen Entscheidungen immer gute und schlechte gibt, nicht unbedingt mit Absicht, aber im Blick auf diejenigen, die von unseren Entscheidungen positiv oder negativ betroffen sind), die Organisationen internationaler Zusammenarbeit, die multilateralen Kreditagenturen, unsere Bischofskonferenzen, unsere Wirtschaftsverbände. Warum? Weil wir unsere Zeit mit Reisen, Empfängen und kostspieligen Essen zur Bekämpfung der Armut verbracht haben. Und wen haben wir dazu eingeladen? Diejenigen, die „gut reden“, die sich korrekt ausdrücken, die einen „guten Ruf“ haben und ein „akzeptables“ Verhalten, heißt, diejenigen, die genauso denken wie wir. Diese sind in vielen Ländern und nicht nur in meinem eigenen eine starke Minderheit.

Wir sind in Berlin, Madrid, Rom, London, Washington gewesen und haben dabei immer die gleichen Leute getroffen. Die gleichen, die zu den unumstößlichen Wahrheiten, die uns die wichtigsten Gelehrten der politischen, wirtschaftlichen und diplomatischen Angelegenheiten darlegen, bestätigend nicken. Wir haben Beifall geklatscht und sind glücklich wieder nach Hause gefahren, weil wir Leuten begegnet sind, die „genau so denken wie wir“.

Das Jahr der Barmherzigkeit lädt uns, die wir uns direkt oder indirekt mit Politik oder dem Politischen beschäftigen, ein, herauszugehen aus dieser Komfortzone, in der unser Ego durch die Veröffentlichung eines interessanten Artikels in einer angesehen Zeitschrift oder dem Applaus eines Publikums von Sozialwissenschaftlern, die unsere Thesen bestätigen, gestreichelt wird. Es lädt uns ein, diesen Kreislauf der Erbärmlichkeit zu durchbrechen. Erbärmlichkeit derer, die wir in diesen Kreisen sind, in denen ich gewesen bin. Wen wir einladen müssen, sind „die anderen“. Ja. Genauso wie es hier steht. Den, der seine Doktorarbeit gefälscht hat, um Minister zu werden, den, der seine Kampagne mit Drogengeld finanziert hat, der den Großauftrag im Bau seinem Geschäftspartner zugeschoben hat oder Prozesse des Staates seiner Kanzlei. Warum? Weil die Politiker Menschen brauchen „mit einem geduldigen und offenen Herzen, „gute Samariter“, die mitleiden und schweigen können vor dem Geheimnis des Bruders und der Schwester“. Dass wir verstehen, dass für viele von ihnen die Politik ihre Lebensform und ihr Dienst am Staat ist, weil man es ihnen zu Hause von Kindheit an so beigebracht hat. Nicht alle hatten wir das Glück, in den Werten des Christentums und des Glaubens aufzuwachsen, und wenn wir unter uns reden, unter Gleichgesinnten, was ist das am Ende wert? Ich sage: Nichts.

In der Welt stehen 136.000 Millionen Dollar für die Entwicklungsländer zur Verfügung. Und es gibt eine Milliarde Dollar in illegalen Finanzströmen. Glauben wir denn, dass wir mit Tagungen unter uns, die wir Kooperationsprojekte unterstützen, die Korrupten, die ihr Geld verstecken, davon überzeugen, es in ihren Ländern zu lassen, damit es dort den Armen dient? Das ist unverzeihlicher Unsinn.

Das politische Handeln betrifft nicht nur die Politiker, sondern alle Bürger, wie Fernando Savater sagt: „Darum beunruhigt es, von den schlechten Politikern reden zu hören und davon, wie korrupt sie sind, und wenn dann einer sagt: Damit sagen Sie aber doch, dass wir alle so sind, denn sie sind es, weil wir zulassen, dass sie so sind, weil wir in unserer eigenen politischen Aufgabe versagen, denn wir sind es, die sie wählen, die sie absetzen, die sie kontrollieren, überwachen und die wir uns schließlich und endlich als Kandidaten aufstellen lassen müssen, als eine bessere Alternative zu ihnen. Wenn wir das nicht tun, dann bleiben die Politiker korrupt; und dann sind wir alle korrupt, alle Politiker eines Landes, denn in einer Demokratie sind wir alle Politiker und es gibt keine andere Wahl, wir sind es.“ [1]

Hören wir auf den Ruf des Heiligen Vaters und öffnen wir unsere Herzen der Politik, den Politikern, und verstehen wir, dass diese nicht nur ein Spiegelbild dessen sind, was wir als Gesellschaft wählen, sondern dass sie auch auf den barmherzigen Samariter warten, der ihre Wunden heilt, die das Elend verursacht hat, das wir alle täglich erleben.

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[1] JOSE ORTEGA Y GASSET. “España invertebrada” 1922
[1] FERNANDO SAVATER. spanischer Philosoph Auszug aus: Simon Bolivar, Caracas, 1998.

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